Kirchenjahr 1953/54 - 16 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:08/04/1954
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:5. Passionsandacht 1954
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Matthäus 27, 15 - 22
Skopus: Jesus oder Barrabas
Kirchenjahr 1953/54 - 16 - Matthäus 27, 15-22
"Auf das Fest aber hatte der Landpfleger die Gewohnheit, dem
Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. Er
hatte aber zu der Zeit einen Gefangenen, einen sonderlichen
vor anderen, der hieß Barabbas. Und da sie versammelt waren,
sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr, daß ich euch
losgebe? Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei
Christus? Denn er wußte wohl, daß sie ihn aus Neid
überantwortet hatten. Und da er auf dem Richtstuhl saß,
schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts
zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel
erlitten im Traum seinetwegen. Aber die Hohenpriester und
die Ältesten überredeten das Volk, daß sie um Barabbas
bitten sollten und Jesus umbrächten. Da antwortete nun der
Landpfleger und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr unter
diesen zweien, den ich euch soll losgeben? Sie sprachen:
Barabbas. Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen
mit Jesu, von dem gesagt wird, er sei Christus? Sie sprachen
alle: Laß ihn kreuzigen!"

Nur noch wenige Tage trennen uns von dem tiefsten Ereignis
der ganzen Weltgeschichte, von dem Ereignis, da das Kreuz
auf dem kleinen Hügel aufgerichtet wird, an dem der Sohn
Gottes hängt, ein Spott der Menschen. Das ist doch das
Besondere der Passionszeit, daß über all den Geschichten und
Erzählungen, die wir in dieser Zeit hören und die wir lesen
und verkündigen, das KREUZ steht.
Auch unsere heutige Geschichte spielt sich sozusagen im
Schatten des Kreuzes ab. 2 Menschen stehen im Schatten
dieses Kreuzes. Jesus von Nazareth und Barabbas. Wir denken
ebenfalls daran, daß das Kreuz in der damaligen Zeit nichts
anderes war, als das Instrument, das einen Verbrecher, einen
Mörder etwa oder einen Dieb, der gerechten Strafe
überliefern sollte, dem Tode. Heute würde es vielleicht der
elektrische Stuhl sein oder der Galgen oder ein anderes
Mordinstrument. 2 Menschen stehen vor dem Kreuz: Jesus und
Barabbas. Was wollen sie dort? Staatliche römische und
jüdische religiöse Macht haben sie dort hingestellt. Ein
Entscheidung schwerster Art muß hier gefällt werden. Eine
Tatsache ist klar und eindeutig: Einer von den beiden,
entweder Jesus von Nazareth oder Mörder und Revolutionär
Barabbas hat sein Leben am Kreuz auszuhauchen. Warum ist
denn diese Entscheidung so notwendig? Liegt es nicht klar
auf der Hand, wer von den beiden ein Verbrecher ist, des
Todes schuldig? Daran kann und darf es keinen Zweifel geben,
ans Kreuz geschlagen werden mußte eigentlich der Mörder
Barabbas. Er ist für die Justiz ein klarer Fall, an dem
nichts mehr gerüttel werden kann. Aber nun gibt es für den
Mörder Barabbas eine Chance, an der wohlverdienten Strafe
vorbeizukommen. Die Möglichkeit ist allerdings für den, der
sie geschaffen hat, für den Statthalter Pontius Pilatus, nur
eine Verlegenheitshandlung. Pilatus steckt in einer
schwierigen Lage, daß da eben noch ein anderer Mensch vor
ihm steht, von dem die Juden sagen, er sei des Todes
schuldig. Er sieht aber, daß das nicht stimmt. Hier müssen
nach seiner Meinung Intrigen und Machenschaften eine Rolle
gespielt haben.
Es ist geradezu lächerlich, von diesem Jesus von Nazareth zu
behaupten, er sei der Messias, ein König, der seinem Herrn,
dem Kaiser, das jüdische Land wieder entreißen will.
