Kirchenjahr 1952/53 - 21 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:19/07/1953
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:7. Sonntag nach Trinitatis 1953
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Philipper 4, 10 - 13
Skopus: Paulus freut sich
Kirchenjahr 1952/53 - 21 - Philipper 4, 10 - 13
"Ich bin aber höchlichst erfreut in dem Herrn, daß ihr
wieder wacker geworden seid, für mich zu sorgen; wiewohl ihr
allewege gesorgt habt, aber die Zeit hat's nicht wollen
leiden. Nicht sage ich das des Mangels halber; denn ich habe
gelernt, worin ich bin, mir genügen zu lassen. Ich kann
niedrig sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und
bei allem geschickt, beides, satt sein und hungern, beides,
übrig haben und Mangel leiden. Ich vermag alles durch den,
der mich mächtig macht, Christus. Doch ihr habt wohl getan,
daß ihr euch meiner Trübsale angenommen habt."

Daß der Brief des Apostels Paulus an die Philipper ein Brief
der Freude ist, bewahrheitet sich auch wieder in unserem
Text, der mit den Worten
"Ich bin aber höchlich erfreut."
beginnt. In den 4 Kapiteln unseres Briefes kommt das Wort
FREUDE 20 x vor. Und mannigfach sind die Gründe, die Paulus
zur Freude führen und die ihn die Gemeinde zur Freude
ermunterbn lassen.
Bei diesen Gründen zur Freude handelt es sich meistens um
die tiefsten und ernsten Dinge des Glaubens. Da können wir
schon gut mit dem Apostel mitfühlen, wie groß die Freude
sein kann, wenn uns die Gewißheit geschenkt wird,
"uns sind unsere Sünden vergeben".
Aber vielleicht sind wir doch erstaunt, daß sich der Apostel
auch über etwas freuen kann, was im allgemeinen von uns
Christen rein wortmäßig nur mit einem schlechten Gewissen
ins Auge gefaßt wird, obwohl wir innerlich ebenfalls damit
liebäugeln. Es hängt mit dem Gelde zusammen, mit dem
schnöden Mammon.
Paulus im Gefängnis zu Rom freut sich, daß die Philipper ihm
eine größere Geldspende überbracht haben:
"Ich habe eine große Freude, daß ihr wacker geworden seid,
für mich zu sorgen."
Paulus freut sich, daß die Gemeinde zu Philippi ihn mit Geld
unterstützt.
Wir wissen ja alle miteinander, wie unheimlich es uns zumute
wird, wenn wir an den Tanz der Welt um das GOLDENE KALB, an
den Tanz um das Geld, um den Mammon, denken. Nur denken?
Nein, wir tanzen ja diesen Tanz alle mit. Jeder möchte am
meisten von diesem Mammon in seiner Tasche herumtragen. Und
um das tun zu können, betrügen und belügen wir uns
gegenseitig, schlagen uns gegenseitig tot, führen furchtbare
Kriege, in denen Millionen von Menschen dahingemordet
werden. Daran ist doch kein Zweifel, am Geld und Reichtum
klebt Menschenblut.
Wenn es heißt, daß wir alle diesen Tanz um das Geld
mitmachen, dann ist es klar, daß wir, die wir hier im
Gottesdienst sind, uns nicht an dem Tanz beteiligen, bei dem
es um Billionene oder Millionen geht. Wer von uns kann sich
überhaupt vorstellen, was das bedeutet, 1 Milliarde Mark?
Nein, aus diesem Tanz sind wir ausgeschlossen, aber nicht,
weil wir Christen sind, sondern weil wir nicht so viel Geld
haben. Trotzdem ist die Sucht nach dem Geld, trotzdem ist
die Sklaverei und Gebundenheit daran nicht geringer. Der
eine jagt nach Millionen und wir jagen nach Zehner und
Hunderte und unsere Kinder jagen auch schon nach Groschen.
Die Pfennige sind inzwischen aus dem Spiele gekommen, die
überlässt man der Kirche.
Alle laufen wir hinter Geld und Reichtum her und möchten
davon soviel wie möglich erhaschen.
Oder gibt es einen unter uns, der noch nie in seinem Leben
davon geträumt und darüber nachgedacht hätte, was los wäre,
wenn er einen Haufen Geld geschenkt bekommen würde? Wie froh
würden wir dann doch sein!
Sollte Paulus ebenfalls solcher Freude verfallen sein?
Sollte er sich jetzt darüber freuen, daß nun sein Säckel
voll ist und er sich nicht mehr sorgen braucht? Wer das
denkt, der wird von Paulus schnell eines anderes belehrt.
