Noch einmal: Johannes Paul II in Argentinien
Artículo 133
Lugar/Ort:Gemeineblatt
Fecha/Datum:1987
Resumen/Skopus: Veröffentlicht im Gemeineblatt Nr.4/ 1987


Rev. Parroquial, 4/1987

Noch einmal: Johannes Paul II in Argentinien

Je näher die Tage des Papstbesuches heranrücken, desto zahlreicher
und ausführlicher werden die Nachrichten in Zeitungen, Radio und
Fernsehen. Eines muss dabei ganz klar sein, dass der ursprüngliche
und bestimmende Grund dieses Besuches das Gelingen der Bemühungen
des Papstes, und in seinem Gefolge auch des Vatikans, um die
Verhinderung eines kriegerischen Konflikts zwischen Argentinien
und Chile wegen der Beagle-Situation gewesen ist, der
schwerwiegende Folgen für alle Beteiligten gehabt hätte. Allein
schon aus diesem Grunde haben wir alle diesem Papst sehr dankbar
zu sein, unabhängig davon, dass er der "pastor supremo" der
größten christlichen Kirche der Welt ist. Wir freuen uns als
evangelische Christen darüber, wie wir uns vor Jahren freuten, als
der Weltrat der Kirchen in einem afrikanischen Konflikt
vermittelte und dadurch ein großes Blutvergießen verhinderte.
Müßten sich alle Kirchen mit ihren Gliedern nicht vielmehr als
bisher für den Frieden in dieser Welt einsetzen?
Wie wir unser alltägliches Leben nicht von unserem Christsein
trennen können, so können wir natürlich die Wirklichkeit auch
nicht trennen, dass der Papst, der den Frieden zwischen
Argentinien und Chile erreichte, ebenfalls das Oberhaupt der
rómisch-katholischen Kirche ist, zu der ca. 85% der Bevölkerung
Argentiniens gehört. Wenn wir das sagen, kommen viele Zweifel und
viele Fragen müssen selbstverständlich unbeantwortet bleiben.
Es ist und bleibt klar, dass wir das Papsttum in seiner ganzen
geschichtlichen und traditionellen Form nicht anerkennen können,
erst recht nicht als eine Möglichkeit für eine zukünftige Einheit
der Kirche. Allerdings wissen wir, dass an diesem Punkt auch keine
Gefahr besteht, dass irgendeine Kirche innerhalb der Oekumene
anders denkt als unsere Kirche, eine Kirche der Reformation. Das
Papsttum, unabhängig von seinem augenblicklichen Träger, ist
geradezu ein Hemmnis für direkte Fortschritte auf dem Gebiete der
Einheit und bei den ökumenischen theologischen Gesprächen wird
dieses Problem fast immer ausgeklammert oder nur kurz angerührt.
Dieser Papst hat es einmal selbst gesagt, dass er in seiner
Stellung das grösste Hindernis für die Einheit der Christenheit
sei. Noch ist keine Lösung für dieses Problem in Sicht. Dieses
Wissen aber bedeutet nicht, dass heute noch, -wie in der
Vorreformations- oder in der Reformationszeit, der Papst
schlechthin als der Antichrist bezeichnet werden muss. Seit der
Reformationszeit hat sich vieles geändert. Und wie der ökumenische
Gedanke seit Jahrzehnten innerhalb der nichtkatholischen
Christenheit Fuß gefaßt hat, so breitet sich das Bewußtsein um die
Einheit der Kirche, so wie sie Christus gewollt hat, auch
innerhalb der röm-kath. Kirche immer mehr aus, besonders nach dem
2. Vatikanischen Konzil. Welche nicht römisch-katholischen Kirche
würde es heute noch wagen, zu sagen, dass sie allein die einzige
wahre Kirche sei, alle anderen aber, besonders die
röm.-katholische das sündige Babel. Das passiert höchstens heute
unter den verschiedensten Sektengruppen.
