Kirchenjahr 1953/54 - 11 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:07/02/1954
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Wattenscheid-Höntrop. Januar 1955
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Letzter Sonntag nach Epiphanias 1954
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Apostelgeschichte 16, 9 - 10
Skopus: Paulus, eine Zeuge unter den Heiden
Kirchenjahr 1953/54-11- Apostelgeschichte 16, 9 + 10
"Und Paulus erschien ein Gesicht bei der Nacht; das war ein
Mann aus Mazedonien, der stand und bat ihn und sprach: Komm
herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber das
Gesicht gesehen hatte, da trachteten wir alsobald, zu reisen
nach Mazedonien, gewiß, daß uns der Herr dahin berufen
hätte, ihnen das Evangelium zu predigen."

Dieser Schrei
"Komm herüber und hilf uns!"
ist bis auf den heutigen Tag noch nicht verstummt. Damals
hörte ihn der Apostel Paulus durch das Traumbild des
Mazedoniers. Heute hören wir diesen Hilfeschrei nach
Befreiung und Errettung aus einer bestimmten Notlage an
allen Orten der weiten Welt. Wir können fast sagen, daß das
Leben in dieser Zeit auf der Erde ein einziger gellender
Hilfeschrei ist, in einer dunklen und ausweglosen Lage.
Manch einer wird auch in unserem Gotteshaus sitzen, dem man
es absprüren kann:
Kommt jetzt nicht die Hilfe für mich, dann bin ich ein
verlorener Mensch.
Aber wie ist das, haben wir vergessen, daß für uns in
unserer Lage, mag sie noch so entsetzlich und traurig sein,
schon längst die helle Sonne der Hilfe aufgegangen ist. Wir
stehen am Schlusse der Epiphaniaszeit. Diese Zeit will uns
durch alle Tage hindurch verkündigen, daß das helle
göttliche Licht bereits in unser Leben hineinstrahlt und
alle Dunkelheit und Traurigkeit und Trübsal und Verzweiflung
vertreibt.
Seitdem Gottes Sohn Mensch wurde, gibt es keine ausweglose
und verzweifelte Lage mehr. Jesus Christus, das eine und
wahre Licht leuchtet in diese Welt hinein, auch in unser
Herz, das so voll ist von Sorgen und Ängsten. Es gilt diese
frohe Gewißheit, wie sie in einem Liedvers besungen wird, Es
gilt auch uns:
"Dunkelheit, die mußte weichen,
als das Licht kam in die Welt,
dem kein anderes zu vergleichen,
welches alle Ding erhellt.
Die nach diesem Glanze sehen,
dürfen nicht im Finstern stehen."
Seht, dieses hat der Christushasser Saulus erfahren dürfen.
Aus ihm ist ein Paulus geworden. Da wäre es aber gelacht,
daß nicht aus uns, die wir meinen, in unserem Elend und in
unserem Kummer ersaufen zu müssen, wenn nicht auch aus uns
Menschen werden, die ihren Mund zum Loben und Danken öffnen,
weil Jesus Christus ihr Leben wieder hell gemacht hat und
sie fröhlich ihre Straßen ziehen können.
Allerdings kann es für uns, die wir Christen sind, für uns,
die wir im Lichte unseres Herrn Jesus Christus fröhlich
ziehen, nicht so sein, daß wir die Augen verschießen, um ja
kein Elend und keine Not zu sehen und in der Freude über
unser Heil und über unsere Rettung unsere Ohren verstopfen,
damit wir ja nicht hören die Hilfeschreie der Menschen, die
um uns sind. Ach, wieviele Hilfeschreie schwirren durch die
Luft und gelangen an unser Ohr und wieviele gelangen nicht
an unser Ohr, weil wir sie je und dann verstopft halten.
Hilfeschreie sind immer unangenehm, denn sie stören unsere
Ruhe. Sie rufen uns auf zur Hilfe. Sie machen uns nervös.
Sie gönnen uns keinen Schlaf. Aber dennoch - wehe dem, der
an der Not und dem Elend des anderen vorübergeht. Es ist für
den Christen einfach unmöglich, sich an einen reich
gedeckten Tisch zu setzen, wenn er weiß, daß einige Häuser
weiter Menschen sind, die schon tagelang nichts mehr
Ordentliches zu essen gehabt haben? Meint ihr, Gott wúrde
sich über ein solches Verhalten seiner Kinder freuen?
