Bibelw. 17a Anstößige Bibeltexte 6
Lugar/Ort:Meroú

Fecha/Datum:15/01/1981
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Aldea Protestante, 21-2-1980 -spanisch-
Camarero/Puíggari, 12-2-1981 -spanisch-
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:Liebe wird zum Maßstab
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Matthäus 22, 34-40 - Mateo 22: 34-40
Skopus: Was ist unter Doppelgebot der Liebe zu verstehen?
Bibelw. 17a -Anstößige Texte 6-Matthäus 22,34-40 "Da aber
die Pharisäer hörten, daß Jesus den Sadduzäern das Maul
gestopft hatte, versammelten sie sich. Und einer unter
ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und sprach:
Meister, welches ist das vornehmste Gebot im Gesetz? Jesus
aber sprach zu ihm: Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von
ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Dies
ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist ihm
gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In
diesen zwei Geboten hanget das ganze Gesetz und die
Propheten."

Wir haben in der Heiligen Schrift viele Texte, vor denen es
nur ein entweder - oder, eine Annahme oder eine Ablehnung
gibt, Texte, an denen es sich entscheidet, ob ein Mensch zu
Jesus Christus gehört oder von ihm nichts wissen will.
Solch ein Wort Jesu, an dem sich wir Menschen entscheiden
und scheiden, ist auch unser heutige Text, in dem es sich um
die LIEBE handelt.
Worum geht es darum konkret?
Oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Das war schon zur Zeit Jesu so.
613 Paragraphen hatten die Frommen aufgestellt, um das
gottwohlgefällige Leben zu beschreiben, 248 Gebote und 365
Verbote. Wie soll man da, im Gewirr der Vorschriften und
Verbote, noch erkennen, worauf es wirklich ankommt im Leben
mit Gott?
"Meister, welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz?"
Wir verstehen durchaus diese Frage. In der unüberschaubar
gewordenen Vielfalt des kirchlichen und geistlichen Lebens,
in der Pluralität der Meinungen und Experimente, bei der
Gegensätzlichkeit der verschiedenen Positionen ist die Frage
dringlich.
Um was geht es eigentlich im Glauben? Worum geht es in der
Kirche? Was ist der Maßsstab für alles, was wir tun und
lassen? Was ist die Mitte eines Lebens mit Gott?
Auf diese Fragen gibt die Botschaft unseres Textes eine
klare Antwort:
Jesus lehrt, was er selber lebt: Die Liebe zu Gott und zum
hilfsbedürftigen Nächsten.
Gott will Liebe.
Die unbegrenzte Liebe ist Inhalt und Maßstab, Grund und Ziel
des Lebens, das er allen schenkt.
Wenn wir diese Botschaft durch unseren Text zunächst hören,
dann hören wir zugleich die vielen Stimmen der Gegner Jesu,
der Gegner seiner Jünger, der Gegner der Christen.
Wir hören:
Es ist ja ganz schön, was ihr Christen von der Nächstenliebe
redet. Aber mit der Liebe ist es wie mit dem Geld. Jeder
sehnt sich danach, aber niemand gibt es gerne aus. Und darum
bleibt alles beim Alten. Und das bißchen Liebe, das einige
wenige wahre Christen praktizieren, was nützt sie schon
gegenüber der augenblicklichen weltweiten Not. Sie ist nur
ein Tropfen auf dem heißen Stein. Man sagt, die Christen
sollten aufhören, von der Liebe zu reden und stattdessen
anfangen, für eine menschlichere Weltordnung kämpfen, in der
jeder die gleiche Chance des Lebens hat, dann bin ich dabei,
aber zu einer Liebe gegnüber allen Menschen sage ich ein
klares Nein.
Diese Reden der Gegner Jesu wollen wir auch nicht aus
unserem Gedächtnis verbannen, sondern immer präsent haben,
wenn wir nun unseren Text auszulegen versuchen.
Wer nicht fragt, der bleibt dumm, heißt es in einem
Kinderlied. Wer fragt, gibt damit zu, daß er noch nicht
alles weiß, daß er von anderen lernen will.
Natürlich gibt es auch überflüssige, vorlaute, vielleicht
sogar hinterhältige Fragen. Der Evangelist Matthäus zum
Beispiel kann in der Frage des gesetzeskundigen Pharisäers
nur eine solche hinterhältige Frage erkennen.