Gerade in der Freude darüber, daß die Philipper ihm Geld
geschenkt haben, weist er auf die Gefahren des Geldes hin,
die gerade in der Gemeinde Jesu Christi, gerade unter
Christen sehr groß werden. Obwohl das Geld die Eigenschaft,
am Besitzer zu kleben, ja nicht wieder in andere Hände zu
kommen, kommt es hier und da doch vor, daß ein Mensch willig
wird, etwas von seinem Gelde und seinem Besitz abzugeben,
einem anderen, der nichts hat, dem es "dreckig" geht. Und da
wir doch das Gebot kennen:
"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!",
besteht die Möglichkeit, daß wir von solch einem Verzicht
auf Geld und Gut, seien es auch
Tausende oder nur Marken, sagen:
Das ist eine Tat der christlichen Nächstenliebe.
Paulus hat aber das Treiben ganz und gar durchschaut, selbst
da, wo Geld und Gut und Reichtum sich in ein christliches
Gewand hüllen, da kann doch verborgen die Fratze des Teufels
herausschauen.
Ein christliches Gehabe, nicht nur auf dem Gebiete des
Geldes, ist noch lange nicht ein Gehorsam, den Christus von
uns erwartet.
Nun warnt uns Paulus davor, ja nicht die Gefährlichkeit des
Geldes durch große Stiftungen und Geschenkaktionen aus dem
Auge zu verlieren. Er sieht mit klaren Augen, wie es oft bei
solchen Geschenken und bei solcher Hilfe zugeht. Wo etwas
geschenkt wird, da gibt es normalerweise immer mindestens 2
Menschen. Da ist der eine, der Geld gibt, der Reiche, und
der, der das Geld annimmt, der Arme. Nun nimmt uns Paulus an
die Hand und zeigt uns, wie es dabei zugeht, wenn nicht das
helle Licht des Evangeliums in solches Geschehen
hineinleuchtet.
Da sehen wir den Mann, der vor dem Armen steht, seinen
Geldbeutel öffnet und ihm mit einer großzügigen Geste ein 5
Markstück hinwirft, möglichst stellt er sich so hin, daß
alle Leute es sehen können, was für ein guter Mann er ist.
Denken wir doch daran, mit welch einem Stolz das Geld sich
verschenken läßt. Das Schenken und das Geben muß dem, der
schenkt, doch auch etwas einbringen, sei es der Ruf der
Mildtätigkeit, in der man stolz sein möchte; sei es der Ruf,
daß man besser ist als alle anderen.
Paulus sagt uns, wo Menschen großzügig etwas verschenken, um
sich stolz an die Brust schlagen zu können, da haben sie
noch lange nicht gezeigt, daß sie dem Götzen Geld nicht
verfallen sind. Gerade indem sie so handeln, zeigen sie sich
als Knechte des Mammons.
Wir würden erschrecken vor der Fülle der Geldspenden, die
ausschließlich zu dem Zwecke gemacht wurden, um sich einen
stolzen Namen zu verschaffen. Das fängt an bei den
Spendenlisten, bei der man mit seiner namhaften Summe
protzen möchte und hört auf bei einem Opfer für einen
kirchlichen Zweck, worüber man aber gern eine Notiz im
Sonntagsblatt mit Namensnennung lesen möchte.
Wie klein und gering erscheint in diesem Lichte des Apostels
Paulus die ganze Hilfsaktion unserer Bundesrepublik für die
Ostzone, die ja nichts anderes sein soll, als mit
großzügiger Geste die eigene Christlichkeit herauszustellen
und zu dokumentieren, mit einer gewissen Schadenfreude und
wie schlecht doch die gottlosen Machthaber gewirtschaftet
haben.
Diese Haltung ist aber vielleicht auch bei uns zu finden,
wenn wir in einer gönnerhaften Weise einem ärmeren ein
Kleidungsstück geben und ihm zu verstehen geben:
Siehst du, so bin ich!
Paulus hat Sorge, daß solch eine Haltung auch in der
Gemeinde zu Philippi hochkommne könnte und darum sagt er bei
aller Freude über ihre Geldspende:
Vergeßt ja dieses nicht, daß diese Spende nicht mir gilt,
sondern eurem Gott.
"Ich habe die Fülle, da ich empfing, was von euch kam, ein
süßer Geruch, ein Gott wohlgefälliges Opfer."
Damit wird uns gesagt, wer vor Gott steht mit seinem Geld
und Gut und wer bereit ist, von seinem Reichtum etwas
abzugeben, der gibt es im letzten Grunde nicht den Menschen,
die da in Not sind, sondern er gibt es Gott. Wenn wir uns
eingebildet haben, vor den Menschen zu protzen und eine
stolze Miene aufzusetzen, wagen wir das auch noch vor Gott
selbst, dem Herrn, zu tun?
Vor Gott wird nur eine demütige Haltung akzeptiert. Gott
lät es sich gefallen, daß wir ihm auch mit unserem Gelde
gehorsam sind. Es ist Gottes Gnade, daß wir von diesem mit
Blut und Tränen beschmutzten Mammon befreit werden und
darauf verzichten können.
