Kirchenjahr 1953/54 - 32 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:14/11/1954
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Reffino, 17-8-1956
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Offenbarung 2, 1 - 7
Skopus: Eine Gemeinde,die von der Liebe nichts wissen will
Kirchenjahr 1953/54 - 32 - Offenbarung 2, 1- 7
"Dem Engel der Gemeinde zu Ephesus schreibe: Das sagt, der
da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt
mitten unter den sieben goldenen Leuchtern. Ich weiß deine
Werke und deine Arbeit und deine Geduld und daß du die Bösen
nicht tragen kannst; und hast versucht die, so da sagen, sie
seien Apostel, und sind's nicht, und hast sie als Lügner
erfunden; und verträgst und hast Geduld, und um meines
Namens willen arbeitest du und bist nicht müde geworden.
Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest.
Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die
ersten Werke. Wo aber nicht, werde ich dir bald kommen und
deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht
Buße tust. Aber das hast du, daß du die Werke der Nikolaiten
hassest, welche ich auch hasse. Wer Ohren hat, der höre, was
der Geist den Gemeinden sagt: Wer überwindet, dem will ich
zu essen geben von dem Holz des Lebens, das im Paradies
Gottes ist."

Unser erstes Sendschreiben an die GEMEINDE ZU EPFESUS zieht
den Vorhang ein wenig zurück, den Vorhang, der über allem
menschlichen Tun, auch über allem menschlichen Tun in der
Gemeinde Jesu Christi, liegt. Wir sehen etwas, was wir sonst
im grauen Alltag unseres Lebens, auch im grauen Alltag des
Lebens einer christlichen Gemeinde nicht zu sehen bekommen.
Johannes, der Schreiber der Offenbarung, darf für uns diesen
Vorhang ein wenig beiseite schieben. Er tut es nicht, um
unsere Neugierde zu befriedigen über Dinge, von denen wir
sonst keine Ahnung haben, sondern er möchte, daß wir
angestrahlt werden von dem Lichtglanz, von der Herrlichkeit,
die hinter dem Vorhang auf einmal sichtbar wird.
Die Gemeinde zu Ephesus war eine Gemeinde mit all ihrem Tun
und Lassen, die nicht im Himmel lebte, sondern mitten in
dieser Welt, mitten in der umbrandeten Hafenstadt in
Kleinasien. Primitive Götzendienste feierten dort Triumphe
und das grauenvollste Laster einer Hafenstadt zog durch die
Straßen. Die Gemeinde wußte, daß sie als eine christliche
Gemeinde kein abgeschlossenes Kloster sein darf, sondern daß
sie hineingehört mitten in diese diese so arge und böse
Welt.
Eine christliche Gemeinde und wir als Christen haben da
unseren Platz, wo der Lärm der Betrunkenen eines Gasthauses
und das Gebrüll der Menschen auf dem Fußballplatz zu uns
hereindringen kann, mitten unter Fußball-Toto-Fanatikern und
schreiender Kinoreklame.
Die Gemeinde zu Ephesus tat nicht beleidigt, wenn in ihren
Ohren von draußen herein der Ruf der Götzendiener und
Götzenanbeter gellte:
Groß ist die Göttin DIANA der Epheser!
Sie schimpfte nicht auf die böse Welt, denn sie wußte:
Gerade hier , mitten im tiefsten Heidentum, mitten im
Laster, ist unser Platz, als ein Ort der Rettung und des
Heiles. Wenn in unserem Text
"die Werke und die Arbeit und die Geduld"
der Gemeinde zu Ephesus herausgestellt werden, so ist damit
gemeint, daß sie um den Auftrag einer christlichen Gemeinde
an diese Welt weiß, die so im Argen liegt.
Wir finden die Christen in Ephesus in der Tat mitten unter
der Menschenmenge, die zu den GBötzen pilgerten und mitten
in den Spelunken der Schiffer und der Soldaten. Mit der
Botschaft, die uns als christliche Gemeinde anvertraut ist,
können wir nur so recht leben, wenn wir sie weitersagen,
wenn wir auch den verlorensten und verkommensten Menschen
das Rettungsseil hinreichen, damit auch sie, gleich wie wir,
das Heil in Christus finden.
Die Gemeinde zu Ephesus mit ihren Werken und Arbeiten und
ihrer Geduld ist ein Zeugnis dafür, daß die Gemeinde Jesu
Christi neben den Massen der Kinobesucher und den Massen der
Fußballsportfanatikern ihren Platz haben muß. Um uns als
eine chrtistliche Gemeinde ist es schlecht bestellt, wenn
wir die Tuchfühlung zur Welt verlieren und uns immer mehr
verkriechen hinter verschlossenen Türen. Es sieht so aus,
als ob wir Evangelische an diesem Punkte immer katholischer
werden, immer NONNEN- und MÖNCHSÄHNLICHER werden.