Aber abgesehen von dem unlauteren Motiv, die Frage an und
für sich ist wichtig und gut:
Meister, was ist, mit einem Worte gesagt, der Wille Gottes
für uns? Was ist das vordringlichste Gebot? Worauf kommt es
an im Leben? Gut, wenn einer so fragt. Jesu Antwort läßt 3
Schwerpunkte erkennen:
"1. Schwerpunkt:
Das wichtigste Gebot ist die Liebe zu Gott.
Das Christentum ist nicht einfach die Religion der
Nächstenliebe, wie oft behauptet wurde. Jesus geht es zuerst
und zuletzt um die Gottesliebe.
Daß Menschen den liebenden und gerechten Gott erkennen, daß
sie in Verbindung mit ihm leben, daß sie seine Ehre suchen,
das ist der eigentliche Sinn der Sendung Jesu.
An diesme Punkte besteht kein Streit mit dem Judentum.
Was ist das vornehmste Gebot im Gesetz?
Jesus zitiert in seiner Antwort, das von den Juden bis auf
den heutigen Tag täglich gesprochen Sch.ma-Gebet aus dem 5,
Buch Mose 6, 4 ff.
In diesem alt-israelitischen Bekenntnis wird zuerst die
ungeteilte Liebe zu Gott gefordert. Gebt Gott, was Gottes
ist, nämlich Liebe aus ungeteiltem Herzen, sodaß Geist, Leib
und Seele daran beteiligt sind. Liebe aus ungeteilter Seele,
sodaß notfalls auch das eigene Leben Gott zuliebe hingegeben
werden kann, Liebe aus ungeteiltem Vermögen, sodaß auch
Besitz und Kraft für Gott zur Verfügung steht.
Das Gebot der Gottesliebe will den ganzen Menschen (Römer
12, 1).
Es stellt den ganzen Menschen unter das 1. Gebot. Nur in
ungeteilter Liebe entspricht der Mensch seinem Gott, der
sich ihm in ungeteilter Liebe zugewendet hat. Dieses Gebot
beschreibt den Platz, an dem Menschen leben können, den
Platz unter Gott.
Gott allein ist OBEN. Er allein ist der Herr, der ganze
ungeteilte Hingabe erwarten kann.
Sinnlos sind die Versuche, diesem Gott wegzulaufen. Niemand
ist sein eigener Herr und Gott. Niemand muß die anderen
Menschen neben sich für kleine Herrgötter halten, die zu
fürchten, zu verehren oder mit ganzer Hingabe zu lieben
wären.
JAHWE ist Gott. Er allein. Zu ihm findet das Geschöpf Mensch
seine Freiheit. In der Liebe zu Gott hören Menschen auf, die
großen Täter, die Macher, die Schaffer zu sein. Sie kommen
zur Ruhe. Sie erkennen staunend, betroffen und dankbar:
Ich kann mich nicht erlösen, Er hat es längst getan. Ich
kann mir selbst keine Sünde vergeben. Er tut es in seiner
Gnade täglich. Ich kann mich nicht vom Tode auferwecken,
aber er wird es sicher tun.
Abstand nehmen von dem vielen, was wir zu tun haben und
glücklich sein über das, was Gott für uns alle längst ins
Werk gesetzt hat und vollenden wird.
Das heißt Gott lieben.
Und dann, gestärkt durch den Aufblick zu Gott, mit neuer
Klarheit und Gelassenheit beschenkt, wenden sich die
Liebhaber Gottes dem Nächsten zu. Nun werden sie höchst
aktiv, nun sind sie als die Täter gefragt. Nun gilt es, das
Menschenmögliche ins Werk zu setzen, um dem Nächsten zu
helfen.
Christus selbst hat das gültige Beispiel jener doppelten
Liebe gegeben.
Als 2. Schwerpunkt unseres Textes erkennen wir:
Die wichtigste Konsequenz aus dieser Liebe zu Gott ist die
Liebe zum Nächsten.
Das Gebot der Nächstenliebe, zweifellos ein 2. Gebot nach
dem ersten, wird von Jesus in den gleichen Rang wie das
Gebot der Gottes Liebe gerückt. Untrennbar sind die beiden
miteinander verbunden. (Bei Lukas erscheinen sie deshalb
fast als ein Gebot: 10,27.)
Auch das Gebot der Nächstenliebe steht bereits im Alten
Testament. Es stellt keine originale Lehre Jesu dar (3. Mose
19, 18).
