Kirchenj. 1954/55 bis Himmelfahrt - 9-
Lugar/Ort:Aldea Protestante

Fecha/Datum:19/05/1955
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Gelsenkirchen-Buer-Hassel, im Jahre 1952
Wattenscheid-Höntrop, im Februar 1955 -9b-
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Himmelfahrt 1955, mit meiner Einführung
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Lukas 13, 6 - 9
Skopus: Gottes große Geduld hat ein Ende
Kirchenjahr 1954/55 bis Himmelfahrt-9c-Lukas 13, 6 - 9
"Jesus sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen
Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberge; und er
kam uns suchte Frucht darauf und fand sie nicht. Da sprach
er zu den Weingärtnern: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang
alle Jahre gekommen und habe Frucht gesucht auf diesem
Feigenbaum, und finde sie nicht. Haue ihn ab! was hindert er
das Land? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, laß
ihn noch dies Jahr, bis daß ich um ihn grabe und bedünge
ihn, ob er wollte Frucht bringen; wo nicht, so haue ihn
darnach ab."

Was mit diesem Text ausgesagt ist, erklärt die
selbstverständlichste Angelegenheit der Welt. Müßte das doch
ein dummer Bauer sein, der an seinem Hause einen großen
Obstgarten gepflanzt hat und garnicht danach fragt, ob er
viele Früchte trägt oder nicht.
Es geht dabei wirklich, ein Irrtum ist ausgeschlossen, bei
diesem Feigenbaum um die Frucht, auf die zu rechnen der
Besitzer ein Anrecht hat. Auch ohne Erklärung
ist es uns doch deutlich, daß Jesus uns mit diesen Worten
keinen Unterricht über rechte Obstbaumanpflanzung geben
will, sondern daß dieses Wort in einer ganz besonderen Weise
uns alle meint, die wir uns hier zu diesem
Einführungsgottesdienst versammelt haben.
Wir sind solche Menschen, wir als Gemeinde GENERAL ALVEAR
sind solch eine Gemeinde, die von Gott dazu eingesetzt sind,
Frucht zu bringen.
Dazu habt ihr mich als Deutschland hergerufen und ich bin
diesem Rufe gefolgt. weil ihr im Angesichte Gottes erkannt
habt, wie erbärmlich es in den vergangenen Jahren ohne einen
Pfarrer, der das Wort Gottes verkündigte, die Frucht gewesen
ist. Wir aber wollen solche Menschen und eine solche
Gemeinde werden, die wieder Frucht bringt.
Gott kann von uns in solch selbstverständlichen Weise diese
Frucht erwarten, wie der Besitzer eines Mandarinenbaumes
Mandarinen und eines Apfelbaumes Äpfel erwarten kann.
Was ist das denn, was Gott von uns als Frucht erwartet?
Eigentlich wäre es nicht nötig, so zu fragen. Eigentlich
müßten das alle Christen wissen. Frucht bedeutet ja nicht,
große heldische und mühevolle Taten zu tun, sondern Frucht
bedeutet dieses so Schlichte und Einfache, nämlich jetzt
endlich nicht mehr von Gott wegzulaufen, jetzt endlich nicht
mehr seine Hand, die er uns in seinen 10 Geboten ausstreckt,
auszuschlagen, jetzt endlich unsere Hände mit seinen reichen
Gaben füllen zu lassen, damit wir diese Gaben weiterreichen
können.
So steht Gott vor uns und fragt uns als Gemeinde und als
Einzelchristen nach der Frucht.
Ob er sie bei uns, bei dir und bei mir, findet?
Oft stehen wir als Christen in der Gefahr, diese Frage nach
der Frucht an die zu richten, die nicht zur Kirche Jesu
Christi gehören, die meinen, uns ginge diese Frage nichts
an.
Wir sind doch davon überzeugt, daß wir so tadellose Christen
sind. Nein, wir wollen die Frage nach der Frucht für uns
gelten lassen und nicht hochmütig auf die draußen in der
Welt zeigen. Das war ja gerade die Haltung der Menschen, die
da vor Jesus stehen und denen er dieses Gleichnis erzählt
hat. Sie waren zu ihm gekommen, um ihm die Bosheit der
anderen Menschen zu zeigen, damit sie selbst in ein desto
helleres Licht kommen würden. Sie haben Jesus gesagt, was
müssen das doch für böse Menschen gewesen sein, die damals
umkamen, als der Turm zu Siloah einstürzte.
