Kirchenjahr 1952/53 - 10b -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:26/03/1953
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:5. Passionsandacht 1953
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Johannes 19, 12
Skopus: Pilatus Gebundenheit
Kirchenjahr 1952/53 - 10b - Johannes 19, 12
"Von da an suchte suchte Pilatus ihn freizulassen. Die Juden
aber schrien: Läßt du diesen frei, so bist du kein Freund
des Kaisers mehr; denn wer sich zum König macht, der ist
gegen den Kaiser."

Wenn wir uns einmal diesen Vertreter der römischen
Staatsmacht in Palästina betrachten, dann wird uns nichts
andres übrigbleiben, als mit einem gewissen Wohlwollen an
ihn zu denken. Wie wohltuend setzt er sich von dieser
fanatischen Führerschaft der Juden ab, die im blinden Haß
gegen Jesus nur eines kennt: Kreuzige ihn! Sie hat es ja
auch fertiggebracht, das Volk dahingehend zu beeinflussen,
daß es mit einstimmte in den Ruf: Hinweg mit diesem Jesus
von Nazareth, kreuzige ihn!
Wir merken, daß Pilatus eine tadellose Erziehung genossen
hat und daß seine Ausbildung als Vertreter des römischen
Rechtsstaates eine hervorragende war. Man konnte ihm so
leicht nichts vormachen. Für ihn war der Schrei des
wildgewordenen Pöbels: Er ist des Todes schuldig! noch lange
nicht der Beweis, daß dieser Jesus wirklich des Todes
schuldig war. Nein, wahrhaftig, wir könnten unseren
Rechtsanwälten und Richtern nur wünschen, daß sie diese
weitgehende klare Sicht der Dinge des Pilatus hätten und daß
sie sich nicht so ohne weiteres von dem Gezeter der Masse
beeinflussen lassen. Wir haben ja, Gott sei Dank, in der
letzten Zeit etwas Ähnliches erleben dürfen, daß das
Bundesverfassungsgericht, als es von der Regierung und den
Regierungsparteien für ihre politische Meinungen und Ziele
eingespannt werden sollte, ein ähnliches und deutliches Nein
sagte. Hier, wo es um die Frage nach dem Recht geht, haben
Fanatismus und Engstirnigkeit in der Verfolgung eines Zieles
einfach zu schweigen. Hätte doch gerade unser
Bundesjustizminister lieber auch geschwiegen und sich nicht
dazu hergegeben, in einer nicht schönen Weise dem
Bundesverfassungsgericht in den Rücken zu fallen.
Jedenfalls war es für den Heiden Pilatus eine
selbstverständliche Sache, auch bei diesem Jesus von
Nazareth nicht nach der Meinung des Volkes zu fragen. Er
ging selbst auf den Grund der Sache, um festzusteellen, wie
hier der Fall liegt, was ist wirklich geschehen. Er fragte
sich selbst, ob hier ein Todesurtel unbedingt am Platze sei.
So, wie unsere Berichte erkennen lassen, hat dieser gewiegte
Jurist auf den ersten Blick erkannt, daß alle Anklagen, die
die Juden gegen diesen Mann vorbringen, aus der Luft
gegriffen sind. Hier liegt für ihn ein völlig klarer Fall
vor. Jesus von Nazareth ist nicht des Todes schuldig,
sondern im wahrsten Sinne des Wortes UNSCHULDIG. Und so wie
es sich für einen gerechten Richter gehört, spricht er
dieses vor dem gesamten jüdischen Volke aus und sagte diesen
Menschen: Ihr verlangt von mir, daß ich einen Mord begehe,
denn ich bin als Vertreter für die römische Staatsmacht ja
für alle Todesurteile verantwortlich. Nun müßte es für
Pilatus eine Selbstverständlichkeit sein, daß er sofort nach
der Erkenntnis der Unschuld Jesus auf freien Fuß setzt. Es
geschieht nicht!
Nein, beileibe, er will nicht das Recht verdrehen, aber
bedenken wir doch, er ist nicht nur Vertreter des Rechts,
sondern auch Vertreter der römischen Besatzungsmacht. Er hat
neben der Verantwortung für das Recht, auch noch die
Aufgabe, ja dafür zu sorgen, daß in Palästina keine Unruhen
und Revolutionen ausbrechen. Zwei Mächte ringen in ihm: der
Richter und der Machthaber. Wer wird in Pilatus siegen?
