-6-Kirchenj. bis Ewigkeitssonntag 08
Lugar/Ort:Diamante

Fecha/Datum:15/11/1969
Otros Lugares/Weitere Predigtorte:
Aldea Protestante, 1-2-1970
Meroú, 19-4-1970
Año Eclesiástico/Kirchenjahr:19. Sonntag nach Trinitatis
Libro Bíblico/Buchbezeichnung:Markus 1, 32-39
Skopus: Jesus hilft und wir?
-6- Kirchenj. bis Ewigkeitssonntag 8 -Markus 1,32-39
"Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie
zu ihm allerlei Kranke und Besessene. Und die ganze Stadt
versammelte sich vor der Tür. Und er half vielen Kranken,
die mit mancherlei Seuchen beladen waren, und trieb viele
Teufel aus und ließ die Teufel nicht reden, denn sie kannten
ihn. Und des Morgens vor Tage stand er auf und ging hinaus.
Und Jesus ging in eine wüste Stätte und betete daselbst. Und
Petrus mit denen, die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und da
sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
Und er sprach zu ihnen: Laßt uns in die nächsten Städte
gehen, daß ich daselbst auch predige, denn dazu bin ich
gekommen. Und er predigte ion ihren Schulen in ganz Galiläa
und trieb die Teufel aus."