Müssen wir hier in Argentinien doch sehr fromme Christen
gewesen sein, daß wir vom schrecklichen letzten Krieg in
Europa nichts gespürt haben. Gott verwehrt uns solches Reden
und solches Mit-dem-Finger-zeigen auf die anderen und
gebietet uns, selbst einmal stille zu stehen, damit er bei
uns nach der Frucht suchen kann.
Und da geschieht das Entsetzliche, das uns eigentlich bis in
das Innerste unseres Herzens erschüttern müßte:
"Und er fand sie nicht."
Vor seinen Augen wird unser ganzes Leben mit allen
Dunkelheiten offenbar, wie gerade unsere so hochgepriesene
Frömmigkeit eine einzige große Lüge ist.
Jetzt kommt alles darauf an, daß wir, die das Wort Gottes
von den Kanzeln zu verkündigen haben, daß wir, die wir in
der Kirche verantwortliche Ämter verwalten, daß wir alle,
die zur Gemeinde gehören, es uns gefallen lassen, daß das
Kartenhaus unserer Frömmigkeit zusammenbricht und nur noch
ein Trümmerhaufen vor Gott übrigbleibt.
Wir haben das Gerichtswort Gottes zu hören:
"Haue ihn ab, denn er schadet nur dem Land!"
Auch nicht einer ist unter uns, der vor Gott in dieser
Stunde treten könnte und ihm zurufen dürfte:
Was du da über uns beschlossen hast, ist ein großes Unrecht,
wir haben ein solch hartes Urteil nicht verdient. Du hast
uns falsch eingeschätzt. Wir können doch noch so viele
Früchte des Glaubens vorzeigen.
Aber nennen wir wirklich das faule Etwas, das wir vielleicht
mit uns herumschleppen, Frucht?
Verlassen wir ruhig das Versteckenspielen! Auf der ganzen
Lienie ist es klar erkennbar, daß wir als Christen und als
Gemeinde versagt haben. Haben wir, Verkündiger, die wir
Gottes Wort den Gemeinden zu sagen hatten, nicht zu oft
unsere eigene Meinung und unsere eigenen Gedanken gepredigt,
statt in Vollmacht die Herrlichkeit Gottes zu verkündigen?
Kann überhaupt ein Christ vor Gott treten und sagen:
Wenn du, Herr, auch sonst nicht irrst, aber diesmal hast du
dich sicher vertan, wir sind immer und zu allen Zeiten deine
treuen Diener gewesen?
Wo ist der fromme Christ in unserer Gemeinde, der vor aller
Welt sich nicht scheut, Jesus Christus als seinen Herrn zu
bekennen?
Nein, nein, Gott täuscht sich nie. Wenn sein durchdringendes
Auge uns anschaut, dann vergeht uns unser Ausreden und unser
Entschuldigen, dann bleibt nur noch sein Wort übrig:
"Haue ihn ab, was hindert er das Land!"
Gegenüber diesem Gerichtswort hilft auch kein Bitten und
kein Flehen und es gibt auch kein billiges um Gnade flehen,
sondern diesem Worte gegenüber gibt es für uns die eine
Haltung, die spricht:
Herr, tue mit mir, was du beschlossen hast, haue mich ab!"
Der Schweizer Reformator Calvin konnte einmal diese Haltung
so zum Ausdruck bringen:
"Herr, wenn du mich sogar in die Hölle hinein schicktest, so
könnte ich dir in deiner Entscheidung nur recht geben und
dich ehren und preisen."
Das ist ein ungeheuerliches Wort, aber doch kommt für uns
alle alles darauf an, daß wir Gott in seinem Urteil, das uns
verdammt, recht geben.
Allerdings kommt jetzt etwas, was unserem Denken und
Empfinden völlig übersteigt.
Wir sagten am Anfang. daß es für uns alle verständlich ist,
wenn der Bauer nach der Frucht seiner Obstbäume fragt. Hier
im Gleichnis wird aber etwas getan, was nicht nur alle
Regeln des Obstanbaues über den Haufen wirft, sondern etwas,
was mit menschlichen Begriffen überhaupt nicht zum Ausdruck
gebracht werden kann. Hier tritt doch tatsächlich der
Gärtner auf und stößt eine unfaßliche Bitte aus:
"Herr, laß ihn noch dieses Jahr, bis das ich um ihn grabe
und bedünge ihn!"
