Kirchenjahr 1952/53 - 25 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:06/09/1953
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:14. Sonntag nach Trinitatis 1953
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:1. Timotheus 6, 17-19
Skopus: Das Verhältnis des Christen zum Reichtum
Kirchenjahr 1952/53 - 25 - 1. Timotheus 6, 17 - 19
"Den Reichen dieser Welt gebiete, daß sie nicht stolz seien,
auch nicht hoffen auf den ungewissen Reichtum, sondern auf
den lebendigen Gott, der uns dargibt reichlich, allerlei zu
genießen; daß sie Gutes tun, reich werden an guten Werken,
gern geben, behilflich seien, Schätze sammeln, sich selbst
einen guten Grund aufs Zukünfige, daß sie ergreifen das
ewige Leben."

Wenigstens einmal ein Gottes Wort, das uns nicht gemeint
haben kann, so mögen wir beim Verlesen unseres Textes
gedacht haben. Wenigstens einmal die Stimme Gottes hören,
ohne daß sie uns aus unserer Trägheit herausholt und vor
eine Entscheidung stellt. Wenn es heißt
"Den Reichen von dieser Welt gebiete!",
dann können wir doch nicht darunter fallen, nicht wahr! Wer
von uns wäre denn reich?! Wenn wir einmal unsere Reihen hier
mit dieser Frage durchgehen wúrden, würden wir alle unsere
Hände abwehrend ausstrecken und sagen:
Gehe bitte weiter; wir haben kein dickes Sparkassenbuch
aufzuweisen; wir haben keine Reichtümer angesammelt; wir
stecken doch mitten im schwersten Existenzkampf unseres
Lebens.
Es ist doch auch zu schön, einmal sagen zu können, heute
meint mich Gott nicht. Wie gerne haben wir es auch, wenn
über die reichen Leute geschimpft wird.
Aber bilde sich nur niemand ein, als ob das, was wir gerade
so erträumt haben, ginge. Unser Text läßt uns nicht los, er
beurlaubt uns nicht, wie Gott uns auch nicht einfach laufen
läßt.
Wir haben hier nämlich den eigentlichen Maßstabm den Maßstab
Gottes erhalten, für das, was Reichtum, für den, der ein
Reicher ist. Dabei wird nicht erzählt, wieviel Tausend Mark
jemand besitzen muß oder wieviel Häuser oder welches
Monatsgehalt er verdienen muß, um als ein Reicher zu gelten.
Nein, hier wird die Gesinnung des Menschen aufgezeigt, die
ihn in die gleiche Lage versetzt, in der auch der Reiche
steht:
"Den Reichen dieser Welt gebiete, daß sie nicht stolz
seien!"
Prüfe sich jeder selbst, ob er von sich sagen kann, daß er
nichts besitzt, worauf er stolz ist; dabei spielt es keine
Rolle, ob es sich um eine hohe Summe Geldes handelt oder um
ein schönes Kleid oder um das gemütliche Heim oder um die
wohlgeratenen Kinder. Wenn das so ist, daß der Stolz das
Kennzeichen des Reichtums ist, dann müssen doch wohl wir
alle bekennen: An einem Punkte, an einer Stelle, sind wir
alle stolz auf irgendetwas oder auf irgendwen. So fallen wir
alle dann auch unter die Leute, die mit unserem Text
angeredet werden.
Wer wollte auch nicht einmal die Nase ein wenig höher tragen
können, als wir normalerweise gezwungen sind, sie zu tragen.
Im Reichtum mit seinem Stolz liegt die Gefährlichkeit, daß
wir unser ganze Vertrauen auf irgendeine Sache, auf
irgendeinen Menschen, auf irgendeine Fähigkeit setzen und
dann mit einer Haltung vor Gott und den Menschen stehen, die
ausspricht:
Mir kann keiner etwas; ich habe mein Leben durch bestimmte
Dinge und Personen gesichert; ich habe das Vertrauen, daß
ich getrost in die Zukunft schauen kann.
