Kirchenjahr 1953/54 - 26 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:04/07/1954
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Grabschental, 31. Oktober 1955
Meroú, 17. August 1958
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:3. Sonntag nach Trinitatis 1954
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Hesekiel 18, 21 - 24
Skopus: Gott, der Herr, vergibt
Kirchenjahr 1953/54 - 26 - Hesekiel 18, 21 - 24
"Wo sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden,
die er getan hat, und hält alle meine Rechte und tut recht
und wohl, so soll er leben und nicht sterben. Es soll aller
seiner Übertretung, so er begangen hat, nicht gedacht
werden; sondern er soll leben um der Gerechtigkeit willen,
die er tut. Meinest du, daß ich Gefallen habe am Tode des
Gottlosen, spricht der Herr Herr, und nicht vielmehr, daß er
sich bekehre von seinem Wesen und lebe?
Und wo sich der Gerechte kehrt von seiner Gerechtigkeit und
tut Böses und lebt nach allen Greueln, die ein Gottloser
tut, sollte der leben? Ja, aller seiner Gerechtigkeit, die
er getan hat, soll nicht gedacht werden; sondern in seiner
Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben."

Wir haben munseren Text gehört und dabei wird uns ein Vers
besonders wichtig und deutlich, der wie ein heller
Sonnenstrahl sich durch alle Verse hindurchzieht:
"Meinest du, daß ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen,
spricht der Herr und nicht vielmehr, daß er gehorsam sei und
lebe?!"
Ohne diesen Vers wären alle anderen Verse nicht zu verstehen
oder lägen in einer Trostlosigkeit sondergleichen vor uns.
Was wären wir doch für arme Menschen, wenn am Anfang unseres
Lebens, wenn vor uns, nicht der Gott stünde, der als unser
Vater im Himmel uns seine liebenden Arme ausstreckte. Das
weiß der Prophet Hesekiel. Er gehört ja zum auserwählten
Volk, zu dem Gott einst gesagt hat:
Du bist mein!
Ist nicht die ganze Geschichte Gottes mit uns Menschen eine
Geschichte seiner Liebe bis auf den heutigen Tag gewesen?
Nichts anderes war es gewesen, was Gott dazu bewogen hatte,
den Heiden Abraham zu sich zu rufen, um ihn zu seinem Volke
zu machen? Gottes Liebe war es gewesen, die sein Volk aus
der Knechtschaft Ägyptens herausrettete und in das
versprochene Land führte? Und wir als Christen wissen es
noch besser als der Prophet, daß Gottes Liebe sich in einer
unbeschreiblichen Weise an uns verschwendete, als sie Gottes
Sohn zu uns Menschen in Marsch setzte, um uns zu helfen.
Gottes Liebe zu uns, zu dir und zu mir, hat keine Grenzen.
Das gilt bis auf den heutigen Tag. Wissen wir das
eigentlich, die wir uns hier in unserem Gottesdienst
versammelt haben? Wissen wir, daß unsere persönliche
Lebensgeschichte ebenfalls eine Geschichte des Wohlgefallens
Gottes zu uns gewesen ist? Wenn wir das bisher noch nicht
geglaubt oder gewußt haben, so dürfen wir es heute in dieser
Stunde aufs neue vernehmen:
Gott hat uns lieb. Er will immer das Beste für uns.
Und wenn nun die Frage unseres Textes an uns lautet:
"Meinest du, daß Gott Gefallen an deinem Tode hat?"
so dürften wir wie aus einem Munde antworten:
Nein, nein, und nochmals nein, Gott will, daß wir leben!
Ohne diese Hand Gottes, die sich gütig und erbarmend und
verzeihend nach uns ausstreckt, wären wir die ärmsten
Kreaturen.
Wenn es schon im allgemeinen Leben als unanständig und
anstößig gilt, wenn wir ein Geschenk erhalten und es noch
nicht einmal für nötig erachten, ein fröhliches Danke-schön
zu sagen, wievielmehr sollte es selbstverständlich sein, daß
wir unserem Vater im Himmel für seine unaussprechliche Gabe
im Gehorsam zu ihm unseren ganzen Dank zum Ausdruck bringen.
Darüber sind wir uns doch einig, daß nur der danken kann,
der auch etwas geschenkt bekommen hat.
Aber könnte es auf der Erde je einen Menschen geben, könnte
es auch nur einen Menschen unter uns geben, der von sich
behaupten müßte:
Gott hat mich nicht lieb; Jesus Christus ist nicht für mich
und für meine Schuld am Kreuz auf Golgatha gestorben; Jesus
Christus hat mir meine Schuld nicht vergeben!?
Wer wollte das von uns behaupten, die wir doch miteinander
auf die Frage:
"Meinest du, daß Gott Gefallen an deinem Tode hat?"
antworteten:
Nein, nein und abermals nein, Gott will, daß wir leben1
Es gilt schon und das wollen wir ja nicht vergessen, Gott
will unser Heil, er will, daß wir leben, als seine
Geschöpfe, als seine Menschen.