Es soll noch einmal mit einem Baume versucht werden, der
nach Obstanbauregeln nur noch das Abhauen und das Verbrennen
verdient hat, von dem es nur noch heißen kann: Hinweg mit
ihm!
Jedenfalls ist nicht mehr daran zu rütteln, diese Bitte um
Aufschub ist ausgesprochen:
"Laß ihn noch dieses Jahr!"
Haben wir es gehört, wir alle, die wir durch das Wort Gottes
gerichtet worden sind:
Uns ist eine Gnadenzeit geschenkt. Es ist einer bei Gott für
uns eingetreten, der das Unmögliche noch einmal möglich
macht, der noch hofft, das auch wir wieder Frucht bringen.
Allein seine Hoffnung ist unsere Hoffnung, allein sein
Bitten gibt uns noch eine Gnadenfrist. Der das erwirkt hat,
ist kein anderer als der, der am Kreuz auf Golgatha an
seinem eigenen Leibe erfahren mußte, was Gottes
Urteilsspruch bedeutet:
"Haue ihn ab!"
Es ist kein anderer als der, den der Vater von den Toten
auferweckte und der, der zum Vater zurückkehrte und den
Königsthron bestieg und dessen Herrschaftsantritt wir am
heutigen Himmelfahrtsfest feiern.
Seit dieser Zeit läuft diese Botschaft von der großen Geduld
Gottes über diese Erde. Und es gibts nichts Köstlicheres für
uns, als daß wir, die wir versagt haben, die wir von Gott
verdammt worden sind, diese Botschaft der Geduld Gottes für
uns geltend machen dürfen. Diese Geduld Gottes wurde uns
nicht geschenkt, weil wir Gott darum gebeten haben, sondern
diese Geduld, von der wir uns heute auch aufrichten lassen
dürfen, ist ausschließlich und allein das Werk unseres Herrn
und Meisters Jesus Christus. Er tritt für uns beim Vater
ein. So hebt uns der Sohn aus dem Staube der Verdammnis
wieder auf. Hören wir es recht:
Gott hebt uns aus dem Staube der Verurteilung wieder auf,
sein Sohn hat für uns gebeten.
Wir dürfen wieder frei stehen und atmen.
Aber wenn Jesus uns heraushebt aus dem Schmutz und Dreck und
uns unsere Schuld vergibt, dann will er nicht, daß wir den
alten Weg ins Verderben weitergehen, dann will er nicht, daß
wir weiter auf der Flucht vor Gott bleiben, dann will er
nicht, daß wir weiterhin nach unseren eigenen Neigungen und
Wünschen handeln, sondern daß wir jetzt die Hand Gottes
ergreifen und mit ihm als Christen furch das Leben gehen:
"Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden."
So könnte dieser so freudenreiche Tag für die Gemeinde und
auch für jeden einzelnen zu einem anderen Tage der Freude
werden, zu einem Tage, da wir als die unter der Schuld
Zusammengebrochenen von Jesus Christus wieder aufgerichtet
werden und nun als die Begnadeten weiter durch das Leben
ziehen und so dann auch die Frucht bringen, auf die ja doch
alles ankommt.
Unser Wort redet aber auch uns an, die wir vielleicht diesem
Worte so recht nicht trauen, die wir vielleicht meinen, was
das Wort da von der Frucht sagt, kann so schlimm doch nicht
sein.
Hier ist allerdings die größte Vorsicht am Platze. Keiner
darf sich von dem Gedanken einschläfern lassen, daß die
Geduld Gottes unbegrenzt ist. Nein, diese Geduld Gottes hat
eine Grenze:
"Laß ihn noch dieses Jahr!"
Wohl dürfen wir wissen, daß wir heute noch in diesem Raum
der Gnade Gottes leben und das wir uns von Jesus Christus
noch zu Menschen umgestalten lassen dürfen, die Frucht
bringen.
