Kirchenjahr 1953/54 - 33 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:16/11/1954
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Kriegsgefangenengedenkgottesdienst
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Jesaja 59, 1 - 2
Skopus: Gott kann helfen
Kirchenjahr 1953/54 - 33 - Jesaja 59, 1 - 2
"Siehe, des Herrn Hand ist nicht zu kurz, daß er nicht
helfen könne, und seine Ohren sind nicht hart geworden, daß
er nicht höre; sondern eure Untugenden scheiden euch und
euren Gott voneinander, und eure Sünden verbergen das
Angesicht vor euch, daß ihr nicht gehört werdet."

Unser Herz verkrampft sich vor Schmerz, wenn wir daran
denken, daß für viele, die noch irgendwo in der Welt hinter
Stacheldraht ihr Leben fristen, noch immer nicht das Tor zur
Freiheit und zur Heimkehr geöffnet worden ist. Was das
bedeutet, vermögen wir uns kaum vorzustellen. Wie grauenvoll
das schpn für uns war, die wir zum Beispiel 1947 aus der
russischen Kriegsgefangenschaft heimkehren durften, 2 mal
den russischen Winter als Gefangene miterleben zu müssen,
aber was ist das gegenüber den vielen, die jetzt bereits in
den 10. Winter hineingehen müssen.
Oder was ist das für eine Qual, daß wir 9 Jahre nach
Beendigung des Krieges noch immer nichts wissen über das
Schicksal so vieler unserer Lieben. Wir werden hin- und
hergezerrt von neuer Hoffnung und wieder neuer Verzweiflung.
Wann werden wir es endlich gewahr werden, was mit unseren
Vermißten und Verschleppten geschehen ist? Wenn wir doch
wenigstens die Nachricht erhielten, daß die, auf die wir
immer noch warten, nicht mehr unter den Lebenden sind, daß
endlich endlich wieder einmal Ordnung in unseren
Familienverhältnissen einkehrt.
Das alles, was uns so bewegt, haben wir mitgebracht in
diesen Gottesdienst, um alle unsere Sorgen und Nöte, allen
Kummer und alle Verzweiflung Gott vor die Füße zu legen.
Manchmal haben wir so den Eindruck gehabt, daß Gott zu all
unseren Nöten einfach schweigt.
Vielleich ist manchem von uns schon die Frage gekommen,
lohnt es sich überhaupt noch, Gott um Hilfe in unserer Lage
zu bitten? Gott hat geschwiegen und wir haben kein Zutrauen
mehr zu ihm, daß er überhaupt jemals zu uns reden wird,
geschweige uns Hilfe gewährt oder sogar uns unsere Lieben
wieder zurückbringt.
Solche Fragen können schon über uns hereinbrechen, sodaß wir
drauf und dran sind, unseren Glauben über Bord zu werfen in
der Meinung, daß das doch ein kleiner Gott sein muß, der uns
in unserer Not nicht hilft.
Nun stehen wir jetzt nicht vor irgendwem mit all unseren
Fragen, die uns bewegen, sondern wir stehen wirklich vor dem
lebendigen Gott mit all dem, was uns quält. Wir sind in
einer ähnlichen Lage wie die Menschen des alten Bundes, die
auch zum Tempel Gottes kamen und Gott fragten:
Willst du denn uns garnicht helfen?
Und da steht dann der Mann Gottes, der Prophet Jesaja und
ruft diesem fragenden Volk zu:
"Siehe, des Herrn Hand ist nicht zu kurz, daß er nicht
helfen könne, und seine Ohren sind nicht hart geworden, daß
er nicht höre."
Denkt nur nicht daran, sagt der Prophet, als ob er zu
ohnmächtig sei, um euch zu helfen:
Ich, Gott, bin wirklich noch da. Ich kann immer noch helfen.
Ich höre nur zu gut all euer Wehklagen und Schreien.
Aber warum hilft er denn nicht, wenn er doch helfen kann?
Unser Text gibt uns auch darauf eine Antwort.
Gott hat keine schlechte Laune, daß er schweigt und uns
nicht hilft, nein, es ist etwas ganz anderes, was ihn dazu
bewegt, sein Angesicht von uns wegzuwenden:
"Eure Untugenden scheiden euch und euren Gott voneindander,
und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, daß ihr
nicht gehört werdet."
