Predigten im Jahre 1952 - 06 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum: / /
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:1952
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Matthäus 21, 28 - 32
Skopus: Vom wahren Gehorsam
Predigten im Jahre 1952 -6- Matthäus 21, 28-32
"Was dünkt euch aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging
zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, gehe hin und arbeite
heute in meinem Weinberge. Er antwortete aber und sprach:
Ich wiil's nicht tun. Darnach reute es ihn, und er ging hin.
Und er ging zum anderen und sprach gleichalso. Er antwortete
aber und und sprach: Herr, ja! - und ging nicht hin. Welcher
unter den zweien hat des Vaters Willen getan? Sie sprachen
zu ihm: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage
euch: Die Zöllner und Huren mögen wohl eher ins Himmelreich
kommen denn ihr. Johannes kam zu euch und lehrte euch den
rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner
und Huren glaubten ihm. Und ob ihr's wohl sahet, tates ihr
dennoch nicht Buße, daß ihr ihmn darnach auch geglaubt
hättet."
"Was dünkt euch aber", was meint ihr? Was haltet ihr von der
Sache? So beginnt unser Text. Damit sind wir alle,, die wir
zu diesem Gottesdienst gekommen sind, aus der bloßen
Zuhörerschaft einer erbaulichen Predigt herausgerissen und
vor eione Frage gestellt, zu der wir unsere Meinung sagen
sollen.
Im allgemeinen ist es bei uns so, daß wir voll Fragen sind,
die wir alle dem Herrn Jesus vorlegen möchten. Wir sind es,
die den Herrn mit unseren Fragen bestürmen und eine Antwort
fordern. Es wäre nun nicht schlecht, wenn diese unsere
Fragen den einen Akzent tragen:
"Herr, was willst du, das ich tun soll?"
Aber im Durchschnitt beginnen alle unsere Fragen mit dem
Wörtlein WARUM?.
Jesus Christus soll so ein Beamter bei der Auskunftsstelle
eines Postamtes oder Bahnhofs werden, oder vielleicht sogar
der sein, der all die vielen Beschwerden entgegennimmt. Oder
es geht sogar soweit, daß er vor uns auf der Anklagebank
sitzt und wir ihm die Fragen stellen, die ihm das
Todesurteil einbringen sollen. Jedenfalls haben ihn die
Führer des damaligen Volkes Gottes vor solche Fragen
gestellt. Sie wollten ihn der Gotteslästerung überführen,
damit sie ihn verurteilen könnten.
Aber vor Jesus Christus kann man kein neutraler Zuhörer
sein, kann man kein Ankläger oder Richter sein. Wer vor
Jesus steht, ist immer selbst der Gefragte. Das haben die
Menschen von damals erleben müssen und das werden wir auch
heute noch erfahren.
Darum gilt in dieser Stunde: Weg mit allen Fragen, die uns
beschäftigen und laßt uns hinhören mit vollem Ernst auf das,
was uns der Herr fragt.
Er fragt uns nach unserer Meinung in einer entscheidenden
Angelegenheit.
Den Sachverhalt, um den es geht, bringt Jesus in der
Einkleidung eines Gleichnisses.
"Ein Mann hatte zwei Söhne."
Beiden Söhnen gibt dieser Mann den Auftrag, in seinem
Weinberg zu gehen und zu arbeiten.
Dieses FGleichnis ist aus dem alltäglichen Leben Palästinas
genommen. Auch heute noch ist dasselbe bei uns in der
Landwirtschaft üblich und notwendig, daß die ganze Familie
auf dem väterlichen Hof arbeitet, damit der Vater mit
seienem Hof existieren kann.
Wie handeln nun die beiden Söhne auf den Befehl des Vaters
hin?
Der erste sagt entschieden: NEIN, aber später reute es ihn
und er ging doch in den Weinberg und führte den Auftrag des
Vaters aus.
Der zweite sagt: JA, und geht doch nicht hin.
