Persönliche Erinnerungen u. Gedanken eines 82-jährigen Pfarrers
Gespräche 165
Lugar/Ort:Buenos Aires
Fecha/Datum:1999
Resumen/Skopus: Gespräche von Alejandro Zorzin mit Karl Schwittay


PERSOENLICHE ERINNERUNGEN UND GEDANKEN
eines 82-jährigen Pfarrers


Gespräche von Alejandro Zorzin mit Karl Schwittay

* Pastor Schwittay, wann und wo sind Sie geboren und woher
stammten Ihre Eltern?

Im Jahre 1917 am Ende des ersten Weltkrieges wurde ich in
Gelsenkirchen im Industrie-Ruhrgebiet geboren. Meine Eltern
Wilhelm Schwittay und Eva geb. Kopatz kamen vom Lande aus der
Provinz Ostpreussen. Das Gebiet (Masuren) gehört heute zu Polen.

* Welche Beschäftigung hatte Ihr Vater und wie war das soziale
Umfeld in dem Sie groß wurden?

Mein Vater arbeitete als Bergmann auf der Zeche Bonifatius in
Essen-Kray. Ich wuchs in der Familie mit weiteren 3 Schwestern und
2 Brüdern auf. Das Ambiente bestand in einer von der
Bergwerks-Gesellschaft gebauten Siedlung mit vielen weiteren
Bergmanns-familien, jedes Haus mit einem kleinen Garten.
Das Charakteristische war, dass sich unser Leben zwischen
Fabriken, Zechen, und Bergarbeitersiedlungen abspielte, aber immer
auch dazwischen und um uns her die ständig zurückgehende
Landwirtschaft und leicht zu erreichen eine schöne Landschaft mit
Wald, Fluss und Parkanlagen zwischen Ruhr und Lippe. Meine Mutter,
die die Arbeit mit uns 6 Kindern kaum bewältigen konnte, liess uns
sehr viel Freiheit in der Gestaltung unseres Lebens. Mein Vater
brauchte seine Zeit nach der Arbeit, um sich von dieser schweren
Tätigkeit in der Grube als "Hauer vor Kohle" zu erholen.
Meine Kindheit war auch dadurch sehr stark geprägt, dass mein
Vater "unter Tage" einen schweren Unfall erlitt, ein massiver
Stein über ihm löste sich und schlug ihn nieder. Unter grössten
Schwierigkeiten konnte er sich von seinem Wirbelsäulenbruch wieder
erholen, aber er litt sein Leben lang darunter und war nur bedingt
arbeitsfähig.

* Wie kamen Sie mit dem christlichen Glauben und dem Leben der
Kirche in Kontakt? Was hat sie in Ihrer Jugend geprägt?

Wir Kinder waren in unserer Freiheit zu einer gewissen
Selbstverantwortung gezwungen und lebten sehr stark in einer
geistigen Spannung, die dadurch gekennzeichnet war, dass meine
Mutter zu einer sehr engen pietistischen Gemeinschaft gehörte, die
nicht viel von der evangelischen Kirche wissen wollte, aber zu ihr
gehörte. Mein Vater war Mitglied der Sozialistischen Partei (SPD)
und Atheist, ein Bruder von mir war in der Ausbildung als Diakon,
ein anderer war Funktionär bei der ANTIFASCHISTISCHEN AKTION.
Mehrere Jahre nahm ich am sonntäglichen Kindergottesdienst teil
und mit 12 Jahren begann der 2-jährige Konfirmandenunterricht.
Nach der Konfirmation gehörte ich zur Jugendgruppe und spielte mit
im Posaunenchor. Behalten von diesem Unterricht habe ich
allerdings nur, dass ich einmal als Strafe die Bergpredigt 5x
abschreiben musste. Ferner weiss ich noch, dass wir anstelle einer
Unterrichts-stunde mit dem Pfarrer an einer Versammlung der
Gottlosenbewegung teilnahmen, die Propaganda für den Atheismus
machte und dazu gehörte auch die Propaganda für die
Feuerbestattung. Dieser Propagandazug durch Deutschland wurde
immer begleitet und auf der gleichen Versammlung bekämpft von
einem Vertreter der Evangelischen Apologetischen Zentrale in
Berlin-Spandau. Als die ersten Biergläser bei den heftigen
Auseinandersetzungen flogen, sagte uns unser Pfarrer, dass wir
jetzt doch den Saal verlassen müssten, es würde langsam für uns
gefährlich.
So wenig wichtig für mich der Konfirmanden-Unterricht war, so
entscheidend und wichtig war für mich, dass ich durch diesen
Unterricht in Verbindung mit der Evangelischen Jugend dieser
Gemeinde kam, zunächst mit der Jungschar des Evangelischen
Jungmännervereins. Unsere Stunden fanden statt im Gemeindehaus am
Markt in Gelsenkirchen-Rotthausen, 100 Meter von den Öfen der
Kokerei der Zeche Dahlbusch entfernt. Oft umgab uns bei der
Löschung der Öfen eine feuchtheisse giftgrüne Wolke. Noch 1929
grüsste uns am Eingang des Evangelischen Gemeindehauses ein
Gips-Relief vom letzten deutschen Kaiser Wilhelm II.

* Die Jahre Ihrer Jugend waren ja auch die Zeit harter politischer
Auseinandersetzungen zwischen den Parteien und politischen
Gruppierungen in Deutschland, wie haben Sie das erlebt?
Es war die Zeit der Auseinandersetzung zwischen rot (Kommunisten)
und braun (Nationalsozialisten). Wie oft erlebten wir es, dass in
einer Woche während unserer Zusammenkünfte wir bewusst gestört
wurden durch die kommunistische Jugend mit ihren Schalmeien und in
der anderen Woche durch die Hitlerjugend mit ihren Fanfaren, immer
auch mit Einschlagen der Fensterscheiben verbunden. Im Kreis der
Evangelischen Jugend, die sehr mit der Gemeindearbeit verbunden
war und deren Leiter für uns junge Menschen sehr offen war für
alles, was das Leben lebenswert machte, allerdings nicht für den
immer mächtiger werdenden Nationalsozialismus, kam ich in der
Bibelarbeit mit Jesus Christus in Berührung. ER liess mich nicht
mehr los. Diese Verbindung hat auch in der Zukunft mein ganzes
Leben geprägt und gehalten. Was mir besonders eindrücklich beim
Bibelstudium erschien, war, dass die Nachfolge Jesu immer mit
einem Ruf zu einem Dienst in seinem Reich verbunden ist.

* Dennoch fiel damals bei Ihnen noch nicht der Entschluß, Pfarrer
zu werden. Auf welchen Beruf haben Sie sich vorbereitet?

Nach Beendigung der Volksschule begann ich eine Lehrzeit bei der
damaligen Deutschen Reichspost. Während dieser Zeit bekam ich
entscheidende Impulse für mein Leben, besonders was den Umgang mit
fremdem Geld angeht. Neben diesem Dienst besuchte ich die
Kaufmännische Berufsschule in Essen-Steele.

* Wie erlebten sie als junger Mann den Kirchenkampf innerhalb der
Evangelischen Kirche vor Ort?

Bald nach meiner Konfirmation verliess mein Konfirmator die
Gemeinde und es kam der junge Pfarrer Ernst Käsemann an seine
Stelle. Mit ihm waren wir als Evangelische Jugend sehr verbunden.
Er war der Vertreter der Bekennenden Kirche und vertrat sie in
unserer Gemeinde, die ein deutsch-christliches Presbyterium hatte.
Das entmachtete er in einem vorher bekanntgegebenen Gottesdienst,
trotz aller Drohungen der Nationalsozialistischen Partei und der
Geheimen Staatspolizei mit Aufmärschen der SA. Inzwischen war ja
Adolf Hitler an die Macht gekommen; er hatte sich öffentlich bei
der Gemeindevertreterwahl der Evangelischen Kirche für die
Deutschen Christen eingesetzt. Diese Deutschen Christen waren
Vertreter der Ideologie des nationalsozialistischen
Partei-programms, die Adolf Hitler wie einen Jesus Christus in den
Mittelpunkt stellten. Die Folge seines Einsatzes für die
Bekennende Gemeinde war Pfarrer Käsemanns Verhaftung.
Während seines Gefängnisaufenthalts in Gelsenkirchen haben wir ihm
an jedem Sonntagmorgen nach dem Gottesdienst mit dem Posaunen-chor
vor dem Gefängnis Choräle gespielt, die ihm sagten, dass wir
hinter ihm stehen. Trotz allen Widerständen und
Verhinderungs-versuchen konnten wir während seines ganzen
Gefängnisaufenthalts dieses Bekenntnis zu ihm durchhalten.

* Wurde die Tätigkeit der Evangelischen Jugend von den
Nationalsozialisten denn überhaupt nicht verhindert?

In vielen Formen wurde die evangelische Jugendarbeit gestört und
verhindert, Freizeiten verboten und Jugendlager
auseinander-getrieben und zum Schluss alle Arbeit an der Jugend
unter 18 Jahren der Hitlerjugend überführt und dieses alles mit
der Unterschrift des deutsch-christlichen Reichsbischofs Müller.
Wir als Evangelische Jugend von Gelsenkirchen-Rotthausen nahmen an
dieser Überführung nicht teil, sondern setzten unsere Arbeit
geheim fort, aber jetzt unter der ausschließlichen
Schirmherrschaft der Bekennenden Kirche als kirchlichen
Unterricht.
Inzwischen hatte ich durch meine Arbeit bei der Post in Essen-Kray
den Kontakt mit der Bekenntnisgemeinde dort aufgenommen. Auch da
war der Kirchenkampf im vollen Gange. Es kam zu einem persönlich
Kontakt mit dem Bekenntnispfarrer Hack, dem vom
deutsch-christlichen Presbyterium die Kirche für den Gottesdienst
verschlossen blieb. Trotzdem wurden die Gottesdienste gehalten,
nun aber in anderen Sälen, immer an anderen Stellen. Die
evangelische Gemeinde Gelsenkirchen-Rotthausen gehört zur
westfälischen Landeskirche und ist uniert-lutherisch geprägt, die
evangelische Gemeinde in Essen-Kray war Teil der rheinischen
Landeskirche und ist uniert-reformiert. In der schwierigsten Zeit
hat oft Pfarrer Heinrich Held aus Essen-Rüttenscheid hier den
Gottesdienst gehalten, der (was wir später erfahren haben) während
der ganzen Nazizeit unter grösster eigener Gefahr und der seiner
Familie den ehemaligen jüdischen Mitarbeiter des
Oberbürgermeisters von Essen im Pfarrhaus versteckt gehalten hat.
Pfarrer Heinrich Held (1897-1954), Pfarrer in Essen-Rüttenscheid,
nach dem
Kriege Kirchenpräsident der Evgl. Kirche von Rheinland, Vater des
ehemaligen
Präsidenten unserer Evangelischen Kirche am La Plata.

* Welche weiteren Kontakte knüpften Sie noch in der neuen Gemeinde
Essen-Kray?

Dort kam ich auch in einen engen Kontakt mit einem pensionierten
Missionar der Basler Mission, Georg Kehrer, und seiner Tochter,
einer aus China heimgekehrten Missionsärztin, die nun hier am Ort
ihre Praxis ausübte.
In Essen-Kray, entstand ebenfalls ein sehr freundschaftliches
Verhältnis mit der Familie meiner späteren Frau. Ich wurde zu
ihrer Konfirmation als 13-jähriges Mädchen eingeladen, die am
Weihnachtstag 1939 stattfand, unvorhergesehen in der
Nachbargemeinde Essen-Steele, und zwar durch den Superintendenten
von Essen, weil ihr Pastor Hack kurz vorher von der Geheimen
Staatspolizei (GeStaPo) Redeverbot für ganz Deutschland bekommen
hatte. Er war aber bei der Konfirmation dabei. Der Superintendent
war gewissermaßen sein Mund.

* Hat Ihnen diese Einbindung in Gemeinden, die zur Bekennenden
Kirche gehörten, nicht Schwierigkeiten als Angestellter bei der
Post gebracht?

Natürlich konnte mein Verhältnis zur Evangelischen Jugend und zur
Bekennenden Kirche meiner vorgesetzten Behörde nicht verborgen
bleiben. Ich galt als einer, "der sich nicht rückhaltlos für den
nationalsozialistischen Staat einsetzen würde"; auch wurde ich
nicht zur Prüfung zugelassen. Als solch ein unsicherer Kandidat
wurde ich zu einem 14-tägigen Kursus vom Amt für Beamte der NSDAP
zur Gauschulungsburg Mühlheim/Ruhr-Menden einberufen. Er war
speziell für Beamte des Staates der verschiedenen Arbeitsgebiete
und Laufbahnen gedacht, die unter Verdacht standen, sich nicht
rückhaltlos für den NS-Staat einzusetzen. Hier waren wir zu
ungefähr 50 Beamten und Beamtenanwärter. Es begann eine radikale
Doktrinierung in der nationalsozialistischen Weltanschauung,
besonders aber in der Rassenlehre, bzw. im Rassenhaß und in der
Herausstellung des Gegensatzes zum christlichen Glauben. Was mir
noch in Erinnerung geblieben ist, sind folgende Parolen:
"Die 10 Gebote sind so viel Wert wie der Dreck unter den
Fingernägeln." Oder: "Die Geschichte vom Getreidewucherer Josef."
Auf einem Ausmarsch wurde uns vom Leiter zugerufen: "Kopf hoch,
Kameraden, Jesus lebt; seht Ihr nicht, wie er gerade gen Himmel
auffährt?" Als Beispiel des politischen Denkens gerade in der Zeit
der internationalen Münchner Konferenz (29. September 1938) über
das Sudetenland und über die Tschechoslowakei, habe ich noch
folgende Worte in Erinnerung: "Wehe Euch, wenn Ihr in dieser Zeit
wagt, zu sagen, dass bald die deutsche Fahne über Prag und ganz
Tschechoslowakei wehen wird. Wehe aber Euch auch, wenn Ihr nicht
glaubt, dass bald die deutsche Fahne über Prag wehen wird!" Als
Fazit dieses Kursus wurde uns allen mitgegeben, dass daran nicht
zu rütteln sei, dass als Beamter des NS- Staates nur der tragbar
sei, der rückhaltlos die national-sozialistische Weltanschauung
akzeptiert und dafür eintritt. Wer das nicht tun kann oder nicht
tun will, der müsse sich schon eine andere Lebensstellung suchen.
Für mich war da die Entscheidung klar. Und, wie ich schon
erwähnte, war bei meiner Entscheidung für Jesus diese verbunden
mit einem Dienst in der Nachfolge.

* Wie reifte Ihre Entscheidung weiter, diese Nachfolge in Form
eines konkreten Dienstes anzutreten?

In der Zeit, da ich Klarheit brauchte für meinen Weg, kam ich
durch Schriften und Büchern und Missisonskonferenzen und
-vorträgen mit dem Missionsauftrag in Berührung und suchte
Kontakte mit verschiedenen Missions-Gesellschaften. Ich dachte
damals an China als Arbeitsfeld und als Begegnung mit Chinas
Kultur. Es kam dann zu vielen persönlichen Kontakten mit der
Rheinischen Mission in Wuppertal-Barmen. Schliesslich führten
diese Kontakte dazu, dass ich nach meiner Volljährigkeit und nach
Überwindung mancherlei Schwierigkeiten am 1. April 1939 in das
Rheinische Missions-Seminar in Wuppertal-Barmen eintrat, das auch
durch die Bekenntnisbewegung geprägt war. Leider dauerte dieser
Einstieg nicht lange, da ich schon im Februar 1940 zum
Kriegsdienst eingezogen wurde.

* Sie konnten also nur knapp ein Jahr Theologie studieren, bevor
Sie in den Krieg mussten; hat das etwas an Ihrer Einstellung zum
Dienst an der Waffe geändert?

