Kirchenjahr 1953/54 - 14 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:21/03/1954
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Oculi 1954
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Jeremia 26, 1- 15
Skopus: Bußpredigt des Propheten Jeremias.
Kirchenjahr 1953/54 - 14 - Jeremia 26, 1 - 15
"Im Anfang des Königreichs Jojakims des Sohnes Josias, des
Königs in Juda, geschah dies Wort vom Herrn und sprach: So
spricht der Heer: Tritt in den Vorhof am Hause des Herrn und
predige allen Städten Juda's, die da hereingehen, anzubeten
im Hause des Herrn, alle Worte, die ich dir befohlen habe
ihnen zu sagen, und tue nichts davon; ob sie vielleicht
hören wollen und sich bekehren, ein jeglicher von seinem
bösen Wesen, damit mich auch reuen möchte das Übel, das ich
gedenke ihnen zu tun um ihres bösen Wandels willen. Und
sprich zu ihnen: So spricht der Herr: Werdet ihr mir nicht
gehorchen, daß ihr in meinem Gesetz wandelt, das ich euch
vorgelegt habe, daß ihr hört auf die Worte meiner Knechte,
der Propheten, welche ich stets zu euch gesandt habe, und
ihr doch nicht hören wolltet; so will ich's mit diesem Hause
machen wie mit Silo und diese Stadt zum Fluch aller Heiden
auf Erden machen. Da nun die Priester, Propheten und alles
Volk hörten Jeremia, daß er solche Worte redete im Hause des
Herrn, und Jeremia nun ausgeredet hatte alles, was ihm der
Herr befohlen hatte, allem Volk zu sagen, griffen ihn die
Priester, Propheten und das ganze Volk und sprachen: Du mußt
sterben! Warum weissagst du im Namen des Herrn und sagst: Es
wird diesem Hause gehen wie Silo, und diese Stadt soll so
wüst werden, daß niemand mehr darin wohne? Und das ganze
Volk sammelte sich im Hause des Herrn wider Jeremia. Da
solches hörten die Fürsten Juda's, gingen sie aus des Königs
Hause hinauf ins Haus des Herrn und setzten sich vor dass
neue Tor des Herrn. Und die Priester und Propheten sprachen
vor den Fürsten und allem Volk: Dieser ist des Todes
schuldig; denn er hat geweissagt wider diese Stadt, wie ihr
mit euren Ohren gehört habt. Aber Jeremia sprach zu allen
Fürsten und zu allem Volk: Der Herr hat mich gesandt, daß
ich solches alles, was ihr gehört habt, sollte weissagen
wider dies Haus und wider diese Stadt. So bessert nun euer
Wesen und Wandel und gehorcht der Stimme des Herrn, eures
Gottes, so wird dem Herrn auch gereuen das Übel, das er
wider euch geredet hat. Siehe, ich bin in euren Händen, ihr
mögt es machen mit mir, wie es euch recht und gut dünkt.
Doch sollt ihr wissen: wo ihr mich tötet, so werdet ihr
unschuldig Blut laden auf euch selbst, auf diese Stadt und
ihre Einwohner. Denn wahrlich, der Herr hat mich zu euch
gesandt, daß ich solches alles vor euren Ohren reden soll."

Wie eine Meute wildgewordener Hunde stürtzen sich die
Priester, die Propheten und das ganze fromme Volk auf diesen
Knecht Gottes, auf den Propheten Jeremia. In einer
merkwürdigen Weise waren sich Priester und Propheten und das
fromme Volk einig. Diese Einigkeit fand ihren Ausdruck in
dem gemeinsamen Ruf:
Haut ihn, schlagt ihn tot!
"Da Jeremia ausgeredet hate alles, was ihm der Herr befohlen
hatte, allem Volk zu sagen, griffen ihn die Priester,
Propheten und das ganze Volk und sprachen: Du mußt sterben!"
Wir können diesen wildgewordenen frommen Haufen vergleichen
mit einem Rudel hungriger Wölfe, die sich in ihrem
Heißhunger auf ein aufgescheuchtes Schaf stürzen, um es in
ihrer Gier zu zerreißen.
