Kirchenjahr 1952/53 - 19 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:21/06/1953
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Brüderkonferenz La Querencia, 16-10-1956
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:3. Sonntag nach Trinitatis 1953
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:1. Timotheus 1, 12 - 17
Skopus: Mir ist Erbarmung widerfahren
Kirchenjahr 1952/53 - 19 - 1. Timotheus 1, 12 - 17
"Ich danke unserem Herrn Christus Jesus, der mich stark
gemacht hat und treu geachtet hat und gesetzt in das Amt,
der ich zuvor war ein Lästerer und ein Verfolger und ein
Schmäher; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich
habe es unwissend getan im Unglauben. Es ist aber desto
reicher gewesen die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und
der Liebe, die in Christo Jesu ist. Das ist gewißlich wahr
und ein teuer wertes Wort, daß Jesus Chgristus gekommen ist
in die Welt, Súnder selig zu machen, unter welchen ich der
vornehmste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit
widerfahren, auf daß an mir vornehmlich Jesus Christus
erzeigte alle Geduld, zum Vorbild denen, die an ihn glauben
sollten zum ewigen Leben. Aber Gott, dem ewigen König, dem
Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen, sei
Ehre und Preis in Ewigkeit. Amen."

Wenn Paulus seinen Mund öffnet, um uns die Herrlichkeit
Gottes zu verkündigen, dann ist das erste Wort, das er
ausspricht:
"Ich danke Gott, ich danke Jesus Christus."
Bei jeder Gelegenheit, die ihm geeignet erscheint, wird er
nicht müde, vor der Welt, vor der Gemeinde und vor seinen
Freunden zu bekennen:
"Ich danke unserem Herrn Jesus Christus."
In jeder Predigt, in jeder Ansprache und in jedem Brief
stellt Paulus den Dank gegen Gott an die Spitze. Es ist eine
herrliche Sache, wie wir immer wieder vom Paulus geradezu
mit der Nase darauf gestoßen werden, daß wir ja in unserem
Leben als Christen das Danken nicht vergessen.
Wir wissen, daß wir zum Leben das tägliche Brot nötig haben.
Und in derselben Weise haben wir zu unserem Leben als
Christen, als Jünger Jesu Christi, das Danken nötig.
Es ist aber nun auf keinen Fall so, als ob Paulus ähnlich
wie eine Grammophonplatte immerwieder den Dank ablaufen
läßt. Für ihn ist der Dank keine Platte, sondern für ihn ist
der Dank die Tür, durch die er zu seinem Herrn eingehen
kann, die ihm die innige Verbindung mit Jesus Christus
verschafft. Darum dankt er auch nicht immer und jedesmal für
dasselbe, sondern er dankt, wo es etwas zu danken gibt, wo
er wirklich hat spüren dürfen, hier an dieser Stelle hat
Gott wirklich und wahrhaftig in mein Leben eingegriffen,
hier hat er mit etwas Entscheidendes geschenkt,
worüber ich froh und glücklich sein darf.
Der Dank gehört also beim Paulus nicht zum guten Ton, wie
wir es einfach als guten Ton ansehen, wie wir bei unseren
Gebeten den Dank an die Spitze stellen. Nein, hier kommt es
nicht auf den Ton oder auf die Sitte an, sondern es kommt
darauf an, daß wir beim Dank auch in einer ganz bestimmten
Weise wissen, Gott hat mir etwas geschenkt. Wer Gott dankt,
ohne zu wissen, wofür, oder nur aus einem frommen Bedürfnis
heraus, der spricht fromme Phrasen. Sie haben mit einem
echten Danken nichts zu tun.
Danken können wir in rechter Weise nur, wenn Gott uns auch
wirklich die Hände, die wir zu ihm emporgestreckt hielten,
mit seiner Gabe gefüllt hat.
Aber sollte es es einem Christen möglich sein, daß Gott
seine ausgestreckte Hand nicht gefüllt hat?
