Kirchenjahr 1953/54 - 07b -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:01/01/1954
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Neujahr 1954
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Sprüche 3, 5 - 6
Skopus: Verlaß dich auf den Herrn
Kirchenjahr 1953/54 - 7b - Sprüche 3, 5+6
"Verlaß dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlaß
dich nicht auf deinen Verstand; sondern gedenke an ihn in
allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen."

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres. Da ist es eine
Selbstverständlichkeit, daß wir alle auch zurückblicken auf
das Jahr, das vergangen ist. Soviele Menschen wir hier zum
Gottesdienst versammelt sind, soviele verschiedene
Erlebnisse, Entscheidungen, Nöte und Sorgen und Freuden
haben wir im verflossenen Jahr gehabt. Der eine denkt daran
zurück mit Angst und Schrecken, weil vielleicht der liebste
Mensch von seiner Seite gerissen worden ist oder ihn sonst
ein Unglück traf. Der andere schaut voll Stolz und Freude
zurück, weil vielleicht gerade das vergangene Jahr ihm das
gebracht hat, wonach er sich so gesehnt hatte. Wieder ein
anderer hebt abwehrend die Hand und sagt, was soll sich
schon besonders ereignet haben, ein Tag vergeht wie der
andere, da kann ich halt nichts ändern, ich muß einfach
alles so nehmen, wie es kommt. Ganz gleich, zu welchen
Menschen wir gehören, auf jeden Fall stehen wir wieder
fragend vor dem neuen Jahr:
Was wird es uns bringen?
Wir kennen ja alle die Sitte, sich zum neuen Jahr alles Gute
und die Erfüllung aller unserer Bitten zu wünschen. So gut
das alles auch gemeint sein mag, helfen kann dieses einem
Menschen doch nicht. Wir wissen auch, wie wir uns gern am
Anfang eines Jahres Pläne machen für das, was wir in diesem
neuen Jahr erreichen wollen. Wir sind durchaus bereit, auf
alles zu verzichten, was diesem Ziele hinderlich im Wege
stehen könnte. Wir wollen unser ganzes Können und alle
unsere Fähigkeiten dafür einsetzen.
Wie werden doch gerade zum Ende des alten Jahres und zum
Anfang des neuen Pläne, Pläne und nochmals Pläne für die
Zukunft geschmiedet. Und wahrlich, wer könnte behaupten, daß
das verlorene Zeit wäre, daß das nichts einbringen würde?!
Es ist schon etwas Großes darum, daß wir zielstrebige
Menschen sind, daß wir nicht nur von der Hand in den Mund
leben wollen, sondern unser ganzes Leben ordnen und planen.
Bei uns würde es drunter und drüber gehen, wenn wir meinten,
das alles hätten wir nicht nötig.
Aber vor einer Realität werden wir durch unseren Text
dringend gewarnt:
"Verlaß dich nicht auf deinen Verstand!"
Wir werden davor gewarnt, zu meinen, als ob es
ausschließlich und allein auf unser Planen ankommt. Wenn wir
das meinen, dann halten doch wir selbst uns für so stark und
so fähig und so verständig, daß wir es schon aus uns heraus
schaffen. Wir tun dabei so, als ob uns unser Leben, unser
Körper und unser Geld und Gut gehöre. Aber in Wirklichkeit
ist es doch so, daß da alles nicht uns gehört, sondern das
alles: Unser Leben, unsere Gesundheit, unser Hab und Gut,
ist uns verliehen worden von unserem Vater im Himmel. Und
wenn das der Fall ist, dann haben wir über uns und über
unsere Zukunft nur zu planen als solche, denen das alles zu
jedem Augenblick wieder abgefordert werden kann. Wieviele,
die im vergangenen jahr noch neben uns gelebt haben, sind
bereits gestorben und wieviele, die im vergangenen Jahre
gesund und munter herumliefen, liegen als kranke Menschen zu
Bette. Darum ist es schon gut und richtig, bei allem
Pläneschmieden dieses nicht zu vergessen, daß wir unser
Leben und alles, was wir haben, aus der Hand Gottes geliehen
bekommen haben. Und Gott kann das alles zu jeder Zeit wieder
von uns zurückfordern. Es ist von uns durchaus das Wort
unseres Textes zu beherzigen:
"Vertraue nicht auf deinen Verstand!"