Wann aber dann unsere Gnadenfrist beendet ist, wissen wir
nicht. Sie kann aber schon heute abgelaufen sein und dann
müßte es von uns wirklich heißen:
"Wo sie innerhalb der gegebeneen Frist nicht Frucht bringen,
dann haue sie ab!"
Aber das kann im Ernst nicht unser Wille sein, daß wir diese
Frist verstreichen lassen wollen, ohne mit Gott ins Reine
gekommen zu sein.
Laßt uns darum ringen, daß diese große Geduld Gottes unser
Heil wird und uns zu Menschen umgestaltet, die Frucht
bringen.

Predigt -9b - in Höntrop 1955
Was uns mit diesen Worten des gleichnisses vom Feigenbaum
berichtet wird, ist die selbstverständlichste Angelegenheit.
Müßte das doch ein dummer Bauer sein, der an seinem Hause
einen großen Obstgarten gepflanzt hat und garnichts mehr
danach fragen würde, ob dieser Obstgarten seinen Keller mit
Äpfeln, Birnen und Pflaumen füllen und dazu noch manchen
Zentner auf den Markt bringen würde. Es geht hier bei dem
Feigenbaum wirklich um die Frucht, auf die zu warten der
Besitzer ein Recht hat.
Auch ohne eine besondere Belehrung ist uns deutlich, daß
Jesus uns mit diesen Worten keinen Unterricht über
Grundgesetze in der Obstbaumanpflanzung geben will. Dieses
meint etwas anderes, das uns allen hier im Gottesdienst
angeht.
Wir sind solche Menschen, die von Gott gesetzt sind, Frucht
zu bringen. Daß Gott diese Frucht von uns erwarten kann, ist
so selbstverständlich, wie der Besitzer eines Aofelbaumes im
Herbst Äpfel von seinem Baum erwarten kann.
Was erwartet Gott dann aber von uns?
Frucht bedeutet schlicht und einfach, eigentlich das
Selbstverständliche, daß wir jetzt endlich nicht mehr von
Gott weglaufen, jetzt endlich nicht mehr seine Hände, die er
uns in den 10 Geboten entgegenstreckt, wegschlagen, daß wir
jetzt endlich unsere Hämde mit seinen reichen Gaben füllen
lassen.
So steht denn Gott vor uns und fragt uns nach unserer
Frucht. Ob er sie bei uns findet?
Wenn wir solch ein Wort normalerweise hören, das von Frucht
und von Buße handelt, sind wir Christen nur allzuleicht
geneigt, diese Worte denen zuzurufen, die nicht zur
christlichen Gemeinde gehören. Es besteht die Gefahr, daß
die Kirche der Welt die Frage vorlegt:
Wo ist deine Frucht, die Gott, der Herr, von dir erwartet?
Nein, so geht das nicht. Was hier zu sagen ist, gilt gerade
uns Christen. Es ist nicht der Fall, daß wir mit dieser
Frage nichts zu tun haben. Es ist nicht der Fall, daß wir in
allem tadellose Menschen sind.
Wir sind aufgefordert, nun das sein zu lassen, daß wir uns
vor unserem eigenen Spiegel stellen und uns in diesem
Spiegel erkennen als besonders fromme Menschen, möglichst
noch mit einem Heiligenschein. Nicht auf die sogenannten
bösen Menschen da draußen laßt uns schauen und auf sie mit
den Fingern zeigen, sondern laßt und gerade erkennen, daß
wir gemeint sind, du und ich.
Das war ja die Haltung der Menschen, die da vor Jesus stehen
und denen er dieses Gleichnis erzählt hat. Sie waren ja auch
zu ihm gekommen, damit sie ihn aufmerksam machten auf die
bösen Menschen und damit er erkenne, wie tadellos doch sie
wären. Was müssen das doch auch für böse Menschen gewesen
sein, die damals, als der Turm zu Siloah einbstürzte,
umkamen. Und was müssen wir doch für gute Menschen sein, daß
Gott gerade uns in den vielen Bombennächten, daß Gott gerade
uns in den Strapazen und Unmenschlichkeiten der
Kriegsgefangenschaft, daß Gott gerade uns in der großen
Hungerszeit nach dem Kriege beschützt und beschirmt hat.
Gott verwehrt uns solches Reden und Sprechen und gebietet
uns, vor ihm stille zu stehen, damit er auch uns die Prüfung
nach der rechten Frucht unterziehen kann.