Wie sehnen wir Menschen uns ja auch danach, gesichert in die
Zukunft gehen zu können. Könnte einer von uns behaupten, daß
er nicht auch nach solchen Sicherungen ausschaut?
Aber der Text ruft uns eindeutig zu, nicht stolz zu sein,
nicht nach Sicherungen auszuschauen. Gott verwehrt uns,
unsere Sicherungsbedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen.
Neben dem Stolz gehört auch eine gewisse Hoffnung zum
Reichtum; eine Hoffnung nach mehr Besitz, nach mehr Geld,
nach mehr Reichtum:
"Den Reichen von dieser Welt gebiete, daß sie nicht hoffen
auf den ungewissen Reichtum!"
Und ist das Lied hinreichend bekannt:
"Je mehr er hat, je mehr er will...."
Wir singen es doch alle Tage. Wir tragen die feste Hoffnung
mit uns, daß wir unser Leben besser und schöner gestalten
können, wenn wir mehr Geld besitzen würden. Es wird dann
auch die Meinung vertreten, wenn es uns besser geht, wollen
wir uns auch wieder zur Kirche halten, denn nur in einem
guten Milieu kann man Gott recht dienen.
Wie hätten dann aber die Kirchen voll sein müssen, nachdem
in den vergangenen Jahren die vielen Kriegsgefangenen
entlassen worden waren. Unter uns Kriegsgefangenen war ja
diese Meiunung besonders stark vertreten. Und die meisten
kamen zu Hause doch in ein besseres Milieu. Wie müßten die
Kirchen voll gewesen sein von den vielen Menschen, die in
der Zeit der Not auch so gesprochen haben.
Im letzten Grunde stand hinter solchen Reden nur die
Hoffnung auf ein besseres Leben, mit ein paar frommen Worten
gewürzt. Gott sollte unser Handlanger zum besseren Leben
sein.
Alle, die wir dabei sind, unsere Hoffnung auf Reichtum, Geld
und Gut, zu setzen, sind gemeint, wenn hier vom Reichtum die
Rede ist. Also wir sind es, die aufgefordert werden, von
einer solchen falschen Hoffnung abzulassen:
"Den Reichen von dieser Welt gebiete, daß sie auch nicht
hoffen auf den ungewissen Reichtum."
Selbstverständlich fragen wir, wie denn unser Text überhaupt
dazu kommt, uns aufzufordern, Hände weg von der Hoffnung,
daß wir mit dem Reichtum besser durch das Leben kommen?
Es ist diese Warnung dadurch nötig geworden, daß wir das
erste Gebot vergessen haben oder nicht anerkennen wollen.
Setzen wir unser Vertrauen und unsere Hoffnung auf die
irdischen Dinge, so tun wir etwas, was allein Gott gegenüber
getan werden darf. Wir wollen uns erinnern lassen, was
Martin Luther in seiner Erklärung zum ersten Gebot gesagt
hat:
"Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und
vertrauen."
Unserem Vater im Himmel kommt allein unser Vertrauen und
unsere Hoffnung zu. Unser Text sagt es uns auch, warum das
so ist:
"Den Reichen von dieser Welt gebiete, daß sie nicht stolz
seien, auch nicht hoffen auf den ungewissen Reichtum,
sondern auf den lebendigen Gott, der uns dargibt, was wir
gebrauchen."
In Gottes Hand allein steht es, ob wir das erhalten, was wir
zum Leben nötig haben, darum kann es nicht anders sein, als
daß wir unser Vertrauen auf Gott setzen, der der Geber aller
guten Gaben ist. Was bedeuten da schon alle Dinge dieser
Welt, auf die wir so gerne unsere Hoffnung setzen?
Eine Handvoll Staub, im Angesichte Gottes!
