Kirchenjahr 1953/54 - 35 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:21/11/1954
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Familiengottesdienst bei Riffel in Reffino, 12-2-1957
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Ewigkeitssonntag
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Jesaja 35, 1 - 10
Skopus:
Kirchenjahr 1953/54 - 35 - Jesaja 35, 1 - 10
"Aber die Wüste und Einöde wird lustig sein, und das dürre
Land wird fröhlich stehen und wird blühen wie die Lilien.
Sie wird blühen und fröhlich stehen in aller Lust und
Freude. Denn die Herrlichkeit des Libanons ist ihr gegeben,
der Schmuck Karmels und Sarons. Sie sehen die Herrlichkeit
des Herrn, den Schmuck unseres Gottes. Stärket die múden
Hände und erquicket die strauchelnden Kniee! Saget den
verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Sehet,
euer Gott, der kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt
und wird euch helfen. Alsdann werden der Blinden Augen
aufgetan werden, und der Tauben Ohren werden geöffnet
werden; alsdann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch,
und der Stummen Zunge wird Lob sagen. Denn es werden Wasser
in der Wüste hin und wieder fließen und Ströme im dürren
Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche
stehen; und wo es dürr gewesen ist, sollen Brunnquellen
sein. Da zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und
Rohr und Schilf stehen. Und es wird daselbst eine Bahn sein
und ein Weg, welcher der heilige Weg heißen wird, daß kein
Unreiner darauf gehen darf; und derselbe wird für sie sein,
daß man darauf gehe, daß auch die Toren nicht irren mögen.
Es wird da kein Löwe sein, und wird kein reißendes Tier
darauf treten noch daselbst gefunden werden; sondern man
wird frei sicher daselbst gehen. Die Erlösten des Herrn
werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen; ewige
Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden
sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen."

Ein herrliches Bild ist es, das uns der Prophet Jesaja vor
die Augen malt. Er sieht eine Schar von Menschen auf der
Wanderschaft:
"Es wird eine Bahn daselbst sein und ein Weg, welcher der
heilige Weg heißt."
Woher kommt diese Schar? Aus der Gefangenschaft und aus der
Sklaverei, unter der das Volk schwer zu leiden hatte. Und wo
liegt das Ziel der Wanderschaft? Die Stadt Gottes, sagen wir
ruhig Jerusalem mit dem Berge Zion, der Wohnstätte Gottes:
"Sie werden wiederkommen und gen Zion kommen."
Überall, wo diese Gruppe vorbeikommt, verwandelt sich die
Umgebung, vor kurzem noch eine Wüstenei, in ein
wunderschönes Paradies:
"Die Wüste und Einöde wird lustig sein, und das dürre Land
wird fröhlich stehen und wird blühen wie die
Lilien,"
heißt es. Oder es wird davon berichtet, daß keine Raubtiere,
"keine Löwen oder reißende Tiere"
das Leben der Menschen bedrohen werden.
Und wenn wir diese Schar, die da unterwegs ist, uns einmal
ansehen:
Trotz der Kennzeichen der vergangenen Strapazen und der
überstandenen Hoffnungslosigkeit spüren wir doch die große
Freude darüber, daß nun endlich der Tag der Freiheit
angebrochen ist:
"Ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne
werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird
entfliehen."
Besonders groß ist die Freude bei der wunderbaren Erfahrung,
daß mit dem Heimzug in die herrliche Heimat,
"die Blinden sehen und die Tauben hören, die Lahmen gehen
und die Stummen sprechen."
Nicht wahr - ein liebliches Bild, daß wir da durch den
Propheten Jesaja gesehen haben. Aber er will nicht schöne
Bilder aufzeigen, sondern er will als Prophet Gottes dem
Volk Israel in aller Trübsal und Drangsal eine große
Hoffnung geben, eine Hoffnung, die allerdings im letzten
Grunde darin liegt, daß Gott, der Herr, und nicht der
Prophet, seinem Volke Hoffnung und Heil verkündigt:
"Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch
nicht! Sehet, euer Gott, der kommt zur Rache, aber der Gott,
der vergilt, kommt, um euch zu helfen!"
Nur zu verständlich ist es, daß wir jetzt deutlich fragen
müssen, was eigentlich Jesaja mit diem schönen Bilde seinem
Volke sagen wollte.
Der Prophet Gottes sieht ja, das ist uns doch bekannt, was
den anderen Menschen normalerweise verborgen bleibt, oder er
sieht ganz deutlich das, was die anderen Menschen nicht
sehen oder nicht wahrhaben wollen.