Wie sieht das Ergebnis dieser Suche bei uns als Christen
aus?
Ach, nur mit einer Bestürzung ohnegleichen können wir das
Urteil Jesu über uns vernehmen:
"Und er fand diese Frucht nicht."
Es ist einfach erschreckend festzustellen, wie gerade bei
uns im Westen, im sogenannten christlichen Westen, mit einer
sogenannten christlichen Bundesregierung und mit sogenannten
christlichen Parteien und mit ungezählten christlichen
Vereinen und Vereinchen im letzten Grunde von einer solchen
echten Frucht, wie sie Jesus Christus meint, nichts zu
finden ist.
Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wird das
Wort "christlich"in den Mund genommen und mich sollte es
nicht wundern, wenn es bald eine christliche Wehrmacht und
christliche Atombomben gibt.
Aber täuschen wir uns nicht, das Wort "christlich" will nur
unsere eigenen persönlichen Unglauben verdecken. Wir haben
trotz aller Christlichkeit längst unseren Glauben an Jesus
Christus verkauft an die marschierenden Soldaten. Wir haben
längst wieder das Gebot:
"Du sollst nicht töten!"
vertauscht gegen die Parole:
"Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den
Schädel ein."
Wo sind denn noch die Menschen, die in den Spannungen dieser
Welt zwischen Ost und West weder schielen nach Amerika noch
nach Rußland, sondern die ihr ganzes Vertrauen setzen auf
ihren Herrn und Heiland Jesus Christus?
Wo sind unter uns Christen, die noch das wissen, was der
Präses unserer Evangelischen Kirche, Dr. Heinemann, einmal
bekannte:
"Die mächtigen Herren dieser Welt gehen, aber unser Herr
kommt."?
Erschütternd ist es, diese Feststellung unseres Herrn über
uns und über unser ganzes faules, wenn auch sogenanntes,
christliches Abendland, hören zu müssen:
"Und der Herr fand die gesuchte Frucht nicht."
Vor seinem Auge wird unser ganzes Leben, im privaten ebenso
wie im öffentlichen Leben, mit allen Dunkelheiten und mit
allem Ungehorsam gegen den lebendigen Herrn offenbar. Er
zeigt uns, wie unsere ganze so hochgepriesene Frömmigkeit
nur eine lackierte Bruchbude ist.
Es ist mir einfach ein Rätsel, das Christen unter uns sind,
die es freudig begrüßen, wenn Amerika seine Atombomben bei
uns in Westdeutschland mit einer christlichen Regierung mit
Richtung gegen Ostdeutschland aufstellen. Alle anderen
Regierungen in Westeuropa haben die Aufstellung dieser
satanischen Mordinstrumente abgelehnt, nur uns blieb das
vorbehalten, sie sogar noch freudig zu begrüen.
Genauso wie wir es einmal verantworten müssen, warum wir als
Christen während der Nazizeit nicht unseren Mund aufgetan
haben gegen die Ermordung von 5 Millionen Juden, gegen die
Konzentrationslager mit allen Unmenschlichkeiten, gegen die
Ermordung kranker Menschen, genauso werden wir es
verantworten müssen, wenn wir schweigen über die Aufstellung
dieser Atomkanonen.
Hoffentlich merken wir es, daß in der Tat unsere ganze
Christlichkeit hier im Westen ein Bruchladen ist und wenn
die anderen sich auch die Ohren zuhalten, so laßt uns
jedenfalls dem Worte des Herrn stille halten, der im
furchtbaren Gerichtsernst über uns ausruft:
"Haue den Baum ab, er schadet nur dem Land!"
Nicht einer ist unter uns, der vor Gott in dieser Stunde
treten könnte und ihm zurufen dürfte, was du da über einen
jeden einzelnen und über unser ganzes christliches Abendland
beschlossen hast, ist ein großes Unrecht. Wir haben ein
solch hartes Urteilo nicht verdient, du, Gott, hast uns
falsch eingeschätzt.
Lassen wir doch das Versteckenspielen, es liegt offen zu
Tage, daß wir als Christen auf der ganzen Linie versagt
haben.