Es ist eine selbstverständliche Erfahrung, daß da, wo Hilfe
angeboten wird, sich immer Menschen einfinden, die diese
Hilfe nötig haben.
Als Jesus zum 1. Mal in Kapernaum auftrat, wußte er sich der
Menge der Hilfesuchenden fast nicht zu erwehren. Sie, die
Hilfesuchenden, hatten verstanden:
Hier ist einer, dieser Jesus von Nazareth, der helfen will
und der helfen kann. Seine Worte und seine Taten haben sie
davon überzeugt, daß sie einem Einzigartigen, einem Großen,
einem Heiland begegnet waren.
Ähnliches zeigt sich, wo die Gemeinde, die Kirche Jesu
Christi, in Erscheinung tritt und wirkt und handelt. Man hat
zwar viel an ihr auszusetzen, aber selbst dieser Kritik ist
es anzumerken, daß man Großes von ihr erwartet.
Die Kirche, wir Christen also, sollen helfen, festgefahrene
Probleme zu lösen, schlechte Verhältnisse zu beseitigen,
einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit den Weg in eine
bessere Zukunft zu bahnen.
Wir dürfen diese Erwartungen nicht zurückweisen, denn durch
uns will Jesus Christus heute zu den Menschen kommen. Wir
sollen EINER DEM ANDEREN EIN CHRISTUS WERDEN, wie Martin
Luther gesagt hat.
Das können wir nur, wenn wir ihn nicht aus den Augen
verlieren. Wir müssen Jesus auf den Mund und auf die Hände
sehen. Sein Wesen und sein Wirken muß sich abbilden in dem,
was wir sind und was wir tun.
Anders können wir der Welt die Hilfe nicht bringen, die sie
von uns erwartete und auf die sie eiu Recht hat.
An dem kurzen Bericht des Evangelisten Markus über die
Tätigkeit Jesu in Kapernaum können wir vielleicht ablesen,
was für eine Aufgabe wir Christen haben.
"Er, Jesus, half vielen Kranken",
lesen wir.
Behinderte, von Schmerzen gequälte Menschen, drängen sich an
Jesus heran. Er hält ihnen keine Predigt. Er machte sie
gesund.
Seine Kirche ist nicht denkbar ohne den Kampf gegen
menschliches Elend.
Es sieht so aus, daß der größte Teil der Christenheiut das
begriffen hat. Überall auf diesem Gebiete geschieht etwas,
oder sogar sehr viel.
Es wird den Kranken geholfen, man hilft mit an der
Überwindung von Notständen, man schafft BROT FÜR DIE WELT,
man ringt aktiv um Gerechtigkeit und Freiheit für alle
Völker und Rassen.
Und was geschieht eigentlich unter uns, mit uns und durch
uns?
Es gehört einfach zum Wesen der Gemeidne, der Kirche Jesu
Christiu, daß sie mithilft an der Überwindung leiblicher Not
jeder Art. Wenn sie damit aufhört oder ihre Aufgabe gar
nicht erkennen kann, trennt sie sich von Jesus. Sie
entfremdet sich dann von der Quelle ihrer Kraft, wird selbst
gebrechlich und krank.
Auch die Stärkung unseres eigenen Glaubens hängt davon ab,
ob wir bereit sind, tatkräftig zu helfen.
Wer nicht Zeit, Geld und Kraft einsetzen will, um Hilflosen
beizustehen, findet nicht den Weg zu Gott. Denn dieser Weg
führt immer hinter Jesus Christus her, der keine Mühe
gescheut hat.
Hier sehen wir ihn am Ende eines anstrengenden Tages. Er hat
in der Synagoge gelehrt. Er hat Menschen von ihren
unerklärbaren dunklen Bindungen befreit. Er ist müde wie
irgendjemand, der einen schweren Arbeitstag hinter sich hat.
Nun bringt man ihm noch die Kranken der Stadt ins Haus. Und
er sagt nicht:
Für heute reicht es aber. Ich bin zu müde. Das könnt ihr
nicht von mir verlangen. Ich habe jetzt keine Zeit.
Nein, er, Jesus, ist immer für die Hilfesuchenden und
Notleidenden bereit.
Wir sollten ihm danken für jede ergriffene Möglichkeit, in
der wir genauso handeln wie er.
Ja, wir hätten weniger Schwierigkeiten mit unserem Glauben,
wenn wir häufiger und entschlossener das tun würden, was
Jesus getan hat. An Gelegenheiten dazu fehlt es nie; denn es
fehlt nie an Menschen, die unsere Hilfe brauchen, zu Haus,
in der Arbeit, an unserm Ort oder in der weiten Welt.
In unserem Text geht es aber noch weiter in der
Dienstanweisung für Jesu Nachfolger, für uns Christen.
Wir finden Jesus in der Einsamkeit, in der Stille. Noch in
der Dunkelheit ist er aus der Stadt hinausgegangen, um zu
beten. Wer viel ausgibt, muß viel einnehmen. Wer den ganzen
Tag im Getriebe steht und von allen Seiten in Anspruch
genommen wird, der braucht nicht nur Schlaf, sondern auch
stille Zeiten der Besinung und der Sammlung. Er muß
irgendwann zu sich selbst kommen. Zu sich kommen, das heißt
für Jesus zu Gott kommen. Für ihn war Beten, war Besinnung,
ein Gespräch mit Gott, mit seinem Vater im Himmel.
Die Heilung in Kapernaum, seine ganzen Hilfeanstrengungen,
wären gescheitert, hätte er die Verbindung mit Gott auch nur
einen Augenblick verloren.
Alles bei ihm kam aus der Gemeinschaft mit dem Vater. Im
Gebet wurde sie ständig erneuert.
Sollten wir es als Christen anders halten können als Er?
Vom alten Bodelschwingh, dem Begründer der Anstalten in
Bethel, wird er zählt:
Mitten in einem wichtigen Gespräch stand er manchmal auf,
trat ans Fenster und schaute minutenlang hinaus, bevor er
sich wieder an seinen Gesprächspartner wandte. Er sprach in
diesen Minuten mit seinem Gott. Er bat um das rechte Wort
für den anderen. Er bat um Hilfe für diesen anderen, dem er
helfen sollte. Er tat das, was Jesus getan hat.
Vielleicht helfen wir so wenig oder überhaupt nicht, weil
wir nicht mehr im Gespräch mit Gott stehen?
Ist damit aber alles gesagt über die Hilfe, die der irdische
Jesus der Welt brachte und die der lebendige und
auferstandene Christus ihr heute durch seine Gemeinde
bringen will?
Nicht alles.
Der Evangelist berichtet uns etwas Überraschendes.
Der Herr hat sich zum Gebet zurückgezogen. Das war
notwendig.
Nun aber, so meinen wir, wird er sich schnell wieder zu den
wartenden Kranken begeben. Das meinten auch Petrus und seine
Begleiter:
"Jedermann sucht dich."
Das hört sich schon fast wie ein Vorwurf an:
Jetzt ist es aber höchste Zeit, daß du deine Tätigkeit
wieder aufnimmst! Du kannst doch diese Menschen nicht
enttäuschen!
Jesus geht aber darauf gar nicht ein, sondern sagt:
"Laßt uns in die nächsten Städte gehen, daß ich dort
predige, denn dazu bin ich gekommen."
Dadurch erkennen wir den größeren Zusammenhang, in dem alle
Hilfe zu geschehen hat.
Jesus ist gekommen, um die Herrschaft Gottes anzukündigen.
Gott wird eine neue und heile Welt schaffen, in der heile
und glückliche und zufriedene Menschen leben.
Ein Zeichen dafür ist eben das Wirken des Heilandes als
Arzt. Er hat dann sein Ziel erreicht, wenn Menschen dadurch
lernen, auf die Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen und zu
hoffen auf das, was er in der Zukunft noch schaffen wird.
Die Leute in Kapernaum wollten Jesus bei sich behalten,
damit ihnen heute ihre Nöte abgenommen werden. Sie waren
aber nicht bereit, zu warten auf das, was an ihnen morgen
und in naher und ferner Zukunft noch durch Gott an Hilfe
gegeben werden soll. Darum kann Jesus ihrer Bitte nicht
entsprechen und zieht weiter.
Zeichen für das, was Gott noch an der ganzen Menschheit auf
Erden tun wird, sollen auch die Taten seiner Nachfolger,
sollen unsere Taten sein, durch die gestörtes Leben geheilt
wird.
Alle Hilfe, die wir anderen gewähren, soll mit dazu
beitragen, daß Menschen den Weg zu Gott finden. Dann ist
ihnen erst in Wahrheit geholfen worden.
Wir sind also unseren Mitmenschen neben aller äußeren Hilfe
das Wort des Evangeliums schuldig, das die tiefste Schuld
des Menschen beheben kann, sein gestörtes Verhältnis zu
Gott.
In einem evangelischen Altersheim wurden einige alt- und
müde-gewordenen Schwestern verabschiedet, die pensioniert
werden sollten. Das beste Abschiedswort fand der katholische
Ortspfarrer, der sagte:
"Sie haben diese alten Menschen, die sie betreut haben,
durch ihr Tun, durch ihr Wesen und durch ihr Wort etwas
erfahren lassen von der Liebe Christi. Sie haben ihnen damit
Gott nahe gebracht."
Kürzer, liebe Gemeinde, kann man nicht zusammenfassen, was
Jesus von uns Christen, seinen heutigen Nachfolgern, und der
ganzen Christenheit aufgegeben hat. Wir sollen den Menschen
Gott nahe bringen durch unser Tun, durch ihrunser Wesen und
durch unser Wort.
So wird ihr Helfen mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein
der Not. Sie werden dazu fähig sein, wenn sie betend mit
Jesus Christus verbunden bleiben.

-Lesepredigt-