Schauen wir nur näher zu und wir werden dann nicht mehr
fertig werden mit dem, wofür wir danken dürfen und danken
sollen. Paulus ist direkt überwältigt von dem, was Gott ihm
geschenkt hat. Er ist so überwältigt, daß er im letzten
Grunde nur danken, danken und nochmals danken kann. Er hatte
in den Versen vor unserem Predigttext davon gesprochen, daß
der Herr Jesus Christus ihm die VerKündigung der frohen
Botschaft anvertraut hat, daß er ihn also zum Zeugen und
Herold seiner Herrlichkeit berufen hat.
Kann er sich darauf etwas einbilden? Beileibe nicht! Das ist
ja gerade das Unbegreifliche, das ihn so zum Danken führt,
daß er zum Verkündiger gemacht worden ist, obwohl er Jesus
Christus gelästert, obwohl er die Gemeinde des Herrn
verfolgt und ins Gefängnis gebracht hat. Wir wissen doch,
daß Paulus mitgeholfen hat, daß Stephanus gesteinigt wurde.
Jesus Christus hat ihn zum Jünger gemacht, obwohl er mit
allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, die Gemeinde
Jesu Christi ausrotten wollte. Nach der Meinung des Paulus
hätte der Herr über sein Leben das Wort sprechen müssen: Sei
verflucht! Der Herr tat es aber nicht. Und das ist eben das
Große und Herrliche des Handelns unseres Heilandes. Er tat
und tut es nicht. Paulus ruft das in alle Welt hinaus. Er
ruft es auch heute und jetzt in unsere Schar hinein:
Der Herr Jesus Christus tut es nicht, was er eigentlich
hätte tun müssen, er verdammt und verflucht uns nicht.
Wenn wir einmal in unsere Vergangenheit schauen, dann hätte
wahrlich unser Herr auch Grund genug, uns von sich zu
stoßen. Vielleicht sind wir keine Verfolger der Gemeinde
gewesen, vielleicht gehörten wir immer schon zu seinen
Jüngern, aber sind wir anders als der Apostel Paulus. Können
wir uns rühmen, daß wir solch tadellose Christen gewesen
sind? Wir wollen es uns ersparen, hier offen einmal in unser
Leben hineinzuleuchten, mit aller Erbärmlichkeit, mit allem
Ungehorsam, mit aller eigenen Frömmigkeit. Wir würden uns
vielleicht voreinander schämen, wenn wir uns ansehen
könnten, nach dem unsere fromme Fassade eingerissen worden
ist; vielleicht würden wir uns vor uns selbst schämen, erst
recht vor Gott.
Unser Herr hat wirklich Grund genug, über einen jeden von
uns sein Gerichtsurteil auszusprechen: Hinweg mit dir in das
ewige Verderben, in die ewige Verdammnis!
Aber Jesus, unser Herr, hat es nicht getan und tut es auch
nicht. Statt seinen Zorn und seine Strafe uns spüren zu
lassen, schenkt er uns seine Güte und Barmherzigkeit. Er
bleibt dennoch bei seinem Worte:
Du bist mein Jünger, meine Jüngerin.
Das ist das, was den Apostel so überwältigt hat, daß der
Herr seine dunkle Vergangenheit von ihm getrennt hat, damit
er sie nicht mehr nachschleppen braucht bis in alle Ewigkeit
hinein. Jesus, der Herr, hat die dunklen Seiten unsers
Lebensbuches herausgerissen und vernichtet. Jetzt ist dort
nicht mehr zu lesen von unserem Versagen, von unserer
Schuld, sondern jetzt ist darin nur noch das eine zu lesen:
Du gehörst zur Familie Gottes, du bist mein Jünger oder
meine Jüngerin! Ich habe dir deine Schuld vergeben!