Das Evangelium macht uns frei von der Knechtschaft des
Geldes.
Paulus sieht aber auch noch eine andere Haltung, die da
entstehen kann, wo etwas verschenkt oder gespendet wird. Er
sieht sich selbst im Gefängnis zu Rom mit der reichen Gabe
der Phiulipper in seinen Händen. Was liegt näher, daß er dem
Überbringer um den Hals fällt, Tränen der Rührung in den
Augen voll Dank gegen seine Gönner. Das würde doch nach
unserer Meinugn die rechte Haltung sein. Aber davon finden
wir überhaupt nichts bei Paulus. Diese Haltrung des Paulus
könnte und sollte viele von uns, die auf die Hilfe anderer
angewiesen sind, von einer furchtbaren Verkrampfung
befreien.
Paulus, der in Not war und dem geholfen wurde, schämte sich
nicht, dieses Geschenk anzunehmen. Wie oft begegnet man hier
und da Menschen, die nicht aus- noch ein-wissen, die aber
kein Wort des Jammers und der Klage über die Lippen bringen
und die sich eher die Zunge abbeißen würden, ehe sie eine
Hilfe von irgendeiner Seite anzunehmen.
Paulus zeigt uns in seinem Verhalten, daß das nicht zu sein
braucht. Wenn jemand vor uns steht und uns die Hand füllen
will, und wir wirklich in Not sind, dann brauchen wir uns
nicht zu schämen, diese Hilfe anzunehmen.
Während wir uns vielleicht hier in einer solchen Gegebenheit
schämen, ist Paulus geradezu stolz. Er ist zu stolz, den
Spendern Dank zu sagen. In unserem Brief an dieser Stelle
kommt kein einziges Mal das Wort Dank vor. Und wenn wir am
Anfang von der Freude hörten, von der Paulus berichtete,
dann ist das keine Freude, die bekunden wollte:
Ihr Philipper habt mich durch eure Spende vor dem Hungertod
bewahrt. Diese Freude gilt keinem Menschen, sondern allein
seinem Herrn, der ihn nicht im Stich läßt, der ihn erhält,
solange er will. Er weiß sein Leben nicht abhängig von der
Geldspende der Gemeinde, sein Leben hängt ab von seinem
Herrn, In der Nachfolge des Herrn kann man immer bekennen
auf die Frage:
"Habt ihr jemals Mangel gehabt?"
mit einem klaren:
"Niemals!"
Wie schreibt Paulus:
"Nicht sage ich, weil ich Mangel gehabt hätte."
In der Nachfolge Jesu Christi haben wir nie Mangel. Und weil
Paulus das weiß, daß er in der Hand Gottes sich befindet,
kann er ohne Kriecherei und ohne Scham und ohne Bedrückung
die Gabe der Philipper in Empfang nehmen, die durch sie ihm
Gott bringen ließ. Es ist also Gott selbst, der seine Hand
mit dem Notwendigen füllt.
Ach, wenn wir doch auch in einer solchen Haltung zum Geld
stehen könnten, wie Paulus, der weiß, wir sind nicht auf das
Geld angewiesen, das wir verdienen, auch nicht auf unsere
Wohlfahrtsunterstützung oder auf eine andere Hilfeleistung,
sondern allein darauf angewiesen, daß Gott uns das Leben
erhält.
Aber wenn wir das bis in die letzten Konsequenzen hinein
wissen, dann dürfen wir, ohne uns zu schämen, das Geld, das
wir verdienen, unsere Rente oder staatliche Unterstützung
oder jede andere Hilfe in Empfang nehmen, denn Gott ist es,
der uns unsere Hände füllt.
Wie ist es aber nun möglich, solch ein Verhältnis zum Gelde
zu bekommen, daß wir von all unserem Hab und Gut und Geld,
daß wir in den verschiedensten Höhen besitzen, sagen können:
Das alles habe ich von Gott zur Verwaltung bekommen und
alles. was an Kollekten und Hilfeleistungen für andere gebe,
gebe ich als Dank meinem Schöpfer wieder zurück?
Und wie ist es nun möglich, daß wir als solche, die in Not
geraten sind, dennoch wissen dürfen und damit rechnen
können:
Mein Leben steht in Gottes Hand und ich werde solange leben,
wie er es will und wir sind darum nicht abhängig vom Gelde
anderer Menschen und dürfen doch die Hilfe anderer Menschen
und Institutionen aus der Hand Gottes nehmen?
Es ist beides furchtbar schwer. Paulus weiß davon. Er weiß
dabei aber auch das Wesentliche, daß nämlich Jesus Christsus
ihn dazu willig gemacht hat und wozu Jesus Christus auch uns
willig machen will, darum bekennt Paulus:
"Ich vermag alles, durch den, der mich mächtig macht,
Christus."
Das ist der Grund seiner Freude und das will auch der Grund
unserer Freude werden.