Brief an Günter Grass
Documento 162
Lugar/Ort:
Fecha/Datum:1997
Resumen/Skopus:


Esther Schwittay
Andrés Lamas 563
1714 Ituzaingó
Prov. Buenos Aires
Argentinien Ituzaingó, den
5. November 1997
Lieber Günter Grass,
der Brief, den ich jetzt an Sie schreibe, hätte längst vor vielen
Jahren geschrieben sein sollen.
Mein Mann war 1955 vom Kirchl. Außenamt der EKiD als
Pfarrer nach Argentinien entsandt worden in eine Bauerngemeinde in
der Provinz Entre Ríos.
Dort blieben wir fast 3o Jahre.
Um nicht ganz vom Leben drüben abgeschnitten zu sein, abbonnierten
wir Zeitschriften und Rowohlt- und Fischer-Taschenbücher.
Da geriet uns das Buch DIE BLECHTROMMEL in die Hand und wir waren
begeistert.
Ich sagte, da schreibt ein Mann, der mal was Großes wird, und
fortan warteten wir gespannt auf jede Neuerscheinung, wo sich
unsere Vermutung denn auch bestätigte.
Wir beobachteten Ihre politischen Aktivitäten (Tagebuch einer
Schnecke + Örtlich betäubt) und waren in beglückender
Übereinstimmung mit Ihnen.
Mein Mann und ich sind gebürtige Essener und hatten eine große
Verehrung für Gustav Heinemann. Sie wissen, was ich damit meine.
So lasen wir -wir tun das immer noch gemeinsam- alle Ihre Bücher
bis auf das Letzte, das seinen Titel aus dem Hesekiel oder Effi
Briest entnommen war.
Ich gestehe, wir knackten ziemlich daran herum, konnten aber die
harsche Kritik eines Reich-Ranicki nicht nachvollziehen, denn es
ist wieder einmal ein Zeitdokument.
Selbst dieses Buch wurde hier viel gelesen. Das wissen wir von
unseren Kindern.
Mir war es immer ein Rätsel, wie man GRASS ins Spanische
übersetzen könnte. Aber ja, es muß noch gute Übersetzer geben,
denn es gibt eine enthusiastische Lesergemeinde hier in
Argentinien. Seit dem unglücklichen Falklandkrieg 1982, der aber
unserer Militärdiktatur ein Ende machte, leben mein Mann und ich
in Buenos Aires im Ruhestand. Mein Mann ist Jahrgang 17 und ich
26.
Keines unserer 4 Kinder wollte zurück nach Deutschland gehen,
obwohl wir viele Male dort im Urlaub waren und ein Sohn 2 Jahre in
Berlin verbrachte, um einem evtl. Beaglekrieg aus dem Wege zu
gehen. Sie können es nicht verzeihen, daß man seit Jahrhunderten
seinen Wohlstand mästet an der Ausbeutung dieses Kontinents bis
auf den heutigen Tag. Auch mir ist schockartig einmal klar
geworden, daß all die Herrlichkeiten in Kunst und Architektur in
der abendländischen Kultur nur möglich waren auf dem Humus der
unmenschlichen Beute der Kolonisatoren.
Die Ablaßgelder, über die sich Luther noch so aufregte, waren ja
nicht mehr nötig. Es flossen Reichtum und Gold in Strömen aus
diesem geschunden en Kontinent.
Sie können sich denken, daß wir nach langen Jahren Hierseins offen
geworden sind für unsere südamerikanische Theologie der Befreiung.
Entscheidend ausgedrückt ist sie in dem Liedanfang:
"Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme!"
Viel zu lange hatten wir uns aufgehalten mit den Versprechungen
auf den Himmel, wo's uns besser ginge, "wo wir bei seinen Engeln
sind".
Nein, wir lernten es ganz ernst zu nehmen, was Jesus mit den
Worten meinte "das Himmelreich ist mitten unter Euch getreten!" Es
genügt nicht, diese Gerechtigkeit hier und da unter Brüdern
aufblitzen zu sehen. Es müssen auch Systeme verändert werden
können, die den Reichen dieser Welt auf die Finger schauen.
Aus unserer Kirche hier am La Plata ist inzwischen eine eigene
bodenständige geworden. Unsere jungen Kollegen werden hier an
einer eigenen Fakultät ausgebildet. In neuen Liedern und Predigten
kommen diese Einsichten zum Ausdruck, natürlich in spanisch.
Man hat ja am diesjährigen Kirchentag das Thema GERECHTIGKEIT
gehabt. Aber mir scheint, es wurde mehr gefaselt darüber als
gesprochen. Ganz natürlich ist das im Gegensatz zu dem so modern
gewordenen globalen, menschenverachtenden Neukapitalismus, den zu
praktizieren unser argentinischer Präsident im Jahre 1989, als er
an die Macht kam, nicht schnell genug nachkommen konnte als braver
Vasall seines gr. Bruders im Norden. (Clinton und Kohl lobten ihn
jüngst deswegen über allen Klee.) Aber daß man es auch überspitzen
kann, hatten wir vor einer Woche die Freude zu erleben bei der
Parlamentswahl, wo die Opposition (sie hatte sich
zusammengeschlossen) haushoch gesiegt hat.
Das gibt Anlaß zu hoffen, daß die zunehmende Armut in der Welt
nicht ewig ausgehalten werden kann. Mein Mann möchte es am
liebsten noch erleben, daß dieser grausame Kapitalismus einmal
genau so vom Sockel fällt wie der Kommunismus.
Zum Schluß möchte ich ein Gedicht von Rainer Maria Rilke
niederschreiben -auswendig-, Sie werden sehen, warum:
Ein PROPHET
Ausgedehnt von riesigen Gesichten,
hell, vom Feuerschein
aus dem Verlauf der Gesichte,
die ihn wie vernichten,
sind die Augen,
schauend unter dichten Brauen
und in seinem Innern
richten sich schon wieder Worte auf;
nicht die seinen,
ach, was wären seine
und wie schonend wären sie vertan,
andre, harte, Eisenstücke, Steine,
die er schmelzen muß wie ein Vulkan,
um sie auszustoßen aus dem Abgrund,
welcher flucht und flucht,
während seine Stirne,
wie des Hundes Stirne, das zu tragen sucht,
was der Herr von seiner Stirne nimmt.
Dieser, dieser, den sie alle fänden,
folgten sie den großen Zeigehänden,
die ihn weisen, wie er ist,
ERGRIMMT.
Wir hörten Ihre Reden am 3. Oktober und bei der Preisverleihung
der Frankfurter Buchmesse, auch die Kritiken darüber.
Unser Wunsch ist für Sie, nicht müde zu werden an dem "Schmelzen
der Eisenstücke, Steine", die auch Sie ausstoßen müssen.
Mit diesem Brief wollte ich nichts anderes, als daß Sie wissen
sollen, daß man Sie auch am Ende der Welt hier in Argentinien
schätzt und ehrt.