Wir werden durch unseren Text auch nicht im Unklaren
gelassen, was Gott unter Dank, den er als der Geber aller
guten Gaben von uns erwartet, meint und versteht. Der Dank,
den er von uns erwartet, ist unser Gehorsam.
Ist das aber so etwas Furhtbares, wenn Gott von uns unseren
Gehorsam erwartet? Eigentlich ist es eine
Selbstverständlichkeit, denn Gottes Geschenk an uns öffnet
unseren Mund zum Dank, macht unsere Füße und Hände flink zum
Gehorsam. Mit seiner Gabe schenkt uns Gott so immer auch die
Möglichkeit, ihm gehorsam zu sein.
Aber leider hat es Hesekiel, der Prophet, in seinem Volk
erfahren müssen, daß trotz aller Guttaten Gottes, die das
Volk gern entgegennahm, es seinen Mund verschlossen hielt
und nicht dankte und auf den Gehorsam pfiff. Leider, leider,
ist das auch bei uns frommen Christen immer wieder zu
beobachten, daß wir alles, was Gott für uns bereithält, wohl
gern empfangen, aber danken, aber gehorsam sein, das tun,
was er von uns erwartet, nein, das paßt uns eben nicht, dazu
haben wir keine Lust, keine Zeit und auch kein Geld. Das
alles fällt uns lästig.
Wißt ihr, wie unser Text die Menschen nennt, die gern ihre
Hand Gott entgegenstrecken, damit er sie fülle, aber dann
das Danken vergessen, aber dann den Gehorsam ihm
vorenthalten? Hesekiel nennt diese Menschen böse oder
gottlos.
Wenn es nun in dem Verse heißt:
"Wenn sich aber der Gottlose bekehre von allen seinen
Sünden, die er getan hat und hält alle meine Rechte und tut
recht und wohl, so soll er leben und nicht sterben.",
dann sind damit micht die Menschen gemeint, die wir
schlechthin als die Heiden bezeichnen, die nicht zur Kirche
kommen, die verächtlich auf die Gemeinde Jesu Christi
schauen, sondern mit gottlos und böse sind die Kinder Gottes
gemeint, die alles, was Gott in seiner Liebe anbietet, wohl
annehmen, aber ihm den Gehorsam, den sie ihm schuldig sind,
verweigern. Wenn das so ist, dann sind wir ja alle hier im
Gottesdienst gemeint, wir, die wir fromm sein wollen, die
uns unsere Sünden immer haben vergeben lassen.
Wie ist das mit unserem Gehorsam?
Sind wir nur fromme Christen, wenn wir in den Gottesdienst
oder in die Gemeinschaftsstunde gehen, wenn wir unsere Hände
falten oder unser Gebet sprechen?
Was aber machen unsere Hände außerdem noch, zu Hause, beim
Einkaufen oder bei der Arbeit? Tun sie das, was Gott von
ihnen im Verhältnis zu unseren Mitmenschen erwarten? Was
macht unser Mund, wenn er nicht gerade betet oder ein Gebet
nachspricht?
Ist er bereit zu einem guten Wort, zu dem Gott gerade uns
ruft, um einen anderen Menschen zu trösten oder für die
Wahrheit einzutreten?
Wir haben doch für unseren Mund nicht von Zeit zu Zeit
religiöse Sprechstunden eingerichtet?! Was machen unsere
Gedanken und Gefühle? Haben wir dafür nur bestimmte
Weihestunden für Gott bereitet? Aber was tun sie, wenn die
Weihestunde vorbei ist?
Furchtbar in den Augen Gottes sind wir, wenn wir für ihn nur
gewisse Sprechstunden eingerichtet haben. Es braucht sich
niemand einzubilden, daß solch eine frommes
Sprechstundenchristentum der Dank ist, der Gehorsam, den
Gott von uns erwartet.
Dank und Gehorsam gegen Gott bedeutet immer, zu allen Zeiten
Gottes Willen erfahren und hingehen und ihn tun.
Wer von uns müßte nicht erröten, wenn wir nach unserem
Gehorsam Gott gegenüber gefragt werden?
Damals zur Zeit des Hesekiels, wie heute bei uns, kommt es
nur zu oft vor, daß wir Gott den Gehorsam aufkündigen und
damit dann im Sinne des Propheten auch zu den Bösen und
Gottlosen gehören.
Läßt uns Gott in einer solch furchtbaren Lage allein? Es
kann durchaus einmal sein, daß er dann auch wirklich nichts
nach uns fragt, aber noch dürfen wir es hören, daß er uns
doch nicht allein in unserem Ungehorsam herumpfuschen läßt,
sondern daß er uns sein Wort dennoch schenkt, uns
Sprechstundenchristen.