Sollte dieses Geschenk nicht unseren Mund öffnen zum Lob und
zum Danklied? Der Apostel Paulus kann nur noch aller Welt
dieses Geschehen in seinem Leben, da der Herr ihn an die
Hand nahm, zur Kenntnis und zur Ermunterung zurufen:
"Mir ist Erbarmung widerfahren."
Er hält sich aber bei seiner Bekehrungsgeschichte nicht auf,
wie wir uns gerne dabei aufhalten; nein, erkennt nur eines,
den barmherzigen Heiland zu verkündigen, ihn der ganzen Welt
zuzurufen. Er stellt nicht seine Bekehrung in den
Mittelpunkt seiner Verkündigung und seines Lebens, sondern
den Herrn, der ihn bekehrt hat. Er erwartet auch nicht, daß
alle zu der gleichen Begegnung, wie er vor Damaskus, mit
Jesus Christus kommen müssen. Darüber können wir uns
gegenseitig keine Vorschriften machen, auf welche Art und
Weise Jesus in unser Leben eindringen will. Es kommt
ausschließlich und allein darauf an, daß wir uns dem Wirken
unseres Herrn nicht verschließen. Ihm, dem Herrn, müssen wir
es schon selbst überlassen, wie und wann er uns bekehren
will, wie er unsere Schuld vergeben, wie er die dunklen
Seiten unseres Lebensbuches vernichten will. Wie er es
macht, so ist es wohlgetan. Aber das er das tut, das ist die
fröhliche Gewißheit des Paulus, die er zu verkündigen hat.
"Das ist gewißlich war und ein teuer wertes Wort, daß
Christus Jesus gekommen ist, in die Welt, die Sünder selig
zu machen."
Paulus weiß, daß der Glaube nicht nur eine persönliche Sache
zwischen ihm und dem Herrn ist, sondern eine Angelegenheit,
die allen Menschen etwas angeht.
Wie aber kommt diese Nachricht, dieses Evangelium, in die
Welt? Auf welche Art und Weise dürfen die anderen, die noch
nicht zum Herrn gehören, diese frohe Botschaft vernehmen?
Es geschieht kein Wunder; es fällt auch kein Blitz vom
Himmel, sondern die Welt, der andere Mensch, hört dieses
Evangelium vom Heiland durch uns. Unser Herr nimmt uns, die
wir seine Jünger geworden sind, und sagt uns:
"Ihr sollt meine Zeugen sein bis an das Ende der Welt!"
Was wir geschenkt bekommen haben, das dürfen und sollen wir
nicht für uns behalten, sondern wir haben es auch den
anderen zuzurufen:
Du gehörst zu Gott; Jesus Christus vergibt dir deine Schuld.
Das ist der Auftrag, den wir mit Paulus als die Geretteten
erhalten haben. Das ist die Botschaft, die wir den
Gestrauchelten und Gestrandeten um uns her zuzurufen haben:
Du bist dennoch ein Kind Gottes, er vergibt auch dir deine
Schuld.
Dieser Auftrag ist nicht nur dem Paulus und den anderen
Aposteln gegeben, nicht nur denen, die von Amtswegen zu
predigen haben, sondern dieser Auftrag ist einem jeden
einzelnen von uns gegeben:
"Du sollst mein Zeuge sein!"
Du sollst mein Zeuge sein in deiner Familie, in deiner
Nachbarschaft, in deinem Kameraden- und Freundeskreis, in
deiner Schule oder wo du sonst sein magst. Wir haben nicht
mit dem Finger auf die zu zeiegen, die außerhalb der
Gemeinde leben, auf die, die in den Gefängnissen und
Zuchthäusern sitzen. Wir haben nicht hochnäsig die Nase zu
rümpfen, wenn es wiedere einmal dem Widersacher Gottes
gelungen ist, einen unter uns zu Fall zu bringen, nein, auf
keinen Fall. Wir haben ihnen auch nicht zu drohen oder
abzuurteilen, sondern wir haben ihnen zuzurufen: Dich hat
Gott lieb, er vergibt auch dir deine Schuld. Nun hebe deinen
Kopf wieder hoch und starre nicht hinter dich.