Allerdings ist es nicht so, daß uns mit dem
Ausderhandschlagen des Selbstvertrauens auf die eigenen
Fähigkeiten und Möglichkeiten der Boden unter den Füßen
versinkt und wir in eine gähnende Tiefe herabstürtzen
müssen, in die wir immer tiefer fallen. Wir werden nur von
dem Vertrauen auf uns selbst weggerufen, um unser Vertrauen
allein dem zu schenken, dem unser Vertrauen gebührt, unserem
Vater im Himmel:
"Verlaß dich auf den Herrn von ganzem Herzen!"
Denke einmal zurück an das vergangene Jahr, an die vielen
Jahre, die nun schon hinter dir liegen! Mußt du nicht trotz
mancherlei Nöte und Sorgen dennoch fröhlich singen:
"In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über mir Flügel
gebreitet!"
Gott, der Herr, hat dir das Leben geschenkt und will und
wird es auch erhalten. Er tat aber noch viel mehr für dich
und für mich. Er tat etwas, was wir Menschen im letzten
Grund hier auf Erden niemals verstehen, er ließ Weihnachten
werden. Er schickte seinen eigenen Sohn mitten unter uns, um
uns mitten in unserem Elend und in unserer Trübsal, aber
auch mitten in unserem Übermut und in unserer
Gottesfeindschaft aufzusuchen. Gott selbst wurde unser
Bruder, nun haben wir ihn, der unsere Lage kennt und der
allein auch uns helfen kann. Gott schickte seinen Sohn, um
uns Menschen aus der verworrenen Lage, in die wir uns durch
unseren Ungehorsam Gott gegenüber hineinbegeben hatten,
wieder herausretten. Wir singen doch am Christfest:
"Christ, der Retter ist da;
Christ, der Retter ist da."
Es ist kein Wahnsinn, wenn unser Text uns zuruft:
"Verlaß dich auf den Herrn von ganzem Herzen!"
Der Gott, der in seiner großen Liebe zu uns seinen eigenen
Sohn nicht verschonet hat, der wird auch Mittel und Wege
finden, um uns in allen unseren Lebenslagen zu helfen. Wir
brauchen unser Vertrauen keinem Unwürdigen zu schenken,
sondern wir dürfen ausschließlich und allein unser Vertrauen
auf Gott, unserem Herrn, setzen.
Wir wissen, wie Gott sich immer wieder um uns bemüht, wie
ihm auch keine Mühe und kein Weg zuviel ist, um uns zu
helfen. Wir wissen doch auch, daß er, um uns zu helfen,
selbst vor dem Verbrechertod seines Sohnes nicht
zurückschreckte. Wenn wir das alles wissen, dann kann es
doch nicht sein, daß wir dann noch an andere Dinge, Ideen
und auch Menschen unser Vertrauen vergeben, sei es der
Tipschein beim Fußball-Toto oder sei es unser eigenes Können
am Arbeitsplatz oder auch unsere eigene Frömmigkeit..
Nein, Gott allein hat es verdient, daß wir uns auf ihn
verlassen, daß wir ihm unser ganzes Vertrauen schenken, ohne
irgendeine Ausnahme:
"Verlaß dich auf den Herrn von ganzem Herzen!"
Es gibt noch einen Versuch der Menschen, sich von dem
Vertrauen zu Gott zu distanzieren. Sie sind durchaus damit
einverstanden, daß sie sich auf den Herrn von ganzem Herzen
verlassen sollen. Aber sie sagen weiter:
Allerdings können wir nicht immer und zu jeder Zeit an Gott
denken. Wir sind bereit, an Gott zu denken, wenn wir uns am
Sonntagmorgen auf den Weg zum Gottesdienst machen oder wenn
wir uns zu Hause hinsetzen an ein stilles Eckchen und die
Bibel aufschlagen und die Hände falten und mit Gott
sprechen. Und wer wollte das nicht auch als ein gutes
Zeichen, sogar als ein sehr gutes Zeichen ansehen! Aber, so
heißt es dann weiter:
Selbstverständlich können wir nicht an Gott denken, wenn wir
mit unserem Kameraden auf den Weg zur Arbeitsstelle sind.