Wenn auch die Zeit des Anfangs meines Theologiestudiums nur sehr
kurz war, hatte sie mir doch in einer gewissen Weise eine
Grundlage geschaffen, um meinen Glauben auch beim Militärdienst,
zu bewahren und zu stärken. Den Militärdienst lehnte ich im
Innersten meines Herzens ab, nicht nur wegen des Missbrauchs durch
Hitler, sondern auch weil ich ihn, wie ein deutscher Dichter, als
STAATSTIER-DRILLANSTALT empfand und verstand. Gleichfalls gab mir
diese theologische Grundlage die Möglichkeit, weiter an der
theologisch-wissenschaftlichen Erfassung des christlichen
Glaubens, der durch den Pietismus und durch die kirchliche
Verkündigung geprägt war, zu arbeiten. Da ich als Soldat bei der
Nachrichtentruppe war, blieb mir viel Zeit, besonders Karl Barth
und Rudolf Bultmann zu lesen. Und es gab innerhalb der Kompanie
viele Kontakte und Gespräche, da wir zum grössten Teil mit
Akademikern der verschiedensten Ausprägungen zusammengesetzt
waren, darunter 5 Pfarrer.

* Sie haben den Krieg aber dennoch in seiner ganzen Grausamkeit
und Härte erlebt?

Der Krieg führte mich zuerst nach Königsberg in Ostpreussen, von
dort über den Truppen-Übungsplatz Arys nach Luxemburg, Holland,
Belgien und Frankreich. Nach Beendigung des Frankreich-Feldzuges
ging es wieder zurück nach Ostpreussen. Nach einer Ruhepause mit
Beginn des Russlandkrieges über Litauen, Lettland, Estland ging es
nach Russland in die Nähe der Stadt (damals) Leningrad. Durch das
Erlebte, was ein Krieg alles verursachte, besonders bei der
Zivilbevölkerung, wuchs noch mehr meine Aversion und mein
Widerstand gegen jede Form von Kriegshandlungen. Diese innere
Abneigung veranlasste mich, eine Möglichkeit der Vorbereitung für
eine höhere Karriere bei den Soldaten abzulehnen, und sie brachte
mich auch durch Äusserungen vor Kameraden vor ein Kriegsgericht in
Krasnogwardeisk bei Leningrad. Das war allerdings wohlwollend und
unterrichtete mich vor der Verhandlung, was ich sagen müsste,
damit ich nicht wegen Meuterei verurteilt würde. Mein Kompaniechef
war extra direkt von der Front im härtesten Winter zur
Gerichtsverhandlung gekommen, um für mich zu sprechen. Er besuchte
mich auch vorher in meiner Zelle. Das Schwerste für mich
allerdings war das Gespräch mit einem zum Tode verurteilten
Kameraden, den ich nach meinem Freispruch zu einer ärztlichen
Untersuchung in ein Lazarett begleiten musste. Das Gespräch habe
ich nicht mehr in meinem Leben vergessen können.

* Worin Bestand Ihre Soldatentätigkeit bei der Nachrichtentruppe?

Schon bei der Vorbereitung für den Russlandkrieg wurde eine Gruppe
unserer Funkkompanie für den Abhorchdienst des russischen
Militärfunks ausgebildet, zu der ich auch gehörte; die versah dann
in Russland selbst ihren Dienst etwas hinter der direkten Front.
Das gab mir die Möglichkeit, direkt in Verbindung mit der
russischen Bevölkerung die russische Sprache zu erlernen. Trotzdem
waren die Jahre bis zu unserer Kapitulation nur schwer zu
ertragen. Sie erreichte uns eingeschlossen im Kurlandkessel
(Lettland). Wir wurden als Gruppe von unserem Offizier zu einem
offiziellen Akt zusammengerufen, nach dem wir noch alle Fahrzeuge,
Waffen und Spezialgeräte für die Übergabe reinigen mussten. Uns
wurden die Wehrpässe übergeben und mitgeteilt, dass wir mit diesem
Tage aus dem Dienst der Deutschen Wehrmacht entlassen seien und
jetzt machen könnten, was wir wollten. Auf uns warteten schon die
russischen Soldaten. Und so endete für mich eine 5-jährige
Kriegsdienstzeit und es begann in verschiedener Hinsicht eine noch
schwerere 2-jährige Kriegsgefangenschaf

* Wie ging es für Sie in Deutschland weiter, als Sie aus der
russischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurden?

Körperlich total geschwächt (43 kg Körpergewicht), kam erst im
Juli 1947 der Heimtranssport im Viehwagen. Bei der Ankunft erfuhr
ich, dass mein Vater inzwischen mit anderen bei einem Brand ums
Leben gekommen war. Meine Mutter tat alles, damit ich wieder zu
Kräften kam. Sie verkaufte Gegenstände aus unserem Haushalt, um
mein Essen zu verbessern und hat oft selbst um meinetwegen
gehungert. Aber das ganz Aussergewöhnliche in dieser Zeit, das
mich sehr schnell wieder auf die Beine brachte, war, dass meine
spätere Frau, Esther Meier, trotz der langen Ungewissheit, auf
mich gewartet hatte. Das hat das Einleben nach 5 Jahren Soldaten-
und 2 Jahren Kriegsgefangenenzeit nicht nur erleichtert, sondern
erst überhaupt ermöglicht.
Meine Verlobte stand bei meiner Heimkehr bereits im Schlussexamen
an der Bibelschule in Bad Salzuflen. Als sie die Nachricht von mir
bekam, dass ich auf dem Wege nach Hause sei, war sie gerade bei
der schriftlichen Arbeit über "Rechtfertigung nach dem Römerbief",
die ihr Schwierigkeiten bereitete und war dann durch meine
Nachricht so beflügelt, dass sie doch noch eine sehr gute Arbeit
schreiben konnte. Sie arbeitete dann in der Gemeinde Duisburg als
Gemeindehelferin. Sie hatte nach dem Abitur Musik studieren
wollen, war aber durch die Begegnung mit mir auch zur Theologie
gekommen.
So konnte ich schon Ende August 1947 ganz neu und ganz von vorne
wieder das Theologiestudium am Missisonsseminar in
Wuppertal-Barmen, das inzwischen im engen Kontakt mit der
Kirchlichen Theologischen Hochschule im selben Gebäudekomplex
stand, beginnen.

* Wie haben sie diese Studienzeit als damals 30-jähriger in
Erinnerung und wie wirkte sich die schweren Last der Jahre des
Naziregimes und des verlorenen Krieges aus?

Ich kann wohl sagen, dass insgesamt die 4 Jahre meines Studiums
eine sehr schöne Zeit gewesen war. Die Vorlesungen über das Neue
Testament durch Dr. Georg Eichholz und über das Alte Testament von
Dr. Hans Walter Wolff haben mir die Botschaft der Heiligen Schrift
immer wichtiger werden lassen, als Massstab für das kirchliche,
aber auch für das soziale und politische und persönliche Leben.
Man darf nicht vergessen, dass das ganze öffentliche Leben in
Deutschland, das von den Alliierten und den Russen besetzt war,
vor der Notwendigkeit stand, das verbrecherische Geschehen des
besiegten Naziregimes aufzuarbeiten, wie Judenverfolgung und
-mord, die nicht nach Recht und Gerechtigkeit fragende Diktatur
und die in der ganzen Welt verursachten Schäden und Zerstörungen
und die Millionen von Kriegstoten und -verletzten auf allen
Seiten. Das alles scheint bis heute beim Jahrtausendwechsel nicht
abgeschlossen zu sein. Und diese für Millionen von Menschen
entsetzliche und grausame Zeit der Diktatur wird wohl nie aus der
deutschen Geschichte gelöscht werden können und kaum einer von uns
Deutschen, die damals in Deutschland gelebt haben, kann behaupten,
dass er völlig schuldlos durch diese Zeit gegangen ist.

* Haben Sie den Eindruck, daß sich diese Erfahrungen auf die
Evangelische Theologie der Nachkriegszeit auswirkten?

In dem Zeitraum des Theologiestudiums nach dem Kriege wurde der
Schwerpunkt der Theologie immer mehr von Karl Barth auf Rudolf
Bultmann und seine Schule gelegt, was nach meinem Ermessen eine
grössere und erweiterte Möglichkeit gab, auf die Probleme dieser
Welt und des Menschen in dieser Welt einzugehen. Ich sehe auch
darin die Voraussetzung der später aufkommenden
lateinamerikanischen Theologie der Befreiung. Es ging also nicht
mehr darum, das Evangelium vor den Unbilden oder vor dem Hass der
Welt zu schützen und rein zu erhalten, sondern darum, die
konkreten Nöte der Menschen in dieser Welt ernst zu nehmen und sie
mit dem Evangelium zu konfrontieren und von daher eine Hilfe zu
erwarten. Dieses machte sich selbstverständlich auch bald deutlich
in den Gottesdiensten und in der ganzen Gemeindearbeit und führte
in Deutschland zur Bildung der sogenannten "Bekenntnisbewegung",
die Front machte gegen die neue Theologengeneration.

* Damit wurde ja die im Kirchenkampf geprägte Bezeichnung einer
Bekennenden Kirche, nun von eine evangelikalen, politisch
konservativen Linie innerhalb der Evangelischen Kirche besetzt.
Blieben die Erfahrungen, die die Kirche zwischen 1933 und 1937 in
der Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen gemacht hatte
ohne Wirkung?

Leider wurden auf dem konfessionellen Gebiet die Erfahrungen der
Bekenntnisgemeinden während der nationalsozialistischen Diktatur
nicht beachtet und die neue Ordnung der Evangelischen Kirche
gestaltete sich in einer restaurativen Weise. Es setzte dabei der
fanatische Kampf der lutherischen Landeskirchen ein, die gesamte
Evangelische Kirche in Deutschland (die zusammengesetzt ist aus
lutherischen, unierten und reformierten Gemeinden), zu einer
evangelisch-lutherischen Kirche umzuformen, was ihnen jedoch nicht
gelang. Dieser Versuch ist allerdings bis heute noch nicht beendet
und hat seine Auswirkungen bis in unsere Kirche am La Plata.
Ob die lutherischen Landeskirchen besonders damit kompensieren
wollten und wollen, dass sie mit dem Verständnis der lutherischen
Bekenntnisschriften (Zweireichelehre zum Beispiel) die
Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Staat nicht in
der gebotenen Weise haben führen können oder wollen? Vergessen
kann ich nicht, dass bei einer Tagung von Theologiestudenten
verschiedener Universitäten und Missionsseminare es unmöglich war,
das Heilige Abendmahl gemeinsam zu feiern, weil es den
lutherischen Studenten von ihren kirchlichen Autoritäten verboten
war, selbst auch mit den unierten Lutheranern, zu denen ich mich
selbst zähle, gemeinsam am Abendmahl teilzunehmen.

* Welche zusätzliche Ausbildung kam bei Ihnen im Hinblick auf die
angestrebte Tätigkeit als Pastor und Seelsorger noch hinzu? Wann
war Ihre Ausbildungszeit abgeschlossen?

Während des Studiums nahm ich an verschiedenen Kursen über
Psychologie und Seelsorge und auch über psychosomatische Medizin
teil. Jeder von uns hatte in seiner Obhut einen
Kindergottesdienst, oder leitete eine Bibelstunde oder einen
Jugendkreis in Wuppertal oder in der näheren Umgebung des
Bergischen Landes. Wir suchten auch Kontakte und Gespräche mit den
zahlreich entstandenen evangelischen Kreisen, die ins Sektierertum
abzugleiten schienen.
Ende Oktober 1951, nach dem Schlussexamen, waren wir, meine
Verlobte und ich, sehr froh, weil wir dachten, bald nach einem
Vikariat im Siegerland, an unsere vorgesehene Arbeit auf einer
Missionsstation in Südwestafrika (jetzt: NAMIBIA) gemeinsam gehen
zu können. Leider kam es zum Bruch mit der Missionsleitung, weil
wir nicht akzeptierten, dass wir nach der langen Verlobungszeit
und ich schon mit 34 Jahren noch mit der Heirat warten sollten,
bis die Missionsleitung das erlaubte; eventuell sollte meine
Verlobte erst nach einer gewissen Zeit nach Afrika nachkommen. Wir
heirateten am 19. November 1951.

* Wann konnten Sie mit dem Dienst als Vikar in einer Gemeinde
begannen?

Trotz aller Schwierigkeiten mit der Missionsleitung setzte mich
der Superintendent meiner Heimatsynode, Ernst Kluge, schon gleich
im Januar 1952, in eine Vikarsstelle in der Gemeinde
Gelsenkirchen-Buer-Hassel (Westfälische Landeskirche) ein. Hier
lernte ich, was es heisst, pfarramtlichen Dienst in einer
Bergarbeitergemeinde zu versehen, die immer noch schwere Not unter
den Folgen des Krieges litt und die aus ihrer Ablehnung jeglicher
kirchlichen Arbeit keinen Hehl machte, wohl in Notfällen Hilfe
forderte und in Anspruch nahm. Mit dem Ortspfarrer hatte ich ein
sehr feines und vertrauensvolles Verhältnis und eine gute
Zusammenarbeit. Als Vikar wurde ich zu allen pfarramtlichen
Diensten herangezogen, ausser Abendmahlsfeiern und Konfirmationen,
die waren den ordinierten Pfarrern vorbehalten. Besonders schwer
war die Arbeit mit den jugendlichen Bergarbeitern. Ich gab auch
Religionsunterricht an der bergmännischen Berufsschule. Man
brauchte viel Geduld, um mit ihnen in einen näheren Kontakt zu
kommen. Als ich am Anfang einer neuen Jugendarbeit mit ihnen die
Bibel aus meiner Aktentasche holen wollte, sagten sie mir
einstimmig, ich solle die "Schwarte" (altes wertloses Buch) ruhig
wieder einstecken, da stehe für sie als Jungbergleute doch nichts
drin. Erst nach einem mehrmonatigen Miteinander mit Spielen,
Wälzen von Problemen und Freizeiten und Radtouren und Wanderungen,
kam auf einmal von den jungen Leute die Frage, wie es denn komme,
dass sie, trotzdem sie eine evangelische Jugendgruppe seien, von
mir als einem Geistlichen noch nichts von Jesus gehört hätten. Und
jetzt, da die Frage von ihnen selbst kam, war der Weg zu einer
intensiven und fruchtbringenden Bibelarbeit nicht nur möglich,
sondern erwünscht, sie wollten in mir zuerst den Menschen kennen
lernen.

* Wie brachte sich Ihre Gattin in die Gemeindearbeit ein?

Meine Frau hatte inzwischen eine Krankenpflegeausbildung in
Bielefeld wegen einer Erkrankung abbrechen müssen und arbeitete
inzwischen wieder als Gemeindehelferin in Gelsenkirchen-Schalke,
ebenfalls in einer Arbeitergemeinde. Hier waren es Fabrikarbeiter.
Unter ihrer Verantwortung standen besonders die Jugendlichen und
die Frauengruppe und die chorische Arbeit. Gelsenkirchen-Schalke
hatte damals den Ruf wie heute hier der Ortsteil BOCA von Buenos
Aires. Bekannt war dieser Ort in ganz Europa durch den
Fussballklub SCHALKE O4.

* Wann wurden Sie ordiniert und wie kam es für sie beide zum
Wechsel in den Pfarrdienst unserer Deutschen Evangelischen La
Plata-Synode?

Am 30. Oktober 1954 wurde ich durch den Superintendenten Ernst
Kluge in Gelsenkirchen-Buer-Hassel ordiniert. Meiner Frau und mir
war es aber von vornherein klar, dass unsere Lebensarbeit nicht in
Deutschland sein würde, darum traten wir bald in Kontakt mit dem
Kirchlichen Aussenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland in
Frankfurt am Main, um die Möglichkeit eines pfarramtlichen
Dienstes in einer deutschen Gemeinde im Ausland zu erkunden.
Anfänglich dachten wir an Brasilien. Aber dann kam die Nachricht
vom Kirchlichen Aussenamt, ich möchte sofort nach Frankfurt (2.
Juni 1954) ins Aussenamt kommen, es sei dort Propst Martin
Marczynski von der Deutschen Evangelischen La Plata-Synode, der
dringend einen Pfarrer suche für eine Gemeinde in Argentinien.
Durch diese Begegnung war es nach Rücksprache mit meiner Frau
klar, dass wir das Angebot annehmen würden, obwohl wir von der
politischen Situation keine Ahnung hatten, auch nicht von den
kirchlichen und gemeindlichen Gegebenheiten, auch nicht viel
verstanden von dem, was Propst Marczynski uns von seiner Sicht
erklärt hatte. Wir wollten einfach den Sprung ins Ungewisse wagen.
Wir gehörten damit zu den Ersten, die überhaupt wieder vom
Kirchlichen Aussenamt aus Deutschland ins Ausland ausgesandt
werden konnten.
Es folgten die Vorbereitungen für eine Ausreise im November 1954.
Inzwischen war im August 1954 unsere Tochter Ruth geboren worden.
Weil meine Frau danach an einer Brustentzündung erkrankte, verlor
sie vorübergehend die Tropentauglichkeit und wir mussten bis zum
9. März 1955 mit unserer Ausreise nach Argentinien warten. So
kamen wir, meine Frau und unsere Tochter Ruth und ich Anfang April
1955 im Hafen von Buenos Aires an.