Und nun kommt die entscheidende Frage, um die es geht, die
wir zu beantworten haben:
"Welcher unter den zweien hat des Vaters Willen getan?"
Wir können es uns sicherlich vorstellen, daß die, die vor
Jesus stehen, ein wenig enttäuscht sind. Mit welch
schwierigen Fragen sind sie doch zu ihm gekommen und er hat
sie alle beiseite geschoben und ist selbst zum Frager
geworden. Und nun stellt er eine solch billige Frage. Kann
man bei diesem Gleichnis überhaupt noch fragen? El liegt
doch klar auf der Hand, wer den Willen des Vaters getan hat.
JESUS SOLL UNS MIT SOLCH BILLIGEN FRAGEN GEFÄLLIGST IN RUHE
LASSEN, denken wir doch nur zu oft.
Es ist in Wahrheit so, daß es eine ganz einfache Frage ist.
Das erkennen nicht nur wir, sondern auch die Hohenpriester
und Ältesten. Auch sie können die Frage, wer von den beiden
Söhnen den Willen des Vaters getan hat, nur so beantworten,
daß sie sagen: DER ERSTE.
Es kommt auch wirklich alles darauf an, daß der Wille des
Vaters getan wird.
Ist Jesus Christus mit unserer Antwort zufrieden? O ja, er
ruft uns zu: Ihr habt recht! Es ist in der Tat so, daß der
Wille des Vaters getan werden muß. Das 4. Gebot lautet doch:
"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf das dirs
wohl ergehe und du lange lebest auf der Erde."
Wir könnten jetzt also sagen, wir sind mit unserem Herrn und
Meister einig darüber, was es mit dem 4. Gebot sei.
Es ist doch eine feine Sache, daß das Volk Gottes, das auch
wir, mit unserem Herrn Jesus Christus einig sind. Dann
hätten wir jetzt eine wunderbare Reliogions- oder
Konfirmandenstunde über das 4. Gebot bei Jesus Christus
gehabt. Und mit einem erhabenen Gefühl, mit Jesus Christus
einig zu sein, eilen wir nach Haus.
Wahrlich, wir könnten das mit ruhigem Herzen tun, wenn Jesus
Christus gesagt hätte, ihr könnt jetzt nach Hause gehen, die
Unterrichtsstunde ist beendet. Aber Jesus Christus ist mit
seiner Stunde bei uns noch nicht zum Schluß gekommen. Er
will uns noch etwas wichtiges sagen:
"Die Zöllner und Huren mögen wohl eher ins Himmelreich
kommen als ihr."
Ein entsetzliches Wort, das Jesus Christus ausspricht. Wie
kommt Jesus dazu, dieses zu sagen? Das hat doch keine
Beziehung zu der Frage, die er uns stellte und zu dem
Gleichnis, das er uns erzählte.
Aber sprechen wir es ruhig aus: Wenn wir das Gleichnis nur
aufgefaßt haben als eine Katechismussytunde über das 4.
Gebot, dann haben wir Jesus überhaupt noch nichgt
verstanden. Er hat nicht von irgendeibnem Vater auf dieser
Erde gesprochen, sondern von seinem Vater im Himmel und von
seinem Reich.
Und nun hält er ihnen, die vor ihm stehen, einen Spiegel
vor. Es sind ja die, die in besonderer Weise damals sich zur
Gemeinde Gottes hielten, die Führer des Volkes.
Es sind die, die fest davon überzeugt waren, daß sie rechte
Kinder Gottes seien. Es sind die,, von denen man sagt, sie
haben die Gebote Gottes gehalten von Jugend auf.
Aber nicht nur denen, die damals zur Gemeinde gehörten, hält
Jesus Christus diesen Spiegel vor, nein, auch uns, die wir
hier versammelt sind. Und das Eigentümliche an diesem
Spiegel ist, daß er uns das wahre Gesicht zeigt, daß vor ihm
unsere fromme Maske abfällt.
