Präsident Menems Gnadenakt
Artículo 148
Lugar/Ort:Argentinisches Tageblatt
Fecha/Datum:1990
Resumen/Skopus: Eine Artikelserie mit Antworten von Oktober 1989 bis März 1990 im Argentinischen Tageblatt


DER MARSCH GEGEN DIE BEGNADIGUNG
Argentinisches Tageblatt 10-9-1989

1 Am Freitagabend der Vorwoche fand in der Stadt Buenos Aires ein
Marsch gegen die Begnadigung der Militärs statt, der vor dem
Kongress endete. Nach der Polizei waren es knapp über 30.000
Menschen, nach anderen offiziellen Quellen etwas mehr, nach guten
privaten Schätzungen etwa 80.000 und nach Meinung der Gruppen, die
diese Kundgebung organisiert haben, 150.000, was
selbstverständlich eine Propagandazahl ist. Daß die linken Gruppen
bis zu 80.000 Menschen zu einem solchen Anlaß zusammenbringen, ist
nichts Neues. Die trotzkistische Partei MAS ("Movimiento al
Socialismo"), plus die kommunistische Partei, plus die als
"Coordinadora" bekannte Gruppe des Radikalismus,
plus die peronistische Jugend, die seinerzeit enge Beziehungen zu
den Montoneros unterhielt, plus die Mütter der Plaza de Mayo und
Organisationen, die für die sogenannten Verschwundenen eintreten,
sollten eigentlich bedeutend mehr Menschen mobilisieren. Gewiß gab
es auch in Städten des Landesinneren Kundgebungen analoger Art,
die jedoch viel beschränkter waren. Daß es mindestens 100.000
Leute gibt, wahrscheinlich sogar bedeutend mehr, die gegen eine
Begnadigung der Militärs sind, ist auch ohne diesen Marsch
bekannt. Wenn auf der anderen Seite eine Kundgebung für die
Begnadigung der Militärs durchgeführt würde, würden sich gewiß
noch mehr Menschen sammeln, da allein schon die Militärs plus
Mitglieder der Polizei, der Gendarmerie und der Marinepräfektur,
mitsamt ihren Familienangehörigen weit über 200.000 Menschen
ausmachen. Gemessen an einer Bevölkerung von über 32 Millionen
Menschen sind doch diese Zahlen unbedeutend.
Menem ist auf diese Show nicht hereingefallen und hat sofort
bestätigt, er bleibe bei seiner Entscheidung. In linken Kreisen
kam der Gedanke eines Plebiszites auf, etwa wie in Uruguay. Doch
Verteidigungsminister Luder winkte ab; dadurch würden die
Gegensätze in der argentinischen Gesellschaft nur hochgespielt. In
der Tat braucht das Land Befriedung; eine Wahlkampagne für ein
Plebiszit würde nur noch mehr Unheil anrichten, wobei hier auch zu
bedenken ist, daß unter Alfonsin das Fernsehen und ein großer Teil
des Rundfunks eine manchmal offene und oft versteckte Hetze gegen
die Militärs betrieben haben, sodaß man erst damit beginnen müßte,
die Dinge objektiv darzustellen, was die staatlichen Medien zu
einem wahren Schlachtfeld machen würde, ausgerechnet in einem
Augenblick, in dem sie privatisiert werden sollen.
Präsident Menem hat eine gute Kenntnis des echten Volksempfindens,
so daß er den Inszenierungen linker Gruppen nicht auf den Leim
geht. Nicht umsonst hat sich Menem schon seit zwanzig Jahren
ständig unter das Volk gemischt, mit aller Welt gesprochen, alle
Leute angehört, mit ihnen Asado gegessen, Fußball gespielt, Leute
umarmt und ihnen Hoffnung gegeben. Menem weiß, daß es in fast
jeder argentinischen Familie mindestens ein Mitglied der Streit-
oder Sicherheitskräfte gibt, so daß das Militärproblem mitten
durch die gesellschaftliche Struktur geht. Er weiß, daß die
Gesellschaft Frieden mit den Militärs wünscht, besonders im
Landesinnern, wo die militärische Laufbahn eine echte Alternative
für junge Leute ist und wo die Mütter gelegentlich Ausschau nach
einem sympathischen jungen Leutnant für ihre Töchter halten.
Aber Menem weiß auch, daß die Bevölkerung die starke Zunahme der
Kriminalität, die unter der Alfonsin-Regierung stattgefunden hat,
in direktem Zusammenhang mit der Verfolgung der Militärs bringt.
Leute, die mehr als einmal überfallen oder deren Wohnungen
ausgeraubt wurden, oder Frauen, die vergewaltigt wurden, halten
wenig von einer Demokratie, die nicht in der Lage ist, ihnen die
persönliche Sicherheit zu gewährleisten, die sie unter der
Militärregierung hatten. Das Überwuchern der Kriminalität hat
gewiß damit zu tun, daß die Polizei es oft nicht wagt, energisch
vorzugehen, weil die Verbrecher dann mit einem Anwalt daherkommen,
der die Polizisten dann wegen Verletzung der Menschenrechte
anklagt, so daß sich dann gelegentlich die paradoxe Lage ergibt,
daß Verbrecher mehr Menschenrechte genießen als ihre Opfer.
Das Problem der Kriminalität steht in zunehmend engerem
Zusammenhang mit dem Rauschgifthandel. Ein echter Ganove überfällt
eine Bank oder andere Objekte, die ihm viel Geld einbringen. Aber
ein Rauschgiftsüchtiger stiehlt die Handtasche, einen
Kassettenrekorder oder irgend etwas, was ihm das nötige Kleingeld
für die tägliche Dosis gibt. Der Drogensüchtige verliert leicht
seine Hemmungen, weshalb er schnell tötet und vergewaltigt. Wenn
Menem der Bekämpfung des Rauschgifthandels besondere Bedeutung
beimißt, so spricht er dem einfachen Mann des Volkes aus der
Seele.
Allein, dieses Problem wird sich letztlich nur unter Mitwirkung
der Streitkräfte lösen lassen. Die Drogenmafia hat derartig hohe
Geldmittel, daß sie alles amdere korrumpiert oder durch direkte
Drohung und nackte Gewalt ihre Bekämpfung unmöglich macht. In
Kolumbien werden Richter und auch die für den Kampf gegen den
Rauschgifthandel zuständigen Regierungsbeamten bedroht und auch
effektiv ermordet. Leute, von denen man mit Sicherheit weiß, daß
sie Mitglieder dieser Mafias sind, werden mit fadenscheinigen
Begründungen freigelassen. Mag sein, daß ein Richter großen
persönlichen Mut hat; aber wenn es um das Leben seiner
Familienangehörigen geht, bricht auch der tapferste Mann zusammen.
Die Problematik der Bekämpfung des Drogenhandels ist letztlich
nicht viel anders als die des Kampfes gegen den Terrorismus, wobei
beide Gruppen in Kolumbien sogar zusammengehen und wohl auch in
Argentinien nicht zaudern dürften, eine Konvenienzehe dieser Art
zu schließen. Will man die Rauschgiftmafia in Kolumbien oder in
Argentinien ausmerzen, wird schließlich angesichts der
Machtlosigkeit der Justiz nicht anderes übrig bleiben als ähnliche
Methoden anzuwenden, wie sie überall in Lateinamerika beim Kampf
gegen den Terrorismus eingesetzt worden sind.
Präsident Menem erklärte zum Militär, man solle nicht rückwärts
schauen, sondern an die Zukunft denken. In der Tat hat sich
Alfonsin derart in die Verurteilung der Vergangenheit verwickelt,
daß er die Behandlung des Problems nach fünfeinhalb Jahren nicht
bewältigen konnte. Diesen Fehler will Menem nicht begehen. In
Lateinamerika, wo die Staaten schwach sind, weil die moderne
gesellschaftliche politische Struktur bei weitem nicht so
gefestigt ist wie in Westeuropa oder Vereinigten Staaten, brauchen
die Regierungen die Streitkräfte, um die Autorität, die in
gefestigten Demokratien gar nicht zur Diskussion steht, behaupten
zu können. Hätte z.B. die CGT 13 Generalstreiks gegen die
Alfonsin-Regierung gewagt, wenn sie gewußt hätte, daß diese mit
dem vollen Rückhalt der Streitkräfte zählt? In Lateinamerika
stellen die Streitkräfte eine der Säulen dar, auf die sich eine
echte Regierung stützt, die sich gegenüber Interessengruppen, die
zum Teil echte Mafias italienischer Art sind, durchsetzen muß. Das
hat die Alfonsin-Regierung nicht begriffen, die sogar so weit
ging, im Verteidigungsgesetz die Streitkräfte ausdrücklich bei
internen Konflikten auszuschließen.
Die formellen Argumente, die die Linke gegen die Begnadigung
aufbringt, sind belanglos. Der Präsident hat im Rahmen der
Verfassung diese Möglichkeit, so- daß diese Lösung perfekt in die
geltende Rechtsordnung paßt. Was hingegen mit der Verfassung
kollidiert, sind die Gesetze über Schlußpunkt und
Gehorsamspflicht, die, wie es Italo Luder wiederholt erklärt hat,
nur als Amnestien ein rechtliches Fundament haben und als solche
dann nach der Verfassung allgemeingültig sein müssten. Aber
außerdem besteht für objektive Beobachter kein Zweifel darüber,
daß der Prozeß gegen die Militärjuntas und die Offiziere, die den
Krieg gegen den Terrorismus geführt haben, eine politische
Angelegenheit war, wie es auch der Umstand zeigt, daß der
anklagende Staatsanwalt Strassera mit einem Botschafterposten
belobt wurde, einer der Richter mit dem Posten eines
Staatssekrtärs im Innenministerium und der andere mit dem des
allgemeinen Staatsanwalts, zwei hochpolitische Posten.
Der Kampf gegen den Terrorismus war eben ein Krieg, der wie so
viele in unserer Epoche nicht formell erklärt wurde. Die
Terroristen selber sprachen stets vom "revolutionären Krieg", sie
waren nach militärischem Vorbild organisiert, verfügten über
Kriegswaffen und hatten ein politisches Ziel, nämlich den
Gesellschaftsumsturz, die Machtübernahme, die ihren Krieg
rechtfertigte. Auch der Umfang des argentinischen Terrorismus läßt
keinen Zweifel daran, daß es ein Krieg war: nach Staatsanwalt Juan
Martín Romero Victorica, der die Umtriebe der Terroristen in
zweijähriger Tätigkeit anläßlich des Firmenich-Prozesses eingehend
untersuchte, waren es insgesamt 300.000, von denen 40,000 der
eigentliche Kern waren, von denen wiederum 15.000 Soldaten waren,
die Waffen benutzten. Nachdem bei allen Prozessen gegen Militärs
dieser Umstand, nämlich, daß es sich um einen Krieg gehandelt hat,
dessen Eigenart durch das Vorgehen der Terroristen geprägt worden
war, verneint wurde, bricht die gesamte Behandlung des Falles
durch die Justiz zusammen.
Bei der Frage um die Begnadigung geht es somit nicht um das
rechtliche Problem, sondern letztlich darum, ob unsere freie
Gesellschaft, die in das Modell der westlichen Zivilisation paßt,
erhalten bleiben soll oder nicht. Die Streitkräfte sind die letzte
Garantie gegen einen Gesellschaftsumsturz, wie er in Cuba und
Nicaragua schon stattgefunden und jämmerlich versagt hat. Wenn die
Streitkräfte kalt gestellt werden, ist die Voraussetzung für
diesen Umsturz gegeben, sei es mit Gewalt oder durch kulturelle
Unterwanderung, wie es der italienische Politologe Gramsci empfahl
und es von der Alfonsin-Regierung vorexerziert wurde.
Wie jetzt aus guter Quelle verlautet, sollen zunächst die
Offiziere begnadigt werden, die an den Aufständen von Rico und
Seineldin beteiligt waren. Das ist bitter notwendig, um Ruhe und
Ordnung innerhalb der Streitkräfte zu schaffen. Denn etwa achtzig
Prozent der Offiziere stehen zu Oberst Seineldin. Heereschef
General Isidro Cáceres hat sich dahingehend geäußert, daß diese
Offiziere sich zwar in der Methode geirrt hätten, daß sie jedoch
im Grunde ein echter Ausdruck der Stimmung des ganzen Heeres
waren. Wenn die Aufstände von Ostern 1987 und Dezember 1988 als
eine Reaktion auf die Agressionen bewertet werden, die die
Streitkräfte durch die Alfonsin-Regierung erlitten, dann ist es
nur recht und billig, daß dieses Problem gelöst wird. Die
Offiziere werden begnadigt, einige gehen dann in den Ruhestand wie
Rico selbst, während andere ihre Karriere weitermachen, angeblich
auch Seineldin.
An zweiter Stelle kommt dann noch die Begnadigung der hohen
Offiziere, gegen die noch Verfahren laufen, wie die Generäle
Riveros, Diaz Bessone, Bussi u.a. Das müßte bald geschehen, da
Riveros für den 13. Oktober vorgeladen wurde und dabei
höchstwahrscheinlich verhaftet würde. Schließlich käme dann noch
das Problem der Oberkommandierenden, die angeblich zu Weihnachten
oder Silvester begandigt werden sollen, womit das Militärproblem
dann gesamthaft gelöst wäre und Menem die Streitkräfte geschlossen
hinter sich hätte. Ob dann auch die Terroristen an erster Stelle
Firmenich begnadigt werden, ist eine andere Frage, wobei es auf
alle Fälle unvernünftig wäre, diese Begnadigung gleichzeitig mit
der der Oberkommandierenden zu vollziehen, weil man diejenigen,
die die Gesellschaft angegriffen haben, nicht mit denjenigen
gleichstellen kann, die sie verteidigt haben, wobei Firmenich
außerdem schon 1973 von einer Amnestie begünstigt wurde, und
danach seine verbrecherische Tätigkeit fortsetzte.
(Ohne Unterschrift)


