Kirchenjahr 1953/54 - 03 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:20/12/1953
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:4. Advent 1953
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:2. Korinther 1, 18 - 22
Skopus: Unser Gott ist ein treuer Gott
Kirchenjahr 1953/54 -3- 2. Korinther 1, 18 - 22
"Aber, o ein treuer Gott, daß unser Wort an euch nicht Ja
und Nein gewesen ist. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus,
darunter euch durch uns gepredigt ist, durch mich und
Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern
es war Ja in ihm. Denn alle Gottesverheißungen sind Ja in
ihm und sind Amen in ihm, Gott zu Lobe durch uns. Gott ist's
aber, der uns befestigt samt euch in Christum und uns
gesalbt und versiegelt und in unserem Herzen das Pfand, den
Geist, gegeben hat."

Nur noch wenige Tage trennen uns vom Weihnachtsfest, von dem
Fest, das wir auch das FEST DER FREUDE nennen. Jedes Jahr
werden wir in der Advents- und Weihnachtszeit von einer
Sehnsucht nach Freude erfaßt, daß unser Herz darüber fast zu
zerspringen droht.
Es ist nun einmal so, daß diese Zeit von einem geheimen
Zauber erfüllt ist. Wer von uns vermag sich diesem Zauber zu
entziehen? Jung und alt, arm und reich, Männer und Frauen,
Fromme und Ungläubige stehen ergriffen am strahlenden
Weihnachtsbaum und werden weich und gefühlsvoll und hier und
da schiebt sich verstohlen eine Träne der Freude oder auch
eine Träne der Traurigkeit in unsere Augen. Das ist jetzt
bei uns schon Jahr für Jahr so gewesen und sicher sind wir
auch in diesem Jahr wieder bis zum Zerreißen gespannt und
können es nicht erwarten, bis wir im Banne des
Weihnachtsbaumes stehen.
Aber wie ist das eigentlich gewesen, durch all die Jahre
unseres Lebens hindurch? Was ist von all dem Glanz und
Zauber der Advents- und Weihnachtszeit in den Wochen danach
übriggeblieben?.
Müssen wir nicht ehrlich bekennen, daß in den meisten Fällen
übriggeblieben ist eine große und öde Leere, eine
Enttäuschung nach der anderen?
Der am Anfang herrlich grüne Tannenbaum bereitete uns bald
Ärger mit seinen abfallenden NAdeln. Die Geschenke als
Zeichen der Freude wurden bald nicht mehr beachtet und
wanderten wie selbstverständlich in die Schränke. Die Puppe
hatte schon bald nur noch ein Bein und die Lokomotive lag
zerstört in einer Ecke unserer Stube. Lange begleitete uns
noch die große Enttäuschung darüber, daß der
Weihnachtswunsch, den wir geäußert hatten, nicht in
Erfüllung gegangen war und stattdessen ein Geschenk auf
unserem Tische lag, mit dem wir nichts anzufangen wußten.
Müssen wir nicht sagen, daß gerade am Fest der Freude, am
Weihnachtsfest, wir immer am meisten enttäuscht waren? Mit
welch wunden Herzen liefen wir in der Kriegsgefangenschaft
um diese Zeit herum und welche Not bereiteten uns am
Weihnachtsfest die entbehrungsreichen Jahre, die hinter uns
liegen. Das Fest der Freude wird in vielen Fällen zu einer
Zeit der größten Enttäuschungen. Von Jahr zu Jahr bröckelt
etwas von dem Zauber der Weihnachtszeit in unserem Herzen
ab. Bei den einen von uns ist er schon längst zerstört, bei
den anderen wird versucht, ihn noch krampfhaft festzuhalten,
obwohl wir überzeugt sind, daß er doch nur ein frommer
Betrug ist.
Nun stehen wir als eine christliche Gemeinde hier und
fragen:
Muß es sein, daß die Weihnachstage in uns einen solchen
bitteren und fahlen Geschmack hinterlassen, daß sie uns
statt Freude nur Traurigkeit und Enttäuschungen bringen?
Darauf könnte uns heute unser Episteltext eine klare und
deutliche Antwort geben. Unser Text beginnt mit den Worten:
"Aber, o ein treuer Gott, daß unser Wort in euch nicht Ja
und Nein zugleich gewesen ist."
Auch die Gemeinde zu Korinth war von einer Enttäuschung
erfüllt, die sie fragen ließ:
Was ist es denn mit unserem Apostel Paulus? Können wir noch
etwas von ihm erwarten, nachdem er uns so bitter enttäuscht
hat? Die Frage ist im letzten Grunde dieselbe wie die
unsrige. Können wir noch etwas von Weihnachten erwarten,
nachdem dieses Fest uns durch all die Jahre hindurch immer
wieder enttäuscht hat? Der Apostel hat der Gemeinde zu
Korinth versprochen, sie in Kürze zu besuchen. Aber durch
allerlei Umstände hat er sein Versprechen nicht einhalten
können. Darüber wurde für die Korinther der Apostel Paulus
in seinem Auftrag als ein Apostel Jesu Christi fragwürdig.
Sie nahmen ihn nicht mehr ernst.