Wir alle, die wir uns hier versammelt haben, haben ja allein
schon mit unserer Entscheidung, in diesen Gottesdienst zu
kommen, eine Entscheidung für Christus gefällt. Wir haaben
JA dazu gesagt, daß Gott einen Anspruch auf uns hat, daß er
von uns Gehorsam erwarten kann.
Und wie sieht es bei uns mit diesem Gehorsam aus? Erschöpft
sich unser Christsein mit dem Gottesdienstbesuch? Am
Sonntag, ja, da wollen wir ihm eine oder zwei Stunden
opfern, aber im Alltag, wenn die allereinfachsten
Entscheidungen an uns herantreten, dann handeln wir nach
unserem eigenen Kopf. Daran ändert auch nichts, daß wir ein
besonders frommes Gesicht machen und besonders fromme Worte
sprechen.
Echte Nachfolge zeigt sich immer in ALLEN Entscheidungen,
zeigt sich im Verhalten zu Gott und im Verhalten zu unseren
Mitmenschen.
Und was sagt Jesus von diesen Menschen? Oder nennen wir das
einmal ganz genau beim Namen: Was sagt Jesus von uns?
Vielleicht erinnern wir uns, wie in dem Gleichnis die
Entscheidung lautete:
"Der, der Ja sagt und doch nicht gehorsam ist, hat nicht den
Willen des Vaters getan."
Das heißt, in unsere Situation übertragen: Wir selbst haben
über uns das Urteil gesprochen. Denn wir haben ja in unserer
Entscheidung ganz deutlich gesagt, daß wir nicht den Willen
Gottes getan haben. Unsere Zugehörigkeit zum Reiche Gottes
ist in Frage gestellt. Sie ist nicht so sicher, wie wir es
oft vermeinen. Der Herr schenke uns gerade an diesem Punkte
eine HEILIGE UNSICHERGEIT.
Es könnte vielleicht einer unter uns sein, der meint, das
wäre zu hart, wäre zu scharf. Aber wird nicht immerwieder
vor Jesus Christus unsere ganze Erbärmlichkeit offenbar? Ist
das nicht geradezu unsere Not, und Gott sei Dank, wenn es
unsere Not ist, daß wir von Jesus Christus immer aufs neue
als die Ungehorsamen entdeckt werden? Wir brauchen nur an
die Jünger bei der Gefangennahme Jesu zu denken:
"Und sie flohen alle."
oder an Petrus:
"Ehe der Hahn dreimal kräht, wirst du mich 3 x verleugnen."
Unser Gleichnis ist ein furchtbares Gericht über das
damalige Volk Gottes, aber auch über unsere christliche
Gemeinde, über unseren persönlichen Christenstand: Wir
fragen nichts mehr nach Gottes Willen und setzen damit
unsere Seligkeit aufs Spiel.
Und wahrlich, wir könnten verzagen und verzweifeln, wenn
hier schon der Schlußsatz der Predigt wäre. Gott sei Lob und
Dank, es gibt noch eine Möglichkeit, auch für unseren
verpfuschten Christenstand, auch für unseren dauernden
Ungehorsam, ins Reich Gottes wirklich hineinzukommen.
In dem Gleichnis wird von dem ERSTEN SOHN gesagt, daß er
Gott den Gehorsam verweigerte, daß er die Nachfolge bewußt
ablehnte. Es ist einer, bei dem es ganz klar auf der Hand
liegt, daß er von Gott nichts wissen will. Und nun geschieht
das große Wunder, er sieht seine Schuld, seinen großen
Ungehorsam, ein und wird doch noch ein Arbeiter im Weinberg.
Es ist ja der Sohn, von dem wir gesagt haben: Dieser Sohn
tut den Willen des Vaters.
Und Jesus vergleicht diesen Sohn mit den Zöllnern und Hiuren
und sagt von diesen Menschen, sie werden vor euch, ihr
Schriftgelehrten und Pharisäern, und vor euch, die ihr
meint, die GottesKindschaft gepachtet zu haben, vor euch,
die ihr Gläubigsein als ein Patentschein in der Tasche zu
haben meint, ins Himmelreich eingehen.