* Dieser -wie Sie sagen: "Sprung ins Ungewisse"- stellte Sie doch
relativ unvorbereitet einer total anderen Situation als in
Deutschland gegenüber. Hat Sie das anfangs nicht verunsichert?

Selbstverständlich waren wir voller Fragen, was uns nun in
Argentinien und in der Deutschen Evangelischen La Plata-Synode und
in der Gemeinde "General Alvear" in Entre Ríos erwarten wird.
Allerdings fragten wir auch uns selbst, ob wir als Pfarrfamilie
dem entsprechen, was sich die Kirche und die Gemeinde von uns
erhofft und erwünscht hatten. Jedenfalls wurden wir im Hafen von
Buenos Aires am Schiff LAENNEC von Propst Hans-Jürgen Ostrowski
aufs herzlichste, ja aufs liebevollste empfangen. Propst
Marczynski war ja inzwischen verstorben. Während dieser ganzen
ersten Zeit machten Propst Ostrowski, seine Frau, ja, sogar die
ganze Familie, uns das Einleben in der Metropole sehr
verständlicher und leichter. Auch der Sekretär unserer Synode,
Herr Grünwedel, stand uns zu jeder Hilfe bereit.

* Wie waren die ersten Eindrücke in der neuen Umgebung?

Da schon abzusehen war, dass bis zur Erlangung des argentinischen
Personalausweises einige Wochen Aufenthalt in Buenos Aires
notwendig sein würden, hatte uns der Synodalvorstand in das Hotel
Viena in der Lavalle einquartiert. Es war nicht leicht, nach der
verwöhnenden Schiffüberfahrt in der ersten Klasse, die Situation
im Hotel Viena zu durchstehen. Vergessen habe ich nie, wie Propst
Ostrowski uns ins Gastzimmer führte und mit einem harten Fußschlag
und den Worten: "Was ist das doch für ein schönes Zimmer!"
eintrat. Zum Glück hatte meine Frau in diesem Augenblick Ruth auf
dem Arm, nicht bemerkt, dass er mit dem Fussauftritt 2 dicke
CUCARACHAS [Kakerlaken] schon gleich an der Tür zertreten hatte.
Das Problem für uns alle fing aber erst richtig an, als wir dann
allein auf dem Zimmer zurückblieben. Ausser dem unbekannten
Phänomen "Cucaracha" musste meine Frau das Zimmer reinigen und den
Fussboden aufwischen. Ich forderte die Hotelleitung auf, sofort
das Klosett in Ordnung zu bringen, denn man konnte das Badezimmer
nur in Gummistiefeln betreten. Als meine Frau in der Küche des
Hotels das Essen für das Kind vorbereiten wollte, waren wir
allerdings entschlossen, wieder nach Deutschland zurückzufahren.
Sie war der festen Überzeugung, dass man um des Kindes willen
diese Unreinigkeit des Kochgeschirrs einfach nicht werde hinnehmen
können. Aber nicht nur Propst Ostrowski und seine Familie und
Glieder aus der Gemeinde standen uns helfend zur Seite. Wir wurden
meistens zum Mittagessen dann auch von Gemeindegliedern
eingeladen. Auch der Trost, dass in Aldea Protestante, unserem
zukünftigen Pfarrsitz, alles anders sei, gab uns Mut, die Tage bis
zur Weiterreise auszuhalten. Es wurden auch andere Möglichkeiten
gefunden, um unser Kind mit dem Essen zu versorgen. Jedenfalls ist
uns das Hotel Viena mit noch anderen Erlebnissen als Trauma in
unserem Leben haften geblieben.

* Die Eindrücke der Großstadt Buenos Aires ließen Sie sicherlich
mit Spannung den Beginn der Arbeit auf dem ruhigeren Land
erwarten?

Wir sehnten uns den Tag herbei, da wir die Fahrt nach Entre Ríos
dem GELOBTEN LAND, werden antreten können. Inzwischen hatte ich
auch das erlebt, dass man mir am Schalter des Hauptpostamtes 5
Centavos-Briefmarken für 5 Pesos verkaufte und dass man meiner
Frau am Schalter im Bahnhof RETIRO beim Lösen einer Fahrkarte
ihren Geldschein wegschnappte und im Nu war der Junge mit dem
Pesos-Schein im dollen Gedränge verschwunden. Das alles hat sich
auch heute [1999] noch nicht geändert. Allerdings gab es auch
nette Begegnungen, so eine mit einem Polizisten auf der Strasse.
Heute sieht man sie ja kaum noch auf der Strasse. Beim Versuch,
das Stadtinnere kennen zu lernen, fand ich nicht zurück ins Hotel.
Ich sah den Polizisten und stammelte vor ihm meine Frage nach
diesem Hotel. Ich tat es mit den spanischen Worten, die ich aus
dem Büchlein "30 Stunden Spanisch" auf dem Schiff gelernt hatte.
Das muss entsetzlich gewesen sein! Ein Sprachkursus war ja in
Deutschland nicht vorgesehen, auch später wurden mir und meiner
Frau von der Synode kein Intensivkursus zugebilligt. Es war kein
Geld vorhanden. Als ich so stotterte vor dem Polizisten, sah er
mich ruhig an und sagte: "Sprechen Sie ruhig Deutsch, denn Ihr
Deutsch verstehe ich besser als Ihr Spanisch."

* Erinnern sie sich noch, wo Sie das erste Mal in Argentinien
Gottesdienst hielten?

In der Gemeinde Villa Ballester hielt ich am Karfreitag 1955 den
ersten Gottesdienst in Argentinien, natürlich in der deutschen
Sprache. Wir gehörten zu den ersten Pfarrfamilien, die nach dem
Kriege wieder von der Evangelischen Kirche in Deutschland
ausgesandt werden konnten. Ich war so der 16. Pfarrer in unserer
Synode.

* Wie haben sie die erste Fahrt auf Ihre neue Landgemeinde in
Erinnerung?

Der Tag, den wir so sehnlichst erwartet hatten, kam nun doch
endlich herbei. Es fiel uns wirklich nicht schwer, Buenos Aires
hinter uns zu lassen. Nicht mit einem Omnibus ging die Fahrt nach
Diamante, sondern mit einem Flußschiff. Damals bestand noch eine
reguläre Schiffahrtslinie auf dem Fluss Paraná. Für diese
Möglichkeit waren wir sehr dankbar, konnten wir doch wenigstens
ein klein wenig mehr von Argentinien sehen als bisher und meine
Frau konnte unser Kind Ruth besser versorgen. Wir spürten etwas
von der Weite des Landes, obwohl das, was wir sahen, nur ein ganz
kleiner Ausschnitt war. Ab Rosario wurde es auf der
entrerrianischen Seite etwas hügeliger und interessanter.
Wir hatten in der Tat bis zu unserer Ausreise nicht viel von
Argentinien gewusst. So kamen wir im Mai 1955 im Hafen von
Diamante an. Wir waren erstaunt, in welch einer liebevollen Weise
wir von der Gemeinde Aldea Protestante empfangen wurden. Fast die
ganze Gemeinde war auf den Beinen.

* Es handelte sich damals noch um ein kleines durch die
russlanddeutsche Einwanderung geprägtes Dorf?

Ja, Aldea Protestante war ein kleines Dorf mit 2 Lehmstrassen und
kaum 1.000 Einwohnern, das einem Dorf in Hessen ähnelte, das ich
selbst noch erlebt hatte.
Vom Hafen aus ging es über die damalige einzige Asphaltstrasse in
Entre Ríos bis zur Einfahrt in das Dorf. Dort erlebten wir, was es
heisst, auf schlammigen Wegen mit dem Auto hin und her zu
rutschen. Es hatte am Vortage sehr stark geregnet. Im Dorf gab es
nur wenige Autobesitzer, fast alle anderen hatten als Bauern
Pferdewagen, die auch durch den grössten Matsch einigermassen
sicher fahren konnten. Das habe ich im Laufe der nächsten Jahre
zur Genüge kennenlernen können. Die Wege und Strassen erinnerten
mich sehr an die Wegeverhältnisse in Russland.
Nach einem grossen Festessen wurden wir natürlich in das Pfarrhaus
geführt, ein um die Jahrhundertwende gebautes Gebäude, ohne jede
Bequemlichkeit, das aber für viele Gemeindeglieder im Verhältnis
zu ihren eigenen Häusern als Fortschritt galt. Wir legten sofort
Hand an, UNSER Haus wohnlich zu gestalten, zuerst die hässlichen
Lila-Wände zu überstreichen. In den nächsten Wochen kamen
notwendige Möbelstücke dazu, die wir in Paraná kaufen konnten oder
durch einen Schreiner aus dem Dorf hergestellt wurden.
Jetzt waren wir da angelangt, wo wir unsere Kräfte zur Gestaltung
des Gemeindelebens einsetzen sollten und wollten und konnten.
Meine Frau als ausgebildete Gemeindehelferin hatte sich bald die
Sympathie des Dorfes dadurch erworben, dass sie mit einer grossen
Begeisterung die Chorarbeit übernahm, die in der pfarrerlosen Zeit
nur notdürftig weitergeführt werden konnte, sodass der Chor schon
einige Tage später am Himmelfahrtstage bei meiner offiziellen
Einführung durch Propst Ostrowski singen konnte. Es ging meiner
Frau darum, den Chor und die Gemeinde an das neue Liedgut aus
Deutschland heranzuführen.

* Wie kamen sie ohne Kenntnisse der Landessprache in der neuen
Gemeindearbeit aus?

Das Besondere war, dass im Dorf allgemein die deutsche Sprache
gesprochen wurde und überhaupt aller Dienst, auch in den
Filialgemeinden, in der deutschen Sprache geschah. Nur eine
Schweizergemeinde, Colonia Nueva, die unserer Gesamtgemeinde
General Alvear angeschlossen war, war schon ganz in die spanische
Sprache übergegangen, und wurde in meiner ersten Zeit durch meine
Vorgänger P. Otto Faber und P. Friedrich Hoppe, in der spanischen
Sprache betreut.
Für mich war es klar, dass ich eine längere Zeit überhaupt
brauchen würde, um die Situation der Gemeinde und ihr bisheriges
Leben zu verstehen, auch um in ein näheres Verhältnis zu den
anderen Gemeinden unserer Kirche in Entre Ríos und im ganzen
Arbeitsgebiet unserer Kirche in Uruguay, Paraguay und Argentinien
zu kommen. Wir versuchten auch in der ersten Zeit, uns an die
Gepflogenheiten der Gesamtgemeinde strikt zu halten.

* Auf welche Schwierigkeiten stießen sie zu Anfang?

Mein Tatendrang war am Anfang sehr stark gebremst dadurch, dass
ich kein Fahrzeug hatte und durch die schlechten Wege, die bei
Regenwetter und danach sogar nur mit dem Pferdewagen befahrbar
waren. Das bedeutete, dass ich schon bei ganz schwachen
Unwetterdrohungen von den Filialgemeinden zu den Gottesdiensten
nicht abgeholt wurde. Ganz selten wurde dazu ein Auto benutzt,
weil in verschiedenen von ihnen es höchstens 1 oder 2 Autobesitzer
gab. Die Filial- oder auch Teilgemeinden genannt, waren ca. 10,
15, 30, 50 und 120 km vom Pfarrsitz Aldea Protestante entfernt.
Wenn ich z.B. in der kleinen Gemeinde Meroú einen Gottesdienst am
Sonntagmorgen halten wollte, musste ich mich am Samstagmorgen
schon auf den Weg machen. Ein Abholen von Seiten dieser kleinen
Gemeinde mit dem Pferdewagen war schwer möglich. Die Fahrt ging
normalerweise so vor sich:
Vom Pfarrhaus wurde ich von einem Glied von Aldea Protestante mit
dem Pferdewagen abgeholt und bis zu der Asphaltstrasse gebracht,
die nach Paraná führt, wo ich einen Omnibus nahm. Dort stieg ich
in einen anderen Omnibus, der mich auf dem Erdweg nach Crespo
brachte, wo die Gemeindegelieder der Filialgemeinden Reffino und
Meroú normalerweise ihre Geschäfte machten. Und dort nahm mich ein
Glied von Meroú, der dort seine Einkäufe und Verkäufe getätigt
hatte, mit seine Pferdewagen bis zu seinem Hof in Meroú. Wie oft
waren wir während der ganzen Fahrt in einer starken Staubwolke
gehüllt. Das war nicht nur mit dem Pferdewagen so, sondern auch,
wenn ich mit dem Auto abgeholt wurde. Hier im Bauernhaus konnte
ich mich frisch machen und es kam zum persönlichen Kontakt mit der
ganzen Familie. Waren Kinder vorhanden, sangen und spielten wir.
Am anderen Morgen ging es dann mit der ganzen Familie auf dem
Pferdewagen zum Gottesdienst. Nach dem Gottesdienst nahm mich ein
anderer Familienvater mit zum Mittagessen und danach hatte ich die
Gelegenheit zu einem Mittagsschlaf. Den Nachmittag benutzte ich,
die Kranken zu besuchen oder machte allgemein Hausbesuche, die oft
mit einem Hausgottesdienst verbunden waren. Anschliessend ging es
den selben Weg, den ich auf der Hinfahrt gemacht hatte, wieder
zurück, sodass ich spät am Abend wieder zu Hause war. Was meine
Frau zu Hause inzwischen schwer verkraften konnte, war, dass das
ganze Dorf durch das Vieh, das zum Melken ins Dorf getrieben
wurde, bei den Lehmstrassen in eine Staubwolke eingehüllt wurde
und damit auch das Innere des Pfarrhauses. Interessant war von
Anfang an, dass die Gesamtgemeinde aus einer Dorf-, einer
Stadtgemeinde und 4 Kampgemeinden bestand. Zu den letzteren
gehörte auch die bereits erwähnte Schweizergemeinde in Colonia
Nueva. Diese Zusammensetzung sollte sich allerdings in den
folgenden Jahren noch verändern und erweitern.

* Das Jahr 1955, in dem Sie und Ihre Familie an den Río de la
Plata kamen, war gezeichnet durch den Sturz der für Argentinien
epochenprägenden Regierung Perón durch einen Militärcoup, der sich
selbst als >Revolución Libertadora< bezeichnente. Wie haben Sie,
diese politischen Umwälzungen in Erinnerung?