Selbstverständlich können wir nicht an Gott denken, wenn wir
gerade Streit mit unserem Nachbarn haben oder krank geworden
sind.
Wer gibt uns das Recht, zu sagen, daß wir an Gott nur auf
dem Wege zur Kirche oder im Gottesdienst denken sollen und
nicht auf allen anderen Wegen?!
Gottes Wort sagt es jedenfalls nicht, wenn es ausspricht:
"Gedenke an Gott in allen deinen Wegen!"
Es gibt also keine einzige Minute unseres Lebens, in der wir
nicht vor Gott stehen, in der wir nicht an Gott denken
sollen. Meint ihr nicht auch, daß unser Familienleben, daß
unser Verhältnis zu unseren Nachbarn, zu unseren
Arbeitskameraden, zu unseren Vorgesetzten, anders aussehen
würde, wenn wir dabei auch immer an Gott und an seine Liebe
zu uns und zu deinen Nachbarn und Arbeitskameraden denken
würden? Manch ein böses Wort käme dann nicht über unsere
Lippen und würde das Verhältnis zu diesen anderen Menschen
vergiften. Und manch eine böse Tat, mit der wir unseren
Arbeitskameraden ärgern wollten, bliebe ungeschehen.
In unserem Verhältnis zu Gott gibt es keinen Unterschied, ob
wir hier jetzt im Gottesdienst sind oder als Hausfrau in der
Küche oder als Arbeiter in der Fabrik. Überall geht Gott mit
uns, um uns in den mancherlei Anfechtungen und Gefahren zu
bewahren, darum gilt es, an Gott auf allen unseren Wegen zu
denken:
"Gedenke an ihn in allen deinen Wegen!"
Wir haben es hören dürfen, wie Gott uns lieb hat, wie er nur
unser Bestes will und wie er der ist, auf den wir
ausschließlich und allein unser Vertrauen setzen dürfen,
weil er uns niemals enttäuscht; er ist der, der mit uns auf
allen unseren Wegen ist und uns bewahrt vor allen Gefahren
Leibes und der Seele und der deshalb es wert ist, wie es
sonst niemand mehr für uns geben wird, der es sonst noch
wert wäre.
Er ist es wert, daß wir ebenfalls an ihn auf allen unseren
Wegen denken.
Das dürfen wir hören am Anfang eines neuen Jahres. Wieder
liegt eine Wegstrecke unseres Lebens vor uns. Wieder streckt
Gott seine Hand nach uns aus und fordert uns auf, jetzt sein
Wort ganz ernst zu nehmen. Hier gelten keine WENN und ABER
etwas, denn alle WENN und ABER trennen uns ja von dem Geber
aller guten Gaben, sondern hier gilt nur das demütige Ja
eines Menschen, der weiß, daß er von Gott alles erwarten
darf.
In einer solchen Haltung können wir auch getrost in das neue
jahr hineingehen ohne alle Angst und Furcht vor dem, was da
kommen könnte, denn wir wissen, Gott geht mit uns.
Er wird uns auf unserem Gang durch das neue Jahr recht
führen und begleiten.
Sicher ist das alles für uns, die wir schon jahraus und
jahrein unter Gottes Wort kommen,
hinreichend bekannt. Oft schon haben wir es gehört. Aber
jetzt laßt uns einmal mit dem Hören ernstmachen, laßt uns
aus hörenden Menschen gehorchende Menschen werden, dann
dürfen wir auf unserem Wege durch das neue Jahr Wunder auf
Wunder als Zeichen der Liebe Gottes zu uns schauen.
"Verlaß dich auf den Herrn von ganzem Herzen und verlaß dich
nicht auf deinen Verstand; sondern gedenke an ihn in allen
deinen Wegen, so wird er dich recht führen."