Es ist ein ungeheurliches Wort!
Die Zöllner der damaligen Zeit sind stadtbekannt als große
Betrüger, die den Menschen den letzten Groschen aus der
Tasche pressten, so wie auch die Huren stadtbekannt waren.
Es sind also solche Menschen, die in ihrer Sünde sich nicht
mehr verbergen können. Es sind solche, die in ihrem
Führungszeugnis ein großes Strafregister aufzuweisen haben.
Es sind solche, die in der Stadt als Verbrecher, Diebe,
Dirnen, gekennzeichnet sind. Jeder auf der Straße zeigt mit
dem Finger nach ihnen.
Es ist doch eigentümlich, da Jesus Christus ihnen solch
einen Vorzug gibt vor den Frommen, vor den Gläubigen.
Warum wohl?
Diese Menschen tragen keine Masken. Sie suchen nichts zu
verbergen. Ihre Schande ist überall bekannt. Sie täuschen
sich auch nicht über ihr Verhältnis zu Gott und zu Christus.
Damit ist eine große Voraussetzung geschaffen für das
heilende Wirken des Herrn.
Jesus Christus hat nicht den gr"ten Widerstand zu
überwinden bei den Zöllnern und Huren und Dieben, sondern
bei den Frommen. Die Frommen sind es, die ihn ans Kreuz
geschlagen haben, während diese sogenannten moralisch
schlechten Menschen ihm nachfolgten, ihm gehorsam waren. Sie
sind die rechten Nachfolger, weil sie trotz ihres
anfänglichen NEINS umkehrten und den Willen des Vaters
ausführten.
Wir sagten schon vorher, daß es noch eine Möglichkeit gibt
auch für die Frommen, auch für suns, die wir meinen, nicht
moralisch schlecht zu sein.
Aber entsetzen wir uns nicht, wenn nun gesagt werden muß,
da wir diese Möglichkeit von den stadtbekannten Dieben und
Betrügern und Dirnen zu lernen haben.
Lassen wir uns doch auch gefallen, daß Gott die schöne
fromme Maske uns vom Gesicht rteißt und bejahen wir dann
ruhig die Fratze, die dann hervorschaut. Lassen wir uns doch
von Gott unsere sogenannte REINE WESTE ausziehen und zeigen
wir ihm ruhig unseren Schmutz. Solange wir unsere wirkliche
schmutzige Weste nicht zu Gesicht bekommenm, und solange wir
sie nicht Gott gezeigt haben und je und dann auch unserem
Bruder, solange bleibt uns das Reich Gottes verschlossen.
Denn nur so kann uns Jesus Chritsus reinigen, kann er uns
fähig und willig machen, in seinem Weinberge zu arbeiten, in
seiner Nachfolge zu stehen, ihm gehorsam zu sein.
Aber das gerade istes, was sich die Frommen der damaligen
Zeit nicht haben sagen lassen wollen.
Schon Johannes, der Täufer, verkündigte:
"Kehret um, tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe
herbeigekommen."
Aber gerade die Frommen hörten nicht darauf. Es ist ja auch
zu schwer, mit den Sündern und den schlechten Menschen auf
eine Stufe gestellt zu werden. Auch uns fällt das
inmmerwieder so schwer,. Amliebsten hätten wir,, da unsere
ganze Umgebung b ewundernd unsere Frömmigkeit anschaut.
Gott schenke es suns, da wir uns als die Sünder erkennen,
als solche, die auf der flucht vor ihm sind. Lassen wir uns
doch von der Güte Gottes einholen, dem wir nur als die
Sünder begegnenkönnen, damit wir auf seinen Befehl hin den
Auftrag ausführen, den er uns in seinem Reiche gibt. Möge
einmal Jesus Christus über unserem Leben aussprechen:
Er hat den Willen Gottes getan!

(Das exakte Datum ist nicht vorhanden.)