Vielleicht kann das erwähnt werden, dass während unseres ersten
Aufenthalts in Buenos Aires, uns auffiel, dass sehr viel
Propaganda für und um JUAN PERON, den Präsidenten von Argentinien,
und seiner bereits verstorbenen Ehefrau EVITA gemacht wurde.
Überall in der Öffentlichkeit erklang der Peronistenmarsch. Die
Stadt war voller lebensgrosser Bilder von den Beiden. In jedem
Omnibus oder Zug grüssten sie uns. Besonders Evita wurde fast wie
eine politische Heilige verehrt. Eine gewisse Ähnlichkeit in dem
allen mit dem, was unter Hitler in Deutschland geschah, lag auf
der Hand. In der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Buenos Aires
allerdings war eine sehr reservierte Haltung gegen Peron und gegen
den Peronismus zu spüren, gleichfalls wie bei den Militärs und in
den höheren Kreisen Argentiniens. Nicht zu verkennen aber ist,
dass beide Perons, mag auch aus nicht zu erkennenden Gründen, viel
für die ärmere Bevölkerung und für die Arbeiter getan hatten.
Obwohl uns das alles auffiel, haben wir das alles zunächst als
eine lateinamerikanische Mentalität etwas bei Seite geschoben. Es
gab ja so viel Anderes und Neues.
Doch schon in der ersten Woche am Pfarrsitz in Aldea Protestante
wurden wir von einem Vorstandsmitglied der Gemeinde zum
Mittagessen eingeladen und dabei herzlich und dringend gebeten,
unter keinen Umständen öffentlich Kritik an Peron und Evita und
der peronistischen Bewegung und am peronistischen Staat zu üben,
das würde uns und der Gemeinde teuer zu stehen kommen; er selbst
habe schon bittere Erfahrungen machen müssen. Man kann sich
vorstellen, dass uns manches klar wurde, denn wir hatten es schon
zur Genüge in Deutschland kennen gelernt.
Schon kurze Zeit danach war alles zusammengebrochen oder durch das
Militär "zusammengebrochen worden ", obwohl der Peronismus immer
wieder im Hintergrunde brodelte und dann auch wieder politisch
offen bis heute zu Tage trat. Das Militär ging allerdings gegen
jede demokratische politische Macht in Argentinien vor und suchte
den diktatorischen Staat als eine Normalität einzusetzen und zu
fördern.
Wir, meine Frau und ich, hatten es bald gemerkt, dass sich unsere
Gemeindeglieder, mit wenigen Ausnahmen, ziemlich apolitisch
verhielten, aber in einer überhöhten Weise staatstreu waren. Das
kommt sicher aus ihrer Situation als Immigranten, die doch nur
geduldet würden, wie sie meinten. Sie nahmen damals kaum am
politischen Leben teil und das hatte sich für viele weitere Jahre
auch nicht geändert, weil sie einmal noch lange an der deutschen
Sprache festhielten und darum die ganze Realität nicht erfassen
konnten. Mit einer Zeitung in der Landessprache wussten sie nichts
anzufangen. Langsam durch die Kinder in den Regierungsschulen und
durch die örtlichen Radiosendungen wurden ihnen nach und nach das
Leben ausserhalb ihres Gesichtskreises immer etwas näher gebracht.
So habe auch ich selbst in den ersten Jahren ohne Auto nicht
erfahren, dass die Bewohner der Hafenstadt Diamante am Fluss
Paraná, in der sich eine kleine evangelische Gemeinde bildete, zur
Hälfte in Hütten ("ranchos") wohnen, die man aber normalerweise
nie zu Gesichte bekommt.

* Hing diese Abschottung von der Umwelt mit einer schleppenden
Integration der deutschsprachigen Einwanderer aus Russland und
ihrer Nachkommen in die argentinischen Gesellschaft zusammen?

Ja, die Heirat unserer Gemeindeglieder mit Argentiniern wurde
anfänglich sehr geächtet. Viele unserer Gemeindeglieder waren am
Anfang unserer Zeit nicht ein einziges Mal in ihrem Leben in der
Provinzhauptstadt Paraná (30 km von Aldea Protestante entfernt)
gewesen. Eine kleine Gemeinde besteht auch dort.

* Wie gestaltete sich die pastorale Tätigkeit in diesen
Landgemeinden? Welches waren die Schwerpunkte, die sie in ihrer
Arbeit zu setzen versuchten?

Da unter den damaligen Verhältnissen der Dienst in den
verschiedenen Teilgemeinden nur für die dringenden Fälle, das
heisst Krankenbesuche und Beerdigungen, und für den Gottesdienst
einmal im Monat möglich war, haben wir den Dienst in der Gemeinde
am Pfarrsitz intensiviert. In jeder Woche ohne
Sonntagsgottesdienst gab es am Donnerstagabend einen
Wochengottesdienst, in dem fortlaufend ganze Bücher der Heiligen
Schrift ausgelegt wurden, wie z.B. das Markus-Evangelium, die
Propheten Amos und Jona, oder der Kolosserbrief. Diese
Wochengottesdienste wurden sehr gut besucht. Es konnten dabei auch
die textkritischen und theologischen Schwierigkeiten angesprochen
werden, von denen leider normalerweise die Gemeindeglieder nichts
erfahren. Der schon bestehende Chor konnte ganz neu aufgebaut und
mit dem damaligen neuen Liedgut aus Deutschland vertraut gemacht
werden. Fast die ganze männliche und weibliche Jugend war im Chor
vertreten, auch ältere Frauen und Männer nahmen daran teil. Diese
Chorarbeit lag ganz in den Händen meiner Frau, auch die
Kindergottesdienstarbeit, desgleichen die Bildung von 2
Blockflötenkreisen. Sie bildete auch 3 Mädchen in der Begleitung
des Gemeindegesangs mit dem Harmonium aus, die dann später als
Organistinnen für den Gottesdienst zur Verfügung standen. Bei
unserer Ankunft tat noch ein Deutscher in einer primitiven Weise
Deutsch-Unterricht in Anlehnung an den Kleinen Katechismus Martin
Luthers.

* War es Ihnen möglich, diesen neue Ansatz auch für die
umliegenden Filialgemeinden nutzbar zu machen?

Um die Arbeit in den Teilgemeinden zu intensivieren, wurden die
Fahrten zu einem vollen Dienst am ganzen Wochenende geplant. Er
begann schon am Freitagabend und wurde ausgefüllt mit Kranken- und
normalen Hausbesuchen, evtl. Hausgottesdiensten, mit
Lichtbild-vorträgen; um die Gemeinde mit dem, was ums her und in
der Welt und in der Kirche geschah, vertraut zu machen, und es
fanden dann auch regelmässig Bibelstunden statt. Besonders wurde
der 14-tägige oder 3-wöchige Konfirmanden-Unterricht für die
Gemeinde benutzt. Ich wohnte dabei auf einem Bauernhof in der
Gemeinde. Normalerweise kam jeden Abend die Gemeinde zu einer
Bibelstunde oder einem Lichtbildabend oder zum Einüben der
Gesangbuchlieder zusammen. Hausbesuche waren selbstverständlich.

* Bestand nicht die Möglichkeit auch Laienmitarbeiter für die
Ausweitung der kirchlichen Arbeit zu gewinnen?

Leider wurde der Dienst eines Lektors für Lesegottesdienste zur
Belebung der Gemeindearbeit nicht angenommen, trotzdem ich gleich
am Anfang einige willige Männer zu diesem Dienst ausgebildet
hatte. Der Grund der Ablehnung lag in den schlechten Erfahrungen,
die man allgemein in unseren Gemeinden in Entre Ríos mit den
ähnlichen Diensten gemacht hatte, die durch Glieder der
sogenannten BRÜDERBEWEGUNG durchgeführt wurden.

* Welches war das zentrale Anliegen Ihrer damaligen Verkündigung
in diesen Gemeinden?

Wie konnte es anders sein, als dass die ganze Gemeindearbeit unter
dem Bekenntnis: JESUS CHRISTUS allein ist der HERR! stand.
Wir sangen zum Schluss jedes Gottesdienstes das Lied:
1. Jesus Christus, König und Herr,
sein ist das Reich, die Kraft, die Ehr!
Gilt kein anderer Name,
heut und ewig. Amen.
2. In den Jüngsten Tages Licht,
wenn alle Welt zusammenbricht,
wird zu Christi Füssen
jeder bekennen müssen:
3. Jesus Christus, König und Herr,
sein ist das Reich, die Kraft, die Ehr!
Gilt kein anderer Name,
heut und ewig. Amen
Ebenfalls galt für uns, was durch das Barmer Bekenntnis bezeugt
wird.

* Sie spürten also, daß auch hier in den deutschsprechenden
evangelischen Gemeinden, auf der Linie der Barmer Theologischen
Erklärung von 1934, gegen die Verquickung von christlichem Glauben
und Deutschtum Stellung zu beziehen war?

So nach und nach spürte man bereits im Kontakt mit
Gemeindegliedern und Kollegen, die hier in der Nazizeit ihren
Dienst getan hatten, eine gewisse Ratlosigkeit heraus, mit dieser
ihrer Vergangenheit fertig zu werden, die einmal dazu führte, über
diese Zeit zu schweigen, manches bewusst zu verschweigen. Unter
den Kollegen spürte man auch Spannungen, die das Miteinander
später noch immer belasteten. So habe ich erst in diesem Jahre
erfahren, was zufällig herausgekommen ist, dass sich damals in
unserer Kirche die Vereinigung DEUTSCHE CHRISTEN gebildet hatte,
mit namhaften Kollegen an der Spitze. Es wurde später alles
versucht, in neuen Statuten und Kirchenordnungen diese
Vergangenheit zu überwinden oder wenigstens zu verbergen, wenn
auch heute noch hier und da diese Vergangenheit zu merken ist.
Da ich mich zuerst in das Ambiente hier einleben musste und mich
ganz der Gemeindearbeit widmete und wegen der weiten Entfernungen,
blieb keine Möglichkeit, mich mit dem gerade erwähnten Aspekt mit
den Kollegen auseinanderzusetzen.

* Welches waren hauptsächlich die Herausforderungen, denen sich
diese Landgemeinden damals zu stellen hatten?

Die evangelischen Gemeinden in Entre Ríos standen unter einer
doppelten Anfechtung:
1. Die Glieder, die zum grössten Teil Russlanddeutsche oder
Nachfahren von Russlanddeutschen waren, hatten in den Siedlungen
in Russland erlebt, dass in einer nicht guten Weise dort Pfarrer
und Polizist zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der Sitte
zusammen arbeiteten, was sie innerlich im Grunde ihres Herzens
ablehnten und als sie hier in Argentinien ankamen, und die
Freiheit genossen, wollten sie sich nicht mehr durch die Vertreter
der Kirche in irgendeiner Form bändeln lassen, hier waren sie ja
nicht mehr dazu gezwungen. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sie
merkten, dass keine Kirche mehr ihnen zur Seite stand. Und zwar
baten sie erst um einen Pfarrer aus Deutschland, nachdem sich die
ADVENTISTEN im Raum unserer Gemeinde in Puiggari niederliessen und
sie durch ihre Propaganda in Unruhe brachten. Ihren tradionellen
Glauben wollten sie sich durch sie dann doch nicht nehmen lassen.
Dieses Zentrum der Adventisten hat sich im Laufe des Jahrhunderts
immer mehr ausgebreitet mit Sanatorium, mit Primär- und
Sekundärschulen und verschiedenen Universitätsfakultäten und
Krankenpflege und bleibt immer noch eine Anfechtung für unsere
Gemeinde. Die ersten Adventisten in Argentinien waren
Russlanddeutsche gewesen.
2. Weitere Anfechtung kam durch die Spaltung der Gemeinde in Aldea
Protestante bei einem meiner Vorgänger, verursacht durch einen
befreundeten Lehrer, der im Osten Deutschlands arbeitete, den ein
Vorgänger aus Deutschland zur Unterstützung seiner Arbeit geholt
hatte. Nach kurzer Zeit sammelte dieser Lehrer sich unter unseren
Gliedern eine Personalgemeinde und machte sich zum Pastor. Diese
Personalgemeinde ging später zu der Kongregationalkirche über und
erschwerte die ganze Gemeindearbeit. Ähnliches geschah in vielen
anderen Gemeinden unserer Kirche in Entre Rios, dass durch die
Propaganda und durch Versprechungen Glieder der Gemeinden unserer
Kirche zu der Kongregationalkirche oder zu der Lutherischen
Missourierkirche übertraten, und unsere Gemeinden in grosse
Schwierigkeiten brachten.

* Neben diesem >Abwerben< von Gemeindegliedern durch andere
(deutschsprechende) evangelische Glaubensgemeinschaften setzte
doch in jenen Jahre auch ein verstärktes Abwandern von
Gemeindemitgliedern in die großen Städte und Ballungszentren
Argentiniens ein. Fanden sie dort den Anschluß an evangelische
Gemeinden?

Auch das ist eine Realität, dass viele unserer russlanddeutschen
Gemeindeglieder aus Entre Ríos und aus dem Inneren unseres Landes,
die in Buenos Aires oder in anderen Städten Arbeit gefunden
hatten, weil das zur Verfügung stehende Land für die ganze Familie
zu klein geworden war oder auch durch Heirat, sich der
römisch-katholischen Kirche anschlossen, oder einer anderen
evangelischen Denomination, ja, sogar zu Sekten übergingen, wie
den ERNSTEN BIBELFORSCHERN, oder ganz einem christlichen Leben
fernblieben. Die meisten von ihnen waren für ein Leben in der
Stadt nicht vorbereitet, auch nicht in Kenntnis gesetzt worden, wo
überall unsere Kirche Gemeinden gebildet hatten oder dass sie sich
also in der Freiheit von der Kirche sehr wohl fühlten.
Natürlich war und ist es noch heute die Aufgabe der
russland-deutschen Gemeinden, ihre Glieder auf die Situation in
Buenos Aires und in anderen Städten aufmerksam zu machen und
vorzubereiten. Allerdings kann das nicht verteidigt werden, damals
nicht und auch heute nicht, was der russlanddeutsche Pfarrer
Riffel damals in einem Vortrag in Aldea Protestante als Massstab
für die Russlanddeutschen aufstellte:
"Ihr seid als Russlanddeutsche für die Landarbeit bestimmt, auf
dem Lande habt ihr zu leben und da ist eure Arbeitsstelle, da hat
Gott euch hingestellt. Wenn ihr in die Stadt geht, seid ihr
verloren!"

* Damit sahen Sie sich einer Reihe von Herausforderungen
gegenübergestellt, die Ihnen und Ihrer Familie das Einarbeiten in
die neue Umgebung sicher nicht einfach gemacht haben. Welche
Probleme traten auf?

Die Arbeit in der Gemeinde wurde schon nach 3 Jahren (1958)
dadurch gebremst worden, dass ich bei einem Unfall im Pfarrhaus,
die Petroleums-lampe in der Hand, (wir hatten noch keinen Strom im
Dorf) eine Netzhautablösung am rechten Auge erlitt, die zu einer
völligen Erblindung des Auges führte, das linke war auch bereits
in Mitleidenschaft gezogen. Die nötige Behandlung mit Operationen
in Buenos Aires und in Tübingen (in Deutschland) hielten mich für
einige Monate von der Gemeinde fern. Allerdings konnten die
notwendigen Dienste in der Gemeinde durch die Nachbarpfarrer,
durch den Propst und auch durch meine Frau aufrechterhalten
werden. Ein Gutes hatte diese leidvolle Geschichte. Nach
Wiederaufnahme der Arbeit wurde mir ein Auto für die Arbeit zur
Verfügung gestellt, sie wurde dadurch nicht nur normalisiert,
sondern sogar intensiviert.

* Welche Herausforderungen stellten sich Ihnen damals auf
übergemeindlicher Ebene durch die Einbindung der Landgemeinde in
den größeren, kirchlichen Rahmen der Deutschen La Plata-Synode?

Eine Auseinandersetzung begleitete uns hier vom Anfang bis heute,
der Versuch, unsere Kirche, die in ihrer Zusammensetzung eine
unierte Kirche war und ist, ganz in das lutherische Lager zu
überführen, wie es in Brasilien gelang. Der Versuch ging einmal
von der Vereinigten Evagelischen Lutherischen Kirche in
Deutschland und zum anderen vom Lutherischen Weltbund aus. Bereits
Dezember 1958 besuchte der amerikanische Vertreter des
Lutherischen Weltbundes mit unserem Propst Gemeinden unserer
Kirche, so auch unsere Gemeinde in Aldea Protestante, um durch
Vorträge den Beitritt zum Lutherischen Weltbund schmackhaft zu
machen. Es hat dabei immerhin in Aldea Protestante eine harte
Auseinandersetzung gegeben.
Zum anderen kam dieses Bemühen selbst aus der eigenen Kirche,
konnte doch dadurch wenigstens etwas vom propagierten und
verteidigten Deutschtum gerettet werden, indem man den "deutschen"
Luther zum Symbol erhob.
Heute kann man sagen, dass dieses ganze Konfessionsproblem in
unserer Kirche einen gewissen Abschluss gefunden hat und wir
unseren unierten Charakter stark bekräftigten und zwar dadurch,
dass wir die Leuenberger Konkordie für uns bindend erklärten und
dass wir gleichzeitig als volle Mitglieder dem Lutherischen und
dem Reformierten Weltbund beitraten. Dass das vom Lutherischen
Weltbund akzeptiert wurde, ist sehr erstaunlich gewesen.
Erfreulich ist es auch, dass auf unserer letzten Synodal- und
Generalversammlung (1998) wieder stärker neben den lutherischen
die reformierten Bekenntnisschriften in unseren Statuten und in
der Synodalordnung zum Ausdruck gebracht worden sind.
Man kann wohl sagen, mit allen Vorgegebenheiten, die vorhanden
waren, brauchten wir die ganze erste Periode von 6 Jahren, um die
komplette Situation der Gemeinde, des Bezirks Entre Ríos, der
Kirche und des Landes mit seiner Politik zu erfassen und daraus
Schlüsse zu ziehen, wie eine Gemeindearbeit auszusehen hat, und
zwar durchaus auch mit der Respektierung der bestehenden
Traditionen.