2 Präsident Menems Gnadenakt -Arg.Tageblatt - 21-10-1989- Quilmes
Zu dem Artikel "Der Marsch gegen die Begnadigung" auf Seite 2 der
Ausgabe des "Argentinischen Tageblattes" vom 16. September 1989.
Wie in Ihrer Zeitung über eine Demonstration von 80.000 Menschen
gegen die Begnadigung der Militärs berichtet wird, ist uns völlig
unverständlich. Doch werden diese einfach zu linken Gruppen
gemacht, die eine Show organisieren und mit "Propagandazahlen"
operieren, und sie werden alle über einen Kamm geschert: Teile des
Radikalismus, peronistische Jugend, trotzkistische Partei,
kommunistische Partei, die Mütter der Plaza de Mayo und sonstige
Organisationen, die sich für die "sogenannten" Verschwundenen
einsetzen.
Und wieso schreiben Sie von "sogannten" Verschwundenen?
Die Gerichte des Landes haben eindeutig erklärt, daß Menschen zu
Zeiten der Militärdiktatur verschwunden, gefoltert und ermordet
worden sind. Aus diesem Grunde übrigens, falls Sie das vergessen
haben sollten, sind einige Militärs verurteilt worden, wegen
Verletzung der Menschenrechte.
Was Sie also schon in diesem ersten Abschnitt Ihres Artikels
schreiben, ist mehr als nur Propaganda, es ist Demagogie.
Auf die Form seltsamer Zahlenspiele, ob die Militärs samt
Familien, Polizei und Gendarmerie, die nach Ihrer Meinung alle für
die Begnadigung eintreten, eventuell noch mehr Menschen auf die
Straße bringen könnten, möchten wir dabei nicht weiter eingehen.
Sie schreiben angeblich für "eine Befriedung" des Landes. Was Sie
meinen, ist aber eine Befriedung der Militärs, die sich bis heute
weigern, aufzuarbeiten, was zur Zeit ihrer Diktatur in diesem
Lande geschehen ist: Menschen werden gefoltert und ohne je ein
Gerichtsverfahren bekommen zu haben, ermordet.
Zum Abschluß noch eine persönliche Frage an die Mitarbeiter Ihrer
Zeitung: Wie können Sie es einfach dulden, daß in Ihrer Zeitung so
offen das Vergessen der Opfer des schmutzigen Krieges propagiert
wird. Wie können Sie zustimmen, daß hier schneller vergessen als
getrauert werden soll, wo doch sonst besonders in Ihrer Zeitung
die Erinnerung an die vielen Opfer des Nationalsozialismus in
Deutschland zu Recht wachgehalten wird? Muß nicht in jedem Falle
der Opfer gedacht werden, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit
angeprangert werden und statt des Vergessens die Aufarbeitung der
Vergangenheit propagiert werden? Folgende Pastoren unterstützen
diesen Brief: Bruno Knoblauch (Buenos Aires), René Krüger
(Gualeguaychú), Karl Schwittay (Ituzaingó), Juan Abelardo Schvindt
(Buenos Aires), Federico Schäfer (Buenos Aires), Arno Kaib
(Temperley), Arturo Blatezky (Quilmes), Thomas Grebe (Quilmes).
I.A, Thomas Grebe