Unsere Aufgabe ist es nicht, über Wirtshaus und Kino und
Fußball zu schimpfen und uns daraüber erhaben zu dünken. Die
Epheser würden in unserer Lage hier in Hassel nicht
schimpfen auf die unbußfertige Welt, sie würden auch heute
aus diesem Gottesdienst nicht herausgehen mit dem Gerede,
das war eine erhebende Stunde, die wieder für die Woche bis
zum nächsten Sonntag reicht, sondern die Epheser würden
hinausgehen aus diesem Gottesdienst und würden fragen, wo
spielt heute denn der Fußballverein SC Hassel und würden
dann 1 oder 2 Stunden vor Spielbeginn auf den Fußballplatz
gehen und den wartenden Menschen dort etwas verkündigen von
dem, auf den sie nicht mehr warten brauchen, der schon als
ihr Heiland gekommen ist. Glieder der Gemeinde zu Ephesus
würden sich heute nachmittag und abend vor dem Kino hier
nebenan treffen und den Menschen, die stundenlang vor dem
Kino herumlungern, in Einzelgesprächen auf den hinweisen,
der ihrem Leben eine neue Zielrichtung geben will, wie es
auch der beste Film nicht geben kann. Die Epheser würden es
uns einfach nicht abnehmen, wenn wir ihnen sagen würden, daß
das Wirtshaus und der Fußballplatz und das Kino dem Teufrel
gehören. Sie würden uns im Gegenteil zurufen:
Jesus Christus ist überall da Sieger und Herr, wo er von uns
verkündigt wird.
Nein, nein, wo unser Männerdienst oder unsere Frauenhilfe
oder unser Jugendkreis, wo die Gemeinschaft und der EC nur
in Frömmigkeit machen und den Auftrag an die Welt, an diese
so böse erscheinenden Welt, vergessen, da können sie alle
miteinander einpacken. Niemals kann dann von
"unseren Werken und von unserer Arbeit und von unserer
Geduld,"
geredet werden.
Unser Text sagt also, daß die Gemeinde in Ephesus kein
frommer selbstgenügsamer Verein ist, sondern eine Gemeinde
mit einem klaren und deutlichen Auftrag an die Welt. Diese
Gemeinde wird von dem Auftrag mitten in diese Welt hinein in
Bewegung gesetzt.
Aber noch ein anderes wird von dieser Gemeinde rühmend
hervorgerufen. Bei aller Weltoffenheit, bei allen Vorstoßen
in die Welt hinein, achtet sie darauf, daß auch im Innern,
in ihrer eigenen Mitte, der Geist herrscht, der in einer
christlichen Gemeinde herrschen soll:
"Ich weiß, daß du die Bösen nicht tragen kannst und hast
versucht die, die da sagen, sie seine Apostel und sind es
nicht, und hast sie als Lügner erfunden."
Weltoffenheit der Kinder Gottes bedeutet aber auf keinen
Fall, daß wir unsere Kirchentüren weit aufreißen und sagen:
Immer nur hereinspaziert, es ist noch viel Platz vorhanden!
So geht das in der Tat nicht, denn es gibt nur eine Tür zur
Gemeinde, diese Tür itst die VERGEBUNG UNSERER SCHULD durch
unseren Herrn und Heiland Jesus Christus.
Wir können nur eines tun, das wir die Menschen auf diese Tür
hinweisen und ihnen bezeugen, daß wirklich und wahrhaftig
diese Türe für alle offen steht. Keiner ist so schlecht und
keiner ist so tief gefallen, daß ihm nicht zugerufen werden
kann:
"Dir sind deine Sünden vergeben!"
Alle sind wir jeden Tag aufs neue dazu eingeladen, durch
diese Túr zu gehen und uns frei und fröhlich machen zu
lassen. Wer allerdings versucht auf eine andere Weise in die
Gemeinde zu gelangen, ist an einem falschen Platz. Und wir
haben allen Grund als eine christliche Gemeinde darauf zu
achten, daß niemand in der Gemeinde ist, der nicht durch
dieses Tor hereingekommen ist. Manches Unheil ist schon von
solchen Menschen in der Gemeinde angerichtet worden. Hüten
wir uns vor solchen Menschen, die durch eine falsche Tür in
die Gemeinde gelangten und nun sie zu zerstören versuchen.
Eine langjährige Erfahrung mahnt geradezu auch uns hier, auf
der Hut zu sein. Möchte es doch auch in Zukunft von uns
genauso heißen wie es von den Ephesern heißt:
"Du hast die Bösen nicht getragen und hast geprüft die, so
da sagen, sie seien Apostel und sind es nicht, und hast sie
als Lügner erfunden."
Wer nicht durch dieses Tor der Vergebung der Schuld in die
Gemeinde hineinkommen will, gehört überhaupt nicht zur
Gemeinde, auch wenn er seine Kirchensteuer bezahlt hat. Es
ist einfach nicht wahr, was während des Nationalsozialismus
der Reichsbischof Müller in einem Gottesdienst in Essen
gesagt hatte, daß im letzten Grunde jeder anständige
Deutsche zur christlichen Gemeinde gehört. Gott sei Dank,
hat es auch damals unter uns eine christliche Gemeinde
gegeben wie wuch in Ephesus, die solche Lügenapostel
hinausgeworfen haben aus der Gemeinde Jesu Christi.