Diese Frage ist wirklich eine Frage, die die Menschen zu
allen Zeiten beschäftigt hat. Wir wissen, wie eindeutig
diese Antwort beim Nationalsozialismus lautete: Gewalt geht
vor Recht, oder deutlicher gesagt: Recht ist, was dem
deutschen Volk nützt und Unrecht, was ihm schadet. Und nicht
anders handelten unsere Sieger in den
Kriegsverbrecherprozessen bis in die heutigen Tage hinein,
bis zu dem Prozess ORADOUR, wo bei Menschen, die das gleiche
Verbrechen begangen haben, die einen hingerichtet werden
sollen, weil sie Deutsche sind und die anderen wurden
begnadet, weil sie zum französischen Volke gehören: Recht
ist, was dem eigenen Volke nützt.
Nein, denken wir nur nicht, daß dieser römische Kommissar
sich diese Frage so einfach vorlegt, wie es meistens in
unserer Zeit geschieht. Es ist eein ernstes Ringen, mit dem
er so leicht nicht fertig wird. Die Frage nach dem Recht
kann Pilatus nicht mit einer Handbewegung wegschieben, aber
können die Juden, wenn er das Recht in aller Offenheit zum
Siege verhilft, jetzt sich gegen Rom erheben?
Aber Pilatus ist auch ein hervorragender Staatsmann und
Diplomat. Er geht schlau vor. Er hat einen Ausweg entdeckt.
Er findet, daß er sich diesem ganzen Dilemma, dieser ganzen
Ausführung seiner Entscheidung, entziehen kann, und zwar
dadurch, daß er Jesus zum König Herodes bringen läßt, der ja
eigentlich für diesen Galiläer zuständig ist.
Aber dieser Weg zeigt sich als ungangbar. Schon nach kurzer
Zeit steht dieser Jesus wieder vor ihm. Herodes hat ihn
zurückgeschickt.
Pilatus kann sich also vor der Entscheidung über Jesus nicht
drücken. Aber wieder hat er einen Ausweg entdeckt. Er sagt
sich: Wie wäre es, wenn ich das Volk selbst, das sich doch
Gottes Volk nennt und so wunderbare Gesetze über Recht und
Gerechtigkeit hat, entscheiden lasse. Pilatus hat soviel
Rechtsgefühl in seinen Knochen, daß er es einfach für
unmöglich hält, daß das Volk sich bei der Entscheidung:
Jesus von Nazareth oder der Mörder Barrbas? für den Mörder
entscheiden könnte.
Nein, das ist doch unmöglich! Aber das Unmögliche geschieht.
Das Volk sagt ein eindeutiges Ja zu dem Mörder und kennt für
dieses Jesus nur den einen Ort: Das Kreuz auf Golgatha.
Ob es dem Pilatus nicht unheimlich wird, der vielleicht bei
sich selbst gedacht hatte: Auch diesen Prozess werden wir
noch zum guten Schluß bringen. Wir haben schon so manche
Dinge gedreht, dann wird es uns hier bestimmt auch gelingen.
Ob Pilatus nicht doch merkt, daß dieser Fall Jesus nicht ein
Fall ist wie alle anderen Fälle? Jede noch so geschickte
Diplomatie versagt hier. Da hat er doch bei sich gedacht,
daß er ein Meister des Rechts und der Wahrheit sei und
möchte mit seiner Anschauung von Recht und Gerechtigkeit
diesem Jesus helfen. Aber er versagt. Er versagt deshalb,
weil der Mann, der vor ihm steht, nicht ein Mensch ist, wie
jeder andere auch, sondern weil dieser Jesus von Nazareth in
eigener Person die Wahrheit ist: Jesus sagte:
"Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für
die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der
höret meine Stimme."
Als Jesus dieses Wort dem Vertreter des römischen Rechtes,
Pilatus, zugerufen hat, da war die große Stunde für Pilatus
gekommen, da war damit sogar auch die große Stunde für alles
Recht auf dieser Erde gekommen. Es war die Frage, ob Pilatus
noch Meister des Rechtes und der Wahrheit sein wollte, eines
Rechtes und einer Wahrheit, die irgendwo im luftleeren Raum
sich befinden?
