Markus - Evangelium 076
Lugar/Ort:Aldea Protestante

Fecha/Datum:29/10/1964
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Wochengottesdienst
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Markus 12, 28 - 34
Skopus: Die Frage nach dem wichtigsten Gebot
Markus - Evangelium 76 - 12, 28 - 34
"Und es trat ein Schriftgelehrter zu Jesus, der ihnen
zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er
merkte, daß er ihnen klug geantwortet hatte, fragte er ihn:
Welches ist das allerwichtigste Gebot? Jesus aber antwortete
ihm: Das wichtigste Gebot ist das: Höre, Israel, der Herr,
unser Gott, ist Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen
Gott, lieben mit ganzer Seele, mit all deinem Verstand und
mit all deiner Kraft. Das andere ist dies: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist
wichtiger als diese beiden. Und der Schriftgelehrte sagte zu
ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht! Er ist Herr allein,
und es gibt keinen andern außer ihm; und ihn lieben mit
ganzem Herzen, mit aller Einsicht und mit aller Kraft, und
seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als
alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, daß
er verständig geantwortet hatte, sagte er zu ihm: Du bist
nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte, ihn noch
weiter su fragen."

Wir sind immer noch bei den Streitgesprächen, die Jesus
führen muß. Sie wurden von seinen Feinden provoziert, und
zwar mit dem einen Ziel, ihn mit seinen eigenen Worten zu
unbedachten Äußerungen zu bewegen, damit sie beim geplanten
Gerichtsprozeß ein leichtes Spiel mit ihm haben. Der Plan,
ihn auf alle Fälle zu töten, liegt bereits fest, ungeklärt
ist noch das WIE?
Diesmal sind es die Schriftgelehrten selbst, die
vorgeschickt werden, also Männer, die in den Heiligen
Schriften sehr kundig sind und sie in- und auswendig kennen.
"Welches ist das vornehmste Gebot vor allen?"
Das ist also jettzt die Frage.
Diese Frage nach dem wichtigsten Gebot ist im Alten
Testament oft gestellt worden. Sollte man auch nicht fragen,
wenn es 613 Bestimmungen im Gesetz gab, 248 Gebote und 365
Verbote.
Über diese Frage nach dem wichtigsten Gebot war schon im
Volke Israel vor Jesus Christus ein Streit ausgebrochen.
Die eine Gruppe mit Rabbi Schammaj an der Spitze lehnte es
ab, diese Frage zu beantworten, weil doch alle Gebote und
Verbote gleich wichtig seien für Gott und für Menschen,
während die andere Gruppe mit Rabbi Hillel versucht, das
Wichtigste mit wenigen Worten auszudrücken. Es wird folgende
Begebenheit überliefert:
Ein Heide wollte Angehöriger des Volkes Israel werden.Er
kommt zu Rabbi Schammaj und bittet, der Rabbi möchte ihm mit
kurzen Worten das Gesetz Gottes lehren, und zwar in der
Zeit, in der er es aushält, auf einem Bein zu stehen. Da
nahm der Rabbi Schammaj den Stock und jagte ihn fort. Dieser
Heide ging nun zum Rabbi Hillel und legt ihm die gleiche
Bitte vor. Dieser Rabbi ging darauf ein und sagte ihm,
solange er auf einem Bein stand: Was dir unliebsam ist, das
tue auch deinem Nächsten nicht an; das ist das ganze Gesetz,
alles andere ist Auslegung. Gehe hin und lerne das!.
Wir sehen also, daß Jesus in einen bereits bestehenden
Streit hineingezogen werden soll:
"Welches ist das vornehmste Gebot vor allen?"
Ohne Zweifel stellt sich Jesus hier auf die Seite des Rabbis
Hillel und seiner Schule, wenn er überhaupt eine Antwort auf
die Frage des Schrifdtgelehrten gibt:
"Das vornehmste Gebot ist das: Höre, Israel, der Herr, unser
Gott, ist allein der Herr, und du sollst Gott, deinen Herrn,
lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem
Gemüte und von allen deinen Käften und das andere ist dies:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist
kein anderes Gebot größer als diese."
Allerdings trennt er sich doch im gleichen Augenblick durch
diese Antwort von der Schulrichtung des Rabbis Hillel, denn
diese beiden Gebote sind nicht in den 613 Geboten und
Verboten enthalten und dazu antwortet er ja nicht mit einem
Gebot, sondern mit zwei Geboten.
Das als erstes bezeichnete Gebot ist in gewisser Weise das
Glaubensbekenntnis des Volkes Israel. Es wird das SCH.MA
ISRAEL genannt. Jeder Israelite hat es wenigstens 1 x am
Tage zu beten. Er trägt es in einer Kapsel um den Hals und
es hängt an jeder Haustür:
"Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein der Herr,
und du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen
Kräften."
