Brief zum Weihnachtsfest 1997
Documento 163
Lugar/Ort:
Fecha/Datum:1997
Resumen/Skopus:


Esther und Karl Schwittay
Andrés Lamas 563
1714 Ituzaingó
Prov. Buenos Aires
Argentinien
Tel. 624-2841
e-mail: carloss@cvtci.com.ar



Ituzaingó, den 1.Dezember 1997

Ihr Lieben!

Im vergangenen Jahr hatte mein Weihnachtsbrief ein großes Echo
gehabt. Wir bekamen im neuen Jahr 1997 viele liebe Briefe, über
die wir uns sehr freuten und uns hier bedanken möchten, sodass ich
den Mut habe, auch in diesem Jahr zu Weihnachten zu grüssen und
ein wenig von uns zu erzählen.
Das Wetter ist ausserdem in diesem Jahr besonders günstig, (durch
"NIÑO") viel Regen und damit auch Abkühlung. Im Garten ist alles
saftig grün und die Frühlingsblumen halten länger. Da mag man auch
mal gerne einen Brief schreiben.
Der für uns so angenehme Winter brachte diesmal einige Schrecken.
Karl knickte ein paar Mal total ab. Einmal, um Pfingsten, war es
eine hochfiebrige Blasenentzündung, die nicht gleich erkannt, dann
aber doch überwunden wurde.
Und über lange Wochen quälte uns eine hartnäckige Bronchitis. Da
waren wir in unserer Unternehmungslust sehr gebremst. Z.B. einen
Besuch in unserer alten Gemeinde Aldea Protestante schoben wir
immer auf. Wir waren nachträglich froh, dass wir im April im
nahegelegenen Baradero noch einmal die diesjährige Pfarrkonferenz
mitgemacht hatten. Die neuen Gesichter kennen zu lernen und die
Sorgen und Nöte unserer Kirche noch einmal so nah und warm mit auf
unser Herz zu nehmen, tat gut.
Aber jetzt sind wir wieder gut drauf und wenn wir die Reise nach
Berlin in der Deutschen Welle gewinnen, fahren wir munter nach
Deutschland.-
Karl wurde in diesem Jahr 80 Jahre alt. Wir feierten in La Plata
in Rubens Haus ein fröhliches Fest. Die beiden Schwiegertöchter
hatten eine Torte gemacht mit nicht weniger als 80 Kerzchen.
Den Kindern geht es, den Verhältnissen im Lande nach, gut, wenn
auch, wie am Telefon Ruben sagt, er habe (am 28.) keinen Pfennig
in der Tasche, das wohl allen passieren kann. Das kommt sogar bei
uns vor.
In der vergangen Woche hatten wir einen grossen Ausflug gestartet
nach Tandil zum Grundstück von Joachim und Mariana.-Das erste
Mal!- Ruben hatte sein altes Mobil für ein besseres umgetauscht.
Und so war die 6-stündige Fahrt hin und her schon allein bei
schönstem Wetter, ein fröhliches Unternehmen. Ganz unglaublich,
was wir da zu sehen bekamen. Allein die Wasserverhältnisse zu
konstruieren auf diesem bergigen Grundstück, am Fusse steht die
Mühle, dann die Rohre legen bis auf die Spitze zu einem grossen
Wassertank, dann jetzt der Hausbau mit ausgehobenem Keller und
Grundsteinmauern, das muss einem allen Respekt abverlangen.
Wieviel Steine und Erde sie bewegt haben in dieser Zeit, könnt Ihr
Euch nicht vorstellen, und alles ganz allein ohne Hilfe. Auf
halber Höhe gibt es eine, mit Erde aufgefüllte Quinta, wo die
herrlichsten Sträucher und Bäume wachsen.
Also wir verlebten 3 Tage der schönsten Erinnerungen, nicht zu
vergessen ein zünftiges Asadoessen in freier Natur unter einer
Gruppe von 80-jährigen Zedernbäumen.
Und mittendrin die kleine Katalina, die jetzt 10 Monate alt ist
und mit 9 schon ihre ersten Schritte tat. Sie hat ein ganz
besonderes Lachen, das der 8-jährige Martin durch seine
Clownstückchen besonders hervorlocken kann.-
So erleben wir glücklich und dankbar unsere alten Tage.
Ah - eins muss ich noch erzählen, was mir viel Spass gemacht hat.
Ich habe dem Schriftsteller Günter Grass einen langen Brief
geschrieben. Seit wir sein erstes Buch, die Blechtrommel, in den
50-er Jahren entdeckten, verfolgten wir jede Neuerscheinung und
auch seine politischen Aktivitäten. Er ist und war so ein Mann,
der goldrichtig aussprach und tat, was man selber wohl tun und
sagen würde. Als er jetzt wieder einmal so angegriffen wurde,
anlässlich seiner Reden am 3. Oktober und in Frankfurt bei der
diesjährigen Literatur-Preisverleihung, dachte ich, jetzt ist es
Zeit, ihm mal die ganze Sympathie kund
zu tun, die ihm auch hier im fernen Argentinien blüht. Durch
unsere Kinder wissen wir, dass es auch hier einen beachtlichen
Kreis von (spanischen) Lesern gibt. Wir brauchten auch hier solche
Leute, die den unverantwortlichen Politikern ihre Meinung
unverblümt sagen.
Zu diesem Thema möchte ich nur noch Karls Wunsch mit seinen 80
Jahren sagen, dass er es am liebsten noch erleben möchte, wie
dieses über die ganze Erde gespanntes Netz, das sich
Globalisierung nennt, also der grausame Kapitalismus, genauso vom
Sockel fällt, wie der grausame Kommunismus.
Grund zu solchem Wunsch war das Ergebnis unserer letzten
Parlamentswahl hier im Land, wo unser so signierter Präsident
Menem die Schlacht haushoch verloren hat. -Man kann es also auch
wirklich überspitzen, die von Menschen produzierte Armut und das
Elend zu ignorieren.-
Da mein Zettel wohl hier seine Grenzen hat, will ich schliessen
mit dem nochmaligen Wunsch um ein friedvolles Weihnachtsfest,

Eure

mit Karl