Pilatus, das können wir glauben, hat schon seine Erfahrung.
Mit einem Blick übersieht er die ganze Lage und eben er
weiß:
Dieser Mensch ist unschuldig.
Doch kennt er gleichzeitig den Fanatismus des unterjochten
Volkes und er weiß, hier darf er auf keinen Fall unklug
handeln, denn sonst ist der größte Tumult da, den er als
Statthalter, über dem sowieso das Damoklesschwert der
Ungnade des Kaisers hängt, sich einfach nicht leisten kann.
So ist er auf den Gedanken gekommen, an die guten Instinkte
des Volkes zu appellieren, die, wie er meint, noch
unterscheiden können, wer von 2 Menschen, bei denen der eine
ein ganz klarer Fall ist, wer von den 2 Menschen der bessere
sei und wer auf Grund seiner Taten ans Kreuz gehört.
In der Planung des Pilatus ist Barabbas nur eine Figur, nur
eine Gestalt, die mit dazu beitragen soll, daß dieser Jesus
von Nazareth wieder auf freien Fuß gesetzt wird. Die Frage
des Pilatus an das Volk:
"Welchen wollt ihr, daß ich euch losgebe: Barabbas oder
Jesus?"
dient dazu, Jesus auf freien Fuß setzen zu können und den
Barabbas der gerechten Strafe zu übergeben.
Aber an der Person unseres Herrn und Heilandes wird die
Fragwürdigkeit aller menschlichen Instinkte und Meinungen
und Annahmen deutlich herausgestellt. Was ist schon Recht
und Gerechtigkeit? Was sind schon die Gebote und was
bedeutet schon die Moral, wenn es darum geht, diesen Jesius
von Nazareth zu vernichten, der der Messias ist. Wenn es um
Jesus Christus geht, dann sind sich alle, trotz seiner
Unschuld, einig, er muß sterben.
Es tritt das ein, was Jesus schon vorher mehrmals angedeutet
hatte. Er kommt zu den Seinen, zum Volke Gottes und die
Seinen nehmen ihn nicht auf.
Aus dem Munde derer, die zu Gott gehören wollten, hören wir
die Antwort auf die Frage:
"Jesus oder Barabbas?."
Wir hören die eindeutige Entscheidung:
"Wir wollen Barabbas!"
Dann ist auch der Schritt zum Rufe:
"Kreuzige ihn, kreuzige ihn!"
nicht mehr fern. Die, die zu Gott gehören wollen, sagen zu
einem Mörder JA und zum Sohne Gottes NEIN.
Können wir anderes erwarten, als daß Jesus alle diese
bittere Erfahrungen durchleiden muß: Judas hat ihn verraten,
Petrus ihn verleugnet, alle seine Jünger flohen in der
Stunde dr Gefahr, die Hohenpriester suchen ihn zu töten, die
Kriegsknechte nehmen ihn gefangen und um den Reigen derer
voll zu machen, die mithelfen, daß Jesus getötet wird,
schreit das ganze Volk:
"Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!"
Das ist die Tragik und die Entsetzlichkeit der ganzen
Passionsgeschichte, daß der ganze Chor der Menschheit bis
auf den heutigen Tag gegenüber Jesus von Nazareth nur eines
kennt, den Ruf:
"Kreuzige ihn!"
Das ist ja doch auch das, was uns in der Passionszeit in die
tiefe Buße führt, daß wir im Angesichte des Kreuzes
erkennen:
Auch wir sind mit dabei gewesen, als der Schrei erklang:
"Hinweg mit diesem!"
2 Menschen stehen im Schatten des Kreuzes und es geschieht
durch die Wut der Menschen die grauenvollste Verwechslung
aller Zeiten:
Der Mörder geht frei und lebendig davon, und der, der von
keiner Sünde wußte, muß seinen Weg bis zur Kreuzigung als
Verbrecher weiter fortsetzen, unsere Schuld, deine und meine
Schuld!