Kirchenjahr 1952/53 - 02 -
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Buer-Hassel

Fecha/Datum:26/12/1952
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:2. Christtag 1952
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:1. Johannes 1, 1 - 4
Skopus: Das Leben ist erschienen
Kirchenjahr 1952/53 - 2 - 1. Johannes 1, 1 - 4
"Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit
unseren Augen gesehen haben, was wir betrachtet und unsere
Hände betastet haben, das Wort des Lebens - denn das Leben
ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und
verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war
und uns erschienen ist - , was wir also gesehen und gehört
haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns
Gemeinschaft habt, wir haben aber Gemeinschaft mit dem Vater
und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir,
damit unsere Freude vollkommen ist."

"Auf daß ihr mit uns Gemeinschaft habt."
Es besteht hier in unserem Text gar kein Zweifel, es kommen
Menschen zu uns, die wollen mit uns eine Verbindung
aufnehmen. Wir wissen alle, wie verschieden wir im
allgemeinen mit Menschen verfahren, die mit uns in eine enge
Berührung kommen wollen. Wir machen unsere Entscheidung,
unser Ja oder Nein, abhängig von der Sympathie, von dem
Nutzen, den wir aus dieser engen Verbindung erwarten können.
Da kann es passieren, daß wir zu dem einen von vorherein
zugeknöpft sind bis obenhin, alle Versuche von der anderen
Seite scheitern, weil wir an einer solchen Gemeinschaft
überhaupt kein Interesse haben. In anderen Fällen spüren wir
sofort, diesem Menschen gegenüber haben wir von Anfang an
eine offene Seite. Die Verbindung ist schon hergestellt, ehe
man sich gegenseitig warm geworden ist.
Wenn wir allerdings meinen, wir könnten jetzt auch gegenüber
diesem Wunsch in unserem Text nach Gemeinschaft mit solch
einem gegenseitigen Interesse oder mit solch einer
sofortigen Ablehnung kommen, dann wären wir auf einem
schrecklichen Holzwege. Hier geht es nämlich um keine
Gemeinschaft, wie wir sie normalerweise unter Menschen
kennen. Hier geht es nicht um Freundschaft, auch nicht um
eine eheliche Gemeinschaft, unter keinen Umständen um
Volksgemeinschaft, sondern hier geht es um die Gemeinschaft,
die in ihrer Mitte den Vater im Himmel und seinen Sohn Jesus
Christus hat:
"Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und seinem Sohn Jesus
Christus."
Die Frage, welche Gemeinschaft hiermit wohl gemeint sein
kann, können wir sehr wahrscheinlich alle miteinander
beantworten. Es ist die Gemeinde Gottes, die Kirche Jesu
Christi auf dieser Erde.
Damit wird uns heute ganz deutlich gesagt: Wenn du noch
nicht zu dieser Gemeinde Jesu Christi gehörst; wenn du heute
noch in diesem Gottesdienst nur auf Besuch bist; wenn du
noch nicht dich hier hinzugezogen fühlst zu der Schar, mit
der du mit dem Vater im Himmel verbunden bist, dann bist du
jetzt in dieser Stunde recht herzlich eingeladen, dich als
Glied dieser Gemeinde anzusehen und auch als Glied dieser
Gemeinde zu leben.
Was sind das für Menschen, die so unentwegt immer und immer
wieder bei uns anklopfen und uns einladen: Wollt ihr nicht
in unsere Gemeinschaft miteintreten und wollt ihr nicht
jetzt auch zu uns gehören?
Es sind Menschen, die in besonderer Weise etwas gesehen und
gehört haben. Und das Merkwürdige ist, daß das, was sie
gehört und gesehen haben, ein Grund sein soll, so unentwegt
in ihre Gemeinschaft zu rufen. Das kann uns wahrlich keiner
absprechen, daß auch wir gerade in den letzten Tagen etwas
zu sehen bekommen haben, entweder war es der herrliche
Lichterglanz oder die prachtvollen Geschenke oder die Freude
der Kinder oder auch der Kummer oder das Leid mancher
Menschen, die an solchen Tagen mit ihrer Last, die sie zu
tragen haben, einfach nicht fertig werden. Aber keiner von
uns würde es wagen, nun allen Menschen zuzurufen: Komm mit
mir, ich will dir zeigen, was ich gerade in diesen Tagen für
besondere Dinge gehört und gesehen habe. Vielleicht haben
wir jetzt sogar unsere Haustür ganz fest verrammelt, damit
ja niemand sehen konnte, was wir, die wir uns doch Christen
nennen, für ein jämmerliches Christfest gefeiert haben.
