Kirchenjahr 1952/53 - 20 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:05/07/1953
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:5. Sonntag nach Trinitatis 1953
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Philipper 3, 7 - 11
Skopus: Kampf des Glaubens im Leben
Kirchenjahr 1952/53 - 20 - Philipper 3, 7 - 11
"Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für
Schaden geachtet. Ja, ich achte es noch alles für Schaden
gegen die überschwengliche Erkenntnis Christi Jesus, meines
Herrn, um welches willen ich alle habe für Schaden
gerechnet, und achte es für Kot, auf daß ich Christus
gewinne und in ihm erfunden werde, daß ich nicht habe meine
Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den
Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die
von Gott dem Glauben zugerechnet wird, zu erkenneen ihn und
die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner
Leiden, daß ich seinem Tode ähnlich werde, damit ich gelange
zur Auferstehung der Toten."

So war es denn gekommen, daß in der Gemeinde zu Philippi
eine große Unruhe entstanden war, gerade in der Gemeinde,
der der Apostel in besonderer Weise zugetan war. Der gute
Fortgang der Verkündigung des Evangeliums schien ernstlich
gefährdet zu sein. Es entstand ein Fragen hin und her bei
allen Christen und keiner wußte, wo er dran sei, wie es
weitergehen sollte. Da lag nun nichts näher als daß der
Apostel selbst in dieser Ausweglosigkeit zu Rate gezogen
wurde. Was war dort geschehen? O, es waren dort keine
schrecklichen Dinge geschehen, Ehebrüche oder Morde. Wer
wollte auch so etwas behaupten. Aber etwas anderes hatte
sich geregt, zuerst nur scheinbar, dann etwas lauter, dann
immer mächtiger, bis es schließlich alles übertönte.
Einzelne Judenchristen waren aufgestanden, also Brüder und
Schwestern in dem Herrn, und hatten die Frage vorgelegt:
Sollte Gott wirklich gesagt haben, daß wir Menschen
ausschließlich und allein nur durch den Glauben an Jesus
Christus selig werden?
Je öfter diese Frage in der Gemeinde gestellt wurde, desto
mutiger wurden diese Leute, sodaß sie nicht mehr fragten,
sondern in aller Öffentlichkeit behaupteten:
Euch allen fehlt noch etwas. Ihr seid noch keine rechten
Christen.
Nur zu verständlich ist es, daß die vielen in der Gemeinde
dieses nicht so einfach hinnehmen konnten. Wer von uns würde
das so einfach hinnehmen, wenn uns jemand sagen würde;
Du bist kein rechter Christ.
Sie, die Judenchristen, fühlten sich erhaben über ihre
Brüder und Schwestern aus den Heiden, denn sie hatten etwas,
was die Heidenchristen nicht hatten. Sie trugen das Zeichen
der Beschneidung, das Zeichen der Zugehörigekeit zum alten
Volks Gottes, zum Volke Israel. Sie hatten auch noch die
vielen Vorschriften aus dem Judentum und waren peinlichst
auch als Christen darauf bedacht, diese Vorschriften genau
zu erfüllen. So war denn daraus die Haltung entstanden:
Ja, der Glaube an Jesus Christus ist wichtig, aber man muß
daneben zum Seligwerden auch die Vorschriften des alten
Gesetzes halten. Ja, es genügt das, was Jesus Christus für
uns getan hat, aber doch müssen auch wir an unserer
Seligkeit mithelfen.
Vielleicht können wir uns vorstellen, wie Paulus über diese
Entwicklung entsetzt ist. Er sieht, wenn das so weiter geht,
wird das ganze angefangene Werk in Philippi zusammenbrechen.
Das kann und darf nicht sein. Und so wirft er sich in einer
heiligen Vollmacht diesem Zusammenbrechen entgegen. Und wer
wäre dazu auch beserr berufen als der Apostel Paulus. Wenn
es darauf ankommt, Vorzüge aufzuweisen, dann ist Paulus der
Vorzüglichste unter den Judenchristen. Er trägt auch das
Zeichen des alten Volkes Gottes. Er gehörte zum vornehmsten
Geschlecht der Juden. Er gehörte zu der Richtung im
Judentum, die es wahrlich sehr ernst nahmen mit der
Erfüllung der Gesetze.