Der Prophet ruft in unserem Text die ungehorsamen
Gotteskinder zur Bekehrung auf. Wir sind uns durchaus
bewußt, daß wir mit dem Stichwort BEKEHRUNG ein heißes Eisen
anfassen und leicht dadurch innerhalb der Gemeinde eine
Unruhe entstehen kann. Da sind die einen, die bei der
Erwähnung des Wortes Bekehrung wie mit einer Nadel gestochen
aufspringen und abwehrend die Hand ausstrecken; nein, damit
wollen wir nichts zu tun haben; davon haben wir durch manche
schlechten Erfahrungen in der Kirchengeschichte die Nase
voll; nein, damit wollen wir nichts zu tun haben.
Während den anderen Christen bei der Erwähnung des Wortes
Bekehrung die Herzen wirklich höher schlagen und sie gern in
dieses Wort alles das hineinlegen möchten, was ihr Glaube
ausmacht.
Aber hier in unserem Text geht es dem Prophet Hesekiel nicht
um eine dogmatische Abhandlung über die Bekehrung, über das
Fúr und Wider, sondern es bleibt dabei, Hesekiel ruft in der
Tat uns ungehorsame Gotteskinder, uns Christen, zur
Bekehrung auf. Wer will mag sich daran stoßen. Aber wir
können diesen Ruf:
"Bekehret euch!"
nicht beiseite schieben, nicht ernst genug nehmen.
Allerdings müssen wir auch genau hinhören, was Hesekiel mit
dem Aufruf zur Bekehrung eigentlich meint:
"Wo sich aber das ungehorsame Kind Gottes bekehrt von seinem
Ungehorsam, den es sich geleistet hat und wird nun gehorsam
und tut meinen Willen und recht und wohl, so soll er leben
und nicht sterben."
Das ist der Sinn unseres Verses. So lautet also der Aufruf:
Laßt, ihr ungehorsamen Christen endlich euren Ungehorsam
fahren und werdet gehorsam und tut das, was euer Herr von
euch erwartet.
Der Ruf unseres Propheten Hesekiel zur Bekehrung, der Ruf:
Bekehre dich!
ist also ein Ruf zum Gehorsam.
Wo also je der Ruf zur Bekehrung erschallt, da werden wir
aufgefordert, von nun an Gottes Willen zu erfüllen, uns auf
seinen Befehl hin in Marsch zu setzen, ihm endlich, aber
auch endlich, durch unser Handeln ihm zu danken für das, was
er uns in der Vergebung unserer Schuld geschenkt hat. Merken
wir es, wie nötig auch unter uns und in unseren Tagen der
Ruf an uns, die als Christen, als Gotteskinder, nicht
gehorsam sein wollen, ist:
Bekehret euch endlich von eurem Ungehorsam zum Gehorsam.
Stellt euch selbst in den Dienst des Herrn! Laßt euch von
eurem Jüngersein nicht beurlauben!
Es gibt nämlich keinen Urlaub von unserem Gehorsam.
Einem Menschen, der sich durch Gottes Gabe täglich neu zur
Bekehrung, zum Gehorsam gegen Gott, aufrufen läßt, der von
der Möglichkeit Gebrauch macht, Gott gehorsam zu sein, der
darf die Gewißheit haben, daß sein Ungehorsam, der hier und
da wieder zum Vorschein kommt, vergeben wird:
"Es soll aber seiner Übertretung, so er begangen hat, nicht
gedacht werden, sondern er soll leben um seiner Dankbarkeit
willen, die sich im Gehorsam zeigt."
Wir haben es sicher schon gemerkt, daß Hesekiel hier keine
Bekehrung kennt, die die Gotteskindschaft erst schafft, die
einen Menschen erst zum Christen macht, sondern der Ruf zur
Bekehrung gilt Menschen, die bereits Gottes Kinder sind, die
aber nicht gehorsam sein wollen, die Gottes Willen in den
Wind schlagen und nun durch den Ruf zur Bekehrung von ihrem
Ungehorsam zum Gehorsam gerufen werden. Hesekiel weiß, daß
unser Glauben, unsere Gotteskindschaft, nur einer schaffen
kann, Gott selbst. Wie wollten wir uns anmaßen, durch unser
Handeln unser Heil zu schaffen. Nein, das dürfen wir als
Christen niemals vergessen, unser Heil schaffen wir uns nie
selbst, auch nicht in einer falsch verstandenen Bekehrung,
sondern unser Heil schafft Gottes Sohn selbst. Und ihm ist
dieses Werk wahrlich schwer genug geworden, so schwer, daß
er am Kreuz stöhnend ausrufen mußte:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!"
Wir dürfen Christi Werk nicht schmälern. Wir wollen nicht
vergessen, was Hesekiel gesagt hat:
"Meinest du, daß Gott gefallen hat am Tode des Menschen?"
und uns damit erinnern lassen, daß unser Heil ausschließlich
in Gottes Erbarmen und Liebe liegt.
Wir wollen aber auch nicht den Ruf überhören, wir, für die
Jesus Christus gestorben ist und das Heil erworben hat. Wir
wollen so den Ruf zur Bekehrung nicht überhören, damit wir
endlich dankbar werden und diesen Dank im Gehorsam gegen
Gott zum Ausdruck bringen und seinen Willen tun.