Unsere Erbärmlichkeit wurde auch nicht dadurch besser, daß
wir vielleicht um des guten Gewissens willen, die alte
bekannte Weihnachtsgeschichte lasen, die für viele von uns
wie ein frommes Märchen klingt.Wenn hier bei uns schon von
einer Gemeinschaft geredet werden kann, aber zu der wir
nicht rufen brauchen, sondern zu der wir sowieso gehören,
dann ist es die Gemeinschaft derer, die aus Gottes Handeln
ein hohles mit viel TAM-TAM aufgezogenes Fest machen.
Die Menschen, die in unserem Text Gottes Handeln verstehen
dürfen, besser als wir, waren aber durchaus keine besseren
Menschen als wir alle. Sie hatten aber einen großen Vorzug
uns gegenüber. Gott schenkte es ihnen, Augenzeugen seines
Handelns zu sein. Sie durften dabei sein, als Gott in die
Geschichte der Menschheit mit ungeheurer Gewalt eingriff.
Dabei hat Gott sie aber so in Beschlag gelegt, daß sie nicht
mehr nur interessierte Zuschauer warem, die in einer
neutralen Haltung alles beobachteten, sondern sie wurden
durch dieses Handeln Gottes zu seinen Zeugen, zu Menschen,
die nun auch für Gottes Handeln und Taten auf Schritt und
Tritt eintraten. Wir kennen ja alle das Sprichwort:
"Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über."
Und diesen Männern, wir nennen sie Apostel, war das Herz
voll von dem, was sie getan hatten, daß sie einfach nicht
schweigen konnten. Worüber können sie nicht mehr schweigen,
sondern müssen es in die ganze Welt hinausposaunen? Unser
Text sagt:
"Das Leben ist erschienen."
Wenn unsere Kirche diesen Text heute als Gottes Wort zur
Verkündigung von den Kanzeln vorschlägt, dann ist sie davon
überzeugt, daß in diesen vier Worten DAS LEBEN IST
ERSCHIENEN die ganze Weihnachtsbotschaft enthalten ist,
wahrhaftig, die ganze Weihnachtsbotschaft.
Vielleicht tut es uns allen, die wir Weihnachten so gerne in
einer trauten Umgebung und mit viel menschlichem Überschwang
feiern, gut, diese nüchterne Weihnachtsbotschaft des
Apostels Johannes, der sich selbst als Sprecher durchaus
auch für die anderen Apostel versteht, zu hören
In dieser Weihnachtsgeschichte, die im Johannes-Evangelium
ähnlich lautet, sehen wir, wie zusehends Geschichten und
Begebenheiten, die wir bisher in den Mittelpunkt rückten;
die für uns unaufgebbar zum weihnachtlichen Geschehen
gehörten, immer mehr verblassen.
Hier ist nicht die Rede von einer Krippe, nicht die Rede von
Maria und Josef. Hier wird auch nicht von den Hirten auf dem
Felde berichtet, sondern hier lautet es ganz einfach:
"Das Leben ist erschienen."
Während wir unsere Weihnachtsfeiern in der weiten Welt
gestalteten und formten nach dem Bericht des Lukas -
Evangeliums, der unserem menschlichen Geblüt viel angenehmer
ist, und der uns in besonderer Weise einen Blick tun läßt in
die menschliche Umgebung, in der das Leben erschienen ist,
ist weithin dadurch in der weiten Welt der Blick
verlorengegangen für das Handeln Gottes in dem Geschehen zur
Weiuhnacht, das in besonderer Weise Johannes sieht, und zwar
als das Wesentliche der Weihnachtsgeschichte.
Was würde von unserem Weihnachtsfeste, was würde für uns von
dem Geschehen zur Weihnacht noch übrigbleiben, wenn wir all
das Geschehen bei der Geburt. das uns so wichtig geworden
ist, wenn wir den Weihnachtsbaum und den Lichterglanz und
den Gabentisch, entbehren müßten?