Mit freundlichen Grüßen,
auch an ihre Frau,
Ihre



Viele Grüße ebenfalls
von meinem Mann!


Antwort auf diesen Brief:


Sekretariat Günter Grass
Glockengiesserstrasse 21
23552 Lübeck
Telefon 0451-794800


Frau
Esther Schwittay
Andrés Lamas 563
1714 Ituzaingó
Porov. Buenos Aires
Argentinien

Lübeck, den 5.Dezember 1995

Sehr geehrte Frau Schwittay,

neben mir liegt Ihr Brief vom 5. November, den Herr
Grass aufmerksam und mit mehreren nachdenklichen
Pausen gelesen hat.
Die Reaktion auf die Laudatio, die Herr Grass in der
Frankfurter Paulskirche für Yasar Kemal gehalten hat,
der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
erhielt, wird im Januar vom Steidl Verlag-natürlich
zusammen mit mit den Texten beider Ansprachen, auch
die Rede von Herrn Kemal-in einem Taschenbuch zu-
sammengefasst veröffentlicht werden. Es ist gut zu
wissen, dass eine solche Ansprache auch über weite
Strecken hin offene Ohren findet. Vielen Dank für
Ihren Zuspruch!
Wir haben überlegt, wie wir Ihnen eine kleine Freude
machen können und hoffen, das Richtige gefunden zu
haben. Der Titel schien uns gut zu Ihrer Beobachtung
aus der Distanz, die Sie in Ihrem Brief schilderten,
zu passen.
Freundliche Grüsse


Hilde Ohsding


Widmung von Günter Grass in seinem mitgeschickten
Buch
DER SCHRIFTSTELLER ALS ZEITGENOSSE:

"Für Esther Schwittay
mit Dank für den freundlichen Brief,
Günter Grass
am 21. November 1997