Kirchenjahr 1953/54 - 23 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:30/05/1954
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Exaudi 1994
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:1. Mose 11, 1 - 9
Skopus: Turmbau zu Babel
Kirchenjahr 1953/54 - 23 - 1. Mose 11, 1- 9
"Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Da sie
nun zogen gen Morgen, fanden sie ein ebenes Land im Lande
Sinear, und wohnten daselbst. Und sie sprachen
untereinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und
brennen! und nahmen Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk und
sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen,
des Spitze bis an den Himmel reicht, daß wir uns einen Namen
machen! denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da
fuhr der Herr hernieder, daß er sähe die Stadt und den Turm,
die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe,
es ist einerlei Sprache unter ihnen allen, und haben das
angefangen zu tun; sie werden nicht ablassen von allem, was
sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasset uns
herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirreen, daß
keiner des anderen Sprache verstehe! Also zerstreute sie der
Herr von dort in alle Länder, daß sie mußten aufhören die
Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name BABEL, daß der Herr
daselbst verwirrt hatte aller Länder Sprache und sie
zerstreut von dort in alle Länder."

Seien wir einmal ganz ehrlich, diese Menschen, die da in
unserer Geschichte uns vor die Augen gemalt wurden, haben
doch unsere volle Sympathie. Sie haben doch keine böse Tat
getan. Da ist kein Mord und kein Diebstahl und auch kein
Ehebruch passiert, sondern diese Menschen werden uns
geschildert als solche, die die Hemdsärmel aufkrempeln und
ran an die Arbeirt gehen.
Als Menschen, die aus irgendwelchen Gründen auf der
Wanderschaft gewesen waren, haben sie nun einen Ort
gefunden, wo es ihnen gefällt, wo sie seßhaft werden wollen.
Und eben hatten sie ihre Zelte aufgebaut, da begannen schon
die Besprechungen darüber, wie an diesem Orte alles einmal
werden sollte.
Wenn wir diese Leute so beobachten, wie sie kräftig
zupacken, um etwas Neues zu schaffen, dann möchten wir wohl
am liebsten mit unsere Hände anlegen. Es ist fast so, als ob
gerade wir den Ruf, der da erklingt, so hören, als gelte er
uns:
"Wohlan, lasset uns Ziegel herstellen!
Wohlan, lasset uns eine Stadt und einen Turm bauen!"
Was wäre hier aus dem Westen geworden, wenn nicht sofort
nach dem Zusammenbruch, Mánner und Frauen wieder an die
Arbeit gegangen wären. um aus den Trümmern ein Neues zu
schaffen. Das ist schon so, daß uns die Menschen viel lieber
sind, die nicht resignieren und alles laufen lassen, wie es
läuft, sei es im eigenen Leben oder in der Familie oder sei
es im eigenen Volk, sondern die tüchtig anfassen.
Eine herrliche Freude also ist es, diesen Menschen bei ihrer
Arbeit zuzuschauen, sie gleichen einem rastlosen
Ameisenhaufen.
Unser Text sagt uns nicht, daß das, was sie da tun, etwas
ist, woran wir in irgendeiner Weise Anstoß nehmen könnten.
Wer von uns wollte es behaupten, da Ziegel brennen, daß
Häuser und Türme bauen Sünde sei? Von unserer Seite gäbe es
nur ein Urteil über diese Menschen:
Macht nur so weiter, dann wird schon alles in Ordnung gehen,
dann werdet ihr es schon schaffen, dann werdet ihr euch und
euren Kindern bessere und herrlichere Zeiten bereiten.
Dieses Urteil werden wir auch deshalb so leicht und so gern
sprechen, weil wir uns ja doch im letzten Grunde als solche
Menschen wieder erkennen möchten, die ebenfalls bei der
Arbeit sind, die ebenfalls den Ruf und die Aufforderung
mitgesprochen haben:
"Wohlan, laßt uns an die Arbeit gehen!"
Aber merkwürdig, Gott ist mit unserem Urteil gar nicht
zufrieden, ja, noch mehr, er fragt uns überhaupt nicht nach
unserem Urteil über das, was dort in emsiger Arbeit
geschieht. Und dabei meinten wir doch, daß Gott sich darum
garnicht kümmert, daß er uns nach unserem Gutdünken arbeiten
läßt. Ehe führen und Kinder erziehen und über unsere freie
Zeit verfügen läßt, daß er uns die Politik machen läßt.