Haben wir Verkündiger wirklich nicht zu oft gegenüber dem
Ernst der 10 Gebote gekniffen und Angst gehabt, sie in aller
Wahrheit zu verkündigen; haben wir als Gemeindeglieder nicht
nur zu oft gemeint, unser Glaube sei etwas für die Seele,
für das Leben hinter verschlossenen Türen und haben dabei
vergessen, daß unser Glaube eine öffentliche Sache ist, die
wir der ganzen Welt zu bezeugen haben?
Wo ist der Christ in unserer Gemeinde, der an der Stelle, wo
er hingestellt worden ist, an seinem Arbeitsplatz oder in
seinem Verein oder in seiner Partei oder in seiner
Gewerkschaft, ein eindeutiges Bekenntnis mit Worten und
Werken zu seinem Herrn Jesus Christus abgelegt hat, sodaß
die, die es hörten, von der Kraft Gottes, die hinter diesem
Bekenntnis stand, überwunden wurden?
Wo sind die Gemeindeglieder, die zur Stelle waren, wenn sie
Gott in seinen Dienst rief? Nein, nein, wir können Gott
nicht täuschen. Wenn sein durchdringendes Auge uns anschaut,
dann vergeht uns unser Ausreden und unser Entschuldigen,
dann bleibt nur das Wort übrig:
"Haue ihn ab, was hindert er noch das Land!"
Gegenüber diesem Gerichtswort gibt es auch kein Bitten und
Flehen, gibt es ebenfalls kein billiges um Gnade flehen,
sondern diesem Wort gegenüber gibt es für uns nur die eine
Haltung, die spricht:
"Herr, tue mit mir, was du beschlossen hast. Haue mich ab!"
Der Schweizer Reformator Calvin konnte das einmal so etwa
zum Ausdruck bringen, daß er sagte:
"Herr, wenn du mich sogar in die Hölle hinein verdammst, so
kann ich dich wegen dieser deiner Entscheidung nur ehren und
preisen, denn ich bin in der Tat der, der von dir zu Recht
verdammt worden ist."
Das ist ein ungeheuerliches Wort, aber doch kommt für uns
alles darauf an, daß wir Gott in seinem Urteil über uns, das
uns verdammt, Recht geben.
Nun erleben wir nach diesem Bekenntnis aber etwas, was
unserm Denken und Empfinden völlig übersteigt.
Wir sagten am Anfang, daß es für uns verständlich ist, wenn
der Bauer nach der Frucht seiner Obstbäume fragt, hier
allerdings wird etwas getan, was nicht nur alle Regeln des
Obstanbaues über den Haufen wirft, sondern auch etwas, was
mit menschlichen Begriffen kaum wiederzugeben ist.
Hier steht der Gärtner auf und stößt eine unerhörte Bitte
aus:
"Herr, laß ihn noch dieses Jahr, bis daß ich um ihn grabe
und bedünge ihn!"
Es soll noch einmal mit diesem Baume versucht werden, der
nur wert ist, abgehauen und verbrannt zu werden.
Diese ungeheuerliche Bitte um Aufschub des Gerichtes ist
ausgesprochen.
Haben wir es gehört, wir alle, die wir durch Gottes Wort
gerichtet werden, haben noch eine Gnadenfrist bekommen. Es
ist einer bei Gott für uns eingetreten, der das fast
Unmögliche noch einmal wagt, der noch hofft, daß aus uns
noch einmal etwas wird. Noch einmal ist diese Gnadenzeit
über uns alle ausgesprochen, noch einmal darf vielleicht
auch die Christenheit bei uns in Deutschland umkehren von
den ungehorsamen Wegen der letzten Zeit auf allen Gebieten.
Allein die Hoffnung Jesu Christi ist noch unsere Hoffnung.
Allein sein Bitten beim Vater im Himmel gibt uns noch diese
Gnadenfrist. Noch einmal, vielleicht zum letzten Male, ist
uns in Deutschland Gelegenheit gegeben zur Umkehr von
unseren bösen Wegen und zur Buße. Der das für uns erwirkt
hat, ist kein anderer als der, der am Kreuz auf Golgatha an
seinem eigenen Leibe erfahren hat, was Gottes Urteilsspruch
bedeutet:
"Haue ihn ab!"