Anmerkung der Redaktion:
Zwei Dinge, die in diesem Leserbrief erstaunlich sind. Einmal der
Versuch, einen Parallelismus zwischen den "vielen Opfern des
Nationalsozialismus in Deutschland" und den Exzessen
argentinischer Militärs während des "schmutzigen Krieges" zu
konstruieren. Und zum zweiten die nicht minder erstaunliche
Tatsache, daß in dem Leserbrief nicht ein einziges Mal die
Vokabeln "Terroristen" und "Terrorismus" zu entdecken sind, als
hätten die Militärs gänzlich grundlos -wahrscheinlich einer Laune
folgend- jenen schmutzigen Krieg vom Zaum gebrochen, um
unschuldige Menschen zu verhaften, zu foltern und zu töten. Der
Holocaust war der Einfall eines irrsinnigen Verbrechers, ein
ganzes Volk, das friedlich in Deutschland und in anderen Ländern
Europas lebten, aus Rassenhass auszurotten und im Gefolge dieser
Schandtat einen Weltbrand auszulösen, der über 55 Millionen
Menschen tötete und weiterhin unzählige Millionen zu Krüppeln
machte und zum physischen oder seelischen Siechtum verdammte. In
Argentinien hingegen waren nicht die Militärs die Auslöser des
schmutzigen Krieges, sondern eben jene Terroristen und jener
Terrorismus, die der Leserbrief zartfühlend ungenannt läßt, obwohl
es sich um geistige Nachkommen dieser linksextremistischen
Organisationen handelt, die da Märsche gegen die Begnadigung
veranstaltet, wohlwissend, daß die Begnadigung nicht nur Militärs,
sondern auch zahlreiche wegen ihrer Verbrechen prozessierter oder
verurteilter Terroristen erfaßt. Jedenfalls, die Militärs waren in
dem Bürgerkrieg nicht die Angreifer, sondern die Angreifer waren
die Terroristen, die die Wirtschaftssituation Argentiniens während
der Präsidentschaft von Frau Perón durch Sabotage und Streiks an
den Rand des Chaos brachten, um anschließend zum Schlag gegen die
demokratischen Strukturen der Republik ausholen zu können, der
Argentinien auf den Stand eines marxistischen Unterdrücker-Regimes
nach dem Vorbild des kubanischen Diktators Fidel Castro
degradieren sollte. Jeder Bürgerkrieg ist besonders grausam, nicht
nur der in Argentinien war es. In Perú, Kolumbien, Venezuela, in
Guatemala etcta.. versuchen Terroristen in trautem Verein mit
Rauschgift-Halunken demokratische Regierungen zu zerstören und
Bevölkerungen zu unterjochen. Argentinien ist diesem Schicksal
entronnen, nicht zuletzt durch die Entschlossenheit der Militärs,
deren Blutzoll in diesem Verteidungskampf kaum geringer war als
der von den Terroristen ermordeter demokratischer Politiker,
Unternehmer, Gewerkschafter, Polizeichefs und Polizisten, die den
Terroristenkugeln aus dem Hinterhalt zum Opfer fielen.
Bedauernswerte Exzesse gab es auf beiden Seiten. Argentinien ist
heute mit dem Begnadigungsdekret Menems dem Beispiel Spaniens
gefolgt, wo es nach dem Ende seiner Diktatur keine Ab- und
Aufrechnungen zwischen Militärs und Zivilisten gab, und das Land
sich lieber der Aufgaben der Zukunft als dem Herumstochern in den
Wunden der Vergangenheit widmete. Unser Nachbarland Uruguay hat
die Begnadigungsakte gleich nach dem Ende der Militärdiktatur
unterzeichnet - mit staatsmännischer Weisheit, die bestätigt
wurde, als ein von den linken Parteien eingebrachtes Plebiszit
gegen die Begnadigungen der Militärs keine Stimmenmehrheit
erreichen konnte. Auch in Argentinien dürfte ein Plebiszit gegen
das Begnadigunsdsekret Menems ein ähnliches Ergebnis haben. Das
Stimmenpotential der Marxisten, Kommunisten, Maoisten,
Trotzkisten, der Mai-Mütter, der Mai-Großmütter ist ungeachtet der
Lautstärke ihres Geschreies verschwindend gering. Auch in der
Bundesrepublik sieht man dies kaum anders. In einem Kommentar von
Werner Thomas von der Bonner Zeitung "Die Welt" hieß es am 9.
Oktober: "Carlos Saúl Menem, ein Peronist, der unperonistisch
regiert, (nämlich kühl und sachlich), hat seine Position gestärkt.
Die meisten Argentinier begrüßen die Gnadenakte. Er versteht es,
Entscheidungen zu treffen, die einen breiten Konsens finden. Kein
Wunder, daß dieser Politiker der populärste Präsident in der
jüngsten Geschichte dieses Landes ist."

3 "Präsidemt Menems Gnadenakt"
Arg. Tageblatt 4-11-1989 Maschwitz
Als Mitglied der Kirche fühle ich mich peinlich berührt von dem
Lesebrief einiger Pastoren in ihrer Ausgabe vom 21-10-1989.
Erinnerungen an die Zeit des Sturzes der Allenderegierung in
Chile, in der auch einige Pastoren sich politisch einseitig links
orientierten, glaubte ich überwunden.
Ist es wirklich die Einstellung der Herren Pastoren, daß sie mit
diesem Leserbrief unserer Kirche dienen? Ist es ihre Aufgabe, als
Seelsorger einen einseitigen Standpunkt einzunehmen und damit
Zwietracht zu säen?
Krieg ist immer mit Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten verbunden,
ihn sollte man vermeiden. Wenn heute auf dem Wege des Verzeihens
für alle Beteiligten ein Friede im Lande erreicht wird, so liegt
es im Interesse der christlichen Nächstenliebe. Man könnte sogar
für das Gelingen dieses Planes beten!
Die Antwort des Tageblattes vertritt einen Standpunkt, der die
Geschehnisse klar darstellt und zum Nachdenken anregt. Dafür
besten Dank.

E. A. von Fersen

4. Präsident Menems Gnadenakt
Arg. Tageblatt 11-11-1989 -Buenos Aires
Ich beglückwünsche das Argentinische Tageblatt zu seiner klaren
und eindeutigen Antwort auf den von einem Herrn Thomas Grebe
eingesandten Leserbrief zum Thema der vom Präsidenten Menem
verfügten Begnadigungen. Wort für Wort gibt Ihre Stellungnahme
auch meiner Überzeugung Ausdruck. Die angeführten Pastoren, die
diesen Leserbrief des Herrn Grebe unterstützen, wollen allem
Anschein nach immer noch nicht einsehen und anerkennen, daß das
Militär und die anderen Ordnungskräfte mit ihrem Kampf gegen den
Terrorismus das Land und das Volk vor der Errichtung eines
Kommunisten-Regimes wie in Cuba und in Nicaragua gerettet haben.
Oder wäre es den Herren Pastoren etwa lieber gewesen, wenn anstatt
des Militärs die Terroristen gesiegt hätten? Es heißt: "Der Zweck
heiligt die Mittel" und diese Parole hatten sich die Terroristen
auf ihre Fahne geschrieben und das Militär hat vielleicht ähnlich
geglaubt und gehandelt, und sie hatten das Recht auf ihrer Seite,
denn die Regierung hatte den Streitkräften den Befehl erteilt, den
Terrorismus zu "liquidieren". Außerdem, wenn es darum geht, ein
Land und ein Volk vor einem Kommunismus-Regime zu retten, dann
sind alle dazu notwendigen Mittel nicht nur Rechtens, sondern sie
sind sogar geheiligt!
Und man sollte sich eigentlich über die Ansichten dieser Herren
Pastoren nicht wundern, da ja der Präsident der Evangelischen
Kirche am Río de la Plata höchstpersönlich an Versammlungen der
Madres de la Plaza de Mayo teilgeneommen hat, und wessen Geistes
Kinder diese Madres sind, ist ja aller Welt bekannt. Auch hat der
Kirchenpräsident schon vor zwei Jahren, als das Gesetz des PUNTO
FINAL verabschiedet worden war, in seinem Monatsbrief im
Kirchenblatt gesagt, daß er mit "Trauer" davon Kenntnis habe
nehmen müssen, daß nun unzählige Verbrechen der Militärdiktatur
ungesühnt bleiben und die Täter straflos ausgehen würden. Bei dem
Gesetz über "obediencia debida" hat er sich ähnlich ausgesprochen.
Und jetzt vorigen Freitag, den 20. Oktober, berichtet die Zeitung
LA NACIÓN in einem Artikel mit der Überschrift : "Los ramalazos
del indulto", daß der Pastor Reinich, President de la Iglesia
Evangélica del Río de la Plata, die Begnadigungen des Präsidenten
zurückgewiesen habe, "si una de las partes reivindica como
correcto su actuación, aunque está cargada de acciones contra la
vida y la integridad de las personas".
Und die angeführten Pastoren? Was können sie für eine eigene
Meinung haben, wenn ihr Herr und Meister selbstherrlich das
Militär verurteilt, so als ob die ganzen Streitkräfte eine einzige
Mörderbande wären!
Von den angeführten Pastoren ist als erster Pastor Bruno
Knoblauch, Mitglied einer angesehenen, allerseits beliebten,
wertgeschätzten Familie, aus der mehrere Pastoren hervorgegangen
sind, genannt.
Und da muß eine besondere Geschichte erwähnt werden:
Pastor Bruno Knoblauch ist seit Mitte März der neue Pfarrer der
Gemeinde Belgrano der evangelischen Kirche, der auch ich angehört
habe, wurde aber der Gemeinde schon am 1. Advents-Sonntag
vergangenen Jahres in einem Sondergottesdienst vorgestellt. Und
bei diesem Sondergottesdienst ließ der Kirchenpräsident zwei
Lieder singen, die von einem Uruguayer namens Homero Perera
komponiert worden waren. Eine seltsame Sache, daß diese Lieder
natürlich nicht im Kirchengesangbuch existieren, sondern auf lose
Blätter gedruckt waren. Und die Texte dieser beiden Lieder; die
hätten eher in ein Terroristen-Kamp (wenn da überhaupt einer dabei
ist, der an Gott glaubt) gepaßt als in eine christliche Kirche. Zu
diesen beiden Liedern ist jeder Kommentar überflüssig, denn die
politische Tendenz, die da der Kirche aufgeprägt wird, sticht
direkt in die Augen. Ich habe auch seit diesem Gottesdienst die
Kirche nicht mehr betreten und werde sie auch nie mehr betreten,
obwohl meine Frau viele Jahre lang zum Neubau des Gemeindezentrums
mit Spenden beigetragen hat.
Ernst Walter Trenkelbach