Wir hören als Christen schon nicht mehr die zum Himmel
schreienden Hilferufe der Flüchtlinge aus dem Osten, die in
Massenquartieren und unter den unwürdigsten Umständen ihr
Leben fristen müssen. Läßt uns dieses Leid einfach kalt?,
Hauptsache ist, wir haben es gut. Aber vergessen wir nicht,
wir sind dafür verantwortlich. Wir werden einmal gefragt
werden, ob wir diese Schreie haben vernehmen wollen oder ob
wir uns die Ohren und die Augen zugehalten haben?
Aber nicht nur aus äußeren Sorgen und Nöten heraus schreien
Menschen um Hilfe, nein, nein, es gibt auch manche Nöte, die
ganz verschwiegen im Herzen sitzen und doch reden sie eine
deutliche Sprache. Allerdings ist sie nur für den erkennbar,
der sich um diesen Menschen bemüht. Wie manch ein Ehemann
oder wie manch eine Ehefrau, trägt tief im Herzen einen
bitteren Kummer und der andere an der Seite nimmt den
Hilfeschrei nicht wahr, obwohl dieser Kummer das Gesicht und
das Wesen schon längst gezeichnet haben.
Sind wir Eheleute für einander noch offen oder haben wir
schon längst die Rolladen heruntergelassen? Oder welches
Kind spürt noch, wenn der Vater oder die Mutter in Not sind
und nach Hilfe ausschauen oder welche Eltern hören noch den
Hilfeschrei ihres Sohnes oder ihrer Tochter, der allerdings
nur einem sehr feinem Ohr vernehmbar ist. Wir laufen doch so
alle selbst im engsten Familienkreise aneinander vorbei,
jeder bleibt sich selbst überlassen mit seiner Not.
Wohl wird darüber viel geredet und geschrieben von den
niedrigsten bis zu den höchsten Stellen, daß unsere Brüder
und Schwestern in der Ostzone in Not sind und schon
jahrelang nach Hilfe schreien und wir alle miteinander tun
so, als ob wir diesen Schrei nie gehört haben. Große
Propagandareden werden gehalten, aber wenn es darum geht,
diesen Menschen zu helfen, dann verschließt man die Ohren
und Augen, dann rühren wir uns nicht vom Fleck, dann drehen
wir uns noch immer weiter um uns selbst. Wer von uns hat
denn wirklich mit der Aufforderung ganz ernst gemacht, seit
14 Tagen doch der Außenministerkonferenz in Berlin
fürbittend zu gedenken? Vielleicht hat unsere
Gleichgültigkeit mit dazu beigetragen, daß diese Konferenz
noch keine Hilfe für unsere notleidenden Brüder und
Schwestern in der Ostzohne aufzeigen konnte. Im Blick auf
den Hilfeschrei der Menschen in der Ostzone erscheint es wie
eine satanische Ironie, wenn eine westeuropäische Zeitung
befreit schreibt, daß die Berliner Konferenz bis jetzt auf
alle Fälle das eine erfreuliche Ergebnis gehabt hat, daß nun
bald der EVG-Vertrag in Kraft treten kann und die deutschen
Soldaten wieder marschieren werden.
Ach, ich habe den Eindruck, daß es selbst unserer
Bundesregierung garnicht so ernst um die Wiedervereinigung
geht, sonst könnte nicht fast in der gesamten Öffentlichkeit
der Bundsrepublik mit Freuden begrüßt werden, daß die
Außenminister des Westens stur daran festhalten, daß
Deutschland die Möglichkeit erhalten muß, an der
europäischen Verteidigungsgemeinschaft teilzunehmen, die
doch, wie es uns bisher immer wieder gesagt worden ist,
gegen Rußland gerichtet sei. Es sieht so aus, als ob wir bei
der Frage der EVG lieber auf die Wiedervereinigung
verzichten und damit unsere Ohren vor den Hilferufen der
Menschen dort drüben verschließen, um auf alle Fälle wieder
SOLDAT spielen zu können.
Wo bleibt das Aufmerken auf den Schrei der Menschen im
Osten:
Helft uns, wir verderben!
Wenn auch alles so aussieht, daß wieder die menschliche
Unvernunft der Politiker im Westen wie im Osten, gesiegt
hat, so laßt uns dennoch unsere Hoffnung nicht aufgeben,
denn Gott, der Herr, kann doch noch die Herzen der Politiker
umgestalten, damit wieder Ruhe und Frieden in unserem Volk
einkehrt. Laßt uns auch in den kommenden Tagen nicht müde
werden, unsere Hände zu falten und um Gottes Eingreifen
bitten.