Unser Text zeigt uns noch eibnmal die Ursache, daß wir in
ein solch tiefes Leiden hineingekommen sind. Er zeigt uns
und erinnert uns daran:
Haben wir uns das alles nicht selbst eingebrockt?
Wir, gerade wir als Deutsche sind es gewesen, die die ganze
furchtbare und mörderische Kriegsmaschinerie über die Völker
hinwegbrausen ließen. Unsere Kommißstiefel waren es, die
über fremder Erde einhermarschierten, als gehörte sie uns,
uns allein. Und nun haben wir es zu spüren bekommen, wer der
Herr ist. Gott, der Herr, läßt seine Macht sich nicht aus
der Hand reißen, auch nicht durch unsere deutschen
Marschstiefel. Er hat es wieder einmal bewiesen, daß er im
Regimente sitzt.
Der Prophet will uns daran erinnern, daß wir, wenn wir mit
all unseren Nöten und Sorgen zu Gott kommen und ihn um Hilfe
bitten wollen, nur so zu ihm kommen können, daß wir uns vor
ihm vor die Brust schlagen und uns vor ihm tief beugen und
bekennen:
"Gott sei mir Sünder gnädig!"
Diese Haltung ist nicht leicht für uns, die wir vielleicht
im Stillen meinen, die anderen sind ja auch schuldig
gewesen. Allerdings kommen wir mit solchen billigen
Entschuldigungen kein Stückchhen weiter. Wir sind es nun
einmal, durch deren Schuld bis auf den heutigen Tag die
ganze Welt noch nicht zur Ruhe gekommen ist. Wir haben die
Schuld, daß unser Deutschland zerteilt wurde. Wir haben es
verursacht, daß die Russen an der Elbe stehen. An uns liegt
es, daß wir immer noch so im Ungewissen leben über das
Schicksal unserer Lieben.
Wir wissen, daß das von uns nicht mehr gern gehört wird,
gerade auch jetzt, wo uns wieder neue Marschstiefel verpaßt
werden sollen.
Selbstverständlich ist die Verkündigung von unserer Schuld
sehr unangenehm zu der Zeit, da selbst der Herr
Bundeskanzler einem ehemaligen Minister des Naziregims,
einem Kriegsverbrecher, zu seiner Entlassung ein
Glückwunschtelegramm schicken kann.
Wir meinen, Deutschland wieder aufbauen zu können, ohne daß
wir unsere Schuld, unsere vergangene und unsere heutige
Schuld, eingestehen zu müssen. Aber Gott wird sich auch
nicht spotten lassen.
Es ist erschreckend festzustellen, wie wenig die
öffentlichkeit, wie wenig sich die Regierung und die
Parteien um das Schicksal der Kriegsgefangenen, Vermißten
und Verschleppten, kümmern. Und wo es danach aussieht, da
sind es nur leere und hohle Worte. Das kommt eben daher,
weil die Frage unserer Kriegsgefangenen und Vermißten mit
der Schuldfrage unlösbar verbunden ist. Wer die Schuldfrage
vergißt und von ihr nichts wissen will, für den ist auch die
Not der Kriegsgefangenen nicht so wichtig.
Aber laßt uns, die wir als die Angehörigen und als Christen
beides zusammensehen, vor Gott stehen als solche, die
bekennen:
"Gott sei mir Sünder gnädig!",
und als solche ihn bitten:
"Mach End, o Herr, mach Ende, mit aller unserer Not!"
und
"Herr, bringe wieder unsere Gefangenen, wie du die Bäche
wiederbringst im Mittagsland."
In einer solchen Haltung vor Gott wird er uns nahe sein in
allen Lebenslagen. Er wird uns stärken und trösten, auch
wenn unser größter Wunsch auf Vereinigung mit unseren Lieben
auf dieser Erde nicht mehr in Erfüllung gehen kann. Und in
einer solchen Haltung wird er auch die Machthaber willig
machen, auch die letzten Kriegsgefangenen heimzuschicken.
Wir beten:
Vater im Himmel, du kennst unser Anliegen und du weißt, daß
wir vor dir stehen als die Ungehorsamen, vergib uns aber
alle unsere Schuld und tue das große Werk, Herr, schicke uns
unsere Lieben wieder heim, oder gib uns Klarheit über ihr
Schicksal. Amen.