Kirchenjahr 1952/53 - 07 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:01/02/1953
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Paraná, 7-5-1955
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Septuagesimae 1953
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Psalm 40, 18
Skopus: Gott ist der Helfer in aller Not
Kirchenjahr 1952/53 - 7 - Psalm 40, 18
"Denn ich bin arm und elend; der Herr aber sorgt für mich.
Du bist mein Helfer und Erretter; mein Gott, verziehe
nicht!"

Der eben verlesene Vers läßt uns einen tiefen Blick tun in
das Herz des Sängers dieses 40. Psalmes; wir dürfen einen
Blick tun in seine Kämpfe und Nöte, aber auch in seine
Freude und Gewißheit. Welch eine frohe Zuversicht liegt in
dem Wort:
"Er aber sorgt für mich; er ist mein Helfer und Erretter."
Indem er dieses in seinem frohen Glauben bekennt, lädt er
uns alle ein, mit ihm an dieser Freude, die nie sich zu
erschöpfen braucht, teilzunehmen. Wir wissen es ja alle nur
zur Genüge, daß es keinen Christen zu geben braucht, der
nicht fröhlich seine Straße zieht. Wer von seinem Gott so in
Beschlag genommen werden ist, der zieht wahrhaftig seine
Straße fröhlich. Denken wir doch nur an den Kämmerer aus
demm Morgenlande, von dem gesagt werden kann, er zog seine
Straße fröhlich. Oder denken wir an den Apostel Paulus, der
in seinen Briefen immer wieder von dieser Freude, die selbst
im Gefängnis nicht weicht, kundgibt. Wie kommt aber der
Psalmist dazu, in solch einem fröhlichen Glauben zu stehen?
Er denkt daran, daß in einer langjährigen Geschichte des
Volkes Israel Gott sich zu seinem Volke bekannt hat. Hat er
nicht seine Verheißungen , die er Abraham gegeben hatte,
wahrgemacht:
"Ich will dich zum großen Volke machen."?
Dieser sein Gott ist es gewesen, der das Volk Israel aus der
Knechtschaft Ägyptens befreit und in das versprochene Land
geführt hat? Dieser Gott ist es gewesen, der sein Volk, daß
immer wieder von ihm abfiel, zurückrief, zurückrief durch
seine Propheten. Die ganze Geschichte des alten Volkes
Gottes, des Volkes Israel, ist eine Geschichte der Güte und
Barmherzigkeit Gottes mit seinem Volk. Er weiß, daß diese
Güte und Barmherzigkeit Gottes in ganz besonderer Weise
darin seinen Ausdruck fand, daß er dieses Volk, zu dem der
Psalmist gehört, vor und aus allen Völkern der Welt zu
seinem Volk gemacht hat. So darf er auch wissen, daß Gott
seine Hand von diesem Volk niemals abziehen wird.
Aber der Beter dieses Psalmes erhält nicht nur aus der
Geschichte Gottes zu seinem Volk, zu dem er auch gehört,
diese frohe Gewißheit, nein, er als einzelner weiß es ganz
persönlich, daß Gott bisher sich zu ihm in seinem Leben
bekannt hat. Er weiß, daß es neben der Geschichte Gottes mit
seinem Volk, mit seiner Kirche, auch eine Geschichte Gottes
mit den einzelnen dieses seines Volkes oder dieser seiner
Kirche gibt. Unser Sänger weiß es, daß sich Gott schon oft
zu ihm herniedergeneigt hat, um ihn aus Not und Gefahr zu
erretten:
"Er zog mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm und
stellte meine Füße auf einen Fels, daß ich gewiß treten
kann."
Aus mancher schwerer Not wurde er errettet, darum darf er
bekennen: Ich bin ein von Gott geführter Mensch. Gott hat
ihm, dem der Boden unter den Füßen wankte, einen sicheren
Platz zum Stehen gegeben. Welch eine herrliche Sache ist es
doch, sich solcher Erfahrungen auch im Leben als Christi
Jünger zu trösten!
So ist er denn auch froh und getrost, daß Gott, der einmal
in solch überschwenglichen Weise in mein Leben eingegriffen
hat, der wird auch in Ewigkeit mich nicht mehr loslassen.
Aber das Erstaunliche ist hier doch, daß er diese seine
ganze Freude bekennt, trotzdem er von sich selbst sagen muß:
"Ich bin arm und elend.
"Normalerweise sind wir Menschen doch der Meinung, daß wir
nur dann fröhlich durch dieses Leben gehen können, wenn es
uns auf allen Gebieten gut geht, wenn wir keinen Mangel
erleiden, wenn sich unser Leben so vollzieht, wie wir es
gern haben möchten. Allerdings so einfach ist das nicht.
Diese Freude wird ständig angegriffen.
Was ist es nun gewesen, das da wieder wie ein bitterer
Wermutstropfen in die Freude dieses Mannes hineingefallen
ist? Wie ist es gekommen, daß ihm, obwohl er von so
mancherlei Erfahrungen mit seinem Gott reden kann, wieder
einmal, wie vielleicht schon so oft, der Boden unter den
Füßen wankt?