Unsere Enttäuschung über das Weihnachtsfest führt uns
vielleicht auch dahin, daß wie es nicht mehr ernstnehmen
können, daß wir es als ein frommes Märchen für unsere Kinder
ansehen.
Allerdings greift der Apostel mit aller Macht in diese
Enttäuschung der Korinther hinein und sagt ihnen:
Bin ich etwa Gott selbst? Bin ich in meinem Wesen unfehlbar
oder nicht auch ganz und gar ein Mensch wie alle anderen,
mit allen Fehlern und Schwächen. Ich kann mich mit dem, was
ich durch meine eigenen Über- legungen versprochen habe,
genauso irren wie ihr alle euch irren könnt. Ich bin auch
als ein Apostel ein Mensch wie ihr alle seid.
Wir hören für unsere Frage nach dem Weihnachtsfest, aus der
Haltung des Apostels heraus:
Wie könnt ihr eigentlich vom Weihnachtsfest, von seinen
Sitten und Gebräuchen, von den Geschenken und Stimmungen und
von dem strahlenden Weihnachtsbaum erwarten, das sie euch
die eigentliche Weihnachtsfreude schenken? Unsere
Weihnachtssitten und -gebräuche sind nicht das Entscheidende
am Weihnachtsfest. Sie haben sich im Laufe der Zeit
gebildet, wie auch jedes Volk sich seine Lebensgewohnheiten
selbst macht.
Wenn wir an unseren Weihnachtsbaum denken, dann wissen wir
sogar, daß wir ihn noch aus dem Heidentum unserer Vorfahren
übernommen haben. Mit dem, was uns unser Text sagt, wird uns
klar, wer sich auf all die Äußerlichkeiten, auf den
Weihnachtsbaum mit seinem Lichtermeer, auf den Gabentisch
verläßt und sie als die Hauptsache ansieht, der muß
enttäuscht werden.
Wir könnten wir auch nur durch all die Jahre hindurch von
diesen Äußerlichkeiten die Freude erwarten, nach der wir so
sehnlichst ausschauten. Nein, nein, auf keinen Fall, so
erkennen wir, kommt die Freude aus dem Drum und Dran der
Advents- und Weihnachtsstimmung.
Aber so, wie der Apostel die Gemeinde zu Korinth von sich
weglenkt auf das Entscheidende, so lenkt er auch unseren
Blick auf das Entscheidende des Weihnachtsfestes:
"Aber, o ein treuer Gott, daß das Wort an euch nicht Ja und
Nein zugleich gewesen ist."
Es geht beim Apostel Paulus und beim Weihnachtsfest nicht um
die äußere Gestalt, um die Art und Weise, sondern es geht
darum, daß wir hören auf das, was am Weihnachtsfest
verkündigt wird. Es geht darum, daß wir hören können und
hören wollen. Und das sagt Paulus so, daß kein Zweifel mehr
aufkommen kann:
Wer auf die Botschaft, die verkündigt wird, hört, der wird
und kann auch niemals enttäuscht werden.
Eigentlich müßten wir nach all den Jahren der
Enttäuschungen, in denen wir nicht auf die Botschaft am
Weihnachtsfest haben hören wollen oder, obwohl wir sie
gehört haben, unsere Ohren verstopft hielten. Eigentlich
müßten wir vor Freude jetzt ein Loblied nach dem anderen
anstimmen:
Endlich in unserem Leben das Weihnachtsfest als Fest der
Freude, daß keinen bitteren Nachgeschmack hinterläßt.
Die Botschaft, die am Weihnachtsfest verkündigt wird, die
auch Paulus zu verkündigen hat, ist nicht einmal Freude und
dann Enttäuschung, sie ist ausschließlich und allein die
Botschaft der Freude:
"Unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich gewesen."
Warum kann Paulus von der Botschaft sagen, daß sie niemals
enttäuscht? Er kann es sagen, weil er weiß, daß es in der
Botschaft, in der Verkündigung, auch am Weihnachstage, um
das Ja Gottes zu uns Menschen geht.
Haben wir es gehört, in der Botschaft Gottes, die wir heute
und auch am Weihnachtstage hören dürfen, geht es um die
freudige Mitteilung Gottes:
Ich habe euch, ihr meine Menschenkinder, lieb.
Wir haben um uns her eine Situation des Todes geschaffen.
Auch wir sind vom Tode umweht. An jeder Ecke lauert er auf
uns und sagt zu unserem Leben ein Nein. Wir wollen das wohl
nicht wahrhaben, aber dennoch ist es so, wir sind von der
Angst vor dem Tode gepackt. Unser Leben sucht sich vor dem
Angriff des Todes zu sichern. Eigentlich ist das eine
Lächerlichkeit. Wir sehen diese Lächerlichkeit
beispielsweise an der Herstellung der Atombomben. In der
Herstellung dieser Bomben bereiten wir uns selbst den Tod,
aber dann werden wir davon von einer solchen Angst und Panik
gepackt, daß wir im gleichen Moment daran gehen, zu
erkunden, wie wir uns vor den von uns hergestellten
Atombomben schützen können. Mit anderen Worten gesagt:
Wir rufen den Tod herbei und wenn er erscheint, dann sagen
wir:
Ach, bitte, gehe wieder fort!