Er nahm die alten Gesetze so ernst, daß er sogar glaubte,
Gott ein wohlgefälliges Werk zu tun, wenn er die christliche
Gemeinde verfolgen würde.
Wenn einer sich hätte auf seine Werke und seine Leistungen
und seine Vorzüge hätte einbilden dürfen, dann wäre es
sicherlich Paulus gewesen. Aber was sagt Paulus von all dem,
daß er seit seiner Jugend besaß:
"Was mir Gewinn war, daß habe ich für Schaden geachtet,
durch Jesus Christus."
Gerade das, worauf sich damals die Judenchristen
einbildeten, daß sie ihre Vorzüge hoch auf den Leuchter
stellten, das ist für den Apostel Paulus der größte Schaden,
der sich in einem Christen, in einer Gemeinde ausbreiten
kann.
Jetzt könnten wir sagen, was geht das uns an. Wir haben ja
keine besondere Gruppe der Judenchristen, also haben wir
diese Fragen nicht mehr. Stimmt das wirklich so?
Unsere Brüder und Schwestern, die aus der katholischen
Kirche ausgetreten sind und heute in diesem Gottesdienst in
unsere evangelische Kirche aufgenommen werden, können es uns
bezeugen, daß im letzten Grunde diese Gefahr nur wenige
Meter vor unserer Kirchentür zu Hause ist. Dort in der
katholischen Kirche wird das, was in unserem Text vom
Apostel so leidenschaftlich abgewehrt wird, öffentlich
gelehrt und gefordert. Dort heißt es:
Nicht Jesus Christus allein, sondern auch deine Buße, deine
Gebete, deine Gesänge, dein zur Kirche gehen, deine
Wallfahrten und deine guten Werke machen dich selig.
Dort ist das, was die Gemeinde zu Philippi bedroht und
wogegen Paulus kämpft zur vollen Entfaltung gekommen.
Eigentlich kann man nicht fragen, was ist dort zur Macht
gekommen, sondern wer hat dort die Macht ergriffen?
Zur Antwort müßten wir geben:
Der Mensch in seiner vermeintlichen Pracht und Herrlichkeit
mit allen seinen Vorzügen.
Die Menschen Maria, die Päpste, die Heiligen, die Priester
und die frommen und die gute Werke ausübenden Menschen. Sie
haben dort in der katholischen Kirche den Ehrenplatz
bekommen und was ist dort mit Jesus Christus geschehen?! Er
führt ein Dasein im Schatten all dieser "herrlichen"
Menschen.
Nun dürft ihr, die ihr heute "eavngelisch" werdet, mit dem
Apostel Paulus bekennen, daß alles das, was euch die
katholische Kirche als Vorzug, als Mitwirken am Heil in den
guten Werken eingeimpft hat, nun dürft ihr bekennen, daß das
der Schade, der Grundschade eures bisherigen Lebens gewesen
war:
"Aber was mir Gewinn war, das habe ich Fúr Schaden
gehalten."
Wir als eine evangelische Gemeinde dürfen uns heute freuen,
daß Gott Menschen willig macht, den Weg der Wahrheit zu
gehen.
Aber es ist nun nicht so, als ob das, was Paulus uns vor die
Augen hält, nur den Judenchristen oder nur den Katholiken
etwas anginge. Nein, wenn Paulus diesen Gundschaden
aufdeckt, dann weiß er, daß er im Tiefsten in uns allen
steckt. Er versucht auch immer wieder innerhalb der
Evangelischen Kirche zur Herrschaft zu gelangen. Immer und
immer wieder, zu allen Zeiten, erhebt der fromme Mensch sein
Haupt und meint, er könne sich mit seiner Frömmigkeit die
ewige Seligkeit verdienen. Manchmal kann man in
evangelischen Kreisen direkt Angst haben, als Irrlehrer
verschrieen zu werden, wenn man das Evanghelium, die frohe
Botschaft der Reformation, die Martin Luther laut und
vernehmlich hinausgeschrieen hat:
"So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne
des Gesetes Werke, allein durch den Glauben."