Der Apostel Johannes und seine Gemeinden brauchten dieses
alles nicht und können doch recht Weihnachten feiern.
Wieviel Strophen unserer Weihnachtslieder bringen das, was
Johannes in unserem Text als das wichtigste Ereignis von
Weihnachten ansieht:
"Das Leben ist erschienen."?
Es sind nicht allzuviele.
Und wenn er uns heute einmal von allen äußeren Dingen
wegruft hin zum Kern des weihnachtlichen Geschehens, so
bleiben doch nicht nur leere Begriffe in seiner Hand,
sondern er weiß, daß er mit den wenigen anderen seiner Zeit
von Gott besonders begnadet war, dieses Leben, daß da
erschienen war, in der Gestalt des Jesus von Nazareth
"zu sehen, su hören und zu betasten ".
Dieses Leben hat wirklich die Gestalt des Jesus von Nazareth
angenommen und dieser Jesus von Nazareth ist keine
Märchengestalt, ist kein Traum, wie viele heute unter uns
meinen, daß Weihnachten mit den lieben Christkindlein und
dem Weihnachtsbaum und dem Knecht Rupprechrt zur Märchenwelt
des Kindes gehöre und dort unentbehrlich sei. Nein, Johannes
sagt ganz deutlich, meine 5 Sinne bezeugen und auch die
Sinne der anderen mit mir, daß wir nicht geträumt haben,
sondern daß die Erscheinung des Lebens Wirklichkeit geworden
ist:
"Das Leben ist erschienen."
Unser Text sagt: Die Apostel haben es mit den eigenen Augen
gesehen und mit den eigenen Ohren gehört, daß in dieser dem
Tode verfallenen Welt Gott ein Neues angefangen hat. Er
möchte dadurch, daß er seinen Sohn in diese Welt gab, in
diese verdorbene, durch eigene Schuld verdorbene Welt, einem
herrlichen Morgen der Auferstehung entgegenführen. Hinter
dem Geschehen zu Weihnachten leuchtet schon der Sieg Jesu
Christi über die dem Tode verfallenen Welt auf. Und die
Apostel, die dabei sein durften, als dieses Leben erschien,
die mit ihm wandelten, die ihm nach dem Sieg über den Tod
begegneten, sie sind gewürdigt worden, eine Gemeinschaft zu
bilden, in deren Mitte der Auferstandene seinen Platz hat.
Sie dürfen bis zum heutigen Tag und weiter bis zu dem Tage,
da er wiederkommen wird, in ihrer Mitte als ein Zeichen die
Fahne des Lebens aufrichten.
Das Wort Gottes stellt uns also an diesem Tage eine
eindrückliche Frage, ob wir wirklich die Weihnachtsbotschaft
1952 recht gehört haben? Es fragt uns, ob wir bei der
Wanderung nach dem Stall zu Bethlehem nicht in ein falsches
Haus gelandet sind? Haben wir dabei das Haus des deutschen
Familienfestes geöffnet oder haben uns die Schritte in das
Land der Märchen gelenkt? Besser auf alle Fälle wäre es,
wenn es wirklich der Stall zu Bethlehem gewesen ist!
Es ist nicht leicht, zu entscheiden, wo nun wirklich der
Stall ist, denn in allen 3 Möglichkeiten ist das Kind, sind
die Krippen, und Maria und Josef vorhanden.
Worin können wir denn nun wirklich erkennen, daß es der
Stall zu Bethlehem ist, der Ort, da DAS LEBEN ERSCHIENEN
IST?
Wir erkennen das daran, daß neben der Krippe die Apostel
stehen und uns aufrufen und uns einladen: Habt mit uns
Gemeinschaft! Stellt euch in die Schar derer, die schon vom
Tode zum Leben durchgedrungen sind! Stellt euch an den für
euch vorgesehenen Platz in der Kirche!
Wer das recht gehört hat und dieser Einladung des Apostels
Folge leistet, hat nach unserem Text das rechte Christfest
gefeiert.
Gott gebe es, daß wir, wenn es noch nicht geschehen ist,
solch ein rechtes Christfest feiern.