Meinten wir nicht, daß das unsere ureigenste Sache wäre, was
wir in unserem Leben tun oder nicht tun? Meinten wir nicht,
daß das genug wäre, wenn wir Gott da hineinreden lassen,
worin wir ihn reinreden lassen möchten, am Sonntagmorgen
etwa oder vielleicht in einer anderen besinnlichen Stunde.
Unsere Geschichte sagt aber, daß er damit nicht zufrieden
ist, sondern daß er sich auch um die einfachen Dinge unseres
Lebens kümmert, daß wir alles, was wir sind und haben, ihm
verantworten müssen. Gott nimmt unser ganzes Tun unter seine
Augen, nichts kann ihm verborgen bleiben, auch wenn es vor
Menschen nicht offenbar wird, Gott, der Herr, schaut mit
seinem Auge in alle Winkel unseres Lebens, in all das
hinein, was wir tun und schaffen:
"Da fuhr der Herr hernieder, daß er sähe die Stadt und ihren
Turm, die die Menschenkinder bauten."
Wie lautet sein Urteil zu dem, was die Menschen da bauen?
Ich habe ich keinen Auftrag dazu gegeben!
Darauf kommt es im Leben eines Menschen an, das er bereit
ist, das zu tun, was Gott ihm befiehlt. Gott erwartet von
uns Menschen in allen Dingen, jawohl, in allen
Entscheidungen unseres Lebens, in allen Stunden unseres
Lebens, unseren Gehorsam.
Die stolzeste Stadt, die gebaut wird und das wichtigste
Gebäude, das entsteht, die größte und stärkste Wehrmacht,
die aufgestellt wird, mit den besten Waffen der Welt, sind
Ungehorsam, wenn das Geschehene und Aufgebaute nicht Gottes
Willen entspricht.
Wir wissen nicht, was Gott zu unserem sogenannten
Wirtschaftswunder der letzten Jahre sagen wird, aber fragen
lassen müssen wir uns:
Ist alles das, was bisher bei uns geschehen ist, wirklich
Gottes Wille gewesen? Ist all das, was wir in der
vergangenen Woche getan oder nicht getan haben, Gottes Wille
gewesen? Waren wir Gott gehorsame Menschen?:
"Da fuhr der Herr hernieder, daß er sähe die Stadt und ihren
Turm, die die Menschenkinder bauten!"
Wo Gott einen Blick tut in unser Tun und Handeln, da wird es
deutlich, ob dieses Tun oder Handeln rechter Gehorsam auf
einen Befehl Gottes ist, oder ob unser Tun und Handeln
danach ausgerichtet war, was wir selbst wollten.
In unserem Text kommt dieses ganz klar zum Ausdruck durch
die eigene Aufforderung zum Tun. Da heißt es nämlich nicht,
Gott hat befohlen, die Ziegel zu brennen, eine Stadt und
einen Turm zu bauen, sondern es heißt:
"Laßt uns bauen!"
Man hat sich die Parole zum Tun selbst gegeben oder hat sie
sich von irgendwoher geben lassen. Alle Programme dieser
Welt, alle Programme der Parteien, alle Programme der
Vereine und alle Programme der Kirche, haben es in sich, daß
sie Selbstaufforderungen sind:
Laßt uns bauen! Laßt uns sorgen! Laß es uns ausprobiern!
Laßt uns unsere ganze Kraft zusammennehmen! Laßt uns dies
und laßt uns jenes tun!
Gott aber erwartet keine Selbstaufforderung, kein Programm,
sondern er erwartet Gehorsam von uns gegenüber seinem
Willen.
Wir Menschen lassen uns allerdings nicht so leicht von
unseren einmal beschriebenen Wegen abbringen. Wir möchten
das, was wir einmal angefangen haben, auch vollenden. Wir
möchten mit unserem Planen einmal auch ans Ziel kommen,
davon lassen wir uns nicht so leicht abbringen. Wie sagt es
selbst Gott von uns?!:
"Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter
ihnen allen, und haben das angefangen zu tun; sie werden
nicht ablassen von allem, was sie sich vorgenommen haben zu
tun."
Warum lassen wir uns von unseren Zielen nicht so schnell
abbringen? Warum können wir dabei sogar sehr fanatisch
werden? Unser Wort macht deutlich, daß all unser Tun, das
keine Antwort auf Gottes Auftrag ist, daß all unser Tun, das
wir vollziehen als Antwort auf unser Planen, im eigentlichen
Sinne dazu dient, uns einen hohen Namen zu erwerben, uns
etwas zu erhaschen, was Gott allein zusteht:
"Und sie sprachen: Wohlan, laßt uns eine Stadt und einen
Turm bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reiche, damit
wir uns einen Namen machen."