Gegenüber diesem Festhalten an dem Werke Jesu Christi allein
kommt dann sofort der fromme Mensch und ruft
leidenschaftlich uns zu: "Allein durch Jesus Christus", JA,
ABER ......, was ist ein eindeutiges Nein zu Jesus Christus.
Zu dem, was Jesus Christus für unsere Seligkeit getan hat,
braucht und darf von unserer Seite nichts hinzugetan werden,
sonst werden wir Juden oder Katholiken. Bilden wir uns doch
ja aqlle miteinander nichts ein auf unsere Frömmigkeit und
dabei spielt es keine Rolle, wie diese Frömmigkeit geprägt
sein mag. Bilden wir uns doch ja nichts darauf ein, daß wir
schön beten und fromm sprechen und feine Lieder singen
können. Eine noch so ausgezeichnete Frömmigkeit ist kein
Beweis, daß jemand das Heil in Christus hat. Paulus sagt
sagt es uns vor:
"Alle meine Frömmigkeit, die nach außen hin Vorzüge
bedeuten, Gewinn bedeuten, habe ich für einen abgrundtiefen
Schaden gehalten."
Und er fragt uns, ob wir es ihm nachsprechen können.
Wenn jemand von uns daraufhin sagen sollte, man muß doch bei
Paulus einen Unterschied machen, einen Unterschied zwischen
dem Paulus vor seiner Bekehrung und einem Paulus nach der
Bekehrung.
Daß Paulus über seine Frömmigkeit vor der Bekehrung, da er
im Judentum steckte, so verächtlich spricht, das wollen wir
ihm abnehmen und das woillen wir wohl anerkennen, aber daß
kann doch unmöglich von seiner Frömmigkeit als Christ
gelten. Aber solch eine Mahnung, die uns den Ernst der
Sachlage, daß es um unsere Seligkeit geht, verdunkeln will,
wird uns rasch aus der Hand gechlagen. Paulus spricht davon,
daß er auch jetzt als Apostel alle Frömmigkeit, alle Vorzüge
als Christ, für Schaden erachtet.
"Ja, ich achte es noch alles, was mir Gewinn und Frömmigkeit
ist, für Schaden."
Paulus geht sogar so weit, daß er alle seine Werke, daß er
alle seine Vorzüge, daß er seine ganze Frömmigkeit, mit
einem Misthaufen vergleicht. Er sagt:
"Ich habe alles für Schaden geachtet und achte es für einen
Misthaufen."
Wenn wir das das so lesen, dann kommt unwillkürlich die
Frage:
Wie geht das eigentlich zu, daß Paulus von seiner ehemaligen
und seiner jetzigen Frömmigkeit als von einem Misthaufen
spricht, von dem man sich doch möglichst schnell abwendet,
um nicht den Gestank in die Nase zu bekommen?
Er läßt uns auch nicht eiunen Augenblick im Unklaren. Er
stottert auch nicht, wenn er uns eine Antwort gibt. Er
fürchtet sich auch nicht, als Ketzer verschrieen zu werden,
sondern was er uns sagen will, sagt er uns in einer
Klarheit, die auch wir alle nicht überhören können und nicht
überhören dürfen. Paulus nimmt uns an die Hand und führt uns
zu dem, der Jesus Chgristus, unser Heiland, der Heiland
aller Menschen, heißt. Es lautet in unserem Text:
"Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für
Schaden geachtet."
Dieses "AndieHandnehmen" und zu Jesus Christus führen ist
die Antwort des Paulus auf unsere Frage und wir stehen jetzt
nicht mehr vor Paulus, sondern wir stehen vor Jesus
Christus. Spüren wir nicht, wie uns auf einmal die Worte im
Munde stecken bleiben, die Worte, die wir fragen wollten?
Warum gelten unsere Werke und warum gilt unsere Frömmigkeit
vor dir, Herr, nichts? Wer wagt es jetzt noch, vor Jesus
Christus auf seine Frömmigkeit zu pochen, vor dem Sohn
Gottes, den der Vater auf diese Erde schickte, damit er uns
aus unserem eigenen Mist und Dreck, aus unserer eigenen
Verlorenheit und Schuld, herausrettete. Wollen wir vor Jesus
Christus unsere Hände ihm entgegenstrecken, die bereits
gefüllt sind, mit unserern Werken und mit unserer
Frömmigkeit? Wie wollen wir aber dann in Empfang nehmen, was
Jesus Christus uns als Seligkeit darreichen will?
