Predigten im Jahre 1952 - 13 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum: / /
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:1952
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Markus 15, 33 - 37
Skopus: Eli, Eli, lama asabthani?
Predigten im Jahre 1952 - 13 - Markus 15, 33 - 37
"Und nach der sechsten Stunde ward eine Finsternis über das
ganze Land bis um die neunte Stunde. Und um die neunte
Stunde rief Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani?
das ist verdolmetscht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du
mich verlassen? Und etliche, die dabeistanden, da sie das
hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. Da lief einer
und füllte einen Schwamm mit Essig und steckte ihn auf ein
Rohr und tränkte ihn und sprach: Halt, laßt sehen, ob Elia
komme und ihn herabnehme. Aber Jesus schrie laut und
verschied."

Eine große Finsternis bricht über das Land herein. Wir
stehen vor dem unerklärbarem Wunder, daß die Kräfte der
Natur in Aufruhr geraten sind. Sie verweigern den Menschen
den Dienst, indem sie sie der Bedrohung durch die Finsternis
preisgeben. Wo alle Macht der Menschen, sowohl weltlicher
als auch geistlicher Art nur einstimmen können mit dem Ruf:
"Hinweg mit diesem Jesus von Nazareth, hinweg mit ihm ans
Kreuz!"
und auch keiner mehr auf dieser Erde hinter dem, der der
Herr dieser Welt ist, steht, da erleben wir es, daß die
Natur ihren schärfsten Protest gegen das Wüten der Menschen
anmeldet, indem sie dem Menschen ihre Wohltat entzieht.
Wir erleben etwas von der Wahrheit der Worte, die Jesus
sagte:
"Wo die Jünger schweigen, da werden die Steine schreien."
Jesus ist nun der Macht der Menschen ausgeliefert worden. Er
erfährt das, was Menschen sich ausgedacht haben, um sich
seinem Anspruch als der Herr der Welt, als ihr Herr, zu
entziehen. Wir Menschen lassen uns nicht gerne in die Karten
schauen und möchten unsere eigenen Wege gehen. So hat man
ihn ans Kreuz gehängt, dem Verbrechertod ausgeliefert. Er
ist ein aus der Menschheit Ausgestoßener.
Aber zu diesem Ausgestoßensein durch die Menschheit, kommt
noch etwas hinzu, was viel furchtbarer ist, so furchtbar,
daß wir es gar nicht auszusprechen wagen.
Gott selbst hat seinen Sohn ebenfalls aus seinem Reich
ausgestoßen. Jesus Christus hängt am Kreuz zwischen dem
Himmel und der Erde. Er ist der einsamste und verlassenste
Mensch, den es je gegeben hat, von Gott und den Menschen
verlassen und verstoßen.
Sein Ruf:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!"
läßt uns etwas ahnen von der Anfechtung, die unserem Herrn
dadurch bereitet wurde, daß Gott ihn auch von sich gestoßen
hat. Er muß diesen furchtbaren Weg bis zum Tode am Kreuz
allein gehen, nur begleitet von dem Widersacher, der ihn
auch noch in den letzten Minuten seines Lebens von seinem
Wege abbringen will.
Dieses Wort im Munde Jesu ist uns schon bekannt aus dem 22.
Psalm, da der Psalmist auch in großer Anfechtung glaubt, vor
Gott mit einer solchen Frage treten zu können. Und wie oft
ist unser gänzliches Rufen zu Gott ein Rufen, das unter der
Überschrift steht:
WARUM?
Warum, Herr, muß gerade ich solche schweren Wege gehen?
Warum schickst du gerade mir diese Krankheitsnot? Warum muß
gerade ich meinen liebsten Menschen dem Tode überlassen?
Jeder von uns weiß es selbst, mit welchen Fragen und Nöten
er zu Gott kommt. Aber nun ist ja das Merkwürdige geschehen,
daß Jesus Chriostus die Frage des Psalmisten und alle unsere
Fragen von den Lippen und von unserem Herzen nimmt und sie
zu seiner eigenen Frage macht, denn alles das, was er zu
tragen hat und diese Gottverlassenheit sind das, was wir
eigentlich tragen müßten. Diese Gottverlassenheit ist keiner
Steigerung mehr fähig.
