Kirchenjahr 1952/53 - 28 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:18/10/1953
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:20. Sonntag nach Trinitatis 1953
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Apostelgeschichte 2, 42 - 47
Skopus: Die erste christliche Gemeinde
Kirchenjahr 1952/53-28- Apostelgeschichte 2, 42 - 47
"Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der
Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam auch
allen Seelen Furcht an, und geschahen viel Wunder und
Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig waren
geworden, waren beieinander und hielten alle Dinge gemein.
Ihre Güter und Habe verkauften sie und teilten sie aus unter
alle, nach dem jedermann not war. Und sie waren täglich und
stets beieinander einmütig im Tempel und brachen das Brot
hin und her in den Häusern, nahmen die Speise und lobten
Gott mit Freuden und einfältigem Herzen und hatten Gnade bei
dem ganzen Volk. Der Herr aber tat hinzu täglich, die da
selig wurden, zu der Gemeinde."

Uns allen kann es in den letzten Jahren nicht verborgen
geblieben sein, daß innerhalb der Christenheit wieder auf
eine neue Weise nach dem Wesen der christlichen Kirche, nach
dem Wesen der christlichen Gemeinde, gefragt wird. Das ist
in der weiten Welt so, wo mitten in heidnischen und
mohammedanischen Gebieten christliche Kirchen entstanden
sind. Wir denken dabei auch an das Ringen in dieser Hinsicht
zwischen allen christlichen Kirchen der Welt in der
ökumenischen Bewegung. Dasselbe geschieht ebenfalls bei uns,
wo darüber gefragt und gerungen. Es ist doch nicht von
ungefähr, daß zum Beispiel in den nächsten Tagen die
Landessynode unserer Westfälischen Kirche zusammenkommt, um
das Wesen der Kirche festzulegen in einer neuen
Kirchenordnung. Und der heutige sogenannte Männersonntag
will in ganz besonderer Weise die Männer unserer Kirche an
ihre Aufgaben und Pflichten erinnern, die sie innerhalb der
Kirche haben. So lautet dann auch das Thema:
DIE GEMEINDE BLEIBT ZUSAMMEN!
Es ist in Wahrheit sehr notwendig, daß diese Neubesinnung um
das Wesen der christlichen Kirche geschieht, denn von dieser
Neubesinnung hängt es ab, ob sie unter dem Zeichen des
Lebens oder des Todes steht.
Wir wissen, welche schweren Angriffe in dieser Zeit gegen
die christliche Kirche zugange sind. Im Osten geschieht die
Bedrängung im offenen Kampf, im Westen weht der Geist der
innerne Aushöhlung durch OberfLächlichkeit, verstärkt wird
er durch den Amerikanismus. Dann dürfen wir vor allen Dingen
bei uns im Westen nicht den Großangriff vergessen, den im
Augenblick die katholische Kirche von Rom innerhalb des
sogenannten christlichen Abendlands um die Herrschaft
startet. Diese Auseinandersetzung ist zugange. und es geht
dabei um Macht und Herrschaft des Katholizismus innerhalb
der Politik und Kultur. Es ist ein Kampf zwischen der
Herrschaft des Papstes und der Herrschaft Jesu Christi. Wir
stehen so bereits in einem klaren Kulturkampf, der auf
Schritt und Tritt der römisch-katholischen Kirche Siege
einbringt und die nicht-katholischen Kirchen in die Winkel
drängen möchte.
Es kommt jetzt nun alles darauf an, sich zu besinnen auf
das, was das Wichtigste in der christlichen Gemeinde ist.
Leider hat man bei uns in Deutschland in der Evangelischen
Kirche wieder Dinge aus einer alten Mottenkiste herausgeholt
und meint, das wäre das Wesentliche, daß man sich lutherisch
oder reformiert nennt. So war denn in den vergangenen Tagen
in einer lutherischen Zeitung zu lesen, daß der Mann, der in
ganz besonderer Weise die christlichen Kirche immerwieder
ermahnt hatte, auf keinen Fall das Entscheidende zu
vergessen, daß der reformierte Theologieprofessor Karl Barth
für die Lutheraner kein Bruder im Glauben sei. Und dann
erleben wir es überall, wie innerlich die evangelischen
Gemeinden immer kleiner und immer schwächer werden, überall
Rückgang und Abfall.
Wie ein Traum erscheint dagegen das Bild der Urgemeinde in
Jerusalem. Da ist Leben und Bewegung. Da finden wir die
Gemeinde vereint im fröhlichen Lobgesang:
"Sie lobten Gott mit Freuden."