Besser ist es, vor Jesus Christus unsere LEEREN Hánde ihm
auszustrecken mit dem Bekenntnis:
"Nichts hab ich zu bringen, alles, Herr, bist du."
damit er uns das Versprochene darreichen kann..
Wenn es um unsre Seligkeit geht, haben also unsere Werke und
unsere Frömmigkeit keine Bedeutung, dann hat ausschließlich
und allein das eine Bedeutung, was Jesus Christus für uns
gtean hat. Martin Luther, der über diesen Text predigte,
könnte nur diese Worte über die Lippen bringen:
Vor der Welt mag wohl meine Frömmigkeit Samt oder ein
Goldstück sein, aber vor dir, Herr, laß mich einen alten
Lumpen oder ein Fußlappen sein, mit dem ich deinem Sohne die
Schuhe abputze.
Indem wir so vor Jesus Christus mit leeren Händen stehen,
steht Jesus Christus vor uns als der, der uns reich machen
will, der uns froh machen will, der uns alles schenken will,
was wir zum Leben nötig haben.
Haben wir es gehört, Jesus steht vor uns und möchte uns aus
der Not und aus dem Elend unseres Lebens herausreißen, in
die wir hineingekommen sind dadurch, daß wir von Gott
geflohen waren, trotz aller unsere Frömmigkeit. Jesus
Christus, unser Herr, nimmt uns an die Hand und sagt uns,
daß unser Flüchtlingsdasein nun zu Ende ist. Die Heimat, das
Vaterhaus, steht uns weit offen. Jesus Christus geht mit uns
zum Vater und weist uns den rechten Weg.
Sind wir heute in diesem Gottesdienst solche Menschen, die
von Jesus Christus ins Vaterhaus geführt werden? Sind wir
solche Menschen, die wissen, der Vater im Himmel ist mir
wieder gut, obwohl ich von mir aus keinen Schritt getan
haben, obwohl ich immer wieder falle?
Wir dürfen es sein, weil Jesus Christus Fürsprache für uns
beim Vater eingelegt hat, und es auch in alle Zukunft tun
will.
Das ist die frohe Botschaft, auf die allein alles ankommt.
Das ist das, was der Apostel Paulus zusammenfaßt in den
Worten:
"Daß ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz,
sondern die durch den Glauben an Jesus Christus kommt,
nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben
zugerechnet wird."
Diesen Jesus Christus, der uns an die Hand genommen hat und
ins Vaterhaus führen will, hat auf unserem Wege für uns eine
große Überraschung bereit. Wir wissen, wie unser aller
Lebensweg endet in einem dunklen Loch, aus dem es kein
Zurückkommen gibt. Wir wissen, daß uns am Ende unseres Weges
das Gericht erwartet, das uns in die ewige Gottesferne
stoßen wird, dh. wenn wir uns nicht von Jesus an die Hand
nehmen lassen. Mit Jesus Christus aber geht es auch durch
das dunkle Tal des Todes, geht es in das ewige Leben. Nichts
braucht uns mehr bedrängen, nichts braucht uns Angst und
Sorgen zu bereiten, er, der Herr, ist bei uns. Am Ende
unseres Weges steht mit offenen Armen unser Vater im Himmel
und läßt ausrufen:
Dieser mein Sohn, war tot, siehe er lebt. Dieser mein Sohn
war verloren und ist wiedergefunden.
Sollte einer von uns zweifeln, so schaue er auf den Anfänger
und Vollender des Glaubens, Jesus Christus. Ihn hat Gott
zuerst von den Toten auferweckt, zum Zeichen, daß auch wir
mit ihm auferstehen werden. So ruft es der Apostel Paulus
den Philippern zu; so ruft uns der Text in das helle Licht
der Auferstehung, in die Vorfreude, daß auch wir mit Jesus
Christus auferstehen werden.