Wer wollte von uns jemals seine eigene Not vergleichen mit
der Not, die Jesus Christus, der Sohn Gottes, zu tragen
hatte. Jesus Christus trägt in seinem Leiden gewissermaßen
alle unsere Nöte und alle unsere Anfechtungen.
Wer wollte, nachdem er, der Sohn Gottes, seinen Vater
fragte:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
auch noch zu Gott mit der derselben Frage kommen? Wer wollte
jetzt noch seine Anfechtungen mit den Anfechtungen Jesu
Christi vergleichen? Wer von uns wollte jetzt noch sagen:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Jesus Christus ist ja der Einzige, der wirklich und
wahrhaftig sagen kann, Gott hat mich verlassen; die
Verbindung zu Gott ist zerschnitten.
Das bedeutet doch hier in unserem Text diese furchtbare
Wirklichkeit, daß diese Frage der Anfechtung, die Jesus auf
den Lippen hat, den Vater im Himmel nicht erreicht, der
Vater hat sich von seinem Sohn abgewandt. Die Frage des
Sohnes geht also ins Leere hinein.
Das ist wirkliche Gottverlassenheit! Gegenüber dieser einen
Gottverlassenheit wird unsere vermeintliche
Gottverlassenheit null und nichtig. Wir haben die
Verheißung, daß Gott sein Angesicht niemals von uns abwenden
will, daß er immer bei uns bleiben wird. Diese
Gottverlassenheit, die uns eigentlich zukommt, hat Jesus auf
sich genommen.
So liegt die Frage Jesu Christi auf seinen Lippen bis zu
seinem Tode, ohne eine Antwort zu bekommen, GOTT SCHWEIGT.
Und wenn wir alle unter dem Kreuze des Herrn stünden und
diese Frage aus dem Munde Jesu hören würden, wie würden wir
uns verhalten? Von denen, die damals dort standen, wissen
wir, daß sie sogar mit dieser Frage unseres Herrn ihren
Spott trieben. Aber was würden wir tun?
Könnten wir unserem Herrn zurufen in seiner großen Not:
Dein Vater im Himmel hat dich verlassen, damit wir niemals
mehr von ihm verlassen würden, damit wir in dauernder
Verbindung mit ihm leben dürfen. Gott, dein Vater, hat dich
um unsretwillen verlassen, wie sollen wir nur dir dafür
danken?!
In dieser Gottverlassenheit stirbt er, Jesus von Nazareth,
der Sohn Gottes.
Es könnte nun sein, daß wir meinen, Jesus wäre diesen Weg
getrieben worden, auf einen Weg, den er ablehnte, aber es
heißt in unserem Text:
"daß er mit einem lauten Schrei verschied".
Das bedeutet nichts anderes, als daß Jesus Christus mit
vollem Bewußtsein in den Tod geht, nicht so, wie
normalerweise ein Gekreuzigter stirbt, nämlich durch völlige
Erschöpfung. Für unseren Evangelisten ist diese Tatsache,
daß er mit lautem Geschrei, also noch im vollen Besitz
seiner Kräfte verschied, der Beweis, daß Jesus Christus
freiwillig, auch in dieser Gottverlassenheit, den Weg bis
zum Tode ging. Auch lesen wir im folgenden Text, daß für den
heidnischen Hauptmann das Sterben mit solch einem Schrei der
Beweis dafür ist, daß Jesus von Nazareth der Sohn Gottes
ist.
Jesus Christus, von Menschen und von Gott verlassen und
ausgestoßen, geht dennoch seinen Weg für uns bis zum letzten
Atemzug. Er ist tot, hat sein Leben am Kreuz ausgehaucht.


(Das exakte Datum ist nicht vorhanden.)