Dieses Bekenntnis bezeugt, daß Jahwe, der Schöpfer Himmels
und der Erde, der allmächtige Herr, der ist, der sich in
seiner Liebe dieses Volk Israel, dieses jüdische Volk, als
sein Volk auserwählt hat. Diese Erwählung des Volkes Israel
als Gottes Volk ist in nichts anderem begründet als in der
abgrundtiefen Liebe Gottes zu diesem Volk. Weil das so ist,
ist es eine selbstverständliche Sache, daß dieses Volk diese
Liebe beantwortet mit der Gegenliebe.
Wir Menschen können uns nie die Liebe Gottes durch unsere
Liebe zu ihm erkaufen, denn Gott ist immer mit seiner Liebe
als Erster neben uns. Wir können Gott in seiner Liebe zu uns
nur antworten mit unserer Liebe zu ihm.
Aber das ist das Entscheidende hier, daß Jesus diese Liebe
zu Gott als Antwort des Menschen, nicht ohne eine Deutung
läßt. Er sagt uns, welche Form wir diese unsere Antwort
geben können und geben dürfen:
"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!"
Damit sagt Jesus ein Nein zu der Auffassung der
Schriftgelehrten beider Gruppen, daß die Antwort des Volkes
Israel auf Gottes Liebe im Halten aller göttlichen oder
menschlichen Gebote oder einzelner Gebote und im Halten der
Opfervorschriften im Tempel zu Jerusalem zu geben sei. Er
sagt in einer ganz neuen Weise, unsere Liebe zu Gott als
Dank für seine Liebe zu uns realisiert sich dadurch und
darin, daß wir unsere Mitmenschen, unsere Nächsten lieben
wie uns selbst.
Wenn wir das einmal ganz konkret auf unsere Situation als
eine evangelische Gemeinde beziehen, dann bedeutet das:
Unsere Liebe zu Gott als Dank dafür, daß er uns zuerst in
Jesus Christus geliebt hat, soll diese Form annehmen, daß
wir unsere Mitmenschen wie uns selbst lieben, auch die
wunderlichen, auch die wir nicht mögen. Unsere Gemeinden und
unser gemeindliches Leben und unser Kirchneubau, sollten im
letzten Grunde nur dieses eine Ziel im Auge haben, uns zu
dieser Nächstenliebe williger und fähiger zu machen. Unser
Leben als Kinder Gottes, als Christen, hat seine höchste
Erfüllung in dieser Nächstenliebe.
Wir spüren, daß das, was Jesus von Nazareth hier in dieser
Begegnung sagt, nicht das ist, was die Schriftgelehrten
beider Gruppen als "göttliche Erkenntnis" gelehrt haben,
obwohl dieser eine Schriftgelehrte bereits in diesem
Gespräch erkennt, daß Jesus recht gesprochen hat:
"Meister, du hast recht geredet. Er ist nur einer und kein
anderer außer ihm; und ihn lieben mit ganzem Herzen, von
ganzem Gemüte und von allen Kräften, und seinen Nächsten
lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und
Schlachtopfer."
Dieser Schriftgelehrter bezeugt dadurch, daß Jesus von
Nazareth besser die Heilige Schrift kennt als sie, denn
alles das, was Jesus sagt, ist ja bereits im Alten Testament
bezeugt.
Die Tatsache, daß dieser eine Schriftgelehrte mit dem Worte
Jesus in dieser Weise übereinstimmt, ist so erfreulich, aber
auch unerwartet gekommen, daß Jesus ihm zuruft:
"Du bist nicht fern von dem Reich Gottes."
Allerdings liegt darin auch eine noch offene Frage: Du bist
zwar nicht ferne vom Reich Gottes, aber willst du nicht auch
den letzten Schritt tun, indem du wirklich in das Reich
Gottes eingehst, das kannst du. Werde mein Jünger!"
Jesus ist ja doch das letzte und das vollkommenste Angebot
der Liebe Gottes zu uns Menschen.
Diese offene Frage erfährt in unserem Text keine Antwort.
Damit steht sie immer noch als eine offene Frage in der
Heiligen Schrift und erwartet eine Antwort, gerade auch von
uns. Sind wir bereit, in das Reich Gottes einzugehen, indem
wir Jesus Christus als unseren Herrn und Heiland annehmen
und mit ihm in einer ganz persönlichen Verbindung stehen und
leben?
So ist aus einem theologischen Streitgespräch eine Predigt
der Liebe Gottes zu uns geworden mit der Frage, mit der
vielleicht noch offenen Frage, ob wir diese Liebe Gottes,
wie sie in Jesus Christus sichtbar geworden ist, nicht auch
in unserem Leben annehmen?