Mitten im normalen Leben seines Volkes steht Jesaja. Ohne
daß direkte Anzeichen dafür da sind, weiß er, daß Gott sein
Volk wegen des Ungehorsams bestrafen und in die babylonische
Gefangenschaft führen wird. Die Heimat, einschließlich des
Tempels, wird verwüstet werden. Jesaja wird auch nicht müde,
seinem Volke dieses Gericht zu verkündigen, um es von seinem
bösen und verkehrten Wege abzubringen.
Obwohl er das Gericht kommen sieht, daß Gott über sein Volk
hereinbrechen lassen wird, hält er doch daran fest, daß sein
Gott kein Gott der Rache und des Zornes im übliche Sinne
ist, sondern er bleibt dabei doch der Gott der Liebe und der
Vergebung. Jesaja sieht in unserem Bilde, wie Gott, der
Herr, wieder seinem Volke die ganze überschäumende
Freundlichkeit erweisen wird.
Wenn wir fragen, wie steht es denn mit der Erfüllung dieser
Verheißung, dieses Versprechens? Ja, wir müssen so fragen,
auch wenn wir bei der Antwort sehr enttäuscht werden. Es hat
nämlich für das Volk Isarel keine Rückkehr aus Babylon
gegeben und von dem herrlichen Bild ist nicht viel
übriggeblieben. Der größte Teil der Menschen, der in die
Gefangenschaft geführt wurde, ist dort auch gestorben. Erst
60 bzw. 5o Jahre nach der Deportation konnte nur ein ganz
kleiner Haufe als Vorkommando die Rückreise antreten. Die
Wüste ist wüst geblieben. Die zerstörte Heimat bekam erst
nach mühseligen Anstrengungen ein einigermaßen wohnliches
Gesicht. Und unter den größten Auseinandersetzungen und
Schwierigkeiten konnte die Hauptstadt Jerusalem und der
Tempel wieder aufgebaut werden.
Die Lahmen hinkten weiter, die Stummen blieben weiterhin
stumm und die Blinden konnten auch weiterhin nicht sehen.
Das Volk war im großen und ganzen weiterhin verzagt und
mutlos.
So jämmerlich und erbärmlich also gingen die Verheißungen
des Jesaja in Erfüllung, so daß wir uns ernstlich fragen
müssen, was wir denn mit einem solch fragwürdigen Wort aus
dem Alten Testament überhaupt anfangen wollen. Und wir
sollen ja damit etwas anfangen, deswegen ist nun einmal
dieser Text als Predigttext für den heutigen
Ewigkeitssonntag ausgewählt worden.
Trotzdem wir die ganze Fragwürdigkeit der Erfüllung dieser
Verheißung in der damaligen Zeit stehen lassen müssen,
bekommt diese Verheißung des Propheten Jesaja eine
Erfüllung, wie sie nicht besser und herrlicher sein könnte.
Wir wissen als Christen, daß diese Verheißung erfüllt wurde,
als der Sohn Gottes auf diese Erde zu uns kam. Wir wissen es
daher, weil uns unser Herr und Heiland Jesus Christus selbst
darauf hinweist. Jesus Christus gibt Johannes dem Täufer,
der ihn fragte, ob er der sei, auf den das ganze Israel
gewartet habe, zur Antwort:
"Die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen
werden rein und die Tauben hören, die Toten stehen auf und
den Armen wird das Evangelium verkündigt."
Mit diesen Worten sagt Jesus zum Täufer und zum ganzen Volk
Isarel:
Durch mein Kommen ist das, was Jesaja prophezeit hatte,
erfüllt worden, selbstverständlich anders, als es sich der
Prophet vorgestellt hatte, aber alles viel herrlicher, als
es sich Jesaja hatte auch nur träumen lassen.
Nun wird es uns klar, daß mit dem Kommen des Sohnes Gottes
die vom Propheten Jesaja vorausgeschaute Heilszeit für das
Volk Gottes eingetroffen ist.
Mit Jesus Christus haben wir in der Tat alles, was uns auch
nur in irgendeiner Weise unser Leben lebenswert machen kann.
Durch ihn haben wir die Befreiung aus aller Knechtschaft;
durch ihn, durch sein Kommen, darf unser Herz erfüllt sein
mit der größten Freude, die es überhaupt auf dieser Erde
nurn geben kann. Mit Jesus Christus ist das von Gott durch
den Propheten verheißene und vollkommene HEIL uns geschenkt
worden.
