Kirchenjahr 1953/54 - 04 - .
Lugar/Ort:Flüchtlingslager Wibringhaushof in Hassel

Fecha/Datum:24/12/1953
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Heiligabend 1953
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:2. Korinther 9, 15
Skopus: Das Kind in der Kirppe-unaussprechliche Gabe
Kirchenjahr 1953/54 - 4 - 2. Korinther 9, 15
"Gott aber sei Dank für seine unausprechliche Gabe."

Es ist eine Freude, heute und morgen früh hinter den
Fensterscheiben all die vielen Kinderaugen zu wissen, die
mit strahlenden Blicken ihre ganze Dankbarkeit hinausrufen
für das, was sie unter dem brennenden Weihnachtsbaum
erleben. Fast könnten und müßten wir fragen:
Wer strahlt heller als die Kinderaugen oder der
Weihnachtsbaum?
Die Kinder wissen noch etwas von Dankbarkeit, was wir
Erwachsenen längst micht mehr kennen. Gern halten wir unsere
Hände weit auf, aber in den meisten Fällen bleibt uns das
Danke=schön-sagen in den Zähnen hängen.
Und wenn wir einmal näher zuschauen, dann können wir doch
feststellen, daß wir ja trotzdem aufeinander angewiesen
sind.
Wer kann das besser erleben, als ihr, die ihr so eng
miteinander wohnen müßt, wenn auch bei allen von euch die
Hoffnung dahinter steht, daß ihr endlich, vielleicht nach
jahrelangem Umherirren, daß ihr endlich auch ein gemütliches
Heim euch schaffen könnt. Aber noch seid ihr hier, noch seid
ihr aufeinander angewiesen. Ob ihr es unter euch nicht schon
habt feststellen können, wie wohltuend es ist, daß es
Menschen gibt, die nicht nur immer ihr Recht fordern, sei es
in der eigenen Familie, sei es in der Wohngemeinschaft einer
Stube, sondern die auch einmal für das, was ihm der Kamerad,
was ihr die Nachbarin, was ihnen die Lagerleitung gewesen
ist, danken können.
Doch bleibt es bei der Feststellung, dankbare Menschen sind
eine Seltenheit, die man mit dem Vergrößerungsglas suchen
muß. Wenn das schon gesagt werden muß, hier unter uns,
wieviel mehr ist das eine Tatsache, wenn wir daran denken,
wie undankbar wir alle gegenüber unserem Vater im Himmel
sind. Wir machen es wie jener Weinbauer, der bei einer guten
Ernte stolz sagte:
Seht, was bin ich doch für ein tüchtiger Mann.
Geriet aber einmal die Ernte daneben, dann stöhnte er vor
allem Volk:
Leider hat der Herrgott sie nur so kümmerlich wachsen
lassen.
Diese Haltung eines Weinmbauers ist kein Einzelfall.
Vielleicht erkennen auch wir uns darin wieder. Geht es uns
gut, haben wir es zu etwas gebracht, dann heißt es:
Bin ich doch für ein tüchtiger Mensch!
Kommt aber Elend und Not über uns, dann klagen wir bitter
Gott an und rufen aus:
Wenn es einen Gott gäbe, wie könnte er dann das alles
zulassen!
Haben wir nicht schon einmal ähnlich gesprochen?
Hat Gott es verdient, daß wir ihn so links liegen lassen,
daß wir nichts mehr nach ihm fragen?
Auf diese Frage möchte ich heute keine Antwort geben,
sondern daß wir uns hier zur Weihnachtsfeier
zusammengefunden haben, zeigt, daß Gott jedenfalls uns nicht
hat links liegen lassen, daß Gott in der Tat nach uns
gefragt hat. Gott hat uns Menschen eine Gabe gegeben, die
uns zu den fröhlichsten Menschen machen will.
Alle Geschenke, die wir uns zu Weihnachten machen, sind nur
ein sehr schwaches Abbild von dem, was uns Gott geschenkt
hat. Es ist kein frommes Märchen, wenn es in der
Weihnachtsgeschichte heißt:
"Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk
widerfahren ist, denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids."
Habt ihr schon einmal überlegt, was das heißt:
Dir ist dein Heiland geboren?
Jesus Christus, dein Heiland, ist nicht eine Figur, die wir
so aus dem Schrank herausholen können wie den
Weihnachtsschmuck oder wie den guten alten Weihnachtsmann,
wenn wir einmal etwas Stimmung haben oder unseren Gefühlen
nachgeben wollen. Nein, dieser Heiland, der für uns auf
diese Erde gekommen ist, der will jetzt bei uns sein alle
Tage unseres Lebens. Er ist der, der unsere Vergangenheit
wieder in Ordnung bringen will.
Ach, es ist eine bekannte Feststellung von Ärzten, daß ein
großer Teil der Krankheiten seinen Ursprung darin hat, daaß
die Vergangenheit des kranken Menschen nicht in Ordnung ist.
Da schleppen wir uns mit dunklen Geschehnissen aus der
Nazizeit oder aus dem Kriege oder der Nachkriegszeit herum,
die uns einfach nicht mehr loslassen, die uns innerlich
zermürben und aufreiben.
Aber Gott sei Lob und Dank, daß Weihnachten geschah, daß uns
unser Heiland geboren wurde. Er kann auch uns wieder
gesundmachen an Leib und Seele.
Er will auch jetzt bei uns sein in den Entscheidungen
unseres Lebens, in denen wir vielleicht in diesen Tagen und
Wochen stehen. Er kennt unsere Probleme und unsere Not und
unseren Kummer und unsere Sorgen. Und wer von uns hätte
nicht sein Päckchen an Sorgen zu tragen. Er will uns helfen.
Wollen wir uns helfen lassen? Dann, nur dann, können wir
recht Weihnachten feiern.
Lassen wir den strahlenden Weihnachtsbaum und den
Weihnachtsmann den Kindern und feiern wir als Erwachsene so
das Fest, daß wir das Kind in der Krippe, Jesus Christus,
nicht mehr von uns lassen.
Aber etwas werden wir, wenn wir in der rechten Weise
Weihnachten feiern, mit den Kindern gemeinsam haben, die
hellglänzenden dankbaren Augen. Wir werden dann mit den
Kindern zusammen bekennen und Gott danken können:
"Gott aber sei Dank für seine unausprechliche Gabe."