Unser eigenes Tun und Handeln ist ein einziges Nein zu uns
selbst, eine Selbstvernichtung.
Die Weihnachtsbotschaft aber ist das Ja Gottes zu uns. Gott
will, daß wir leben.
Das war Gottes Ziel mit uns, als er uns ins Leben rief. Das
bleibt auch Gottes Ziel, als der Mensch von Gott, seinem
Schöpfer, nichts mehr wissen wollte und anderen Göttern
nachlief. Gott blieb bei seinem JA zu uns, deswegen erwählte
er aus allen Völkern ein Volk und sagte zu diesem Volk:
du bist mein!
Und dann kam die Zeit, von der bis auf den heutigen Tag ein
Strahl in unser Leben leuchtet, der Tag, da Gottes Ja zu
unserem Leben eine menschliche Gestalt annahm:
"Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch
uns gepredigt ist, der war nicht Ja und Nein, sondern es war
das Ja in ihm. Denn alle göttliche Verheißungen sind Ja in
ihm und sind Amen in ihm, Gott zu Lobe durch uns."
Da in dem Stalle zu Bethlehem, ohne Tannenbaum und ohne
Lichterglanz, in einer elendigen Hütte, kam das Ja Gottes zu
uns Menschen in der Gestalt eines kleinen Kindes auf diese
Erde. Seitdem darf die Freudenbotschaft Gottes durch alle
Welt ziehen. Seitdem dürfen auch wir es hören, was der Engel
Gottes den Hirten verkündigte:
"Siehe, ich verkündige euch große Freude."
Wir spüren es, wie alle unsere Enttäuschungen zur
Weihnachtszeit darin gelegen hat, daß wir die Botschaft von
dem Kind in der Krippe nicht haben vernehmen wollen, daß wir
uns bei allen möglichen Äußerlichkeiten und Feierlichkeiten
aufgehalten haben, aber darüber das Kind in der Krippe
vergaßen. Darum also die Enttäuschungen!
Nun hören wir es aber, daß wir von jetzt ab wirklich nicht
mehr enttäuscht sein brauchen. Wir dürfen die ganze
Weihnachtsfreude, die im letzten Grunde nur eine
Christtagsfreude sein kann, in Empfang nehmen. Dieses Kind
in der Krippe, daß der Heiland der Welt ist, der auch unser
Heiland ist, der wird uns niemals enttäuschen. Wir brauchen
in unserem Leben niemals mehr Christtagsenttäuschungen
erleben, denn wo unser Herr Jesus Christus zu Hause ist, wo
er verkündigt wird, da gibt es nur Freude:
"Siehe, ich verkündige euch große Freude."
Wer Jesus Christus hat, der hat alles, was sein Leben
lebenswert macht.
Wie kommen wir dazu, das in einer solchen Bestimmtheit zu
sagen? Wie kommt der Apostel Paulus dazu, den Korinthern zu
bezeugen:
Wenn ihr den Heiland der Welt habt, dann habt ihr alles?
Er kann und darf ein Zeuge Jesu Christi sein, weil es ihm
der Heilige Geist geschenkt hat, weil der Heilige Geist ihm
diese Gewißheit geschenkt hat.
Wenn wir hier vereinigt sind, um gemeinsam auf dieses Wort
der Heiligen Schrift zu hören, dann will uns Gottes Wort
nicht überreden. Wir wollen uns nicht gegenseitig überreden.
Wer von uns wollte auch einen anderen zur rechten
Christtagsfreude überreden können?
Nein, das ist unmöglich. Und doch dürfen wir es auch von uns
hier annehmen, daß bei dem einen und bei dem anderen etwas
aufgeht von dem Glanz des Christtages.
Unser Text sagt es uns auch, wie es dazu kommt. Er sagt uns,
daß da, wo die Heilige Schrift aufgeschlagen und verkündigt
wird, daß da der Heilige Geist am Werke ist. Durch den
Heiligen Geist will Gott auch uns die ganze rechte
Christtagsfreude schenken. Es gilt, seinem Wirken auch in
dieser Stunde stille zu halten.
"Gott ist es aber, der uns befestigt samt euch in Christum
und uns gesalbt und versiegelt und in unsere Herzen das
Pfand, den Geist, gegeben hat."
In wenigen Tagen feiern wir das Christfest. Soll es in
diesem Jahre keine Enttäuschungen geben, dann laßt uns
nichts, aber auch garnichts von den Äußerlichkeiten
erwarten, sondern alles, aber auch alles, von dem Kind in
der Krippe erhoffen, von dem wir die Botschaft hier im
Gotteshaus hören dürfen. Dann, nur dann, wird die Nachricht:
"Siehe, ich verkündige euch große Freude.",
nicht nur an unser Ohr, sondern bis in unser Herz gehen und
bei uns bleiben alle Tage unseres Lebens. Wir dürfen dann in
diesem jahre ein gesegnetes Christfest erleben; Gott, der
Herr, schenke uns ein solch gesegnetes Christfest!