Es kann nun aber auf keinen Fall unsere Aufgabe sein, in
unseren Gemeinden den Zustand von damals herbeiführen zu
wollen, wie dort in Jerusalem. Es geht nicht um ein
Nachmachen, doch könnte uns vielleicht in unserem Text eine
Antwort gegeben werden auf die Frage:
Was ist der Kern, die Mitte der christlichen Kirche, worauf
es allein in all den Auseinandersetzungen, in denen wir
stehen und in die wir noch hineinkommen werden, ankommt?
Aus jedem Verse spüren wir es, wie unser Herr Jesus Christus
durch die Reihen der Urgemeinde in Jerusalem geht, daß er es
ist, der sie führt und leitet. Das ist also für uns die
entscheidende Frage, ob auch durch unsere Reihen der Herr
Christus geht oder muß er betrübt von dannen ziehen? An
dieser Frage allein entscheidet es sich, ob unsere
christlichen Gemeinden leben als Licht der Welt und als Salz
der Erde, oder ob sie unter dem Ansturm der Feinde
zusammenbrechen wie ein Kartenhaus und nur noch die Trümmer
übrigbleiben.
Jesus Christus will durch die Reihen der Gemeinde gehen. Er
will der Mittelpunkt sein und bleiben.
In Jerusalem jedenfalls ist er der Mittelpunkt, denn dort
lauschen die Gemeindeglieder auf sein Wort und nehmen teil
am Tisch des Herrn, an dem er selbst der Gastgeber ist:
"Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und im
Brotbrechen."
Bei einer Neubesinnung um das Wesen der christlichen Kirche
kann es im letzten Grunde nur darum gehen, daß die Stimme
des Herrn nicht verstummt, sondern im Gegenteil lauter und
hörbar zu vernehmen ist. Jede Neubesinnung kann also nur das
eine Ziel haben:
Wie kann das Wort unseres Herrn und Heilandes, der, wie es
uns durch die Apostel überliefert worden ist, ganz neu auf
den Leuchter kommen? Die Kirche hat nur solange eine Aufgabe
in dieser Welt, solange in ihr dieses Wort zu hören ist,
solange aus ihr dieses Wort in die Welt hineingerufen wird:
"Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in
Ewigkeit."
Das Köstliche ist, daß wir die Verheißung haben, daß da, wo
wirklich die Stimme unseres Herr erschallt, wo wirklich zum
Tisch des Herrn eingeladen wird, daß da sich Menschen
versammeln. Auf dieses größte Wunder dürfen wir warten und
hoffen. Gott wird uns nicht enttäuschen.
Wir haben nicht versprochen bekommen, daß sich die Massen um
Jesus scharen werden, aber das dürfen wir wissen, GOTTES
HAUS FÜLLT SICH MIT MENSCHEN.
Allerdings soll das auch unsere wenigste Sorge sein, ob wir
Massenerfolge haben. Umd wir haben auch nicht darüber zu
zerbrechen, daß wir keine großen Erweckungsbewegungen mehr
erleben wie vor Jahrzehnten im Bergischen oder im Sieger-
oder im Ravensberger Land. Das sind Sorgen, die wir ruhig
unserem Herrn Jesus Christus selbst überlassen können.
Unsere Sorge aber muß es sein, daß in unseren Reihen die
Stimme des Guten Hirten nicht verstummt, daß wir selbst, da,
wo wir unsere Pflicht zu erfüllen haben, Zeugen unseres
großen Königs werden. Jedem von uns gilt der Ruf und
Auftrag:
"Gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes!"
Unser Herr Jesus Christus hat uns nicht nur die Tür zum
Vater im Himmel geöffnet, sodaß wir mit ihm wieder
Gemeinschaft haben dürfen, nein, er hat auch die schwer
verriegelten Türen, die wir gegenüber unseren Mitmenschen
aufgerichtet haben, eingerissen, sodaß wir jetzt auch wieder
Gemeinschaft untereinander haben dürfen.
Wo Menschen sich um Gottes Wort versammeln und um den Tisch
des Herrn, da haben sie auch untereinander Verbindung und
Gemeinschaft, da öffnene sich nicht nur die Herzen, sondern
da strecken sie dem anderen auch die helfende Hand entgegen,
da geschieht das Wunder, daß wieder barmherzige Samariter
unterwegs sind.
Alle aber, die gläubig waren geworden, waren beieinander und
hielten alle Dinge gemein. Ihre Güter und Habe verkauften
sie und teilten sie aus unter alle, nach dem jedermann Not
hatte."
Wo Jesu Wort erschallt, da werden die Türen und Hände und
unsere Geldbörsen und unsere Schränke geöffnet, da sind wir
unterwegs zu dem armen Lazarus, der krank darniederliegt.
Unter Gottes Wort entsteht die neue Gemeinschaft mit Gott
und den Menschen:
"Sie blieben aber beständig in der Gemeinschaft."