Doch täten wir diesen Priestern und Propheten und den
anderen frommen Leuten Unrecht, wenn wir sagen würden, sie
seien von Haus aus Schlägernaturen gewesen. O nein, es waren
Menschen, die für ihre Religion sehr viel übrig hatten. Wir
könnten sie beobachten, wie sie fromm und und sittsam, ihr
Gesangbuch und Gebetbuch unter dem Arm bei allen sich
bietenden Gelegenheiten zum Tempel pilgerten. Ein Bild der
Ruhe und des Friedens. Das war es ja auch, wonach sie sich
in der Unruhe und Qual und Hast des Tages sehnten und wonach
sie schreien. Das Volk Gottes hatte eine schwere Zeit hinter
sich. In den politischen Auseinandersetzungen mit den
anderen Ländern war es sehr schwer mitgenommen und ein Teil
lebte in Ägypten. Das Volk hier und da stöhnte und seufzte.
Für uns ist es doch wohl verständlich, daß man froh sein
konnte, daß ein großer Teil sich aufmachte zum Tempel
Gottes, um wenigstens dort ein wenig aufzuatmen. Gott hatte
ja versprochen, im Tempel zu wohnen. Hatte da nicht das
Volk, das sich aus seiner trostlosen Lage des Alltages
herauslöste und von allen Seiten zum Tempel strömte, ein
Anrecht darauf, daß die Diener Gottes, die Diener des
Wortes, dem Bedürfnis nach Trost und Frieden und Ruhe
Rechnung trugen?
In der Tat hatten die Diener Gottes damals verstanden, was
das Volk wünschte. Sie kannten den so "gelehrten" Satz:
"Die Stimme des Volkes ist Gottes Stimme."
So hören wir, wie im Tempel immer und immer wieder fromme
Trostworte den nach Trost lechzenden Menschen zugerufen
wurde:
Haltet aus! Genauso wie das Haus Gottes, der Tempel, im
vergangenen Krieg nicht zerstört wurde und das Wort Gottes
im vergangenen Kriege nicht vernichtet wurde, genauso wird
Gott auch eurer Not ein Ende machen.
Dann erklangen im Priester- und Prophetenmund all die vielen
wunderschönen Verheißungen, die Gott seinem Volke gegeben
hatte, in denen er seinem Volk eine glanzvolle und herrliche
Zukunft verhieß.
Hatten die Priester nicht ein Recht dazu, ihrem Volk diese
Trostpillen auszuteilen, zumal sie doch das gute alte Wort
Gottes auf ihrer Seite hatten?
So waren sie denn im Vollbewußtsein ihres Amtes fleißig
dabei, diese Trostpillen mit vollen Händen auszuteilen. Das
Volk hatte endlich, was es brauchte, süße und liebliche
Seelenspeise. Damit ließ es sich schon in den grauen Alltag
zurückzukehren. Noch nie waren Priester und Propheten und
das fromme Volk so einträchtig beieinander, ein Herz und
eine Seel. Ihre große Stunde für alle Diener Gottes war
gekommen, ihr Ansehen wuchs von Stunde zu Stunde.
Aber was ist denn da los? Am Eingang des Gottes Hauses steht
ein Prophet mit Namen Jeremia und er öffnet seinen Mund.
Schon eilen die Tempelbesucher herbei und sehen
erwartungsvoll zu ihm herauf und sind gespannt, welche
trostreichen Worte er für sie hat, welche herrlichen
Verheißungen er ihnen verkündigen will. Sie möchten auch von
ihm in hohe religiöse Stimmungen versetzt werden.
Sie werden bitter enttäuscht. Jeremia öffnet seinen Mund und
wie Hammerschläge kommen die Worte heraus, die Gott dem
Propheten in den Mund gelegt hatte:
"Werdet ihr mir nicht gehorchen, so will ich diese heilige
Stadt Jerusalem und den Tempel zerstören und die Stadt wird
zum Fluche allen Völkern werden."
Diese Worte klingen nicht lieblich in den Ohren. Sie
versetzen die Zuhörer auch nicht in eine gehobene Stimmung.
Hart wie Stahl prasseln diese Worte auf die trostsuchenden
Meneschen herab, die sich verstört ansehen und nicht mehr
wissen, was sie sagen sollen.
Was fällt diesem Jeremia ein, in einer solchen Sprache zu
ihnen zu reden. Wir sind doch in den Tempel gekommen, um
Trost in Empfang zu nehmen. Nein, nein, das brauchen wir uns
nicht gefallen zu lassen, als Verbrecher, als die
Ungehorsamen angeredet zu werden. Wir haben es doch Tag für
Tag von den anderen Dienern Gottes gehört, daß wir Kinder
Gottes, daß wir das auserwählte Volk sind.