Seit dem Konzil ist wirklich eine große Annäherung der
katholischen Kirche an die Reformation erfolgt. Das stellte in
Europa ein Bischof bitter fest und bemerkte, dass eine Annäherung
dieser Kirchen bisher ausgeblieben ist. Selbstverständlich wäre
dazu noch vieles zu sagen, allerdings muss doch festgestellt
werden, dass diese Kirche sich in einer nicht für möglich
gehaltenen Weise dem Evangelium geöffnet und damit einen Prozeß
einer neuen Sicht für ihre Arbeit begonnen hat, der nicht mehr
rückgängig zu machen ist, und für viele Hierarchen Angst und
Schrecken bedeutet. Diese Kirche stand in einer scharfen
Auseinandersetzung um diese neue Sicht und es blieben Rückschritte
natürlich nicht aus und man braucht auch nicht darauf zu warten,
dass sie evangelisch wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass von
dieser Kirche noch mancher Wechsel zu erwarten ist, wenn sie
weiterhin sich dem Evangelium offen verhält und nicht von den
nicht-katholischen Kirchen alleingelassen, sondern begleitet wird.
Der derzeitige Papst jedenfalls hat es immerwieder aufs neue
erklärt, dass er den auf dem 2. Vatikanischen Konzil beschlossenen
Weg allen Widerständen zum Trotz weiterschreiten will.
Ich halte es eigentlich für selbstverständlich, dass wir als
evangelische Kirche herzlichen Anteil nehmen am Kommen des
"pastors supremo" seiner Kirche nach Argentinien, um einmal den
Frieden zwischen Argentinien und Chile zu bekräftigen und zum
anderen an den verschiedenen Orten die Glieder seiner Kirche zu
besuchen und neue Wegweisungen zu geben. Diese Anteilnahme gilt
auch, wenn dieser Besuch eben nicht uns gilt und in einer uns
vielleicht nicht verstehbaren Form geschieht.
Erstaunlich finde ich es aber doch, dass bei der Vorbereitung der
Reise nach Argentinien durch die argentinische Bischofskonferenz,
die an eine Begegnung des Papstes mit den Repräsentanten der
nicht-katholischen Kirchen nicht im Entferntesten gedacht hatten,
der Papst selbst über die Nuntiatur diese Begegnung auf alle Fälle
gefordert hat, trotzdem alle zeitlichen Möglichkeiten erschöpft
waren. Die Einladung auszuschlagen würde mir unverständlich sein.
Das Verhalten anläßlich einer solchen Einladung bestimmen zu
lassen von dem Verhalten der arg. Bischofskonferenz gegenüber der
Theologie der Befreiung, gegenüber dem Paktieren in der
Vergangenheit mit der herrschenden Klasse, gegenüber der
Verletzung der Menschenrechte während der Militärdiktatur oder der
Gegenpropaganda gegen das LEY DE DIVORCIO VINCULAR u.a. wie es das
Dokument einer anderen evangelischen Kirche tut, könnte ich nicht
verstehen, zumal es dabei nur darum geht, entweder die oberste
Autorität der Kirche zu schicken oder "nur" einen anderen
Repräsentanten der Kirche.
Für viel wichtiger würde ich halten, wenn die Autoritäten der
nicht-katholischen Kirchen bei der Vorbereitungskommission
erreichen könnten, dass ein Sprecher bei der Begegnung mit dem
Papst die Möglichkeit erhält, außer dem Gruß usw. auch unsere Nöte
im Verhältnis zur arg. Bischofskonferenz zur Sprache zu bringen.
Dazu würde meines Erachtens besonders die Mißachtung und
verschlossene Haltung dieser Bischofskonferenz gegenüber den
nicht-katholischen Kirchen gehören, auch handelt sie bei dem
Problem der konfessionellen Mischehe so, als hätte es nie ein 2.
Vatikanisches Konzil gegeben, mit den ausführlichen
Ausführungsbestimmungen des Vatikans über dieses Problem. Ferner
wäre es sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Hochmut der
arg. kath. Kirche uns sehr verletzt und von uns nicht akzeptiert
werden kann, dass sie mit dem Anspruch auftritt, für alle
Christen, ja für alle Menschen zu sprechen, wenn es darum geht,
das neue Ley de Divorcio Vincular zu torpedieren und das
Parlament, das keine Organisation der röm. katholischen Kirche
ist, unter Druck zu setzen.