Wer von dem Herrn aller Herren angesprochen wird, wer seinem
Worte lauscht, wer in seinen Dienst gerufen wird, der wird
nicht zum Sklaven eines grausamen Tyrannen. Unser Gott ist
alles andere als ein grausamer Gott. Er schleudert uns nicht
seinen Fluch entgegen und läßt uns allein, sondern der große
und allmächtige Gott läßt sich in ein Gespräch mit uns ein.
Ist es uns schon einmal klar geworden, was das heißt, daß
Gott mit uns spricht, daß Gott uns sogar auffordert, ihm
alle unsere Not zu sagen, ihm unser Herz auszuschütten?
Unser Herr Jesus Christus zeigt uns die unglaubliche
Möglichkeit, unseren Mund aufzutun und mit Gott zu sprechen,
ihn zu bitten um das, was wir brauchen. Dieses Bitten, und
das ist ja das Einmalige, dieses Bitten ist kein Rufen ins
Leere, sondern ein Rufen, das die Verheißung hat: GOTT WIRD
UNS HÖREN.
Unser Bitten wird nicht nur gehört, sondern es hat sogar die
Verheißung, daß Gott unser Bitten erfüllen will:
"Bittet, so wird euch gegeben!"
Haben wir schon einmal versucht, Gott um etwas zu bitten?
Dann wird es aber Zeit, nun endlich von diesem Geschenk
unseres Herrn und Heilandes Gebrauch zu machen und unsere
Hände zu falten und Gott zu bitten.
Es hat sich ja wieder gezeigt, wie unser Beten um unsere
Kriegsgefangenen eine solche große Erhörung gefunden hat.
Viele durften jetzt heimkehren. Darum dürfen wir auch in der
kommenden Woche wissen, wenn wir uns am Dienstag und
Donnerstag wieder zu einem Gebetsgottesdienst für unsere
Kriegsgefangenen versammeln:
Unser Beten wird auch diesmal nicht umsonst sein. Er wird
unser Schreien und Rufen hören und wird uns auch erhören:
"Bittet, so wird euch gegeben!"
Die Urgemeinde zu Jerusalem hat von dieser Möglichkeit ihres
Herrn Gebrauch gemacht und ist nicht enttäuscht worden:
"Sie blieben aber beständig im Gebet."
Wir wissen, wie diese Gemeinde zu Jerusalem den Apostel
Petrus, als er einmal im Gefängnis saß, förmlich
herausgebetet hat. Laßt uns in allen Nöten und Sorgen nicht
müde und lasch werden, unsere Hände zum Vater im Himmel
emporzustrecken. Gott steht zu seinem Worte. Er enttäuscht
niemals.
Uns ist nun klar und deutlich geworden, wie die christliche
Gemeinde nur dann eine christliche Gemeinde ist, wenn ihr
Herr und Meister Jesus Christus nicht aus ihrer Mitte
hinausgestoßen wird, sondern wenn laut und vernehmlich sein
Wort zu hören ist und wenn seine Einladung zu seinem
Gastmahl Folge geleistet wird, dann kommt alles andere von
selbst, dann geht die Gemeinde nicht achtlos am Nächsten
vorüber, dann öffnet sie ihren Mund zum Gespräch mit Gott,
dann erschallen Lob- und Danklieder zu Gott empor, dann ist
die Gemeinde Jesu Christi eine Schar von Menschen, die
fröhlich durch diese Welt zieht. Dann ist es auch nicht
möglich, daß all die Angriffe, die gegen die Kirche, ganz
gleich von welcher Seite, geführt werden; dann ist es auch
nicht möglich, daß die Kirche einen Schaden erleidet. Sie
geht, wenn auch angefochten, aber doch fröhlich, durch diese
Welt, selbst die Pforten der Hölle können sie nicht
überwinden.
Ja, sie braucht nicht nur keine Angst zu haben, sondern sie
darf es wissen, daß durch den Ruf des Herrn, durch sein
Wort, die Schar immer größer wird, die hinter Jesus Christus
hergeht.
"Der Herr aber tat hinzu täglich, die da selig wurden, zu
der Gemeinde."
Alle unsere Mühen und all unser Fleiß und alle unsere
Betriebsamkeit bringen es nicht fertig, Menschen zu Jesus zu
bringen, aber seinem Worte dürfen wir es zutrauen, auch bei
uns hier am Ort, hier in Deutschland und in der ganzen
weiten Welt. Darum laßt uns allen Fleiß daran wenden, daß
er, der Herr, mit seinem Wort in unserer Mitte bleibt. Haben
wir ihn, dann haben wir alles, dann dürfen wir getrost in
die Zukunft gehen.