Der heutige Ewigkeitssonntag, der fälschlicherweise als
Totensonntag bezeichnet wird, zeigt uns Menschen dieser Zeit
in einer klaren und nüchternen Weise, wie auch wir die
Merkmale einer grausamen Gefangenschaft und Sklaverei an uns
tragen. Wir sind doch alle miteinander Todeskandidaten,
heute der eine und morgen der andere. Jede Beerdigung zeigt
uns die harte Fessel, mit der wir das Zeichen der
Knechtschaft an uns tragen. Nachdem wir die 2 furchtbaren
Kriege hinter uns haben und die Angst vor der Atombombe
schon heute uns in den Gliedern steckt und nachdem wieder
viele aus unserer Gemeinde im vergangenen Kirchenjahr den
liebsten Menschen, den Vater oder die Mutter, den Mann oder
die Frau, den Sohn oder die Tochter, haben in die Erde legen
müssen, merken wir es mit einer erschütternden Deutlichkeit,
daß der Tod uns alle miteinander in seinen Händen gefangen
hält,dabei spielt es keine Rolle, ob wir so tun, als ob es
das nicht gäbe, einmal wird es auch bei einem jeden
einzelnen von uns deutlich, wie fest wir an ihn gekettet
sind.
Wie ähneln wir doch den Menschen, die der Prophet Jesaja
sieht, die da unter dem Joch der Sklaverei in Babylon
stöhnen und seufzen. Ja, die Realität unter der Knechtschaft
des Todes ist noch viel grausamer als die der Kinder Israels
in der Knechtschaft Babels.
Da will nun unser Wort des Propheten uns zurufen:
Auch aus eurer Knechtschaft des Todes gibt es eine
Befreiung.
Zuvor müssen wir allerdings auch in aller Deutlichkeit
vernehmen, daß die Gefangenschaft des Todes genauso wie die
babylonische Gefangenschaft kein blindes Schicksal oder
Zufall ist, sondern ein Strafgericht Gottes über unseren
Ungehorsam gegenüber dem, der Himmel und Erde und uns
geschaffen hat. Gott, der Herr, zürnt uns.
Doch gilt die große Freudenbotschaft, daß Gottes Zorn
überstrahlt wird von seiner Liebe zu uns, von der Liebe, die
in seinem Sohn Gestalt angenommen hat. Mit seinem Kommen und
damit, daß wir ihn in unserem Leben allein bestimmen lassen,
beginnt auch für uns die Befreiung aus der Knechtschaft des
Todes, beginnt für uns die Heilszeit, wie sie vom Propheten
Jesaja verkündigt wird.
Für den, der an Jesus Christus glaubt, hat auch heute schon
der Tod seine Macht verloren, für ihn gilt, was Jesaja sagt:
"Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion
kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Hauptes
sein, Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und
Seufzen werden entfliehen."
Die Knechtschaft des Todes ist aufgehoben durch den, der am
Ostermortgen allem Drohen dieser Gewalt zum Trotz
auferstand. Seitdem dürfen wir bekennen:
"Jesus lebt, mit ihm auch ich,
Tod, wo sind nun deine Schrecken?"
Als Christen und als eine christliche Gemeinde wissen wir
uns auch noch als Wanderer zum ewigen Leben, zu dem Leben,
indem das, was uns jetzt von Jesus Christus geschenkt wird
in der Befreiung von der Todesgewalt, indem dieses in seiner
ganzen Vollkommenheit zuteil wird. Wir sind Wanderer auf dem
Wege zum JÜNGSTEN TAGE, zur vollkommenen Herrlichkeit, wo
Freude und Wonne in der vollkommensten Form sich erfüllt, wo
alle Verheißungen der Heilszeit erfüllt werden in Jesus
Christus, dem alle Kniee sich beugen müssen, derer, die im
Himmel und auf Erden sind und wir dürfen bei ihm sein, ohne
irgendwelche Trübungen, bei ihm sein in der Vollkommenheit.
Das bedeutet Heil und ewige Seligkeit.
Daher brauchen wir am Ewigkeitssonntag als Christen nicht
mehr trüben Gedanken nachjagen, auch nicht über unsere
Lieben, sondern wir dürfen, befreit vom Schrecken des Tode,
zum ewigen Leben schreiten.
Laßt uns so unseren Herrn bitten:
"Jesu, geh voran,
auf der Lebensbahn
und wir wollen nicht verweilen,
dir gtreulich nachzueiloen,
für uns an der Hand
bis ins Vaterland."