Predigten im Jahre 1952 - 08 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum: / /
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:1952
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Matthäus 27, 3-5
Skopus: Das Ende des Judas
Predigten im Jahre 1952 -8- Matthäus 27, 3 - 5
"Da das sah Judas, der ihn verraten hatte, daß er verdammt
war zum Tode, gereute es ihn, und brachte wieder die dreißig
Silberlinge den Hohenpriestern und den Ältesten und sprach:
Ich habe übel getan, daß ich unschuldig Blut verraten habe.
Sie sprachen: Was geht uns das an? Da siehe du zu! Und er
warf die Silberlinge in den Tempel, hob sich davon, ging hin
und erhängte sich."

"Ich habe übel getan, daß ich unschuldig Blut verraten
habe."
Mit überwältigendem Ernst packt uns dieses Schuldbekenntnis.
Hier steht ein Mann vor uns, der mit seinem ganzne Leben
zusammengebrochen ist. Er erkennt, mein Leben ist
verpfuscht. Es ist kein Pfennig mehr wert. Und wir haben es
wirklich nötig, vor diesem Zusammenbruch eines Menschen
stille zu stehen. Denken wir nur nicht leichtfertig über
diesen Mann, der da bekennen muß:
Das, was ich tat, war ein Verbrechen, ich bin der Mörder
eines Menschen.
Seine Schulderkenntnis und sein Schuldbekenntnis gehen sogar
so weit, daß er das Geld, das ihm die verruchte Tat
einbrachte, nicht mehr in seiner Hand halten kann. Und es
ist gleichsam wie glühendes Blei, dass ihm die Finger, das
Leben, verbrennen will. Er wirft den Verbrecherlohn von
sich.
Wir verfallen nur zu leicht in den Fehler, daß wir Judas mit
Petrus vergleichen und dabei behaupten:
a) Die Tat des Judas wäre furchtbarer gewesen als die
Verleugnung des Petrus und für diese Tat des Judas hätte es
keine Vergebung gegeben.
Aber schauen wir näher zu, dann müssen wir erkennen, daß
hier im letzten Grunde ja gar kein Verrat vorliegt. Das Wort
VERRAT ist in unserem Text viel zu scharf übersetzt worden.
Was hat denn Judas wirklich getan?
Glauben wir doch nicht, daß die Führung des jüdischen
Volkes, wenn alles hart auf hart gegangen wäre, vor einer
offenen Verhaftung Jesu zurückgescheut oder sich auch auf
einem anderen Wege den Aufenthalt Jesu herausbekommen hätte.
Judas verriet doch nicht eine geheimnisvolle Sache, sondern
er leistete doch nur eine ganz kleine Hilfestellung.
Wir können sein Tun also nicht messen nach allgemeinen
sittlichen Maßstäben, sondern wir müssen es tun nach seinem
Verhältnis zu Jesus. Und da ist es schon richtig:
Er ist seinem Herrn und Meister untreu geworden. Aber in dem
selben Maße müssen wir es auch von Petrus sagen. Zwischen
beiden ist in dem Schuldigwerden gegenüber ihrem Herrn und
Meister kein Unterschied.
b) Wir sagen dann auch noch, die Buße oder die Reue des
Petrus wäre tiefer und echter gewesen als die des Judas.
Aber wir spüren doch in unserem Text die ungeheure Tiefe und
den bitteren Ernst der Reue des Judas, die sich in diesen
Worten spiegelt:
"Ich habe übel getan, daß ich unschuldig Blut vergossen
habe."
Judas ist genauso zerbrochen wie Petrus, von dem es heißt:
"Er ging hinaus und weinte bitterlich>"
Das Schuldbekenntnis des Judas in unserem Text wird also von
einem Menschen ausgesprochen, dem ein Spiegel vorgehalten
wurde und der sich nun in seiner Schändlichkeit, und zwar in
einer furchtbaren Schändlichkeit entdeckt als ein Mörder.
Judas sieht sein Tun als den Anfang einer langen Kette, an
deren Ende nun der Tod Jesu steht. Und wir können
feststellen, wie es nun mit einer rasenden Geschwindigkeit
auf ihn zukommt:
Wenn ich das nicht getan hätte, dann wäre jetzt Jesus von
Nazareth nicht verurteilt worden, dann stände sein Leben
nicht in Gefahr. Bald kommt in seinen Grübeleien die
furchtbare Erkenntnis auf: Im eigentlichen Sinne bin ich an
seinem Tode schuld. Und schon ist diese furchtbare Gewißheit
wachgeworden: Ich bin ein Mörder.
Und mit dem Stichwort ICH BIN EIN MÖRDER stürtzt seine ganze
bisherige Welt zusammen, seine ganze bisherige fromme Welt.
Nach dem Gesetz des jüdischen Volkes ist ein Mörder für
immer aus dem auserwählten Volk ausgestoßen. Er hat das
Recht auf Leben verwirkt und muß getötet werden. Er ist
einer, der es nicht mehr wert ist, am Leben zu bleiben.
Wir sehen, wie er in dieser Dunkelheit noch einen hellen
Schein sieht:
Vielleicht kann er durch ein Bekenntnis bei den Obersten des
Volkes alles ungeschehen machen.
Sie aber, die Hüter des Gesetzes, haben für ihn und seine
Lage kein Verständnis. Sie zucken nur mit den Schultern:
"Was geht das uns an, da siehe du zu."
Er in seiner verzweifelnden Angst ICH BIN EIN MÖRDER steht
vor dem Gesetz, daß ihn zum Tode verurteilt, ohne einen
Ausweg und im Stich gelassen von den Dienern des Gesetzes.