Und jetzt wird uns gesagt, daß wir ungehorsame Menschen
seien, trotz unseres Gottesdienstbesuches und trotz unserer
Gebete.
Wer wollte es auch einfach hinnehmen, wenn seine
Frömmigkeit, wenn sein Glaube an Gott, in Frage gestellt
wird.
Und schon ist der größte Tumult zugange, der da im
gemeinsamen Rufe der Priester und Propheten und frommen
Leute endet:
Schlagt ihn, haut ihn tot!
Jeremia hat das alles kommen sehen. Er wußte, daß die
Antwort des frommen Volkes so lauten würde auf seine
Botschaft. Und tausendmal lieber hätte er gleichfalls
Trostpillen verteilt als solche furchtbaren Worte den
Menschen zuzurufen. Er ist selbst zerknickt, daß er für sein
Volk, das das Volk Gottes ist, nur noch die Botschaft des
Gerichts, die Botschaft der Buße übrig hat. Er seufzt unter
dieser Last. Aber es ist ihm verwehrt, Trost zu verkündigen,
wo er das Gericht verkündigen muß.
Wer zwingt ihn dazu?
Ja, das ist die entscheidende Frage für alle Diener Gottes.
Wer zwingt sie dazu, gerade die Botschaft zu verkündigen,
die sie verkündigen?
Die Botschaft all der vielen anderen Diener Gottes ist
herbeigeführt durch die Stimme des Volkes. Für alle
Religionen der Welt gilt der Grundsatz, daß sie das zu reden
haben, was die Menschen gern hören , was sie gern um den
Mund geschmiert haben möchten. Wehe, wenn sich diese Haltung
auch beim Volke Gottes, bei den Kindern Gottes durchsetzt,
dann geht es dem Abgrund zu:
"Und diese heilige Stadt wird zum Fluche allen Völkern
werden."
Und gerade nach diesem Motto handeln all die vielen Priester
und Propheten im Volk.
Jeremia aber weiß und kennt nur eines:
Seine Botschaft ist ausschließlich und allein davon
bestimmt, was Gott ihm befohlen hat. Wehe ihm, wenn er ein
anderes Wort verkündigen würde. Echte Diener Gottes fragen
nichts nach religiösen Bedürfnissen oder frommen Wünschen,
sondern allein nach dem, was Gott ihnen in den Mund legt.
Und Gott war es auch gewesen, der dem Jeremia aufgetragen
hatte, das Gericht und nicht billigen Trost zu verkündigen:
"Gott sprach zu Jeremia: Tritt in den Vorhof am Hause des
Herrn und predige allen Städten Judas, die da hereingehen,
anzubeten im Hause des Herrn, alle Worte, die ich dir
befohlen habe ihnen zu sagen, und tue nichts davon!"
Gott, der Herr, hatte erkannt, daß das ganze fromme Gehabe
nur äußere Fassade, billiger Trost, war. Nein, nein, so
billig verschenkt Gott seine Gnade doch nicht. Das Volk
hatte Trost verlangt in einer Lage, die es durch seinen
Ungehorsam gegen Gott selbst heraufbeschworen hatte. Gerade
die Trostlosigkeit war ja das Gericht Gottes gewesen über
sein ungehorsames Volk und dafür helfen jetzt keine billigen
Trostpillen, sondern wenn dem Volk geholfen werden wollte,
dann mußte es Buße tun, nicht in einer frommen
Gemütserregung und -wallung, sondern es mußte Buße tun,
indem es von jetzt ab sich von seinem ungehorsamen Wandel
Gott gegenüber abwandte und das tat, was Gott von ihm
erwartet. Ob ein Mensch in der Buße lebt, zeigt sich im
Umgang mit den nächsten Menschen, zeigt sich im Alltag mit
der Familie, im Arbeitskreis oder wo man sich sonst aufhält.
Ein bußfertigher Mensch fragt jeden Tag neu:
"Herr, was willst du, daß ich tun soll?"
So zeigt es sich in der Tat, daß selbst im ernsten
Gerichtswort des Jeremia der eigentliche und rechte Trost
von Gott selbst verschenkt werden will, während all die
vielen Trostpillen der anderen Priester und Propheten nur
leerer Schall und Rauch sind.
Es ist also im Gerichtswort des Jeremia:
"Gott spricht: Werdet ihr mir nicht gehorchen, so will ich
diese heilige Stadt Jerusalem und den Tempel zerstören und
die Stadt wird zum Fluch allen Völkern."
noch die ausgestreckte Hand Gottes zu merken, die sein Volk
wieder vom falschen Weg zurückrufen möchte.