Alles, was von uns nicht getan wird als Gehorsam gegenüber
Gottes Auftrag, wird von uns getan zu unserer eigenen
Selbstverherrlichung. Aller Stolz ist Ausdruck solch einer
Selbstverherrlichung:
"Daß wir uns einen Namen machen!"
Was brauchen wir überhaupt noch Gott? Seht einmal, wir
schaffen ja alles aus eigenen Kraft. Wir haben Gott garnicht
nötig. Ja, es ist jedem Streben nach Ehre und Ruhm und Macht
der feste Wille, Gott von seinem Throne zu stürzen und sich
selbst auf diesen Thron zu setzen. Alles ungehorsame Tun
führt zur Verherrlichung des eigenen Namens, aber wir wissen
es noch von den 10 Geboten her, daß allein dem Namen Gottes
Ehre und Ruhm gebürt. Gottes Namen soll groß werden. Gott
wacht eifersüchtig darauf, daß ihm das nicht vorenthalten
wird, was ihm allein gebührt. Wo er seine Ehre , wo er
seinen Namen, durch uns mißachtet sieht, da greift er mit
einer harten Hand ein:
"Wohlauf, lasset uns herniederfahren und ihre Sprache
daselbst verwirren, daß keiner des anderen Sprache verstehe!
Also zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, daß
sie mußten aufhören die Stadt zu bauen."
Jetzt wird es uns vielleicht auch deutlich, warum wir
Menschen uns auf dieser Erde gar nicht mehr verstehen
können? Warum die vielen Sprachen , die uns soviel Mühe
machen und das gegenseitige Mißverstehen so bitter werden
lassen? Warum die vielen Mißverständnisse selbst in der ein-
und selben Sprache, sodaß wir die selben Worte sagen und
doch alle etwas anderes meinen?
Warum?
Weil Gott durch diese Sprachenverwirrung ein Zeichen
aufgerichtet hat, daß es dabei bleibt, das nicht dem
Menschen Ehre zukommt, sondern allein ihm, dem wahren Gott
und daß er mit einem eisernen Willen darüber wacht, daß
seine Ehre nicht angetastet wird.
Der Chor der Lobgesänge auf den Menschen und auf seine Macht
und Größe muß verstummen, darum die Sprachverwirrung, darum
das gegenseitige Nichtmehrverstehen, darum der Abbruch des
zügigen Baues der Stadt und des Turmes,
"also zerstreute sie dr Herr von dort in alle Winde, daß sie
mußten aufhören, die Stadt zu bauen."
So ist die Sprachenverwirrung eine Wegweisung weg von allem
eigenmächtigen Tun in unserem Leben, hin zum Gehorsam
gegenüber Gottes Willen.
Unsere Geschichte ist eine Geschichte, die sich heute noch
täglich in unserem Leben und im Leben der Völker ereignet.
Denken wir doch daran, wie während des Nationalsozialismus
das deutsche Volk sich selbst verherrlichte, mit einer
Einheitszunge seine Werke und Taten und seine Größe rühmte
und wie Gott dazwischenfuhr und auch eine Sprachverwirrung
unter uns schaffte und uns nun verhinderte, mit der gleichen
Zunge Deutschland zu loben und zu preisen. Denken wir an die
Sprachverwirrung allein zwischen dem Osten und dem Westen.
Wir verstehen uns hüben und drüben nicht mehr. Wir sprechen
die gleichen Worte und meinen doch etwas anderes. Gott hat
ein Zeichen dadurch mitten in unserem Volk gestellt:
Mir allein gebürt jeglicher Ruhm und jegliche Ehre.
An einer Stelle allerdings ereignet sich hier und da, daß
Menschen sich wieder verstehen, und zwar in der Gemeinde
Jesu Christi. Es ereignet sich, daß Menschen wieder
gemeinsam den Mund öffnen, aber nicht zur Verherrlichung des
menschlichen Namens, sondern zur Verherrlichung des Namens
Gottes. Es geschieht da, wo Gott seinen Heiligen Geist
schenkt, der Menschen willig macht, Gott gehorsam zu sein
und ihm allein die Ehre zu geben.
So brauchen wir unsere Predigt nicht mit dem Gericht Gottes
in der Sprachverwirrung,in dem Sichnichtmehrverstehen,
schließen, sondern darf ausschauen auf das, was uns Gott mit
seinem Heiligen Geist schenken will, auf das wir wieder alle
eins werden im Lobpreis des Namens Gottes, Gott, der Herr,
schenke uns diesen seinen Heiligen Geist!