Vicente López
Der Teufel kann nur mit Beelzebub ausgetrieben werden, Terror kann
nur mit Terror bekämpft werden, das dürfte allgemein bekannt sein.
Offensichtlich nicht bei den Herren Pastoren, die den Leserbrief
an das Arg.Tagebl. vom 21. d. Monats unterzeichneten. Wir danken
es es den argentinischen Militärs, daß sie das Land vom Terror
befreit haben und wissen, daß die Methoden dieses schmutzigen
Krieges ihnen aufgezwungen wurden. Daher ist es nicht zu
verstehen, daß Präsident Menem , den Generalen, die die
Verantwortung für den Kampf trugen, nicht die Freiheit gegebeen
hat, dafür Massenmördern, weder Amnestie, noch Begnadigung,
sondern Kassierung der Urteile gegen General Videla und seine
Kameraden, Gefängnis für Mörder.
Dipl. Ing. Hans Joachim Doss

5 Ernst Walter Trenkelbach
Echeverría 1414 - 4 -Dto. 40
1426 Buenos Aires
Buenos Aires,
den 8. November 1989

Herrn Pfarrer Bruno Knoblauch.
Ich teile Ihnen mit, daß ich mich der Evangelischen Kirche am Río
de la Plata nicht mehr zugehörig fühle, nicht erst seit zwei
Wochen, nachdem der von Ihnen mitunterzeichnete Hass- und
Hetzleserbrief im Argentinischen Tageblatt veröffentlicht worden
war, sondern schon seit dem "denkwürdigen" Sondergottesdienst am
1. Adventssonntag vergangenen Jahres, als Sie der Gemeinde
vorgestellt wurden und bei dem der Kirchenpräsident die zwei
Lieder jenes uruguayischen Tupamaru-Ideologen singen ließ. In
einem der Lieder war die Rede von all den möglichen Dingen, von
denen uns der liebe Gott befreien wird und in dem anderen Lied
heißt es, daß es "Kriege für den Frieden geben werde und daß viele
dabei sterben müssen". Da sind wohl sicherlich solche Kriege
gemeint, wie sie von den Terroristen in Perú, Kolumbien, San
Salvador usw. geführt werden und wo weissgott schon zigtausende
Menschen haben sterben müssen. Und damit hat die evangeliusche
Kirche klar und deutlich Stellung bezogen.
Zu welchem Zweck die "teología de liberación" erfunden oder
geschaffen worden ist, das hat der PRIESTER PUIGJANÉ in la
Tablada der Bevölkerung Argentiniens einleuchtend vor Augen
geführt, nämlich die Seelen junger Männer und Frauen zu vergiften
und sie als willige Werkzeuge Terroristen-Organisationen
zuzuführen.
Ich bin der Meinung, daß es eines der höchsten Gebote eines
christlichen Pfarrers oder Priesters sein muß, für Frieden und
Versöhnung nicht nur im eigenen Land, sondern für alle Länder und
Völker einzutreten, und Gnade und Vergebung zu predigen, nicht
aber, Haß- und Hetzbriefe gegen einen politischen Erlaß des
Staatspräsidenten mitzuunterzeichnen.
Jesus Christus hat, als er schon ans Kreuz genagelt war, seinen
Vater im Himmel gebeten, seinen Peinigern und Mördern zu vergeben
"denn sie wissen nicht was sie tun".
Meine uneingeschränkte Sympathie gilt General Videla und der
gesamten Wehrmacht und anderen Ordnungskräften, die verhindert
haben, daß eine kleine Gruppe tollwütiger Fanatiker hier ein
Kommunisten-Regime wie in Kuba und Nicaragua aufrichteten. Und ich
bin überzeugt, daß diese Tatsache auch Präsident Menem längst
erkannt hat und auch entschlossen ist, demgemäß zu handeln.
Ich habe mich der Evangelisch-Lutherischen Kirche- Sankt Pauls
Gemeinde- zugewandt und besuche dort die Gottesdienste, die in
deutscher Sprache gehalten werden. Und ich hätte schon immer
dieser lutherischen Kirche angehören sollen, denn ich bin im
evangelisch-lutherischen Glauben getauft, erzogen und konfirmiert
worden.
Ich bitte Sie, veranlassen zu wollen, daß mir in Zukunft weder das
Kirchenblatt noch andere Druckschriften zugesandt werden.
Ergebenst
E.W. Trenkelbach


6 Zur Diskussion: Präsident Menems Gnadenakt
Arg. Tageblatt 18-11-1989
Halbe Wahrheiten, bewußt oder unbewußt gesagt, reizen immer zum
Widerspruch. Wer aber kann von sich behaupten, im Besitz der
vollen Kenntnis der Geschehnisse und deren Hintergründe zu sein,
um in jedem einzelnen Fall ein gerechtes Urteil zu fällen? Könnten
die folgenden Leitsätze dazu beitragen, die tiefe Kluft zu
überbrücken?
AUF HÖHEREN Befehl
Wir warten ab mit dem bösen Wort
und suchen das gütige Wort.
Wir warten ab mit dem schnellen Urteil
und suchen zu entschuldigen.
Wir warten ab mit der Vergeltung
und suchen den anderen zu gewinnen.
Wir warten ab mit dem "berechtigten Zorn"
und suchen uns selbst zu überwinden.
Wir warten ab mit der eigenen Empfindlichkeit
und versuchen stattdessen zu lieben.
Wir warten ab mit der Bitterkeit
und versuchen zu vergeben.
Wir warten ab mit der Rücksichtslosigkeit
und versuchen zuvorkommend zu bleiben.
Wir warten ab mit dem Ärger
und suchen zu verstehen.
Wir warten ab mit der Resignation
und machen trotzdem weiter.
Wir warten ab mit dem endgültigen Bruch
und bleiben auf höherem Befehl beieinander.
(einmal auch in einer evangelischen Gemeinde gehört)
Annemarie Zieschank
Eleone Lüdden
---
Boulogne-sur-Mer
Die pastorale Epistel von acht Pfarrern der Evangelischen Kirche
am La Plata durch Unterschrift gutgeheißen, ist kein Hirtenbrief.
Die von ihnen als Studenten erlernte Kunst des Auslegens wird hier
zu Gunsten der Terroristen benutzt, die dem argentinischen Volk
einen Krieg aufzwangen. Es ist absurd, daß hier
Marxisten-Leninisten verteidigt werden. Hätten sie den Sieg
davongetragen, gäbe es heute weder Kirchen, noch Pastoren. Daß
hier aus dem Dunkel gemordet wurde, ist dem Schreiber wohl nicht
mehr bewußt. Die Darstellung ist im Sinne von Gramsci:
Dialektisch. Ausgerechnet aus der Feder derer, die als Seelsorger,
auch Pastoren oder Hirten genannt, das Wort verbreiten sollen.
Unter diesem Blickwinkel bleibt jede Kanzelpredigt unglaubwürdig.
Kann man einer solchen Kirche noch Treue bewahren?
Dem Verteidiger, dem argentinischen Heer und den
Sicherheitskräften wird statt Dank Hass entgegengebracht. Die
Toten aus den Reihen dieser, die mit ihrem Blut Garantie schufen,
daß es überhaupt noch Kirchen und Kanzeln gibt, sollen vergessen
werden. Nicht nur vergessen: Sie werden noch posthum geschmäht.
Der Leser, Hörer nimmt es zur Kenntnis und geht zum
Tagesgeschehen, Fußball und Börsenkursen über. Es betrifft ihn
nicht. Er lebt. Wie er zu leben hat, bestimmt noch er. Warum er
noch lebt, weiß er schon nicht mehr; auch wenn er flüchtig im
Kirchenblatt liest, daß argentinische Soldaten Landarbeiter von
ihren Pferden herunterschießen. Er merkt nicht die Infamie einer
vollkommen verdrehten Berichterstattung. Keiner steht auf und
erhebt sein Wort in der evangelischen Kirche. Die Katholiken
helfen den seelisch Bedrückten durch Messen, während in unseren
Kirchen das Schweigen Gottes durch "tönerne Schellen" verdeckt
wird. - Wann erhebt sich die Geistlichkeit und stellt nüchtern
fest: Es handelt sich hier um Morden und Brennen linker Gruppen?
Warum gedenkt man nicht der Toten und dankt den Rettern: den
argentinischen Wehrkräften?