* Wie selbständig waren diese Landgemeinden
evangelisch-russlanddeutscher Prägung? Konnten sie es sich
leisten, ihre konfessionelle Identität nicht aufzugeben durch die
Notwendigkeit wirtschaftlicher Unterstützung von aussen ?

Die finanzielle Lage konnte auf eine etwas sichere Basis gestellt
werden und durch das Auto wurden die Dienste in den
Filialgemeinden vermehrt. Wir erlebten eine gewisse
Aufbruchsstimmung, die dazu führte, dass neue Filialgemeinden
entstanden, wie Diamante, Grabschental und General Racedo.
Während meiner ganzen Dienstzeit in der Gemeinde stand für die
Konsolidierung der Gemeinde das Bestreben der Nachbargemeinde
CRESPO, Glieder aus unserer Gemeinde abzuwerben, im Wege. Es kam
ihr dabei gut zustatten, dass sie durch ihre Gemeindesituation die
Möglichkeit hatte, ihren Gemeindebeitrag sehr niedrig zu halten
und darum für unsere Glieder immer eine grosse Anfechtung
bedeutete. Selbst eine Absprache vom 28.9.1976 der Vorstände und
Pfarrer der Gemeinden von Crespo, General Ranírez und General
Alvear zur Beachtung der Gemeindegrenzen und über Fragen der
Mitgliedschaft wurde nicht beachtet.
In der Konsolidierungsphase mit einer Aufbruchsstimmung, zu der
auch gehörte, dass die Bauern von ihrer Monokultur abgingen und
sich mehr nach den Bedürfnissen des Marktes richteten und die
Regierung ihnen etwas mehr als üblich vom erhaltenen
internationalen Preis der Produkte übrig liess, konnten sie ihren
Hausstand verbessern und ihre Arbeitsgeräte erneuern. Sie fühlten
sich nach langer Zeit eines sehr engen Lebensstiles etwas wohler
und waren auch gebefreudiger für die Gemeindearbeit und für
gesamtkirchliche Aufgaben. Sie stellten fest, dass die Räume für
die Gottesdienste und sonstigen gemeindlichen Zusammenkünfte nicht
mehr ihrer eigenen Lebenssituation entsprachen. Als dann für die
neu gegründete Filialgemeinde Diamante die Kirchenleitung sich für
den Bau einer Kirche beim Gustav-Adolf-Werk in Deutschland
einsetzte und eine finanzielle Hilfe zur Verfügung stellte und der
Kirchbau in Diamante "wuchs", waren auch anderen Filialgemeinden
nicht zu halten, neue, den heutigen Verhältnissen entsprechende
Gotteshäuser zu bauen. Ausser der Beihilfe vom Gustav-Adolf-Werk
in Deutschland und der Evangelischen Kirche von Westfalen haben
die Gemeinden Aldea Protestante, Camarero/Puiggari, Grabschental
und Reffino das meiste Geld selbst dazu beigetan, um ihre
gottesdienstliche Räume zu bauen, auch ihr Arbeitseinsatz beim
Bauen war einfach erstaunlich. Auf Initiative der Kirchenleitung
wurde zum Schluss das alte Pfarrhaus in Aldea Protestante durch
ein neues direkt neben der Kirche ersetzt.

* Diese Verbesserung der wirtschaftlichen Lage für die Kleinbauern
in Entre Ríos war jedoch kein anhaltender Prozeß. Wie begann sich
die allgemein unruhiger werdende soziale und politische Lage im
Süden Südamerikas während der sechziger Jahre bemerkbar zu machen?

In diesem Jahrzehnt der Kirchneubauten und des Pfarrhausbaues in
unserer Gemeinde, da es den Kleinbauern etwas besser ging, nahm
nicht nur in der ganzen Welt die Armut zu, sondern auch auf
unserem Kontinent und in unserem Land Argentinien. So hörte auch
für unsere Kleinbauern die gute Zeit wieder auf. Der Peronismus
hatte sich schon vorher der Arbeiter und der Armen angenommen,
wurde allerdings von den Militärs durch Staatsstreiche an die Wand
gedrückt und machtlos gemacht. In dieser Ratlosigkeit sahen viele
Kreise in einem revolutionären Sozialismus die einzige
Möglichkeit, eine Lösung der anstehenden Probleme zu finden. Das
geschah nicht nur in unserem Lande, sondern in der ganzen Welt.
Besonders waren die Studenten davon erfasst, auch die
Theologiestudenten der verschiedenen evangelischen Denominationen
und der römisch-katholischen Kirche, die durch einen
Aufklärungsfeldzug (proceso de concientización) die Bevölkerung
auf die Situation der Armen und Unterdrückten in der Welt
aufmerksam machten.

* Was brachte da die Ausbildung eigener, aus den südamerikanischen
Gemeinden stammender junger Menschen zum Pfarrdienst in Bewegung?

Bei der Kirchwerdung der Evangelischen La Plata-Synode in den
fünfziger Jahren war von vornherein klar, dass diese Kirchwerdung
nur möglich sein wird, wenn die Pfarrer nicht mehr aus der
deutschen Heimatkirche, sondern aus unseren eigenen Gemeinden
kommen. Darauf haben schon gleich nach Beendigung des Weltkrieges
die aus Deutschland ausgesandten Pfarrer hingewiesen. Es standen
uns bereits die Evangelische und die Lutherische Theologische
Fakultät in Buenos Aires zur Verfügung.
Dass natürlich die junge Theologengeneration, die aus den hiesigen
Fakultäten kamen, dann hier und da Unverständnis entgegennehmen
mussten und vielleicht sogar Unruhe hervorriefen, war klar. Zumal
die verschiedene Sicht von reich und arm, Norden und Süden,
Kolonialismus und Ausbeutung, Versklavung und Unterdrückung,
Stellung der Kirche und der Christen in solchen Situationen, um
nur einige wenige Stichpunkte, zu nennen, des Kommunismus
verdächtigt und diffamiert wurde. Der Peronismus mit seiner
arbeiterfreundlichen Haltung hatte ja jahrzehntelang den
kommunistischen Eingang in Argentinien aufgehalten, weil er viele
Ziele des Sozialismus zu seinen eigenen Zielen gemacht hatte. So
wurde jetzt der Kommunismus wie der Peronismus gleichermassen als
Unruhefaktoren in Argentinien angesehen und von den Gutsituierten
angegriffen und Militär und Polizei auf sie angesetzt. Die
Bewusstseinsbildung ("concientización") der Bevölkerung über das,
was in unseren Ländern Argentinien. Uruguay und Paraguay und
überhaupt in ganz Lateinamerika geschehen war und noch geschieht,
war schon sehr weit fortgeschritten. Allerdings, wie schon
erwähnt, hatte die junge Theologengeneration in unseren Gemeinden
mehr Widerstand als Erfolg. Unsere Gemeindeglieder hatten von
ihrer Vergangenheit als Immigranten her wenig Verständnis für die
allgemeine Situation und sie hatten auch Angst vor den Folgen, die
sie daraus hätten ziehen müssen.

* Die Theologie der Befreiung war das Stichwort für diesen neuen
Ansatz. Wie machte er sich innerhalb Ihrer Gemeinden bemerkbar?

In dieser Zeit, da durch Misswirtschaft und Korruption im eigenen
Land und durch politischen und wirtschaftlichen Druck von
Nordamerika und Europa, das Leben immer beschwerlicher und die
Armut immer grösser wurde, geschah an den evangelischen und
katholischen Fakultäten etwas, was man fast nicht glauben konnte,
es entstand ein neues christliches Liedgut, das melodisch nicht
abhängig war von der überlieferten pietistischen Form, aber auch
nicht mit den Maßstäben, sagen wir, des deutschen Chorals,
gemessen werden konnte. Dieses Liedgut ist geprägt durch die alten
und neuen Stilelemente unserer lateinamerikanischen Länder und hat
als Hintergrund das hier gelebte Leben. Es wollte Zeugnis sein von
unserem Herrn Jesus Christus, der allen Menschen, nicht nur
einigen wenigen, auf dieser Erde eine Lebensmöglichkeit
vorbereitet hat und uns befreit von aller Sklaverei und Bindung
jeglicher Art und von der Unterdrückung und uns wieder als wahre
Menschen leben lassen will, also das in Ordnung bringen will, was
wir zum Teil willkürlich ausser Kraft gesetzt hatten. Wenn wir das
verstanden haben, haben wir etwas verstanden, von dem, was
THEOLOGIE DER BEFREIUNG bedeutet.
Das ganze Tun Jesu Christi ist ja geprägt durch seinen Einsatz für
die Unterdrückten und an die Seite gedrückten und versklavten
Menschen. Er will ihr Heiland, ihr Helfer und ihr Befreier von
allen sklavischen Bindungen sein. Er kämpfte ja dafür, dass wir
auf dieser Erde wieder als Menschen menschlich leben können.
* Die Theologie der Befreiung hat somit auch für Sie neue Impulse
gebracht?
Ja, denn alle theologischen Voraussetzungen meines Lebens und
meines Studiums gaben mir die Möglichkeit, offen für die Probleme
und Nöte unserer Länder und des ganzen Kontinentes zu sein; auch
meine Frau begleitete mich in dieser meiner Haltung. Sie war es
denn auch, die durch ihre chorische Arbeit in Aldea Protestante de
Gemeinde selbst, übrigens als erste Gemeinde in Entre Ríos, für
das neue Liedgut öffnete und vorbereitete. Das war nicht immer
leicht.
* Wie bekamen die Gemeindemitglieder in Ihrer Landgemeinde diese
Probleme und Nöte Lateinamerikas konkret zu spüren?
Da der grösste Teil der Gemeinde General Alvear Kleinst- und
Klein-Bauern sind, und die Zeit, da es auf den internationalen
Märkten für ihre Produkte einen annehmbaren Preis gab, nur sehr
kurz war, der Kampf durch die ausländischen Grosskonzerne immer
härter wurde und unsere Regierung die Landwirtschaft nicht in den
Griff bekam, litten unsere Bauern sehr grosse Not. Und sie wussten
sich nicht zu wehren. Ich will nur 2 Beispiele nennen, durch die
viele Bauern in den Ruin gezogen wurden. In unserer Zone hatten
viele kleine Bauern angefangen, durch die Hühnerzucht einige gute
Erfolge zu erzielen, die Eier hatten einen guten Preis, auch das
Hühnerfleisch. Und durch die Erweiterungen der Anlagen hatten sie
Hoffnung, ihr Leben als Bauern zu ermöglichen oder sogar zu
verbessern, auch mit wenig Land. Da setzte ein ausländischer
Konzern zur Eroberung dieses Marktes an. Er kaufte zu einem
äusserst überhöhten Preis alle zu erreichenden Eier auf und setzte
sie in seine Frigoríficos (Kühl- und Schlachthäuser). Und als er
nach etlichen Monaten die Zeit für gekommen hielt, überschwemmte
er den Eiermarkt mit einem Preis, der die Hälfte eines normalen
Preises ausmachte. Mit diesem Preise konnten unsere Hühnerzüchter
nicht mithalten und blieben völlig verschuldet auf der Strecke.
Inzwischen hatte der Konzern an anderer Stelle die grössten
eigenen Hühnerzuchtanlagen eingerichtet. Und dazu kamen noch nach
einer gewissen Zeit die Agenten des Konzerns zu den ehemaligen
selbständigen Hühnerzüchtern und boten ihnen die Möglichkeit an,
für den Konzern zu arbeiten, und zwar für die Hähnchenproduktion.
Der ehemalige Bauer sollte nur seine Stallungen zur Verfügung
stellen und seine Arbeitskraft, alles andere wurde frei Haus
geliefert, die Küken, das Futter und die Medizin und auch das
Abholen der schlachtreifen Hähnchen. Der Lohn wurde kiloweise
gemäss den abgelieferten Hähnchen berechnet, der aber so niedrig
war, dass der ehemalige Bauer jetzt zum einfachsten Landarbeiter
geworden war, mit einem Erlös, womit er nicht leben und nicht
sterben konnte. Aus Not haben eine ganze Reihe von ehemaligen
Hühnerzüchtern dieses schmähliche Angebot angenommen, andere in
Entre Ríos haben ihr Bauernsein verschuldet aufgeben müssen.
Der andere Fall sah so aus. Die Bauern, die in unserer Zone
Milchwirtschaft betrieben, lieferten die Milch an einen bekannten
internationalen Konzern in die Stadt Nogoyá, der sie normalerweise
sogar vom Bauernhof abholte. Die Milch wurde nach ihrem Fettgehalt
bezahlt, den die Fabrik selbst feststellte. Aber unsere Bauern
konnten nicht verstehen, dass dieser immer, bei günstiger oder bei
schlechter Weide, sehr niedrig war. Sie hatten keine Möglichkeit,
die Richtigkeit der Feststellung des Fettgehalts selbst
nachzuprüfen. Verschiedentlich haben sie die Milch von
Spezialisten der INTA (# Instituto Nacional de Tecnología
Agropecuaria) kontrollieren lassen und dabei gesehen, dass sie
schon seit langem übers Ohr gehauen wurden. Die Bauern waren oft
ratlos. Es war jahrzehntelang niemand da, der den kleinen Bauern
zu ihrem Recht verhalf, die grösseren landwirtschaftlichen
Betriebe hatten mehr Möglichkeiten, auch von Seiten des Staates.
* Ergaben sich für Sie als Gemeindepastor Möglichkeiten in dieser
Richtung etwas in die Weg zu leiten?
Gerade in dieser Zeit begann die internationale Organisation FAO,
die sich besonders um die armen Landarbeiter und die kleinen
Bauern bemühte, ihre Arbeit auch in Argentinien. Sie, in
Verbindung mir der römisch-katholischen Kirche, bildete junge
Menschen für diesen Hilfsdienst aus, damit diesen Landarbeitern
und den kleinen Bauern eine wirkliche Stelle der Hilfe zur
Verfügung stand.
Und so stand einer von diesen jungen Leuten vor der Pfarrhaustür
in Aldea Protestante und warb um Verständnis für die Gründung der
Ligas Agrarias Entrerrianas (# = Entrerrianische Bauernverbände) ,
denen er als Generalsekretär der Organisation Impulse gab, die im
Raume der Gemeinde bei den Bauern der Gemeinde ein gutes Echo
fand. Er selbst als ein bekennender Katholik suchte weiterhin den
Kontakt mit mir und wir fanden uns oft im Pfarrhaus zusammen und
berieten, wie den kleinen Bauern geholfen und sie vor den
Manipulationen der grösseren landwirtschaftlichen Betriebe usw.
geschützt werden könnten. Bei Streikvorhaben gingen die
Überlegungen vor allem dahin, alles zu vermeiden, was Sachschaden,
besonders aber Körperverletzungen, bedeuten könnte. Die
Landbevölkerung bekam neuen Mut, wenn es auch Gemeindeglieder gab,
denen diese Ligas nicht gefielen. Allerdings habe ich wegen meiner
bejahenden und fördernden Haltung gegenüber dieser Arbeit nie in
der Gemeinde Schwierigkeiten gehabt, nur ein Pfarrkollege aus der
Nachbarschaft klagte bei "Brot für die Welt" in Deutschland an,
die die Arbeit als förderunswürdig anerkannte, dass ich eine
kommunistische Organisation unterstützen würde. Der Kollege soll
aber eine harte Antwort von "Brot für die Welt" bekommen haben.
* Wann kam es zur Unterbrechung dieser ökumenische Zusammenarbeit
bei der Unterstützung der Ligas Agrarias Entrerrianas?
Mitten in der guten Arbeit, die geleistet wurde, kam der
Militärputsch im März 1976, der alle soziale Arbeit, alles
Eintreten für Arme und Notleidende ein Ende setzte. Am Tage vor
dem besagten Militärputsch, kam unser Freund von den Ligas
Agrarias Entrerrianas ins Pfarrhaus und wir fuhren aufs Land und
setzten uns an einem Feldweg nieder und er erzählte, was er von
dem Militärstreich am kommenden Tage erfahren hatte. Es war uns
klar, dass damit die Arbeitsmöglichkeit der Ligas zu Ende sei, da
ein Widerstand gegen eine brutale Militärmacht unmöglich und
sinnlos ist und der Landbevölkerung nur unnütze Leiden auferlegen
würde. Wir hatten gerade in dieser Zeit geplant, in unserer Zone
einen Landmaschinenpark einzurichten, da der Kauf dieser Maschinen
von einzelnen Bauern einfach unmöglich war, selbst mittlere Bauern
wurden durch den Kauf zum Beispiel eines Traktors in den Ruin
getrieben. Beim Abschied befahlen wir uns, er als Katholik und ich
als Evangelischer, in die Hände unseres Gottes und dankten auch
uns gegenseitig für die gute Zusammenarbeit - und warteten der
Dinge, die da kommen werden. Gleich am Anfang der
Militärregierungszeit wurden mit anderen Organisationen die Ligas
Agrarias Entrerrianas verboten, allerdings gab es für sie nur an
wenigen Stellen von Entre Ríos Schwierigkeiten. Jedenfalls war ein
Versuch der Hilfe für die ärmere Landbevölkerung gescheitert und
sie musste ihren Weg allein weitergehen, bis heute.