Wir haben bis jetzt den Eindruck erhalten, daß die Gemeinde
zu Ephesus nach innen und außen eine geordnete Gemeinde
gewesen ist, an der man nichts aussetzen kann. Sie achtet
auf die Reinheit der Lehre und der Verkündigung und vergaß
auch nicht den Auftrag an die Welt. Und es erschüttert uns
jetzt, daß es von ihr heißt in unserem Text:
"Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe lässest!"
Es sieht so aus, als ob wir ein wenig im Dunkeln tappen
müssen beim Lesen dieses erschütternden Wortes. Was wir
bisher gehört haben, war ganz klar. Was aber bedeutet jetzt
ERSTE LIEBE und was bedeutet es, wenn die Epheser die ERSTE
LIEBE verlassen?
Das eine ist jedenfalls klar, daß trotz aller äußeren und
inneren Ordnung etwas doch nicht in Ordnung ist. Dieses
furchtbare Urteil
"Ich habe doch etwas gegen dich, du Gemeinde zu Ephesus."
wird nicht von irgedneinem Menschen gesprochen, ebenso wenig
war die Feststellung der inneren und äußeren Ordnung der
Gemeinde zu Ephesus von irgendeinem Menschen gemacht worden,
sondern:
"das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten,
der da wandelt mitten unter den 7 Leuchtern."
Dieses wohlmeindende, aber dann auch furchtbare Urteil wird
ausgesprochen von dem, der der Herr der Kirche ist, Jesus
Christus.
Das will uns doch auch Johannes deutlich machen, indem er
ein wenig den Vorhang beiseite schiebt und uns in den
Lichtglanz der Herrlichkeiut des Sohnes Gottes stellt. Er
will uns doch sagen:
Jesus Christus hält und trägt das Leben der Gemeinde und das
Leben der Jünger.
Wo seine Herrlichkeit hineinstrahlt, da kommt aber auch die
Dunkelheit und jedes Versagen an das Licht. Und es ist schon
ein abgrundtiefes Versagen in der Gemeinde zu Ephesus
vorhanden, wenn es heißt:
"Ich habe gegen dich, daß du die erste Liebe verlässest."
Was kann das schon anderes sein, als daß diese so wunderbare
und intakte und geordnete Gemeinde vor aller Geschäftigkeit
und Betriebsamkeit den Mittelpunkt ihres Glaubens vergessen
hat, die Liebe Gottes, die sich unser erbarmte, die Liebe
Gottes, die sich am Kreuz auf Golgatha in der höchsten
Vollendung zeigte, als der Sohn Gottes rief:
"Es ist vollbracht!"
Christsein bedeutet niemals mehr oder weniger haben zu
wollen, als das, was Jesus Christus uns durch sein Leiden
und Sterben erworben hat, das Angenommenwerden vom Vater im
Himmel durch die Vergebung unserer Schuld.
Das ist also möglich, daß eine Gemeinde sauber achtet auf
eine reine Lehre und Verkündigung und doch verworfen wird,
weil sie meint, sie habe die Vergebung der Schuld nicht mehr
nötig.
Bo Giertz, der schwedische Bischof, hat in einer Erzählung
in treffenden Worten diese Liebe Gottes, die sich in der
Vergebung unserer Schuld zeigt, das HERZ ALLER DINGE
genannt. Wenn diese Liebe Gottes in einer Gemeinde nichts
mehr gilt, ist alle Betriebsamkeit und auch alle
Frömmigkeit, dann ist Innere wie Äußere Mission und jede
Evangelisation, dann ist die reine Lehre und der
wunderbarste und herrlichste Kirchentag sinn- und zwecklos.
Nun dürfen wir, Gott sei Lob und Dank, wissen, daß der, der
vor uns steht und unsere Hohlheit und unser Versagen
aufdeckt, der ist, der nicht unser Verderben will, sondern
ausschließlich und allein unser Heil.
Er ruft uns zurück zu der Mitte unseres Glaubens:
"Gedenke, wovon du abgefallen bist und kehre wieder um!"
Er ruft uns zu:
Denke daran, daß am Anfang deines Christenstandes, daß in
der Mitte deines christlichen Lebens und am Ende deines
Christseins, die Liebe Gottes zu dir das Wichtigste sein
darf und sein muß, das du nämlich leben darfst vom Geschenk
der Vergebung aller deiner Sünden durch Jesus Christus.
Nur eine Gemeinde, die davon weiß und davon lebt, kann in
rechter Weise Ordnung nach innen und außen schaffen und den
Auftrag an die Welt ausführen.
Gott, der Herr, schenke uns das Herz aller Dinge, die
Vergebung unserer Schuld und mache uns willig, seine Zeugen
mitten in der ungläubigen Welt zu sein.