Aber das Volk ist nicht auf Buße ausgerichtet und auf
Gehorsam, sondern es fühlt sich von diesem Jeremia in seiner
Ruhe und in seiner Frömmigkeit gestört. Fromm möchte das
Volk sein, aber nicht gehorsam. Alledings erwartet Gott in
erster Linie von den Seinen den Gehorsam.
Gehorsam aber ist unangenehm. Er reißt uns aller Sicherheit
und frommen Sattsein. Er stellt uns als lebendige Zeugen
mitten in die Welt. Frömmigkeit versteckt sich in sogenannte
heilige Räume, der Gehorsame aber wird von Gott in die Welt
als sein Zeuge gerufen. Nein, nein, das ist unangenehm.
Davon will das Volk nichts wissen, darum auch hinweg mit
dem, der da so eindringlich mahnt und ruft. Er könnte ja
unsere Maske der Frömmigkeit herabreißen und uns zeigen, wer
wir in Wirklichkeit sind. Niemand möchte sich sehen wie er
ist in aller seiner Schlechtigkeit und in seinem Ungehorsam
vor Gott. Darum, hinweg mit diesem Jeremia, der uns nicht
fromm sein läßt! Weg mit ihm, der uns unsere Schuld vorhält.
Daß der Ruf erschallt:
Schlagt ihn tot!
ist uns nicht neu. Wir hören diesen Ruf immer wieder gegen
die, die Gottes Wort und und nicht Menschenmeinung
verkündigen. Wir finden diesen Ruf gegen Noah, gegen Mose.
Wir finden ihn gegen Jesaja und auch gegen Amos. Der Täufer
mußt auch die Konsequenzen dieses Rufe erfahren. Ja, wir
vernehmen diesen Ruf gegen Jesus Christus, und zwar in der
form des grausamen Schreies:
"Kreuzige, kreuzige ihn!"
Dieser Ruf wurde also auch gegen den angewandt, der als
Messias von seinem Vater im Himmel in sein Volk kam, um es
zum allerletzten Male zum Gehorsam gegen Gott zu rufen. Aber
auch in der Begegnung der Hohenpriester und Schriftgelehrten
und dem frommen Volk mit dem Sohne Gottes, sind sie nicht
bereit, endlich, endlich, sich aus aller Frömmigkeit
aufrütteln zu lassen und Gott gegenüber gehorsam zu werden.
Und auch der Heiland der Welt bleibt von dem Schrei der
fanatischen frommen Menge nicht verschont, die da brüllt:
Schlagt ihn, haut in tot!
Aller Haß und alle Wut gegen das Wort Gottes findet seinen
Höhepunkt in der Aufrichtung des Kreuzes auf Golgatha, an
dem das leibgewordene Wort Gottes aufgehängt worden ist.
Von wem? Von den Hohenpriester und Schriftgelehrten? Ja. Von
den Kriegsknechten der Römer und von Pilatus? Ja.
Aber sind das alle, die voll Zorn auf das Kreuz zeigen?
Finden wir uns dort nicht auch als fromme Schar wieder? Ach,
wir schauen weg. Es ist Wahrheit, auch wir sind schon mit
dabei gewesen, als alle schrieen:
"Kreuzige ihn!"
Wir, du und ich, haben mitgeholfen, die Nägel einzuschlagen
in die Hände des Herrn Jesus Christus. Wie, wir wollen
weggehen, wir können den Blick des Gekreuzigten nicht
ertragen?
Bitte, keiner braucht wegzugehen. Hören wir nicht, wie der
Gekreuzigte seinen Mund öffnet und ruft:
"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!"
Damit sind wir alle gemeint. Was ein Jeremia noch nicht
konnte, das kann unser Herr. Er, der Herr, kann uns zurufen:
"Dir ist dein Ungehorsam vergeben!"
Aber bitte, vergessen wir nicht, daß wir uns ja nicht wieder
mit der Vergebung unserer Schuld in eine schöne und
beschauliche Frömmigkeit und in ein stilles Kämmerlein
zurückziehen können, sondern daß uns das Wort des Herrn
gilt:
"Früher gürtetest du dich und gingst dahin, wo du wolltest
und tatest, was du wolltest, nun aber wird dich ein anderer
gürten und führen, wohin du nicht willst!"