Seit dieser Zeit läuft die Botschaft von der großen Geduld
Gottes über diese Erde und seitdem gibt es für uns, die wir
in der Tat auf der ganzen Linie versagt haben und von Gott
verdammt wurden, nichts Köstlicheres als daß diese Botschaft
von der göttlichen Geduld auch uns noch heute gilt.
Diese göttliche Geduld wurde uns nicht geschenkt, weil wir
Gott darum gebeten hätten, sondern diese Geduld ist das Werk
unseres Herrn und Meisters Jesus Christus. Er tritt für uns
beim Vater im Himmel ein.
So hebt uns der Sohn aus dem Staube der Verdammnis wieder
auf. Hören wir es recht: Gott hebt uns aus unserer Schuld
wieder auf. Der Sohn hat für uns gebeten und hat es
ermöglicht.
Wir dürfen nun wieder stehen, wir dürfen nun wieder frei
atmen, welch ein herrliches Geschenk, Gott vergibt uns
unsere Schuld.
Als die, die wieder stehen durften, können wir allerdings
nicht wieder auf dem selben alten und ungehorsmane Fleck
stehen bleiben. Wir sollen unsere Triebe und Lüste, unsere
privaten und öffentlichen Ideale und unseren Schmutz, den
wir vor die Füße Jesu gelegt haben, nicht wieder mit uns
herumschleppen.
Wenn Gott uns in seinem furchtbaren Gericht noch vor kurzer
Zeit die Waffen aus der Hand geschlagen hat, weil wir sie in
schändlichster Weise mißbraucht haben, um Millionen von
Menschen dahinzumorden, dann können bußfertige Christen
jetzt nicht wieder im Ungehorsam gegen Gottes Gebot:
"Du sollst nicht töten."
diese Waffen wieder in die Hand nehmen, dann müßte es uns
unmöglich sein, im Angesichte der gegen den Osten
aufgestellten Massenmordgeräte der Atomkanonen, noch eine
einzige ruhige Nacht zu verbringen oder ruhig ohne
Gewissensbisse in den Gottesdienst zu kommen, unbekümmert,
daß ein Druck auf diese Geräte Millionen von Menschen durch
die Unvernunft einiger weniger dahingemordet werden können.
Buße für uns als Christen bedeutet, sich nicht auf Waffen
und Atombomben zu verlassen, sondern allein auf den Herrn.
Jesus Christus
hat uns aus dem Staube gehoben, nicht daß wir wieder in die
alte Gleichgültigkeit und den alten Trott verfallen, sondern
uns endlich zum Gehorsam gegen Gott und seine Gebote rufen
lassen. Auch von uns soll es heißen:
"Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden."
So will unser heutiges Hören auf Gottes Wort zu einem
Freudentag werden, zu einem Tage, da wir als die unter der
Schuld Zusammengebrochenen, aber von Jesus Christus wieder
Aufgerichteten und als die Begnadigten weiter durch das
Leben ziehen und so auch Frucht bringen, auf die es ankommt.
Wer allerdings diesem Worte nicht traut und meint, es sei ja
garnicht so schlimm mit uns, der muß wissen, daß er noch
immer im Gericht Gottes steht:
"Haue ihn ab, denn er nimmt den anderen den Platz weg!"
Keiner von uns darf sich durch den Gedanken einschläfern
lassen, daß die Geduld Gottes unbegrenzt sei. Vorsicht ist
am Platze, denn die Geduld Gottes hat eine Grenze:
"Laß ihn noch dieses Jahr!"
Wir dürfen wissen, daß wir heute noch in diesem Raum der
Gnade Gottes leben und daß wir noch heute uns von Jesus
Christus zu einem Menschen umgestalten lassen dürfen, der
Frucht bringt, der Gott gehorsam ist.
Wann unsere Frist, wann die Frist der Evangelischen Kirche
in Deutschland abgelaufen ist, wissen wir nicht, sie kann
aber schon morgen zu Ende sein und dann müßte es auch von
uns heißen:
"Wo er innerhalb der Frist nicht wollte Frucht bringen, haue
ihn ab!"
Aber das kann doch nicht wahr sein, daß wir diese Frist
verstreichen lassen wollen.
Laßt uns darum ringen, daß diese große Geduld Gottes für
uns, für unsere Christenheit und fúr unser deutsches Volk
zum Heil werde und wir rechte Frucht bringen.