* Kam dieser Staatsstreich im März 1976 überraschend oder gab es
Anzeichen, die so einen Umschwung ahnen ließen?
Es war schon eine unfähige Regierung, die nach dem Tode des als
Idol verehrten Präsidenten Juan Peron (1973), seine 2. Ehefrau
Isabelita führte. Es herrschte ein Durcheinander auf allen
Gebieten, die Gewaltaktionen nahmen immer mehr zu. Dazu kam, dass
die revolutionären Kräfte überall mehr Macht gewannen und so unter
Studenten und Arbeitern grossen Anhang fanden. Es war schon so
weit, dass in der Provinz Tucumán bereits ein kleiner Teil von den
Revolutionären beherrscht und regiert wurde und sie dabei waren,
dieses Gebiet als selbstständigen Staat auszurufen. In dieser Zeit
dachten viele an einen Staatsstreich, die einen wünschten ihn und
die anderen befürchteten ihn.

* Wie haben die Leute in den Gemeinden anfangs auf diesen
Militärputsch reagiert?

Da die Argentinier schon einige Male einen Staatsstreich erleben
und erleiden mussten, dachten viele, das sei nicht so schlimm, wie
der augenblickliche Zustand. Niemand hatte damit gerechnet, dass
er sich diesmal in solch grausamer Weise vollziehen wird, mit
einer Sprachregelung, die alles, wie ein Hohn für den christlichen
Glauben, vertuschen und verbergen sollte. Massaker und Morden und
das Einbeziehen von unschuldigen Angehörigen der Bekämpften in das
Ermorden und das verheimlichte Abgeben von Säuglingen der Frauen,
die ermordet wurden an andere Familien, alles das wurde als ein
"schmutziger Krieg" bezeichnet und aus meuchlings Hingemordeten
wurden "Verschwundene" (desaparecidos). Jegliche soziale Arbeit
wurde als Terrorismus verdächtigt und bekämpft. Und was man als
Staatsstreich bezeichnen muss, war nicht nur ein bestimmter
Augenblick, sondern dauerte jahrelang und machte unzählige
Argentinier heimatlos, die als Verfolgte fliehen mussten.

* Wie hat sich diese grausame Militärzeit (1976 - 1982) auf Ihre
Familie ausgewirkt?

Unser Sohn Joachim (geb. 1956) musste sein Psychologiestudium mit
den anderen Psychologiestudenten an der Fakultät in La Plata in
Gegenwart schiessbereiter Soldaten durchführen. Sein Wohnraum in
einem lutherischen Heim wurde von geheimer Militärpolizei in Zivil
durchwühlt.
Ruben (geb, 1958), während seiner Militärdienstpflicht
Sanitätssoldat, bekam die ganze Grausamkeit dieser Militärepoche
zu spüren. Wenn Sanitätsgruppen starteten, um nach angeblichen
Kämpfen zwischen Militärs und Guerilleros in Aktion zu treten und
gefragt wurde, warum sie kein Material mitbekämen, um Verwundeten
zu helfen, war die Antwort: Ach das sind ja doch nur die
Guerilleros und wenn sie noch nicht tot sind, dann müsst ihr sie
noch ganz totschiessen"; psychologisch und körperlich krank,
beendete er seine Militärzeit. Ruben hatte in dieser ganzen Zeit
wegen des Militärdienstes und wegen des Beagle-Konfliktes und des
Malvinen -Krieges drei mal die Aufnahmeprüfung, die jährlich
stattfand, für die Universität in La Plata machen müssen. Obwohl
alle bestanden wurden, konnte er erst nach der dritten Prüfung das
Biologie-Studium beginnen.

* Wie haben Sie die Auswirkungen dieser Militärregierungszeit auf
das Leben der Gemeinden in Erinnerung?

In dem vor dem Staatsstreich liegenden Zeitabschnitt waren die
verschiedenen Kirchen in die soziale Arbeit eingestiegen, weil die
immer grösserwerdende Armut es erforderte. Nun gehörte die gesamte
kirchliche Arbeit zu den Terrorismus-Verdächtigen, selbst Teile
der Arbeit der römisch-katholischen Kirche. Durch den
Staatsstreich sollte auch die Arbeit der christlichen Kirchen
unter Kontrolle genommen werden. Gottesdienste, andere
Gemeindezusammenkünfte, Kurse, Vorstandssitzungen, Jugendstunden
und Gemeindefeste sollten erst nach Genehmigung der betreffenden
Militärstellen erlaubt sein.
Da ich den Dienst der Gemeinde und in der Gemeinde nicht vom
Militär abhängig wusste, habe ich mich während dieser Zeit in der
ganzen Gemeindearbeit von diesen Anordnungen nicht beeinflussen
lassen, was manchmal wohl bei den Verantwortlichen der Gemeinde
nur mit Angst akzeptiert wurde. Bei unseren normalen Entre
Ríos-Pfarrfamilientreffen tagten wir im Pfarrhaus, waren aber
bereit, wenn wir Nachricht bekamen, dass eine Militärstreife in
der Nähe sei, uns in die Kirche zu begeben, um zu singen und zu
meditieren und zu beten.
Probleme entstanden mir dadurch, dass ein junger Chilene, der nach
dem Militärputsch dort in Chile verhaftet und gefoltert wurde,
dann nach Argentinien floh, von meiner Frau, beim Besuch unseres
Sohnes im Studentenheim in La Plata zu einem mehrwöchigen
Aufenthalt zur Erholung ins Pfarrhaus eingeladen wurde, dass auch
ich einen von den Militärs gefälschten, angeblich von
Firmenich-Montoneros, an Pfarrer gerichteten Brief erhielt, dass
ich in Vertretung zur Beerdigung eines von einem Wachsoldaten in
Crespo aus der Gemeinde von Crespo im Dienst erschossenen Mann,
Glied ebenfalls der Gemeinde Crespo, gerufen wurde, dass während
dieser Zeit in einer verdächtigen Weise in Crespo der Tempel der
Zeugen Jehovas angezündet wurde und verbrannte, ohne dass sich ein
Widerstand zeigte, auch nicht von unserer Seite. Die Zeugen
Jehovas haben ein zwiespältiges Verhältnis zum Staat und besonders
zum Militär und verweigerten auch den geforderten Respekt vor der
argentinischen Fahne.

* Gab es ausser diesen von Ihnen erwähnten Vorfällen noch weitere
erwähnenswerten Schwierigkeiten in der Gemeindearbeit?

Allgemein muss man sagen, dass innerhalb unserer Kirche, besonders
aber in Entre Ríos, nur vereinzelt Schwierigkeiten aufgetreten
sind, was wohl daran lag, wie ich es schon erwähnt habe, dass
unsere Glieder wohl apolitisch, aber staatstreu waren.
In unserer Gesamtgemeinde ging während dieser ganzen Zeit das
Gemeindeleben normal weiter. Selbstverständlich sah ich auch meine
Aufgabe darin, sie in Predigten und sonstigen Zusammenkünften auf
die furchtbare Situation in unserem Land, ja in ganz Lateinamerika
aufmerksam zu machen und versuchte, dass sie das alles im Lichte
des Evangeliums sehen und erkennen und ihre Stellung dazu beziehen
konnten. Leider gab es im Beagle- Konflikt (1978 mit Chile) und im
Malvinen-Krieg (1982 mit Großbritanien) nationalistische Kräfte,
die sich in einer gewissen Kriegsbegeisterung gegen die Engländer
auswirkten und es gab dadurch auch einige Schwierigkeiten, weil
wir als Pfarrersleute diese Begeisterung nicht mitmachen konnten.
Diese Schwierigkeiten lösten sich aber bald auf, als der
Malvinen-Krieg schmählich endete. Durch dieses Ende war auch das
Ende der grausamen Militärdiktatur eingeläutet. Und dieses Ende
fiel auch zusammen mit dem Ende meines Dienstes als Pfarrer in der
Gemeinde General Alvear durch meine Pensionierung vom 1. Juli
1982.
Wir schieden im vollen Einvernehmen mit der Gemeinde, in der wir
27 Jahre unseren Dienst taten. Wir taten ihn sehr gerne, auch in
und durch alle Schwierigkeiten und Probleme hindurch. Aber wir
waren etwas müde geworden und so zogen wir bald nach Buenos Aires
in den Vorort ITUZAINGO, wo uns unsere Kirchenleitung eine Wohnung
für unseren Ruhestand zur Verfügung gestellt hatte.

* Welchen neuen Aufgaben widmeten Sie sich nach Antritt ihres
Ruhestandes?

Nach ungefähr 1 ½ Jjahren wirklichen Ruhestands in Ituzaingó, in
dem wir, meine Frau und ich, uns ganz der Familie und des
Einrichtens des Hauses und des Gartens widmeten, formierte sich
die oekumenische Kommission (CODEC) unserer Kirche, zu deren
Koordinator mich die Kirchenleitung berief. Diese Kommission war
die Fortsetzung der Kommission, die 1984 im Auftrage der
Kirchenleitung das LIMA-Dokument des Weltrates der Kirchen für
unsere Kirche beriet und eine Stellungnahme dazu erarbeitete.
Einen Einblick in die ca. 10-jährige Arbeit der Kommission des
Oekumenismus gibt uns ihr Bericht für die Synodaltagung unserer
Kirche im Jahre 1992
"INFORME de la COMISIÓN de ECUMENISMO

Motivación del Ecumenismo

Describir en pocas palabras la tarea de la Comisión de Ecumenismo
-CODEC- en los últimos 3 años, según el sentido de nuestra Junta
Directiva, no es solamente fácil, sino casi imposible.
Esta tarea tiene su causa en lo que una iglesia, queriendo ir su
camino en la obediencia a su Señor, no puede marchar sola.
Independiente de los motivos de esta realidad que existen en el
mundo tantas iglesias diferentes, sabiendo empero, que Jesucristo
en el primer Pentecostés en Jerusalén fundó una única Iglesia
Cristiana, se puede escuchar hace algunos, ya hace decenios de
años, que iglesias y grupos evangélicos diferentes en la Argentina
se han creado la posibilidad de contactos mutuos por la Federación
Argentina de Iglesias Evangélicas -FAIE-, para tener una
plataforma legal en común, especialmente en la relación con el
ESTADO, el cual es caracterizado por la fe católica. En esta
Federación participan, lo que es muy importante, también iglesias
y grupos pentecostales y fundamentalistas.
En los últimos años se formó la Comisión Ecuménica de Iglesias
Cristianas en la Argentina -CEICA- con la importancia
significativa que, además de Iglesias Evangélicas, también
comprende las diferentes Iglesias Ortodoxas y la Iglesia Católica
Romana. Tampoco podemos olvidar que, además en la Argentina, se
formaron en Paraguay y en Uruquay semejantes organizaciones
ecuménicas.
Especialmente las Iglesias Evangélicas en el ambiente del Río de
La Plata que han firmado la Concordia de Leuenberg y aceptado la
Comunión Eclesial, las cuales son
Iglesia Luterana Unida -IELU-,
Iglesia Valdense del Río de La Plata -IEVRP-,
Iglesia Reformada Argentina -IRA- y nuestra
Iglesia Evangélica del Río de La Plata -IERP-,
que hacen muchos esfuerzos para aceptar en el sentido de la unidad
las consecuencias de una colaboración muy estrecha.
Por la aceptación de la Concordia de Leuenberg también del lado de
la Iglesia Evangélica Metodista Argentina -IEMA- existe la
posibilidad que este grupo de las Iglesias de Leuenberg con una
colaboración estrecha se amplía.
Nuestra iglesia participa también en la Comisión Teológica con la
Iglesia Católica Romana y la Iglesia Luterana Unida. Esta comisión
busca soluciones para problemas teológicos entre nuestras
iglesias, como ya se realizó con el Bautismo o en la aceptación de
la Bendición Nupcial Ecuménica o en el tratamiento del
entendimiento de la Santa Cena o del Evangelio.
Igualmente hemos aceptado como observador la invitación para
participar en los diálogos por la unidad entre Iglesias y
Congregaciones Luteranas del Río de La Plata. Nuestra iglesia fue
invitada también a participar en los diálogos por una unidad
orgánica entre las Iglesias Metodistas de la Argentina, de Uruguay
-IEMU- y la Iglesia de Discípulos de Cristo -IDC-.
Además de estos esfuerzos por la unidad en el área mundial,
continental y ambiental juegan un rol muy importante, como cuarto
punto, la colaboración en los grupos y organizaciones ecuménicas
que cumplen conjuntamente trabajos y tareas especiales.
Pensamos en este sentido en la Facultad Evangélica de Teología y
de Música -ISEDET-, en la cual las iglesias participantes dejan
formarse sus pastores, colaboradores y organistas.
Pensamos en este sentido en la Junta Unida de Misión -JUM- que
trabaja con los paisanos Tobas, también en el Consejo para la
Misión Conjunta -CMC- que se centra en Residencia/Chaco con el
trabajo con estudiantes universitarios del Norte de la Argentina
con sede en Corrientes.
Casi en todas las ciudades mayores de nuestros países hay puntos
de contactos con otras iglesias, no siempre solamente amistosos.
Se debe decir ya que por la democratización de nuestros países con
un empobrecimiento muy fuerte de la población, vivimos un
estancamiento en el aspecto ecuménico.
Bajo ninguna circunstancia podemos olvidar que tenemos una
relación muy estrecha con la Iglesia Evangélica en Alemania
-EKiD-, nuestra Iglesia-Madre-, igualmente con la Iglesia
Evangélica de Confesión Luterana del Brasil -IECLB-, una iglesia
hermana que tiene la misma relación con la EKiD.
Todo esto debe bastar para aclarar la situación ecuménica de
nuestra iglesia, sabiendo que se necesitaría adjuntar muchos
trabajos y relaciones más con otras iglesias.
Tarea de la Comisión de Ecumenismo
Nuestra iglesia vive en relaciones ecuménicas sobredimensionadas
que tampoco son estáticas sino dinámicas y siempre en movimiento.
Una iglesia hoy no puede vivir sin utilizar todas las fuerzas a
favor de la una única Iglesia de Jesucristo. Hoy practicar
ecumenismo en una iglesia como "hobby" no es posible más, sino los
esfuerzos por la unidad deben ser aceptado como elemento
constitutivo para toda la vida eclesiástica.
La Junta Directiva de nuestra iglesia nos dio a nuestra comisión
la tarea siguiente:
1 A observar todas las relaciones ecuménicas para reconocer la
importancia o no para nuestra iglesia y para nuestras
congregaciones.
2 En este sentido pide la Junta Directiva nuestro asesoramiento.
3 A presentar y recomendar en preguntas, problemas y dificultades
posibles soluciones y contestaciones.
4 Hemos comprendido nuestra tarea también a esforzar en nuestra
iglesia, especialmente en las congregaciones y entre nuestros
pastores y colaboradores, el pensamiento ecuménico con el fomento
de todos los trabajos a favor de la unidad de la Iglesia de
Jesucristo. Falta en este aspecto aún mucho.
Para poder cumplir, más o menos. nuestra tarea en los últimos 3
años, nuestra comisión se reunió 15 veces en sesiones de 2 días y
es formada de
Cristine Bösenberg,
Jerónimo Granados,
Atilio Hunzicker,
Bruno Knoblauch,
Norberto Rasch,
Rodolfo R. Reinich,
Juan A. Schvindt,
Carlos Schwittay,
Dieter Thews,
Hartmut Winkler y
Rubén Yennerich.
Meta para el próximo período.
Después de lo que hemos informado sobre lo actuado en los últimos
tres años, deseamos exponer lo que vemos como meta para el próximo
periodo:
1 Así como hoy nos podemos solamente entender como Iglesia en la
zona del Río de La Plata, en su contexto ecuménico vemos como gran
necesidad contribuir para que sea más vivo el Espíritu Ecuménico
en nuestra Iglesia hasta en las bases también de nuestras
congregaciones.
2 Buscar de conseguir un foro en la Revista Parroquial para
mantener informado a los lectores con importantes noticias del
mundo ecuménico sea nacional como internacional.
3 Seguir entendiendo el trabajo como asesoramiento y una ayuda
para el trabajo de la Junta Directiva de la IERP.
4 Fomentando una relación más estrecha con la Junta a través de un
delegado asesor en caso de un requerimiento de parte de la Junta o
de la Comisión de Ecumenismo.
Acompañamiento de nuestros representantes en Instituciones
Ecuménicas o en Conferencias.
6. Elaboración de un folleto sobre Ecumenismo para la divulgación
en las Congregaciones, para material de trabajo y el conocimiento
de nuestra identidad ecuménica y nuestro compromiso ecuménico.