Denken wir nur an all die vielen bürgerlichen Gesetze in den
verschiedenen Ländern und Staaten, nach welchen
andersartigen Gesichtspunkten sie alle zustande gekommen
sind. Alles Recht auf dieser Erde steht auf wackeligen
Füßen. Was heute heue als Gesetz gilt, kann schon morgen
wieder über den Haufen geworfen werden. Was heute ein
todeswürdiges Verbrechen ist, wird morgen als eine Heldentat
gefeiert.
Jesus möchte dem Vertreter des Rechtes mit dem Rufe:
"Wer aus der Wahrheit, der höret meine Stimme,"
herauslocken aus der Sicherheit, wie er das Recht handhabt
und möchte ihn und damit auch uns alle, die wir meinen, für
uns auf das Recht als auf eine unzerbrechbare Säule pochen
zu müssen, von dieser Säule des Rechtes wegführen zu sich
selbst. Es geht bei der Frage des Rechtes nicht um eine
Sache, sondern immer um die eine Person: Jesus Christus.
Hier bei diesem Jesus hätte Pilatus niederfallen und bitten
müssen: Herr, sage du mir, was,ich jetzt als Richter tun
soll? Sage, du, der du selbst die Wahrheit bist, welche
Entscheidung ich treffen soll?
Das hat sich sich heute noch nicht geändert. Auch jetzt gilt
es, daß alle die, die Gesetze aufstellen, die das Recht
verteidigen, die Rechtsanwälte und die Richter, und wir, die
wir das Recht in Anspruch nehmen wollen, daß wir alle vor
diesem Jesus Christus niederfallen und bitten: Herr, was
soll ich jetzt tun?
Pilatus als der damalige Vertreter des Rechtes hat es nicht
getan. Er bleibt dabei, der Fall Jesus ist ein Fall wie alle
anderen auch; Jesus ist ein Mensch, wie alle anderen. Er
bleibt dabei, daß er ein Meister ist in der Handhabung des
Rechtes. Er glaubt, sogar ein guter Meister des Rechts zu
sein, sonst könnte er nicht bis zum Schluß darnach trachten,
Jesus loszulassen.
Alles hat er bisher abgewehrt, bis zu diesem Augenblick
bleibt er dabei: Jesus ist unschuldig und ich lasse ihn
frei.
Was steht nun diesem Pilatus, der glaubt, das Recht in der
Tasche zu haben, aber dennoch im Wege, diesen Jesus
loszulassen? Warum zögert er?
Dieser Mann, der so sicher war in seinen Untersuchungen, der
so klar war in der Erkenntnis der Sachlage, der so
treffsicher seine Anschauung darzulegen vermochte, der hatte
sich geweigert,
den Ruf Jesu anzunehmen und sich von ihm sagen zu lassen,
was Recht und Wahrheit sei. Er glaubte, frei entscheiden zu
können. Und jetzt muß er erleben, daß es eine Freiheit auch
des Rechtes nicht gibt. Jetzt muß er, der auf den Sohn
Gottes nicht hören wollte, nach dr Pfeife des Pöbels tanzen.
Er wollte kein Diener des Königs der Wahrheit sein und wird
dafür zum Knecht des Pöbels. Dieser Pöbel weiß genau, wie er
Pilatus kriegen kann. Diese Volksmenge will ihn durch
Verleumdung und Anschwärzerei beim Kaiser aus Amt und Würde
bringen, wenn er jetzt nicht das tut, was sie haben wollen.
Sein Amt und seine Würde sind ihm jetzt auf einmal mehr wert
als das Recht. Er gibt in seinem Handeln zu, wie fragwürdig
und auf welch wackeligen Füßen seine Sicherheit über das
Recht steht.
Um seine Stellung zu halten, tritt er das Recht, das er
bisher verteigt hat, mit Füßen.
Jesus wird trotz aller Erkenntnis seiner Unschuld von
Pilatus zum Kreuzestod verurteilt.
Selbst also das Recht, das im allgemeinen als unantastbar
gilt, selbst die Vertreter des Rechts, die unbestechlich
dastehen wollen, sprechen ein Nein zu Jesus und bringen ihn
ans Kreuz, trotz aller besseren Erkenntnis. Es ist
gleichsam, als ob damit der Chor der Stimmen auf dieser Erde
vollkommen wird, der ausbricht in den teuflischen Ruf:
"Hinweg mit diesem Jesus von Nazareth, kreuzige ihn!"