Er muß es unter bitteren Nöten erkennen, daß man als
Angehöriger Gottes nicht auf gehabter und erlebter Erfahrung
gründen kann, sie mögen wohl eine zeitlang eine Hilfe sein,
wenn aber die Anfechtungen so groß werden, dann versagen
auch alle unsere frommen Erlebnisse, dann können sie uns
keinen festen Halt geben. Was sind das für Anfechtungen, die
über den Psalmisten kommen? Er sagt:
"Es hat mich Leiden umgeben ohne Zahl."
Wir wissen nicht, was das alles für Nöte sind, die ihn so
bedrängen, aber wir wissen es selbst, was nicht alles uns
von der Fröhlichkeit unseres Glaubens wegreißen will und
auch wegreißen kann. Da haben wir uns beim Aufstehen
vorgenommen, dieser Tag wird ein Tag, an dem jedrmann
erkennen soll, daß ich einen Herrn habe, bei dem ich einfach
nicht traurig sein kann, sondern wirklich fröhlich sein
darf. Und wie lange hält dann vielleicht diese Freude an?
Bald schon kommt der nächste Ärger, mag er noch so klein
sein. Unsere Fröhlichkeit, die uns Gott schenken will, ist
immer neu in Gefahr, unterzugehen.
Unserem Beter machen seine Feinde sehr viel zu schaffen, sie
trachten ihm um seines Glaubens willen nach dem Leben oder
wollen wenigstens sein Leben vergällen.
Aber sie sind es doch nicht, die ihm die größte Not
bereiten. Die größten Nöte bereiten ihm seine eigenen
Verfehlungen gegen Gott und gegen Menschen. Immer und immer
wieder erheben sie auch bei uns als Christen ihr Haupt und
möchten uns von unserem Gott trennen und damit auch trennen
von dem Ursprung, von der Quelle unseres Trostes und unserer
Freude. Es ist wahrlich schon etwas um die Anfechtung in
unserem Christenstande durch unsere eigene Schuld. Eine
kleine Lüge, ein unbedachtes Wort, das dem anderen schadete;
eine Hand, die geschlossen blieb, obwohl sie den Auftrag
hatte, sich zu öffnen, um einem anderen Menschen damit aus
der Not zu helfen, können unsere Freude so aus den Fugen
bringen, daß unser Leben nur noch Angst und Schrecken
bedeutet. Wo die Schuld, der Ungehorsam, im Leben eines
Christen zur Macht kommt, da weicht die Freude, da weicht
der Trost und es nimmt uns gefangen die Angst und die
Sorgen.
Aber dennoch bleibt das andere bestehen, daß unsere Schuld
und unsere Übertretungen uns nicht zu ängstigen brauchen,
sie brauchen uns nicht zu bedrängen, unser Herr Jesus
Christus hat diesem größten Feinde, der Traurigkeit, schon
längst die Macht genommen. Wir dürfen es noch und noch,
immer und immer wieder hören: Dir sind deine Sünden
vergeben.
Allerdings merken wir, wie unser Psalmist auch mehr und mehr
von seiner Freude verliert, auch er wird langsam vom Strudel
des Unglaubens ergriffen und in den Abgrund gezogen. Die
mannigfachen Anfechtungen werden immer größer und machen ihn
doch irre. Aber selbst in der größten Not, da er nicht aus-
noch ein- weiß, da er vor lauter Finsternis den Weg nicht
mehr sieht, tut er etwas, was wir alle auch tun dürfen in
solchen Situationen. Er klammert sich an Gott und ruft und
schreit:
"Mein Gott, zögere nicht mit deiner Hilfe!"
Siehst du, Herr, nicht, daß es mit mir bald aus ist, jeden
Augenblick kann ich den Abgrund hinunterstürzen. Obwohl er
in seinem momentanem Unglauben zu der Einsicht kommt, Gott
könne mit seiner Hilfe zu spät kommen, läßt er seinen Gott
nicht los. Wenn seine Haltung auch nicht so ist, wie er es
von seiner Jugend auf gelernt hat, wie es im Katechismus
steht, so ist sie doch so, daß er in der größten Not einfach
seine Ohnmacht hinausschreit:
"Herr, zögere nicht mit deiner Hilfe."
Und zwar schreit er seine Not nicht ins Leere hinein,
sondern Gott hat sich schon aufgemacht, seine Not zu wenden.
Der Gott, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden
hat schon längst seine Hand ausgestreckt, um seinem Kind,
das zu versinken droht, die rettende Hand zu reichen.
Es ist uns nicht verheißen worden, daß uns in unserem
Christenstande die Anfechtungen,
ganz gleich welcher Art, erspart bleiben. Aber selbst dann,
wenn wir keine Hilfe mehr sehen, er, unser Gott, bleibt in
der Nähe und an ihn dürfen wir uns selbst in der letzten
Verzweiflung klammern und wenn wir sprechen müßten: Wenn ich
schon untergehe, dann möchte ich mit dir untergehen, ich
lasse dich nicht, Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!