7 Zur Diskussion: Präsident Menems Gnadenakt
Arg. Tageblatt 25-11-1989
In Ihrer geschätzten Zeitung von 18. Nov. 1989 las ich Annemaries
Zieschank's "Auf höheren Befehl".
Wer als Mutter so etwas schreiben kann, hat das erreicht, was
Christus von uns Menschen erhofft. Diese Worte, diese Sätze zeugen
von einem langen inneren Kampf und letzthin Sieg. Das ist wahre
menschliche Größe in ihrer reinsten Form und ich frage mich, ob
unsere Pastoren nicht auch versuchen sollten, diese Höhe zu
erreichen, die Frau Annemarie erreicht hat???
Irene Neddermann

8 Menems Gnadenakt
Arg. Tageblatt 28-10-1989
Ihre Anmerkung vom 21-10-89 zum Thema Begnadigung finde ich
unsachlich. Der Parallelismus zum Nazidrama wird durch eineen
numerischen Vergleich entkräftet, als wenn z.B. die Greueltaten
Stalins weniger schwerwiegend wären, weil sie weit unter der Zahl
der Naziopfer liegen. (Übrigens ein oft angewandtes Argument der
Kommunisten.) Andererseits rechtfertigt die Tatsache, daß die
Linken den ersten Stein schmissen, nicht Massenmorde und Mißachten
der Menschenrechte, was ja genau dass ist, was wir bei den
entgegengesetzten totalitären Regierungen verabscheuen. Und wenn
man schon von Zahlen spricht, wäre zu beachten, daß die Anzahl der
Toten von linker Seite die der rechten übertrifft (ganz zu
schweigen von den Folterungen, Vergewaltigungen und Plünderungen),
es sei denn, man will dies nicht wahrhaben, siehe: "sogenannte"
Verschwundene. Es wurden ja nicht nur Terroristen umgebracht bzw.
bekämpft, sondern jeder Andersdenkende, der sich in Wort oder
Schrift für seine Sache einsetzte, wobei viele "geschnappt" und
aufgrund erwiesener Unschuld, nach unmenschlichen Qualen und
Demütigungen, auch wieder freigelassen wurden.
Glaube kaum, daß beispielsweise die französichen Nonnen, wegen
deren Ermordung Frankreich heute noch die Verantwortlichen
gesetzlich zur Rechenschaft ziehen will, mit Bomben und Granaten
auf die Menschheit losgegangen sind. Und gerade diejenigen, die
bewiesenerweise prozessiert und verurteilt wurden, sollen jetzt
auf freien Fuß gesetzt werden, womit die Pastoren Grebe bestimmt
nicht einverstanden sind. Einer handvoll Terroristen wird auf
einmal weniger Gewicht beigemessen als der Wahrung politischer
Interessen, die einen weit stärkeren Druck ausüben und schwerlich
mit Gerechtigkeit oder einem Gnadenakt zu verbinden sind.
Der Kommentar von Werner Thomas (Die Welt) ist ebenfalls
subjektiv. Wie kann er behaupten, daß die meisten Argentinier die
Gnadenakte begrüßen, wo nicht einmal wir hier genau wissen, wie
Hase läuft. Apropos: wenn man dessen so sicher ist, warum läßt man
es nicht demokratisch auf ein Volksentscheid ankommen? Das würde
die Regierung vieler Beschuldigungen entheben. Wahrscheinlich,
weil man ahnt, daß das Stimmenpotential wider die Begnadigung
nicht nur aus Trotzkisten, Maoisten, Marxisten und weißen
Kopftüchern besteht.

Veronika Jansen


9 Zum Thema: Menems Gnadenakt
La Falda (Cda.) Arg. Tageblatt 16-12-1989

Mit Trauer im Herzen las ich den von sechs meiner Brüder im Amt
unterschriebenen Leserbrief, in welchem in so einseitiger Weise zu
dem Gnadenakt des Präsidenten Menem Stellung genommen wurde. Dann
aber habe ich mich darüber gefreut, daß die Redaktion dieser
Zeitung in resoluter Weise die Dinge richtig stellte. Auch ich
habe mich darüber gefreut, daß oben genannter Leserbrief von
Gliedern der Gemeinde heftig kritisiert wurde. Ich möchte dazu
folgendes sagen, mir selbst und vielleicht auch anderen Gliedern
unserer Kirche zum Trost!
Die Verfasser jenes Briefes und ihren Gesinnungsgenossen, die -so
meine ich- eine Minderheit in unserer Kirche sind, sind nicht die
Kirche, der Kirchenpräsident mit dem Vorstand auch nicht, ebenso
wenig die theologische Fakultät. Die Kirche sind wir alle, die wir
Christus als "Herrn und Meister", als Haupt der Kirche bekennen
und zu dem wir singen und beten, in dessen Nachfolge zu leben wir
uns bemühen. Vor seinem Richtstuhl müssen wir einst Rechenschaft
ablegen, wir alle. Diesem Herrn diene ich seit weit über 50 Jahren
als Pfarrer der Evgl. Kirche am La Plata so, wie die Bibel es mir
sagt. Bedauerlich ist, daß Äußerungen, wie sie in jenem Leserbrief
zu Papaier gebracht wurden, so manchen guten Willen zur Mitarbeit
in unserer Kirche zerstörten.

Otto Faber, Pastor i.R.