Dennoch, die Gleichstellung der gebotenen Gottesliebe mit
der ebenfalls gebotenen Nächstenliebe findet sich so erst
bei Jesus. Und durch ihn ist neu und anders als zuvor gesagt
worden, wer als NÄCHSTER gelten kann.
Niemals konnte im Alten Testament ein Nichtjude zu den
NÄchsten gezählt werden. Die jüdische Sekte der Essener
forderte die Nächstenliebe für die KINDER DES LICHTS, nicht
aber für zu verachtenden Kinder der Finsternis. Erst Jesus
schenkt die Möglichkeit, daß die Nächstenliebe für alle
gilt, für alle, die Liebe (=Hilfe) nötig haben., Fúr alle
soll die Liebe gelten, die freundliche und hilfreiche
Zuwendung (Matth. 5, 43ff).
Im Lukas-Evangelium wird das Doppelgebot der Liebe durch das
Gleichnis vom barmherzigen Samariter verdeutlicht.
Auch dabei geht es um die Frage:
Wer ist mein Nächster?
Hier gibt Jesus die Antwort:
Werde zu einem Nächsten für jeden, der deine Hilfe braucht!
Die Not und Hilfsbedürftigkeit des anderen ist maßgebend,
nicht seine Religion, nicht seine religiöse, völkische oder
familiäre Beziehung zu dir, nicht dein Vorurteil. Jesus geht
es nicht darum, die Liebe zu Gott als zweitrangig im
Vergleich zur Nächstenliebe erscheinen zu lassen. Sie ist
und bleibt das zuerst Gebotene. Aber zweifellos hat Jesus
durch seine Lehre und sein Beispiel die Liebe zum Nächsten
als auch erstrangig erklärt. Er unterscheidet zwar die
beiden Gebote, aber er kann und will sie nicht voneinander
trennen.
"Das andere ist ihm gleich ....."
Im Jüngsten Gericht wird darum nach den Taten der
Nächstenliebe geurteilt:
"Was ihr getan habt einem unter meinen geringen Brüdern, das
habt ihr mir getan."
Paulus, der die Rechtfertigung des Gottlosen durch Glauben
verkündigt, sagt nichts anderes. Auch er nimmt die Liebe als
die Größte der Gaben Gottes und predigt den Glauben, der in
der Liebe tätig ist.
Der 3. Schwerpunkt unseres Textes liegt auf:
Die wichtigste Voraussetzung der doppelten Liebe ist die
Herrschaft des Christus.
Der Platz ist uns angewiesen, der Platz unter Gott und neben
dem Nächsten. Aber wer wird diesen Platz einnehmen? Wer wird
in der dankbaren Liebe zu Gott und der opferbereiten Liebe
zum Nächsten wirklich leben? Genügt der Befehl:
Du sollst oder mußt lieben?
Kann Liebe überhaupt befohlen werden?
Jedenfalls ist sie befohlen von Gott her. Der Befehl macht
deutlich, daß lieben nicht in das BELIEBEN der Menschen
gestellt ist. Unter Gottes Einfluß ist beides beieinander,
die Ruhe und die Bewegung, das Anbeten und das Handeln, die
Gelassenheit und die Spannung, der Ruhe- und der Arbeitstag,
Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten.
In der Nachfolge des gekreuzigten Herrn wird aus dem
Befohlenen das Freieste. Wir lieben Gott und den Nächsten,
nicht, weil wir müssen, sondern weil durch Christus
"die Liebe Gottes ausgegossen ist in unser Herz (Römer 5,
5)."
In der Nähe Jesu gibt es das tätige Warten auf das kommende
Reich, in dem die Liebe zur Vollendung gelangen wird.
Wir wollen diese Bibelmeditation beenden mit einigen Fragen
und Anregungen:
1. Humanität ohne Divinität wird zu Bestialität.
Das ist wohl ein schlechtes Deutsch, aber eine gute
Erkenntnis.
2. Was ist genau mit Liebe beschrieben?
3. Hat die Liebe mit den Problemen heute in Argentinien auch
etwas zu tun? Wie?
4. Welche Bibel- und Liedverse kennen wir, die von der Liebe
handeln?
5. Was erwartet die doppelte Liebe speziell heute von mir?
6. Ist es richtig, was der Kirchenvater Augustin sagte:
Liebe, und dann tue, was du willst!