Jedenfalls war es bei dem Apostel Paulus eindeutig und klar,
daß es gegenüber dem Hilfeschrei des Mazedoniers nur eine
Möglichkeit geben kann, sich nämlich sofort auf den Weg zu
machen, um denen, die in der Not und in der Trübsal und in
dr Dunkelheit, leben müssen, zu helfen. Eine andere Haltung
als die des Apostels Paulus ist für einen Christen gar nicht
möglich, denn wir wissen, daß hinter dem um Hilfe
schreienden Menschen Christus selbst steht und nach unserem
Gehorsam fragt. Hinter jedem Flüchtling, der in Not ist und
nach Hilfe schreit, steht der Herr und fragt uns, ob wir
jetzt ihm als unserem Herrn auch gehorsam sein und dem
Hilfesuchenden helfen wollen?? Wir haben doch wohl das Wort
unseres Herrn und Heilandes noch nicht vergessen, das da
lautet:
"Was ihr getan habt einem unter diesen deinen geringsten
Brüdern, das habt ihr mir getan!"
Paulus fragt nicht nach seiner Bequemlichkeit und nach
seiner Ruhe. Er verstopft nicht seine Ohren, sondern, als
der Ruf an sein Ohr kommt:
"Komm und hilf uns!"
da kennt er nur eines:
Sich auf den Weg zu machen, um zu helfen, denn es ruft ihn
der Herr.
Denken wir daran, was wir am Anfang der Predigt gehört
gaben. In die Dunkelheit dieser Welt kommt in der Gestalt
des Sohne Gottes das göttliche Licht. Und wo dieses Licht
hinstrahlt, da verschwindet alle Dunkelheit und alle
Hoffnungslosigkeit. Da weicht die Traurigkeit und Freude
zieht ein. Dieses Wunder hält Gott immer wieder, jeden Tag
neu, für uns alle bereit.
Gott hält sein Heil für uns bereit, aber nicht dafür, daß
wir es nur für uns haben sollen, sondern das Heil, das
Licht, den Glauben an Jesus Christus haben wir nur dann in
rechter Weise, wenn wir bereit sind weiterzutragen, was wir
empfangen haben. Wir, du und ich, dürfen Lichtträger werden,
die das göttliche Licht in die Dunkelheit dieser Welt
bringen. Von diesem Auftrag kann uns keiner befreien.
Menschen in der Dunkelheit warten auf diese Hilfe von uns.
Sie warten auf das Heil auch ihres Lebens. Können wir es
verantworten, ihnen diese Hilfe zu verweigern? Nein, das
kann doch nicht sein. Wir würden sonst selbst unser Heil
verscherzen. Laßt uns Zeugen des Heils den Menschen werden,
die in der Dunkelheit und in der Angst und in der Trübsal
sitzen. Laßt uns Zeugen werden, indem wir ihnen das
Evangelium, den Frieden Gottes, der höher ist als alle
Vernunft und besonders als alle Unvernunft der Menschen,
verkündigen. Laßt uns Zeugen werden mit der Tat, die heilt
und lindert, den Hungernden sättigt und die den Durst
stillt, denn unser Herr Jesus Christus ist es, der uns zu
Lichtträgern in dieser Welt, dieser dunklen Welt, macht.
Als Paulus dem Auftrag seines Herrn folgte, da ahnte er noch
nicht, was dieser sein Gehorsam für Folgen haben wird.
Paulus setzt zum ersten Male seinen Fuß auf europäischen
Boden und bringt somit das Evangelium nach Europa. Seinem
Gehorsam verdanken wir es, daß auch wir das Evangelium hören
und aufnehmen durften. Ein kleiner Gehorsam an einem
unscheinbaren Ort und doch - welch eine weltweite Bedeutung!
Wissen wir es schon, was das für eine Bedeutung haben kann,
wenn wir einem Menschen, der um Hilfe laut oder insgeheim
schreit, helfen, ihm das Heil in Jesus Christus verkündigen?
Wissen wir schon, was das für eine Bedeutung haben kann,
wenn wir nicht müde werden, der Vierer-Konferenz fürbittend
zu gedenken, damit die Hilfeschreie der Menschen im Osten
nicht ungehört verhallen. Unser kleiner Gehorsam kann
größere Geschichte machen als Molotow und Dulles, so wie
Paulus mit seinem kleinen Gehorsam größere Geschichte machte
als die Cäsaren der damaligen Zeit.
"O, daß doch bald dein Feuer brennte,
du unaussprechlich Liebender,
und bald die ganze Welt erkennte,
daß du bist König, Gott und Herr."