10 Kritik an der "Befreiungs Theologie"
Buenos Aires - Arg. Tageblatt 6-1-1990

Zu dem am 23. Dezember im Argentinischen Tageblatt in Faksimile
veröffentlichten Weihnachts- und Neujahrsgruß des Präsidenten der
Evangelischen Kirche am La Plata.
Mit einem Theologen, wenn man nicht selber Theologie studiert oder
zumindest einen Universitäts-Titel vorzuweisen hat, sich in eine
Diskussion einlassen zu wollen, ist von vornherein eine verlorene
Sache. Nun, ich habe weder Theologie studiert, noch besitze ich
einen akademischen Titel, aber trotzdem antworte ich dem Theologen
Reinich ohne viel Diskussion und sage im klipp und klar meine
Meinung!
Mit einigen Zitaten aus der Bergpredigt unseres Herrn und Heilands
Jesus Christus ist absolut nichts getan. Ich kann dem Herrn
Reinich die ganze Bergpredigt aus dem Kopf vorsagen und auch noch
einiges mehr aus dem Neuen Testament. Die Einfügung des Gebetes
von Dietrich Bonhoeffer, der jüngste und letzte Märtyrer unseres
evangelischen Glaubens, der von den Hitler-Mördern (ebenfalls wie
sein Bruder Klaus) gerade wegen seines kompromißlosen Kampfes für
seinen Glauben und für die Verteidigung seiner Kirche umgebracht
worden und den Märtyrer-Tod gestorben ist, bei dem will Herr
Reinich Stütze finden, während er selber seine Kirche den Feinden
der christlichen Lehre ausliefert und selbst die Tore und Türen
öffnet und mit seiner Hilfe dem SIDA-ähnlichen, tödlichen Virus
der sogenannten "teología de liberación" freien Einzug in die
Evangelische Kirche gewährt, einer "neuen und modernen" Theologie,
deren Endziel es ist, alle christlichen Kirchen (nicht nur die
evangelischen)) zu zerstören, eine Theologie, wie sie nicht
listiger der leibhaftige Teufel hätte erfinden können. Und alle
Mitglieder der Evangelischen Kirche sollten sich stets die
Tatsache vor Augen führen, daß das dieselbe Theologie ist, die der
Priester PUIGJANE (La Tabalada) gepredigt und verbreitet hat und
mit seiner "Gehirnwäsche" seiner Gläubigen oder Zuhörer, einige
junge Männer und Frauen dermaßen beeinflußt hat, daß sie sich als
willige Werkzeuge bei dem Terroristen-Überfall auf die Kasernen
von La Tablada beteiligten!
So lange der Kirchenpräsident an seiner Hetze gegen das Militär
und die anderen Ordnungskräfte, die den Terrorismus bekämpft und
verhindert haben, daß dem Land und dem argentinischen Volk (und
uns hier lebenden Ausländern) ein Kommunisten-Regime aufgezwuwngen
wurde, festhält, so lange verweigere ich ihm jede Achtung als
Mensch, und verweigere ihm jeden Respekt, der sonst im allgemeinen
einem Kirchenpräsidenten zusteht (auch wenn ich mich inzwischen
schon von dieser Kirche losgesagt und mich einer anderen
evangelisch-lutherischen Gemeinde zuzgewandt habe).
So lange der Kirchenpräsident den Kirchen Lieder singen läßt, in
denen es heißt "daß es Kriege und mehr Kriege für den Frieden
geben werde und daß Viele dabei sterben müssen", also
Terroristenkriege vorausgesagt werden, und in einem anderen Liede
"daß der liebe Gott die Arbeiter in den Fabriken und die Studenten
in den Fakultäten von der Unterdrückung befreien wird (wo wird
hier in Argentinien ein Arbeiter in irgendeiner Fabrik oder ein
Student in irgendeiner Universität unterdrückt?) und wo noch von
einer ganzen Menge ähnlicher "Befreiungen" gefaselt, also reinste
Anarchie propagiert wird.
So lange es der Kirchenpräsident duldet, daß seine Schreiberlinge
im Kirchenblatt die Eroberung Latein-Amerikas durch die Spanier
und Portugiesen als "Christlicher Völkermord" hinstellen. So lange
es der Kirchenpräsident duldet, daß dieselben Schreiberlinge die
"Volksrevolution in Cuba und Nicaragua" loben und besonders
hervorheben, daß bei diesen Volksrevolutionen die "segunda ola de
la conquista" (ob damit die Ausbreitung des Christentums oder die
Einführung des kapitalistischen Wirtschaftssystems gemeint ist,
bleibt zu enträtseln) besiegt worden ist; oder ganz und gar noch
im Kirchenblatt gesagt wird (so wie ein Herr F. Kleine aus
Boulogne in seinem Leserbrief schreibt), daß argentinische
Soldaten Landarbeiter von ihren Pferden herunterschießen; so lange
der Kirchenpräsident alles das duldet oder womöglichst sogar noch
selbst fördert, so lange bleiben die Weihnachts- und Neujahrsgrüße
nichts anderes, als mit Ironie gemünzte leere Phrasen!
Gottseidank gibt es noch Pfarrer, wie z.B. den Herrn Pfarrer Otto
Faber aus La Falda, der freimütig sagt, daß der Kirchenpräsident
nicht die Kirche selbst ist.

Ernst Walter Trenkelbach.

Kirche und Politik
Argentinisches Tageblatt 13-1-1990
Martínez
11 In seinem am 6-1-89 erschienenen Leserbrief, hat Herr Ernst
Walter Trenkelbach einen Angriff gegen die Kirche geführt (und ich
meine hiermit die christliche Kirche im Allgemeinen), der nicht
unbeantwortet bleiben sollte.
Einmal ist es falsch, die Befreiungstheologie (deren Endziel es
angeblich sein soll, "alle christlichen Kirchen zu zerstören"),
nur nach ihren Auswüchsen zu beurteilen und damit in Bausch und
Bogen zu verdammen. Diese Theologie entsprang der tiefen- und
weitergreifenden Erkenntnis, daß die Kirche sich nicht damit
begnügen kann, Tröstungen (womöglichst auf das Jenseits) zu
spenden, und Hilfsaktionen zu veranstalten, sondern vielmehr die
Aufgabe hat, Unrechtsstrukturen aufzuzeigen und zu ihrer
Beseitigung zu ermahnen, umso mehr, als heute:
a) die dazu nötigen materiellen Mittel,
b) die legalen Handhaben,
c) etliche (Namens) Christen mit Entscheidungsgewalt an
maßgeblichen Stellen vorhanden sind. - Schweigt nämlich die Kirche
zu politischen, sozialen und wirtschaftlichen Fragen, so geht sie
zwar kein Risiko ein, setzt sich aber berechtigten Vorwürfen aus
und - was noch schlimmer ist- wird ihrem Auftrag untreu. Weder
Jesus noch die alttestamentlichen Propheten haben Risiken
gescheut, wenn es darum ging, unangenehme Wahrheiten zu verkünden.
Zu den Liedern, die Herr Trenkelbach kritisiert (es handelt sich
offenbar um Nr. 14 und 19 des "Cancienero abierto con ISEDET,
beide mit Text und Musik von Homero Perera) ist das erste "Perdón,
Señor" überhaupt verzerrt wiedergegeben. Die betreffende Strophe
lautet: "Guerras y más guerras por la paz; muchos morirán; perdón,
Señor! ", ist also eine Verurteilung der Kriege im allgemeinen
(und der zu ihrer Rechtfertigung vorgebrachten Argumente),
keineswegs aber eine Aufforderung zum Terrorismus. Das zweite
("Creo en Dios") bezieht sich nicht auf Argentinien allein oder
nur auf die gegenwärtige Zeit. Sicher werden in der Welt (und
wurden in Argentinien), Studenten unterdrückt. Arbeiter werden es
auch heute noch (allerdings hauptsächlich von
Gewerkschaftsführern.
Und nun das heißeste Eisen: Herr Trenkelbach kritisiert die
"Hetze" gegen das Militär und behauptet (wie viele andere), die
Ordnungskräfte hätten verhindert, daß dem Land ein
"Kommunisten-Regime aufgezwungen wurde". Stimmt das?
Gewiß war das Treiben der Guerilla verbrecherisch und mußte
unterbunden werden. Gewiß waren dazu außerordentliche Mittel
notwendig (Einsatz der Streitkräfte, Belagerungszustand,
Todesstrafe). Gewiß mußte jeder Guerillakämpfer wissen - selbst
wenn er meinte, aus Idealismus zu handeln -, daß er sich
an der Staatsgemeinschaft schwer vergangen und sein Leben verwirkt
hatte.
Aber so sehr die Guerilla in vielen Kreisen Furcht und Schrecken
verbreiten konnte, so hatte sie doch zu keinem Zeitpunkt die
Mittel, um eine Herrschaft über das Land anzutreten. Sowohl die
Polizei, als auch die Streitkräfte standen geschlossen gegen sie
und der Zuzug, den sie aus der Zivilbevölkerung erhielt, war sehr
gering. Sie konnte sich auch nie irgendwo als ordnungserhaltende
Gewalt behaupten. Lediglich eine Kaserne und ein Dorf wurde von
ihr jeweils einige Stunden lang besetzt. Die Niederwerfung der
Guerilla entsprach keiner Verhältnismäßigkeit. Die Todesstrafe
wurde offiziell kein einziges Mal angewandt. Stattdessen wurden
tausende von Menschen "bei Nacht und Nebel"(so Manfred Schönfeld
in "La Prensa") entführt, meist auf Nimmerwiedersehen. Es wurde
gefoltert, gemordet und verscharrt wie nie zuvor in Argentinien.
Solch ein Vorgehen wäre schon verwerflich gewesen, wenn es sich
nur gegen die wirklich Schuldigen gewandt hätte. Getötet wurden
aber auch Geiseln, Angehörige der Guerillakämpfer, Verdächtige,
schließlich auch Leute, von denen die Ordnungskräfte wußten, daß
sie mit der Guerilla nichts zu tun hatten. Zu den Opfern zählten
Geistliche, Journalisten und viele andere.- So war also der
kommunistische Unrechtsstaat in Argentinien bloß ein Alpdruck
mancher Leute, der militärische Unrechtsstaat dagegen war eine
Wirklichkeit geworden, und stellte eine Bedrohung für jedermann
dar.
Ich habe volles Verständnis für Menschen, die unter dem Terror der
Guerilla gelitten haben. Aber aus dem gleichen Grunde kann ich
denen, die den Terror des Militärregimes erfuhren, weder dieses
Verständnis noch einen Anspruch auf rechtliche Verfolgung des
geschehenen Unrechts absprechen.
Die rechtmäßige Verurteilung der Hauptverantwortlichen dieses
Terrors war demnach ein Markstein in der Verwirklichung des
Rechtsstaates in Argentinien (Ohne Präzedenzfälle in Südamerika).
Dies hat Präsident Menem durch seinen bedenklichen Gnadenakt
teilweise wieder rückgängig gemacht. Um Mißverständnisse zu
vermeiden: das gleiche gilt für die Begnadigung von Vaca Narvaja
und Kumpanen. Man muß sich nun fragen: ist denn in Argentinien
alles zulässig?
Bei aller Kritik muß ich Herrn Trenkelbach einiges zugestehen. Es
ist wahr, daß viele Vertreter der Kirche (darunter Pastoren der
Evangelischen Kirche am La Plata, unter denen ich Freunde haben)
sich oft vom revolutionärem Eifer viel zu sehr hinreißen lassen
und dadurch unsachliche Darstellungen geben und unheiligen, ja
unseligen Politikern und Demagogen das Wort reden.
Not täte in der Kirche mehr fruchtbare Polemik, aber geführt im
Geiste Christi und der Vernunft. Leider melden sich oft nur die
Vertreter der extremen Positionen zu Wort. Mir selber muß
ich den Vorwurf machen. mich nicht öfter der Waffe des
Leserbriefes bedient zu haben, um Richtigstellungen anzumelden.
Andererseits sollten Laien, die Christen sein wollen. aber sich
auch mit der bestehenden Ordnung identifizieren, sich davor hüten,
zu denken: Die Ordnung, in der es mir wohl geht, ist unbedingt zu
verteidigen. Und zwar mit jedem Mittel.
So etwas hätte Jesus Christus ganz bestimmt nicht unterschrieben.