Wir wissen ja, es gibt Menschen überall und es sind
wahrhaftig arme Menschen, die haben eine direkte Nase daür,
wo sie sich im Schmutz und Dreck wälzen können und sie gehen
dabei von einem Dreckhaufen ihrer Mitmenschen zum anderen.
Christen aber sind Menschen, die das helle Licht der
Vergebung in diese dunkle Welt, zu allen Menschen, auch
solchen, zu tragen. Fackelträger also sind wir, die allen
Menschen um uns her kundtun:
"Jesus Christus ist gekommen in die Welt, die Sünder selig
zu machen."
Paulus weiß sich als so ein Fackelträger in seinem Auftrag
und Dienst, den er vom Herrn bekommen hat. Er weiß auch
davon, daß er als der Apostel, daß er als ein Geretteter
noch keiner ist, der mit einem Heiligenschein herumläuft.
Bilde sich auch keiner von uns ein, daß er als der Gläubige
mit einem schönen und wundervollen Heiligenschein
herumlaufen kann, nämlich, das sagt Paulus klar und
deutlich, das Licht kommt nicht von unserer tadellosen
Haltung oder von unserer großartigen Christlichkeit. Das
Licht kommt auch nicht von unserer Frömmigkeit, sondern es
kommt ausschließlich und allein von unserem Herrn. Als
Fackelträger leuchten wir nicht von und aus, sondern wir
sind genauso wie die sogenannten Weltkinder auf das Licht
angewiesen. Wir beschmutzen uns wieder tagtäglich neu. Wir
sind auch als Christen immer solche, die fallen und eine
Beute des Bösen werden, darum können wir keinen einzigen
Schritt tun, ohne daß uns dieses Licht, das wir weitertragen
sollen, selbst immer wieder erleuchten und reinigen muß.
Paulus weiß das und bringt das zum Ausdruck, indem er sagt:
Ich weiß mich unter den Sündern als ihresgleichen, ja, mit
meiner Vergangenheit als einer der größten Schufte, kann ich
nicht auf andere herabsehen.
Paulus kann die frohe Botschaft den anderen Menschen nur in
der Weise verkündigen, daß er nicht vergißt:
Ich bin einer der ihren. Ich bin nicht besser als sie, ja,
in einer gewissen Weise schlechter als sie. Gottes
Barmherzigkeit aber ist selbst an mir nicht vorübergegangen,
so wird er auch an euch nicht vorübergehen, sondern wird zu
euch kommen und euch aus dem Staube herausheben.
Lassen wir uns doch bei all unserem Dienst den wir gegenüber
den Menschen da draußen und gegenüber dem Dienst füreinander
in der Gemeinde niemals vergessen, daß wir selbst solche
Menschen sind, wie sie, die da vor uns stehen und mit uns
gehen und arbeiten, daß es nur jeden Tag immer wieder neu
das Evangelium es ist, das uns zuruft: Du gehörst zur
Familie Gottes. Du bist mein Jünger, meine Jüngerin.
Mehr haben wir nicht aufzuweisen und mehr können wir auch
nicht den anderen Menschen weitersagen.
Das ist das, was den Paulus so froh und dankbar macht, daß
er trotz seiner finsteren Vergangenheit, trotz seiner
dauernden Sündhaftigkeit weiß, ich gehöre zu Gott, der Herr
hat mich zu sich gerufen und das darf ich jetzt auch den
anderen Menschen weitersagen.
Ob dieses Bekenntnis des Apostels Paulus allein dasteht oder
ist das große Wunder auch bei uns geschehen, daß wir mit in
den Hymnus des Paulus einstimmen:
"Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und
Unsichtbaren und allein Weisen, sei Ehre und Preis in
Ewigkeit."?