Ja, in dieser Lage, verlassen und ohne Hilfe, sieht er die
Realität des Gesetzes noch schärfer:
Du bist ein Mörder, du hast dein Leben verwirkt.
Und er wird von diesem Gesetz so erfaßt, daß er, da er keine
Möglichkeit mehr sieht, das Geschehen rückgängig zu machen,
da er auch keine Möglichkeit mehr sieht, für seine Tat zu
sühnen, -die Diener des Gesetzes sind ja selbst Verräter am
Gsetz,- selbst zum Vollstrecker des Urteilsspruches über
sein Leben wird:
Du mußt sterben, du bist des Todes schiuldig!
Und so ging er hin und erhängte sich.
Und nun wäre ein Vergleich mit Petrus angebracht. Worin
liegt der Unterschied zu Petrus, dessen Ende nicht der
Selbstmord war?
Es muß ganz deutlich einmal festgehalten werden: Beide sind
schuldig geworden. Beide erkennen und bereuen ihre Tat.
Darin ist also kein Unterschied. Daher erwächst die
Erkenntnis, mit der wir vielleicht so leicht nicht fertig
werden, die uns aber heute zwingend klar erscheint.
Es kommt in unserem Christenstande garnicht darauf an, daß
wir Schuld erkennen, daß wir Schuld bekenn, daß wir Schuld
bereuen, das alles ist nämlich bei Judas durchaus vorhanden,
sondern es kommt alles darauf an, vor wem wir Buße tun und
umkehren. Das Ende des Judas zeigt an, daß man auch vor dem
Teufel Schuld erkennen, bekennen und bereuen kann. Das
geschieht leider auch nur zu oft in der chrtistlichen
Gemeinde.
Es kommt auch nicht darauf an, daß uns ein Spiegel vor die
Augen gestellt wird, damit wir unsere Schlechtigkeit
erkennen können. Dieser Spiegel wurde auch dem Judas
vorgehalten und das Ende war der Selbstmord, sondern es
kommt alles darauf an, wer uns diesen Spiegel vorhält. Dem
Petrus und dem Judas wird der Spiegel vorgehalten, damit sie
ihre Schuld erkennen. Aber hier liegt der grundliegende
Unterschied, der uns bis ins Tiefste erschauern läßt.
Petrus erkennt seine Schuld im Angesichte des Wortes Jesu
Christi. Es heißt einige Verse vor unserem Text:
"Da dachte Petrus an die Worte Jesu."
Er erkennt seine Schuld im Angesichte seines Herrn und
Meisters, den er zwar verleugnet hat, aber dennoch auch für
ihn, Petrus, ans Kreuz geht, damit über seine Schuld das
Evangelium, die frohe Botschaft ausgesprochen werden kann:
Ich habe dir deine Schuld vergeben. Ich habe für deine
Schuld die Strafe selbst getragen.
Judas sieht auch seine große Schuld, aber der, der ihm den
Spiegel zeigt, ist der Gegenspieler Gottes selbst, und zwar
mit dem Worte Gottes in der Hand. Aber wohlgemerkt, es ist
der Teufel, der dieses Wort Gottes in seiner Hand hält.
Und wie kann es anders sein, als daß er manche Seiten aus
dem Worte Gottes herausgerissen hat, zum Beispiel fehlt hier
die Hauptseite, die gerade zu der damaligen Zeit beschrieben
wird, wie wir es in dieser Passionszeit in besonderer Weise
nachlesen wollen.
Das ist die Seite, auf der geschrieben steht, da Gott seinen
lieben Sohn für die Schuld der Menschen ans Kreuz gehen
läßt, auch für die Schuld des Judas Ischarioth, auch für
unsere Schuld, mag sie noch so groß sein. Gott hat die
Todesstrafe, die wir verdient haben, auf seinen Sohn gelegt.
Und diese Seite hat Judas nicht mehr lesen wollen, weil er
von Jesus Christus fortgegangen ist und sich einen anderen
Herrn ausgesucht hat. Dieses Letzte ist seine große Schuld,
nicht so sehr die Auslieferung Jesu an seine Feinde. Und
Judas hat nun das Wort Gottes, das Gesetz Gottes, aus der
Hand seines neuen Herrn, dem Widersacher, in Empfang
genommen und dieses verkürzte Wort Gottes kennt nur den Tod
als der Sünde Sold. Und vor diesem seinem neuen Herrn mit
dem verkürzten Wort Gottes hat Judas seine Schuld erkannt,
bekannt und bereut und das Ende dieser Buße war die
Verzweiflung und der Selbstmord.
So wird das Ende des Judas für uns eine ständige
Warnungstafel sein, das Wort Gottes niemals aus der Hand
seines Gegenspielers zu nehmen, der es so verkürzt hat, daß
wir nichts von der Tat auf Golgatha vernehmen, da Jesus
Christus auch für unsere Schuld ans Kreuz gegangen ist.
Dieses verkürzte Wort Gottes in der Hand des Widersachers
ist in lauter Gesetzlichkeit steckengeblieben, die nur in
die Verzweiflung und in den Tod hineintreiben kann und will.
Das Ende des Judas will uns aber jeden Tag aufs neue auf
Jesus Christus hinweisen, um das ganze Wort Gottes zu hören,
damit wir vor seiner Liebe und Güte unsere Schuld erkennen
und uns von ihm aufrichten und fröhlichmachen lassen, wie er
einen Petrus wieder fröhlich gemacht hat.

(Das exakte Datum ist nicht vorhanden.)