Tomás A. Banzhaf
Laienprediger der anglikanischen
K i r c h e

MEHR SACHLICHKEIT GEFORDERT
Villa Ballester
Vor kurzem sagte mir ein von mir sehr verehrter Herr, daß er sehr
besorgt sei, daß nun viele evangelische Pastoren Kommunisten
seien. Leider hatten wir wenig Zeit, so konnte er mir nicht
erklären, was und wen er meinte. Denn ich bin kein Kommunist. Und
meine Kollegen auch nicht. Und mein Kirchenpräsident Reinich auch
nicht. Wir als Pastoren bilden keine homogene Masse. Gott bewahre.
Aber jeder hat in seiner Weise den Auftrag Jesu (angenommen)) an
Petrus "Weide meine Schafe!" gehört und folgt diesem Auftrag, so
wie er ihn versteht. Wenn ich mit dem einen oder anderen Kollegen
nicht übereinstimme, so weiß ich doch, daß auch er dem Auftrag
Jesu "weide meine Schafe" folgt.
Das ist nun ein Bild und noch dazu eines aus einer anderen Zeit.
Unsere Gemeindeglieder werden sich nicht gerne als Schafe
bezeichnen lassen und das ist in Ordnung. So können wir Jesus
getrost so übersetzen: "Kümmere dich um meine Menschen". Und damit
ist der ganze Mensch gemeint und nicht nur etwa seine Seele. So
wie man das ganze Schaf weidet und nicht nur das schöne lockere
Fell. Uns ist die Sorge um den Menschen als Ganzheit auferlegt,
auch was sein leibliches Wohl betrifft. Jeder wird mir zustimmen,
daß es ein zynischer Scherz wäre, wenn ich einen Hungernden mit
Worten aus dem Evangelium "abspeisen", ihm aber das Brot
verweigern würde, weil mein Amt die Seelsorge ist. Ist doch
abstrus! Und nun sind wir Menschen mit offenen Augen und genügend
Verstand, um Zustände zu sehen und Schlüsse zu ziehen: Menschen
hungern - woran liegt das? Was geht in unserer Gesellschaft vor?
Weil wir Antwort auf Fragen suchen, sind wir noch lange keine
Kommunisten!
Jedenfalls wird jeder Leser des Argentinischen Tageblattes in den
letzten Wochen gemerkt haben, daß es hier um sehr ernste Themen
geht, um Themen, um die gerungen werden muß und wo es keinen
Besitzer der alleinigen Wahrheit gibt. Ernste Themen wie diese
müssen sachlich und mit Respekt vor den Personen diskutiert
werden. Der geistig Reife kann eine Meinung kontrovers, hart und
mit sachlichen Argumenten bekämpfen und dabei die Achtung vor dem
Andersmeinenden behalten. Persönliche Angriffe, beleidigende,
verletzende und verleumderische Anwürfe zeigen nur, wie schwach
die eigene Position ist und nützen rein gar nichts. So trägt der
Leserbrief von Herrn Ernst Walter Trenkelbach rein gar nichts zur
Diskusssion dieses wichtigeen Themas bei. "Blasfemie", "Die Kirche
den Feinden des Evangeliums ausliefern", der "SIDA-ähnliche Virus
der sog. Teología de la liberación", "Gehirnwäsche", "Hetze gegen
das Militär", "Anarchie"u.v.a.m. sind nichts als leere Klischees,
die nicht überzeugen, sondern diffamieren wollen. Entschieden will
ich protestieren, daß die Theologie Pastor Reinichs mit der des La
Tablada-Priesters Puigjane in Verbindung gesetzt wird. Das ist
eine Infamie und glatte Demagogie.
Ich möchte doch dringend bitten, daß alle miteinander zur
Sachlichkeit und Objektivität und zum Respekt vor der Person des
anderen zurückkehren, uns auf die Fakten beschränken und
Vorurteile und Generalisierungen beiseite lassen. Auch ein
Lesebriefschreiber mag sich Luthers Erklärung zum 8. Gebot hinter
die Ohren schreiben, bevor er zum Stift greift "Du sollst nicht
falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Was ist das? Wir
sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unseren Nächsten nicht
fälschlich belügen, verraten, afterreden oder bösen Leumund
machen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und
alles zum besten kehren."

Karin Krug de Schnell, Pastorin

12 ZU UNSEREN THEOLOGEN
Arg. Tageblatt 17-2-199o - Olivos
Nachdem nun angesichts der befreienden Entwicklung in Osteuropa
die ehemals so eifrigen Ideologen in betretenem Schweigen
verharren, erstehen uns neuerdings (nicht nur) in unseren
Theologen die nächste Generation politisch Geblendeter, die nun
die angestandenen Übrigbleibseln dieses satanischen Weltalpdrucks
mittels ihrer sogenannten "Befreiungstheologie" neu zu beleben und
über die Stätten ihres Wirkens direkt in die Herzen Gutgläubiger
zu träufeln versuchen.
Sich über Ziele und längst praktizierte Methodik dieser
christlichen Abart zu informieren, genügt es, die Lektüre
argentinischer Tageszeitungen zu empfehlen, um sich mit Staunen
über die Breite der Infiltration auf unserer politischer Bühne ein
Bild zu machen. Betrachtet man dazu noch das gesamte brisante
Umfeld des Landes, (aus welcher Situation diese gerade ihre
Rechtfertigung ableiten), wäre dies freilich ein recht triftiger
Grund, speziell für zugereiste Theologen, sich aus einer
öffentlichen, von Frau Pastorin Schnell empfohlenen "sachlichen
Diskussion" über die politischen Hintergründe der argentinischen
Misere herauszuhalten und sich ausschließlich um das seelische
Wohl ihreer Schäflein (pardon) zu sorgen.
Uns bewegt hier nicht die Frage, ob sie sich als Kommunisten
verstehen oder nicht, sondern allein, ob sie kommunistisches
Gedankengut, oder solch angehauchtes, über die Kanzeln vermitteln,
daher auch die gerechtfertigte und erfrischende Reaktion des Herrn
Trenkelbach. Theorien, wie sie (natürlich nicht nur} Herr Banzhaf
über die jüngste argentinische Vergangenheit äußert, weisen zwar
auf den geistigen Standpunkt des Autors, ansonsten unterstützen
diese nur das weltweite Geplärr kommunistisch unterwanderter
Organisationen, tragen also nicht zur objektiven Klärung des
dramatischen Geschehens bei. Hätte er allein sorgfältiger die
Leitartikel der letzten Jahre des Arg. Tageblattes gelesen, wäre
er bereits eines Besseren belehrt. Nach inzwischen allgemein
anerkannter, moderner Geschichtsauffassung über die Entstehung der
letzten Kriege und deren Folgen, ist allein der verantwortlich,
der den ersten Stein geworfen hat und nicht etwa die politischen,
wirtschaftlichen oder psychologischen Hintergründe, die dazu
geführt haben könnten, auch nicht die zur Niederwerfung
aufgerufenen Heerführer und Politiker. So sehr man jedes
unschuldige Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen betrauern
muß, so sind diese doch leider in allen Kriegen ein bedauerliches
Begleitgeschehen. Denn mit zimperlichen Strategien, Herr Banzhaf,
gewinnt man in diesem Jahrhundert keine Kriege, mehr noch, wenn
man Heckenschützen und Barbaren gegenüber steht. Salonanalysen aus
sicherer (zeitlicher) Entfernung sind für die Beurteilung von
Entscheidungen mitten im Kampfgetümmel wertlos und ungerecht.
Als lehrreiche Referenz zu Ihren geschichtlichen Betrachtungen der
jüngsten argentinischen Vergangenheit, haben Sie sich vielleicht
der millionenfachen, wirklich unschuldigen Opfer der letzen
Großkriege annehmen sollen, (kein alliierter Luftmarschasll war je
auf einer Anklagebank), grausige Beispiele, die zur Besinnung und
Meditation anregen, friedliche Wege für ein harmonisches
Zusammenleben der Menschheit zu finden, anstatt frisches Oel ins
schwelende Feuer zu schütten oder Schutz- und Ordnungskräfte zu
schwächen.
In diesem Sinne ist die auf politische Beeinflussung oder sogar
Agitation ausgerichtete sogenannte "Befreiungstheologie", so meine
ich, heutzutage ein gefährlicher Weg, denken Sie nur an die
möglichen Folgen!