Eigentlich müßten wir, die wir den furchtbaren Krieg und die
notvolle Nachkriegszeit erlebt haben, schon längst wissen,
was es um die Brüchigkeit und Nichtigkeit aller irdischen
Dinge ist. Aber wir vergessen leider so schnell, eben geht
es uns besser und schon vertrauen wir auf alle möglichen
Dinge. Trotzdem bleibt es dabei, das, was unser Leben
erhält, schenkt uns allein Gott.
"Setzet eure Hoffnung und euer Vertrauen auf den lebendigen
Gott, der uns darreicht, reichlich, allerlei zu gebrauchen."
Wer auf Gott allein seine Hoffnung setzt, der wird von Gott
schon das Seinige erhalten. Niemals, das dürfen und müssen
wir wissen, niemals könnte unser Vater im Himmel, der seinen
Sohn um unsretwillen nicht verschonet hat, niemals könnte
dieser unser Vater uns in den alltäglichen Dingen im Stich
lassen. Wir waren ihm so viel wert, daß er seinen Sohn zu
unserem Heil auf die Erde schickte, wie sollte er uns mit
diesem Sohne nicht auch alles andere schenken.
Unser Gott ist ein treuer Gott, er tut über unser Bitten und
Verstehn. Er versorgt uns so, daß wir -so arm wir auch sein
mögen- doch noch einem anderen helfen können.
Hier wird uns nicht gesagt, da wir jedem, der an unserer
Tür klopft, einen 10 DM-Schein geben müssen oder können,
sondern daß Gott uns soviel gibt, daß wir dem, der in Not
ist, der noch weniger hat als wir, etwas abgeben können.
Darüber wollen wir nicht lange sprechen und diskutieren,
sondern wir wollen es einmal in der Praxis unseres Lebens
ausprobieren. Wir sollen dabei einmal Gott ganz ernst beim
Worte nehmen und ihm vertrauen, daß er sein Wort wahr macht:
"Ermahne sie, daß sie Gutes tun, reich werden an guten
Werken, gern geben und behilflich sein!"
Wollen wir es nicht am besten so halten, wie es die Jünger
im Evangelium gehalten haben:
"Auf dein Wort wollen wir es wagen."
Auf sein Wort wollen wir es wagen, unsere ganze Hoffnung und
unser Vertrauen auf Gott selbst zu setzen, daß er uns
versorgt, und zwar immer so, daß wir sogar noch einem
anderen etwas abgeben können von dem, was wir erhalten
haben. Es könnte sein, daß wir wohl recht gut zugehört
haben, und das wir uns auch vornehmen, einmal darüber
nachzudenken, ob es stimmt, was der Text vom Vertrauen zu
Gott sagt. Allerdings gilt es, das Eine zu bedenken:
Hier ist nicht etwas, was man so oder so entscheiden kann,
sondern hier ist ein Ruf, der nur durch den Gehorsam, durch
die Tat beantwortet werden kann. Hier gelten keine Worte,
hier gilt es, uns auf seinen Befehl hin in Marsch zu setzen
zu den Kranken und Alten, zu den Notleidenden und Armen, um
ihnen zu helfen. Hier gilt es zu helfen, sei es mit einem
Stück Brot, sei es mit 1 Pfund Margarine, sei es mit einem
Opfer unserer Zeit, für einen, der auf ein leises Wort von
uns wartet, sei es mit der Kraft unsere Hände, daß wir einem
Alten sein Stübchen aufräumen und putzen.
Wir dürfen dabei wissen, daß Gott uns soviel gibt, wieviel
wir auch für diesen Dienst am Nächsten brauchen. Machen wir
doch einmal die Probe aufs Exempel. Wir können uns aber -
das sei mit aller Entschiedenheit gesagt- an diesem Gehorsam
nicht straflos vorbeidrücken, denn an diesem Gehorsam
entscheidet es sich, ob wir unser Vertrauen und unsere
Hoffnung allein auf Gott setzen und damit Erben des ewigen
Lebens sind, wie es in unserem Text heißt:
"Gott gibt uns reichlich, Gutes zu tun, uns selbst einen
guten Grund aufs Zukünftige, daß wir ergreifen das wahre
Leben."