Firmado: Comisión de Ecumenismo.
(Elaborado por P. Schwittay y P. Thews.)


* Welche bedeutende Veränderungen innerhalb der La Plata Synode u.
Kirche stellen Sie bei einem knappen Rückblick auf die vierzig
letzten Jahre fest?

Ich bin schon oft gefragt worden, ob sich seit 1955 in unserer
Kirche etwas verändert habe. Allgemein muss man sagen, dass sie
sich mehr als nur etwas verändert hat. Aber eine andere Kirche ist
sie nicht geworden, denn sie hat immer noch den gleichen Herrn,
der Jesus Christus heisst, wenn er auch manchmal in einem für uns
unbekannten Gewande erscheint und vielleicht so, wie er erscheint
und erscheinen will, von uns nicht erkannt wird oder nicht erkannt
werden will.
Ich will nun das, was mir als Differenz von damals und heute
erscheint, ohne zu entscheiden oder zu unterscheiden, was
wichtiger oder was weniger wichtig ist, anführen:
Wir sind aus einer Deutschen Evangelischen La Plata-Synode eine
Evangelische La Plata-Kirche, aus einer von der Evangelischen
Kirche in Deutschland abhängigen eine selbständige, aus einer
durch die deutsche Sprache geprägte Kirche eine Kirche geworden,
die fast ganz in einem natürlichen Prozess in die nationale
Sprache übergegangen ist.
Das Letztere ist einfach die Folge der Situation unserer
Gemeindeglieder, die den Kontakt mit ihren Kindern nicht und erst
recht nicht mit ihren Enkelkindern in der deutschen Sprache
aufrecht erhielten, auch nicht aufrecht erhalten konnten.
Allerdings müssen wir auch sagen, dass jetzt neben der spanischen
Sprache die auslaufende deutsche Sprache, die portugiesische der
Glieder, die von Brasilien in unseren kirchlichen Raum kamen und
kommen und die Tobasprache der Urbevölkerung (paisanos), von der
eine Gemeinde zu unserer Kirche gehört, immerhin beachtet werden
müssen.
Für alle ist es bereits eine feste Tatsache, dass nicht mehr die
ESMERALDA, sondern die SUCRE das Zentrum unserer Kirche ist und
dass der Vorsitzende unserer Kirche nicht mehr Propst genannt
wird, sondern Kirchenpräsident.
Schon 1955 bestanden örtliche Beziehungen zu Gemeinden anderer
Kirchen, allerdings von 1956 ab auch direkte ökumenische. Unsere
Kirche stellte den Antrag auf Aufnahme in die FAIE (Bund
Evangelischer Kirchen in Argentinien), ebenfalls auf Aufnahme in
den Ökumenischen Weltrat der Kirchen. Die ökumenischen Kontakte
wurden zuerst besonders zu den evangelischen Denominationen
hergestellt, dann auch mit der römisch-katholischen und der
orthodoxen Kirche.
Unsere Kirche hat inzwischen ein Dokument unterschrieben zur
Anerkennung der Ordination mit der reformierten, methodistischen,
valdenser Kirche und der Kirche der Jünger Jesus Christi
(Discípulos de Cristo) und den Presbyterianern. Gleichfalls haben
die Leuenberger Konkordie angenommen die IELU, die reformierte,
die valdenser, die methodistische und unsere Kirche, die die volle
Kirchengemeinschaft ermöglicht.
In einer gemeinsamen theologischen Kommission mit der IELU, der
römisch-katholischen Kirche und unsere IERP haben wir ein
gemeinsames Dokument über die Taufe und über das Abendmahl
erarbeitet. Ebenfalls wurden Möglichkeiten über eine gemeinsame
Trauung bzw. die Anerkennung der Trauung in der jeweilig anderen
Kirche aufgezeigt.
Ebenfalls sind wir als eine bewusst unierte Kirche simultan dem
Lutherischen Weltbund und der Reformierten Welt-Allianz
beigetreten. Auch gehören wir dem lateinamerikanischen Kirchenbund
an und arbeiten mit in der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft zur
Verteidigung der Menschenrechte (MEDH). Vergessen dürfen wir auch
nicht die Mitarbeit beim Lateinamerikanischen Kirchenbund -CLAI-.
Ich könnte auch noch die vielen ökumenischen Beziehungen auf
gemeindlicher Ebene aufzählen, aber das würde doch zu weit führen.
Ein Pfarrer hat einmal etwas ungeduldig gesagt:
"Wir sind ökumenisch bereits so verzahnt, dass wir fast alles nur
noch zusammen mit einer anderen Kirche machen können."
Man kann das allerdings auch in einem gewissen Sinn als einen
grossen Hoffnungsschimmer für die Zukunft der Kirchen sehen, wenn
wir im Zuge der sich immer mehr ausbreitenden
Christus-Gleichgültigkeit, ja -feindschaft und der sonstigen
Säkularisierung, immer kleiner werden und einfach zusammenrücken
müssen. Uns ist es ja nicht verheissen, die ganze Menschheit zum
Christusglauben zu führen, sondern Jesus Christus hat uns ein
anderes Kirchenverständnis vor Augen geführt:
"Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich
mitten unter ihnen."
Unser Verhältnis zur Evangelischen Kirche in Deutschland bedeutet
schon etwas mehr als ein ökumenisches Verhältnis, es hat sich ja
inzwischen auch grundlegend geändert. Aus einer
Mutter-Tochter-Verbindung ist eine Verbindung von
Schwesternkirchen geworden. Wir sind gewiesen, unseren Weg als
selbständige Kirche zu gehen, wenn auch mit ihrer Hilfestellung.
Und nur zu gerne strecken wir immer noch unsere offene Hand nach
ihr aus.
In der Gestaltung unserer Kirche waren unsere Gemeinden auf die
direkte Verbindung mit der Kirchenleitung angewiesen. Nur die
Gemeinden in Entre Ríos bildeten einen festen Bezirk. Dadurch
hatten sie die Möglichkeit, bestimmte Probleme in eigener
Verantwortung zu lösen, auch konnten ihre Fragen gemeinsam an die
Kirchenleitung gerichtet werden. Dieses hatte sich so bewährt,
dass das ganze Arbeitsgebiet unserer Kirche jetzt in feste Bezirke
aufgeteilt ist und diese Bezirke übernehmen immer mehr
kirchenleitende Verantwortungen. Unsere Kirche ist in den letzten
Jahrzehnten sehr gewachsen. Gemeinden haben sich neu gebildet oder
bestehende haben sich geteilt, sodass die ganze Verwaltung nicht
mehr nur von einer Stelle aus wahrgenommen werden kann. Wir haben
die verschiedenen Kommissionen, die besondere kirchliche Aufgaben
übernehmen, wie z.B. Liturgie, Erziehung, Ökumene, Literatur etc.,
die es früher nicht gab.
Als ich 1955 nach Argentinien kam, war ich der 16. Pfarrer unserer
Synode, heute zählen wir ca. 93 Pfarrer, einschliesslich der
Vikare und pensionierten Pfarrer. Dazu hat sich die diakonische
Arbeit von ehemals dem einen Waisenhaus in Baradero in einer Weise
vermehrt, dass dadurch ganz neu ein Diakonen- und Diakoninnenstand
mit einer besonderen Vorbildung ins Leben gerufen wurde. Zu den
Aufgaben gehören jetzt auch ein Sanatorium, Altersheime, eine
landwirtschaftliche Schule und ein Schülerheim und anderes mehr.
Ich habe nach dem Adressenverzeichnis bereits 14 Diakone bzw.
Diakoninnen gezählt. Die Vermehrung der Gemeinden und der
diakonischen Arbeit erscheint mir wie ein Wunder. Was ich
ebenfalls erstaunlich und als einen Fortschritt empfinde, ist,
dass Diakone/innen und Pfarrer/innen gleichgestellt sind im Sinne
unserer Kirchenordnung. Sie sind nur verschieden in ihren
Aufgaben. Die Gesamtpfarrkonferenz hat daraufhin ihren Namen
geändert.
Wenn wir die Schar der Pfarrer heute ansehen, dann ist das zu
sehen, dass nur noch eine Minderheit von Deutschland ausgesandten
Pfarrer ihren Dienst tun, alle anderen sind bereits hier in der
Evangelischen Fakultät in Camacuá bzw. in der ehemaligen
Lutherischen Fakultät ausgebildete Pastoren.
Damit ist das, was wir als ausgesandte Pfarrer damals vor ca. 40
Jahren geplant und vorbereitet hatten, jetzt zum Ziel gekommen:
Eine bodenständige Pfarrerschaft. Wir haben bereits den 2.
bodenständigen Präsidenten.
Dazu ist auch noch zu sagen, dass der Übergang der Prägung der
Pfarrerschaft durch die ausgesandten zu den bodenständigen
Pfarrern brüderlich abgelaufen ist und von den Gemeinden auch gut
akzeptiert wurde.
Was etwas schwerer, auch von den Pastoren selbst, die vor 40
Jahren noch sehr männerbetont ("machistisch") eingestellt waren,
hingenommen wurde, war die Erweiterung des Pfarrkollegium durch
Pastorinnen. Sie haben sich überhaupt selbst durch eigenes
Engagement einfach durchgesetzt. Wir zählen heute bereits 16
Pastorinnen und 7 Diakoninnen. Auch wurden durch Pastorinnen und
Diakoninnen unsere Gemeinden überhaupt mit dem Kampf der Frauen um
ihre Gleichberechtigung im Verhältnis zu den Männern konfrontiert.
Das zeigt sich darin, dass Frauen jetzt auch immer mehr in
verantwortlicher Stellung in den Gemeinden präsent sind. Leider
sind aber in die Junta Directiva unserer Kirche, auch bei der Wahl
1998, nur 2 Frauen gewählt worden, was allerdings dafür durch 3
Reservekandidatinnen ausgeglichen wird.
Man muss schon sagen, dass durch die Prägung unserer Kirche durch
den bodenständigen Pfarrerstand die ehemalige Isolierung inmitten
der realen und politischen Wirklichkeit weitgehend durch ein
kritisches Miterleben des Geschehens um uns her, im eigenen Land
und auf dem selben Kontinent und in der ganzen Welt aufgehoben
worden ist, was allerdings von den Gemeinden nur schwer
mitvollzogen wird. Ich denke dabei an die diktatorische Zeit im
ganzen Süden Lateinamerikas mit den grausamen
Menschenrechtsverletzungen, ebenfalls an den Beagle-Konflikt und
an den von Argentinien begonnenen Malvinen-Krieg mit England.
Langsam lernen wir auch innerhalb unserer eigenen Kirche, u.z. am
eigenen Leibe, was es heisst KIRCHE DER ARMEN zu sein und bekommen
immer mehr Verständnis für die Nöte in der Welt, die sich unter
dem Namen der GLOBALISIERUNG als Heil für die Zukunft der
Menschheit, in einer unbeschreibbaren Weise ausbreitet und für
viele Millionen in der Welt die Zukunft vollkommen verdunkelt. Wir
sind bereits in eine andere antichristliche Ära übergegangen. Wenn
wir nicht Jesus Christus hätten, den wir in unserer Kirche
verkündigen wollen, sähe ich auch schwarz für sie in die Zukunft.

* Welche Hoffnungen oder Erwartungen haben Sie im Hinblick auf die
nächsten 50 Jahre dieser
unserer Kirche am La Plata? Worin bestünde die Eigenart ihres
Beitrags im Rahmen des ökumenisch-evangelischen Wirkungskreis am
La Plata?