Walter Zeisset

KIRCHE UND POLITIK
Arg, Tageblatt 3-3-1990
13 Martínez
Seit dem Erscheinen meines Leserbriefes im Arg. Tageblatt am
13-1-90 habe ich auf eine Reaktion gewartet. Jetzt ist sie
eingetroffen. Ich vermisse allerdings in Herrn Zeissets Entgegnung
eine regelrechte Auseinandersetzung mit meinen Ausführungen, werde
aber zu den Hauptpunkten seines Briefes Stellung nehmen.
Da Herr Zeisset Bezug auf meinen "geistigen Standort" genommen
hat, stelle ich klar: ich bin aktiver Christ und aktiver Sozialist
(Mitglied der argentinischen "Partido Socialista Democrático") und
folglich Feind jedes Unrechts und jedes totalitäes Regimes,
ungeachtet der Vorzeichen.
Herr Zeisset behauptet:
Die Theologen (d.h. die Kirche) sollten sich ausschließlich um das
"seelische" Wohl der Gläubigen kümmern: Die Kirche hat nicht
allein Gottesdienste, Taufen, Trauungen und Trauerfeiern nach
Bedarf und Wunsch der Kunden zu liefern. Darüber hinaus hat sie
vornehmlich die Aufgabe, das Gewissen der Welt zu sein. Dies ist
nicht leicht, und sie eckt dabei oft an. Auch ist dies unbequem
für alle diejenigen, die ihr eigenes Gewissen abstellen möchten.
Bei der Erfüllung dieser Aufgabe kommen auch Entgleisungen vor,
was aber kein Grund ist, um sie fallen zu lassen. Nichts wäre
verwerflicher, als wenn die Kirche sich darauf beschränken wollte,
obige Dienste zu verrichten, dafür zu kassieren und ansonsten zu
dulden, daß ihre "sogenannten" Christen sich im Alltagsleben
aufführen wie die schlimmsten Heiden.
Nach allgemeiner anerkannter Geschichtsauffassung sei allein der
verantwortlich, der den ersten Stein geworfen hat: Das ist aus der
Luft gegriffen. Rechtlich strafbar ist zwar nur, wer einen
strafrechtlichen Tatbestand erfüllt. Aber über die Hintergründe
solcher Taten können nicht deswegen die Akten geschlossen werden.
Es ist nicht nur das Recht, sondern die Pflicht von Geschichts-
und Sozialforschern, vor allem aber der Kirche, die tieferen
Ursachen und den Gesamtzusammenhang aufzudecken. Und Pflicht jedes
einzelnen, sich Gedanken über seine Mitverantwortlichkeit an dem
Geschehen zu machen.
Mit zimperlichen Strategien gewönne man keine Kriege (insbesondere
nicht gegen Heckenschüzten und Barbaren}.Ich habe keine
"zimperlichen" Strategien befürwortet, sondern im Gegenteil die
Notwendigkeit außerordentlicher Mittel anerkannt (mein Leserbrief
vom 13-1-). Beanstandet habe ich: a) das Fehlen jeder
Rechtmäßigkeit, selbst des leisesten Versuches, dieselben zu
wahren (kein einziger Prozeß, nicht einmal Standgerichte); b) den
Mißbrauch der Guerillabekämpfung, um sich unliebsamer Personen zu
entledigen.- Der Staat kann nicht auf das Niveau des
Verbrechertums herabsinken oder es gar noch schlimmer treiben, als
die Verbrecher selber.- Wer weiß, wohin es noch gekommen wäre,
hätten die (in vielen Kreisen verpönten) Proteste vom Ausland
gefehlt.
Unschuldige Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen seien ein
bedauerliches Begleitgeschehen aller Kriege: Im Kampf Getötete
sind eine bedauerliche, aber unvermeidliche Erscheinung, solange
es Kriege gibt. Dagegen ist das planvolle, systematische Ermorden
unschuldiger wehrloser Menschen (in Gaskammern, aber auch aus der
Luft und durch Entführung mit anschließender Tötung) ein
vermeidbares Verbrechen. Aber dies ist wahrscheinlich für Herrn
Zeisset eine "Salonanalyse", die Heinrich Himmler, Luftmarschall
Harris und Admiral Massera bitteres Unrecht tut.
Kein allierter militärischer Befehlshaber hatte sich vor einem
Gericht zu verantworten: Dies gereicht den Alliierten nicht zur
Ehre und entwertet die von ihnen nach dem Weltkrieg betriebene
Verfolgung von Kriegsverbrechen. Es entwertet aber nicht das
Vorgehen der Justiz in der Bundesrepublik, die sich durch die
gründliche und konsequente Ahndung von Verbrechen gegen
die Menschheit ein einmaliges Verdienst erworben hat, den
Deutschland jetzt vorweisen könnte. Es tut auch den Urteilen der
argentinischen Gerichte gegen für schuldig befundene ehemalige
Ordnungshüter keinen Abbruch.
Salonanalysen aus sicherer Entfernung seien wertlos und ungerecht.
Träfe dies zu, so wäre jeder geschichtlichen Betrachtung und sogar
jeder Rechtsprechung der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie
alle erfolgen vom Schreibtisch. Was aber noch schlimmer wäre,
wüßte sich jeder (jegliche Ordnungsmacht, aber auch, wenn man noch
einen Schritt weiter geht, jeder einzelne) vor jeglicher Kritik
sicher, so hätte er auch für nichts mehr einzustehen. Jeder könnte
sagen: Was sollte ich tun? Die Umstände haben mich dazu gezwungen.
Schutz- und Ordnungskräfte dürften nicht geschwächt werden:
Selbstverständlich nicht, sofern sie rechtmäßig vorgehen. Sie im
Unrechttun bestärken, fördert dagegen das schlimmste aller Übel:
den Unrechtsstaat.
Meine "Theorien" unterstüzten das Geplärr kommunistisch
unterwanderter Organisationen: Sollte ich deswegen die Wahrheit
nicht sagen, meine Meinung ängstlich verbergen, mein Gewissen
totschweigen?
Überdies wird die kommunistische Gefahr nicht nur häufig
übertrieben, ihr wird sehr oft ganz falsch entgegengetreten.
Kommunistische Regimes sind aus eigener Kraft immer nur dort an
die Macht gekommen, wo Unrecht, Korruption und Unterdrückung
herrschten (das zaristische Rußland, Cuba, China, Vietnam,
Nicaragfua). Niemals dort, wo einsichtige Reformer (allerdings nie
ohne harte Kämpfe), diesen Brennstoff weggeräumt hatten, auch wenn
die Linke (nicht immer unbedingt Marxisten oder Kommunisten)
weiterhin mitreden oder mitschreien darf.
Umgekehrt hat die Panik vor einer vermeintlichen "kommunistischen
Gefahr" schon mehrmals üble Folgen gezeitigt: sie half z.B. 1933
in Deutschland Hitler, 1939 in Spanien Franco an die Macht zu
bringen, zwei faschistische Diktatoren, von denen es dem
Erstgenannten gelang, die Untaten selbst eines Stalins zu
übertreffen; in den Vereinigten Staaten führte sie in den Jahren
nach dem zweiten Weltkrieg zum McCartyismus, der das ganze
amerikanische Rechtssystem gefährdete; in Argentinien versetzte
1966 eine Militärregierung unter diesem Vorwand der Universität
einen Schlag, von dem sie sich nicht wieder erholt hat.
Die befreiende Entwicklung in Osteuropa: Sie ist das erfreulichste
Ereignis seit vielen Jahrzehnten. Nur tritt für manche Leute das
Problem auf: Sollte der Kommunismus tatsächlich sterben, wer
sollte dann als Schreckgespenst herhalten? Sie scheinen schon eins
gefunden zu haben: die
"Befreiungstheologie".

Tomás A. Banzhaf