Selbstverständlich steht es bei solchen Begegnungen uns nicht zu,
die bestehenden Lehren dieser Kirche für ihre Glieder anzugreifen,
wie z.B. die Lehre von der Unauflösbarkeit der Ehe mit ihren
gesetzlichen Folgen. Das wäre die Aufgabe bestehender ökumenischer
Kommissionen. Ebenfalls würde ich es nicht wagen, die arg.
röm.-katholische Kirche oder den Papst oder den Vatikan deswegen
anzuklagen, weil sie sich in der Vergangenheit zu sehr an die
Reichen und Mächtigen gebunden, der Theologie der Befreiung sehr
ablehnend und abwartend gegenüberstand und sehr zwielichtig
während der Militärzeit bei der Verletzung der Menschenrechte sich
verhalten hat. Ich sage das, weil in dieser Hinsicht wir uns als
nicht-katholische Kirchen nicht viel anders verhalten haben als
die römisch-katholische Kirche und zuerst an unsere eigene Brust
schlagen müßten. Vielleicht geschieht auch hier in unseren Ländern
einmal ein Wunder, dass sich diese mächtige Kirche den Armen, bzw.
überhaupt dem Nächsten öffnet und lernt, was Theologie der
Befreiung wirklich bedeutet und sich einsetzt für den Menschen in
seinen Nöten, Problemen und Hoffnungen, wie es seit einigen Jahren
in Brasilien geschieht, wo jetzt dieses Wunder auch auf die
lutherische Kirche deutscher Herkunft übergesprungen ist. Solch
ein Wunder aber geschieht nicht durch Angriffe und Anklagen,
sondern ausschließlich und allein in gegenseitigen Kontakt mit dem
Worte Gottes als dem Evangelium Jesu Christi. Ich glaube an dieses
Wunder auch in Argentinien, allerdings frage ich mich, ob dieses
Wunder bei uns in unserer Kirche erst dann geschehen kann, wenn es
die röm.-katholische Kirche erreicht haben wird. Jedenfalls läßt
auch die Arbeit an den katholischen Fakultäten auf dieses Wunder
hoffen.
Bei einer Einladung zu einer ökumenischen Begegnung mit dem Papst
Johannes Paul II kann es meines Erachtens nicht anders sein, als
dass diese Einladung angenommen wird und dabei spielt es keine
Rolle, ob sie in Buenos Aires, Montevideo, Paraná oder in einem
anderen Ort stattfindet. Wer daran teilnimmt, sollte am Ort oder
im Distrikt entschieden werden. Wenn es eben möglich ist, sollte
auch versucht werden, ein Gespräch über das, was uns bedrückt, mit
dem Papst zu erreichen. Wenn Vertreter unserer Kirche zu anderen
Veranstaltungen, die als ökumenisch bezeichnet werden, eine
Einladung erhalten, so ist volle Freiheit gegeben, daran
teilzunehmen oder auch nicht. Es könnte z.B. hierunter eine
Veranstaltung für den Frieden fallen. Dieses hat natürlich auch
mit dem Diözesanbischof zu tun und seinem Verhältnis zu unserer
Kirche bzw. allgemein zu den nicht-katholischen Kirchen. Vor allem
sollte vermieden werden, ein herzliches Miteinander mit der
römisch-katholischen Kirche vor dem Papst vorzutäuschen, wenn es
am Ort nicht vorhanden ist.
Wie wir herzlich Anteil nehmen an diesem Besuch des Papstes zu
seiner Kirche in Uruguay, Chile und Argentinien, so muss es aber
auch klar sein, dass er eben ihr gilt und nicht uns. Darum wäre es
nicht gut, wenn wir unseren Gemeindegliedern allgemein raten
würden, an den normalen Veranstaltungen mit dem Papst
teilzunehmen, die fast ausschließlich die Form eines
Gottesdienstes (misa) haben, in denen die kath. Glaubensformen
praktiziert und die verschiedenen von uns nicht akzeptierbaren
Lehren propagiert werden. Das würde auch für die offiziellen
Vertreter unserer Kirche gelten. Wir können es nicht vergessen,
dass wir als evangelische Christen und Kirchen nicht voll
anerkannt werden und darum z.B. von der Feier der Eucharistie
ausgeschlossen bleiben.
Jesus Christus spricht:
"Ein neu Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebet,
wie ich euch geliebt habe, auf dass auch ihr einander liebhabet.
Dabei wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr
Liebe untereinander habt."
Johannes 13, 34 + 35

Karl Schwittay