Es fällt mir nicht leicht, an die Zukunft der christlichen Kirchen
in der Welt mit ihrer Botschaft vom Heil in Jesus Christus im
nächsten Jahrtausend und damit an die Zukunft unserer Kirche im
nächsten Jahrhundert zu denken. Viele Realitäten der jetzigen Zeit
werden sich immer mehr durchsetzen und das Christsein und das
Gemeinde- bzw. Kirchesein total verändern, bzw. in der alten Form
unmöglich machen. Dass dieser Prozess bereits zugange ist, zeigen
überall die Gottesdienste, an denen wir Christen uns immer weniger
beteiligen, weil wir sie nicht ernst nehmen. Ebenfalls wird kaum
noch das Wort, das die Kirchen in die Öffentlichkeit
hineinsprechen, wahrgenommen, geschweige denn ernst genommen,
höchstens wenn es dieser Öffentlichkeit selbst nützlich erscheint.
Von sogenannten Volkskirchen, ganz gleich ob katholisch,
evangelisch oder orthodox, kann man schon gar nicht mehr reden.
Wir leben in einer Welt, die wieder trotz aller Fortschritte
zurückfällt auf das, was im alten römischen Reich das Leben
prägte: BROT UND SPIELE, zu mehr bleibt ausser der Arbeit keine
Möglichkeit. Werden wir heute als gesamte Menschheit, ohne die
wenigen zu rechnen, die sich, ausserhalb dieser Menschheit
stehend, als die Herren der Welt aufführen, nicht direkt auch
gezwungen, uns mit diesen 2 Notwendigkeiten wie Brot und Spiele,
Existenzminimum und Vergnügen, wenn auch noch so primitiv, zu
befassen, um dieses sogenannte globale Zeitalter, das uns als
einzige mögliche Zukunft angepriesen wird, zu durchstehen, bzw. zu
überleben.
Und gleichzeitig sind wir ebenfalls auf einem getriebenen Rückzug
von einer gewissen Grösse des sogenannten Christentums in die
Anfänge unseres christlichen Glaubens, da es noch nicht die so
unglückliche Verbindung von Staat und Kirche oder von Thron und
Altar gab.
Immer, wenn in der Heiligen Schrift von der christlichen Gemeinde
bzw. Kirche die Rede ist, handelte es sich um kleine Gruppen von
Christen, die Jesus Christus nachfolgten, um Aktionsgruppen, die
sich zum Dienst berufen wussten. Das, was wir jetzt allgemein
erfahren, ist schmerzhaft und wird noch schmerzhafter werden, aber
es führt alle, die es wirklich ernst meinen mit ihrer Nachfolge
Jesu, immer näher zu ihm, dem einzigen Herrn dieser Welt. Die
Grossartigkeit der Kirchen mit den vielen Erscheinungsformen geht
wieder zurück auf die anfängliche Form der Urchristenheit, die
kleine Gruppe. Diese kleinen Gruppen könnten für das neue
Jahrtausend die Grundlage für eine total neue Entwicklung des
christlichen Glaubens sein, durch die Jesus Christus seine
Herrschaft ausüben wird.
Zunächst aber haben wir das Ende einer Epoche wahrzunehmen und zu
akzeptieren.
Nun gilt es, diese zukünftige Einzigartigkeit unseres Glaubens
allein oder in Gruppen vorzubereiten, zu praktizieren und zu
erleiden. Wir haben aber die Verheissung unseres Herrn, die
wichtiger ist als aller Glanz und alle Herrlichkeiten und der
Erscheinungsformen der bisherigen und der noch bestehenden
Kirchen, wir haben das schon erwähnte Wort:
"Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich
mitten unter ihnen."
Es es gut, kurz darauf einzugehen, wie es zu dieser Ablehnung des
Christentums, einschliesslich des echten christlichen Glaubens
gekommen ist und noch kommt.
Ich sehe das an 3 Fakten:
Der Fortschritt (oder wie man es auch nennen mag) der Wissenschaft
und der Technik usw., der uns ein vollkommen anderes Bild von der
Welt und von uns Menschen gibt, das nicht in Übereinstimmung ist
mit dem, was uns die Heilige Schrift überliefert. Das erfordert
eine grundsätzliche theologische Auseinandersetzung. Weil das noch
nicht oder nur an wenigen Punkten geschehen ist, ohne die
Gemeinden damit zu konfrontieren, fühlt sich der Mensch von heute
durch den christlichen Glauben nicht mehr angesprochen und
verlässt die Kirche und gibt zum grössten Teil seinen Glauben auf.
Er gibt sich einer verschwommenen Religiosität hin.
Das 2. Faktum, das uns heute und in der kommenden Zeit auf die
Probe stellen wird und uns in unserem Glauben an den Herrn dieser
Welt, Jesus Christus, ins Wanken bringen will und wird, ist der
uns Christen und den Gemeinden und Kirchen gegebene Auftrag, uns
der Armen, Notleidenden und Unterdrückten und der auf dieser Erde
Zukurzgekommenen anzunehmen und uns für sie einzusetzen, d.h. auch
gegen die Ursachen und Mächte, die dahinterstehen, wie auch gegen
eine Geldpolitik, die nur auf viel Gewinn aus ist, wie Korruption,
Verschleuderung von Staatsgeldern, wie Regierungen und besonders
Diktaturen mit ihrem menschenfeindlichen und verbrecherischen
Gehabe, wie die Fortschritte, die mit der Vergiftung der Umwelt
einhergehen. Das Gleiche gilt für das, was aus diesem allem folgt,
Verbrechen jeglicher Art, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit. Zu
diesem Kampf sind die wirklichen Nachfolger und Nachfolgerinnen
aufgerufen. Aber dieser Kampf führt uns als Christen und als
Kirchen in eine grosse Feindschaft und Verächtlichmachung durch
die angeführten Mächte. Dadurch werden wiederum im grossen Stile
viele schwachen und Namenschristen dazu geführt, besonders
natürlich die, die mit diesen Mächten zusammenarbeiten, den
christlichen Glauben aufzugeben und die christliche Gemeinde zu
verlassen. Die Gemeinden und Kirchen werden immer kleiner.
Das 3. Faktum, mit dem in der Zukunft gerechnet werden muss,
heisst: Wir werden immer mehr ebenfalls eine "arme" Kirche, die
ehemals eine Kirche für mittelständische Gemeindeglieder war, nun
aber bereits auf dem Wege ist, eine Kirche zu werden, die aus
Gliedern besteht, die an der Armutsgrenze leben und kaum mehr
etwas finanziell zur Gemeindeerhaltung, geschweige zur Ausführung
des der Gemeinde bzw. der Kirche gegebenen Auftrags finanziell
beizutragen in der Lage sind. Dazu kommt, dass die grossen Hilfen
aus der Evangelischen Kirche in Deutschland mit den verschiedenen
Verzweigungen und anderen Hilfsorganisationen immer geringer
ausfallen bzw. ganz eingestellt werden. Sie hat durch die
Herrschaft des Neokapitalismus, ausgedrückt auch durch das Wort
Globalisierung dieselben Probleme wie wir, wenn auch in einem
geringeren Masse. Diese Hilfen haben uns wirklich in mancherlei
Hinsicht geholfen, aber gleichzeitig daran gehindert, die
wirkliche Situation unserer Kirche zu erkennen oder auch zu
akzeptieren und danach zu handeln.
Aus dem allem folgt, dass wir die Organisation der Kirche und der
Gemeinden, einschliesslich der dazu gehörenden Werke in dem
gleichen Umfange wie bisher aus eigenen Mittel nicht mehr halten
können. Was geschieht mit den vielen Pfarrstellen und diakonischen
Diensten und kirchlichen Gebäuden, die im Stile der
mittel-ständischen Epoche entstanden und jetzt auch
dementsprechend unterhalten werden müssen?
Die Grossgemeinde Buenos Aires z.B. mit ihren 9 Pfarrern,
einschliesslich der Gemeindezentren etc. zählt nur 2000
Gemeindeglieder. Und alles das, was wir in unserer ganzen Kirche
in Argentinien, Uruguay und Paraguay laufend unterhalten, muss
bald aus unseren Gemeinden selbst kommen oder wir müssen vieles
aufgeben. Man kann kein Wunder zur Lösung dieser Probleme
erwarten. Schier übermenschliche Wunder erwarten zu wollen, grenzt
an Verantwortungslosigkeit.
Es gibt heute bereits viele Familien, z.B. in Buenos Aires, im
Umfeld unserer Gemeinden, die nicht einmal das Fahrgeld für den
Omnibus zur Verfügung haben, um am Gottesdienst der nächsten
Gemeinde teilzunehmen, geschweige den Gemeindebeitrag zu bezahlen.
Wir stehen also bereits in einem Prozess hin zu einer Kirche der
Armen und haben ganz neu zu lernen, was es zunächst heisst, eine
"arme" Kirche für noch Mittelständler und gleichzeitig für
Menschen an der Armutsgrenze zu sein.
Wenn wir das bisher Gesagte ernst nehmen, das uns gewissermaßen
einen Einblick nicht nur in unsere Kirche, sondern in die meisten
Kirchen der Welt, gibt, dann muss uns von vornherein klar sein,
dass der Weg einer 2-tausendjährigen Geschichte der Kirche Jesu
Christi, den man mit Thron und Altar oder Staat und Kirche
charakterisieren, ferner unter dem Aspekt der VOLKSKIRCHE mit
ihren verschiedenen Erscheinungsformen sehen kann, sich seinem
Ende nähert. In dieser Geschichte sind viele Irrtümer und Abwege,
auch Verleugnung des christlichen Glaubens unter einem
christlichen Gewand, erkennbar. Allerdings hat es immer wieder
aufs neue bis auf den heutigen Tag Beweise eines echten Zeugnisses
des Evangeliums von Jesus Christus gegeben und dass seine Stimme
gehört und seinem Wort gefolgt wurde.
Die Ablösung dieser 2-tausendjährigen Geschichte wird einmal ein
langjähriger Prozess sein und zum anderen nicht ohne Probleme und
Schwierigkeiten und Nöte selbst innerhalb der Christenheit vor
sich gehen. Aber wir dürfen als Christen, die es mit ihrem Glauben
an Jesus Christus ernst nehmen, trotzdem getrost nicht nur in die
Zukunft blicken, sondern sogar gehen, weil auch in diesem Umbruch
Jesus Christus an unserer Seite mit uns den Weg gehen wird. Das
Endziel dieses Weges ist noch nicht erkennbar, es liegt
ausschliesslich und allein in SEINEN Händen. Aber was erkennbar
erscheint, ist, dass wir als Christen, als Kirchen und als gesamte
Christenheit an den Ursprung unseres Weges zurückgeführt werden.
Dieser Weg begann vor 2000 Jahren dort im Lande Palästina mit den
bekannten Orten Bethlehem und Nazareth und Jerusalem, da dieser
Jesus von Nazareth wirkte und um sich eine kleine Schar von
Nachfolgern sammelte und dieselben wiederum beauftragte, nach
seinem Tode und nachdem er sich als lebend erwiesen hatte,
ebenfalls Aktionsgruppen zu sammeln, um die Botschaft vom Heil für
uns Menschen, das uns die Möglichkeit gibt, als Menschen
menschlich zu leben, weiter zu sagen und selbst zu praktizieren.
Wenn in dieser ersten Zeit der Urchristenheit von Gemeinden und
Kirchen die Rede ist, dann sind eben solche Aktionsgruppen oder
auch Hausgemeinden oder Hauskirchen gemeint, in denen Mitläufer
sich nicht halten konnten, sondern alles auf echte Nachfolge
eingestellt war. Es wird um die echte Nachfolge eines jeden
gerungen und das Wort Jesu von jedermann ernst genommen: "Wollt
Ihr auch weggehen?"
Aber gleichzeitig wird auch das andere Wort Jesu akzeptiert:
"Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."
Das ist etwas anderes als unser Bemühen um jedes Mitglied unserer
Gemeinden, um finanziell ihre Strukturen möglichst aufrecht zu
erhalten. Wie schon gesagt wurde, der Weg in die erwähnte Zukunft,
auf dem wir uns schon befinden, wird ein langer Prozess sein und
je nach der Situation sich anders gestalten und unter keinen
Umständen in völliger Übereinstimmung von uns allen gegangen
werden, mehr gezwungen als freiwillig, der "Not gehorchend und
nicht dem eigenen Triebe." Das gilt für die ganze Christenheit,
für alle Kirchen in der Welt. Das gilt selbstverständlich auch für
unsere Evangelische Kirche am La Plata.

* Wie könnte in Ihrer Meinung, die Vorbereitung dieses Weges für
alle, die wirklich glauben und Verantwortung zu übernehmen bereit
sind, die wirkliche Nachfolger Jesu sein wollen, aussehen?

1. In Zukunft sollte noch mehr als bisher das, was wir als
verschiedene Gemeinden gemeinsam tun können, auch getan werden
oder wenigstens probiert werden.
2. Das Niveau der theologischen Ausbildung sollte auf alle Fälle,
solange es noch möglich ist, auf voller Höhe aufrecht erhalten
werden, damit die Auseinadersetzung mit der Modernität in den
wissenschaftlichen Erkenntnissen intensiv ausgeführt, bzw. unter
Umständen sollten diese Erkenntnisse auch von uns akzeptiert
werden und ihren Ausdruck auch in Liturgie, Predigten, Katechesen
und sonstigen Verlautbarungen finden. Alle, die Christen sein
wollen, sollten damit vertraut gemacht werden. Trotzdem muss aus
ehrlichen Gründen bei der zukünftigen Theologenausbildung darauf
hingewiesen werden, dass dieser Dienst in Zukunft nur part-time
ausgeübt werden kann, vielleicht sogar ganz ohne Bezahlung. Dann
wäre zunächst als Bedingung zur Berufung in einen pfarramtlichen
Dienst die Erlernung eines 2. Berufes zu stellen. Mit dem
diakonischen Dienst ist ja bereits immer als Voraussetzung die
Ausbildung in einem sozialen Beruf gegeben, der auch allgemein
anerkannt wird.
3. Alles, was zum Verständnis der Botschaft vom Heil für uns
Menschen in der Heiligen Schrift dient, sollte in der nächsten
Zeit in den Gemeinden intensiviert werden, damit jeder der zur
augenblicklichen Form der Kirche gehört und ein Christ sein will,
weiss, an wen und was er glaubt und was von ihm erwartet wird. Um
das zu ermöglichen, sollten alle Wege genutzt werden. Ziel sollte
sein, jeder Christ ein Zeuge Jesu Christi.
4. Das wäre auch eine gewisse Voraussetzung dafür, dass der
professionelle Dienst in der "armen" Kirche immer mehr und
kontinuierlich aufgegeben werden kann, ja muss, weil diese Dienste
einfach in Zukunft finanziell nicht mehr zu halten sind, ebenfalls
das nicht, was an Ausgaben für die Erhaltung der Pfarrhäuser,
Gemeindezentren, Kirchenleitungs- und auch diakonischen Dienste,
die wir nur durchführen konnten, weil wir das Geld aus der
Heimatkirche etc. bekommen hatten. Wir können nur das ausgeben,
was wir als Christen in einer Gruppe oder in einer Gemeinde oder
in einer Kirche durch eigene Mittel auszugeben in der Lage sind
und wozu uns unser Herr willig macht.
5. Diese Entwicklung am Ende einer Zeitepoche, gekennzeichnet
durch Thron und Altar und Staat und Kirche und was wir unter
Volkskirche verstehen, kann und sollte dazu führen, dass jeder,
der sich Christ nennt, auch als ein gehorsamer Jünger Jesu lebt.
Dazu werden immer nur wenige gehören, die, wenn es hoch kommt, zur
Bildung von kleinen Aktionsgruppen führen. Massen in den Kirchen
sind Ergebnisse der vergehenden Epoche, die einem echten
Jüngergehorsam selten helfen, meistens aber im Wege stehen, unter
Umständen sogar verhindern. Ich stehe dem Versuch, sich durch die
Entwicklung der sogenannten "charismatischen Bewegung" der
angegebenen Entwicklung entgegen zu stemmen und die Massen wieder
dem christlichen Glauben näher zu bringen, wie z.B. durch
Krankenheilungen, sehr kritisch gegenüber. Letzten Endes geht es
doch um die Erneuerung, wenn auch in einer anderen Form, einer
Volkskirche. Hoffentlich ist es nicht eine Parallele zu dem, was
heute unter der Bezeichnung Pop-Musik oder Pop-Star überall in der
Welt hochkommt und Massen begeistert zusammenbringt und im Nu ist
alles wieder in ein Nichts zerronnen. Meines Erachtens wird auch
der Versuch der römisch-katholische Kirche, krampfhaft an diesem
Modell Thron und Altar, sogar mit der Variante KIRCHE IST STAAT
(Vatikanstaat) scheitern.
6. Das, was Jesus Christus von einem gehorsamen Jünger erwartet,
können wir in einer dreifachen Weise beschreiben, einmal, dass er
sein Leben als Einzelner, in der Ehe, in der Familie und in der
Gesellschaft als ein Christ im Sinne Jesu führt, zweitens, dass er
vor anderen Menschen in Wort und Tat bezeugt, dass er zu dem Herrn
Jesus Christus gehört und dass nur in ihm das Heil für sie und
alle Menschen liegt, und drittens, dass er da, wo er steht, lebt
und arbeitet, sich um die Armen und Notleidenden, Zukurzgekommenen
und Kranken bemüht, selbst wenn das nur mit den ihm verliehenen
Fähigkeiten und Möglichkeiten geschehen kann, selbst wenn er einem
Durstigen nur ein Glas Wasser reichen kann. Dazu gehört auch der
Einsatz, wenn er auch noch so klein ist, für die Erhaltung dieser
Erde, die bereits durch uns Menschen so geschädigt ist, dass sie
als Grundlage für das Leben der Menschen und der Tiere und der
Pflanzenwelt in Gefahr ist. Diese angeführten Aufträge im Dienste
unseres Herrn sind selbstverständlich leichter auszuführen, wenn
einige mehr da sind, die den gleichen Weg mit uns gehen, die eine
Aktionsgruppe bilden, sich gegenseitig im Dienst helfen und
stützen und auch ermahnen und die vielleicht gemeinsam an die
Ausführung ihres Auftrages gehen können und gemeinsam ihren Herrn
durch die Heilige Schrift konkret fragen, was sie tun sollen.

JESUS SAH EINEN MANN AM ZOLL SITZEN, DER HIESS MATTHÄUS;
UND ER SPRACH ZU IHM: FOLGE MIR!
UND ER STAND AUF UND FOLGTE IHM. (Matth.9, 9)


Buenos Aires, den 31. Dezember 1999