Was geht uns der Rassismus an?
Artículo 113
Lugar/Ort:Revista Parroquial
Fecha/Datum:1984
Resumen/Skopus: Veröffentlicht in der Revista Parroquial im März 1984


Was geht uns der Rassismus an?

Pfr. Karl Schwittay, März, 1984-Revista Parroquial

Mit der geistesgeschichtlichen Aufklärung begann eine
Lebensauffassung sich durchzusetzen, die davon ausgeht, daß wir
Menschen, befreit von allen Bindungen, auch von der an Gott, das
Leben aus eigener Kraft selbst meistern können.
-Und was haben wir besonders in den letzten Jahrzehnten im Zuge
dieser Entwicklung nicht schon alles auf dem Gebiete der Technik,
der Wissenschaft, der Forschung und der Medizin geleistet?!
Allerdings ist dieses Erstaunen mit einem großen Entsetzen
verbunden. Wer hätte das für möglich gehalten, daß heute bei
diesen Erfolgen Millionen von Menschen vor Hunger sterben, andere
versklavt und von repressiven Kräften unterdrückt und ihrer
primitivsten Rechte beraubt werden.
Wie ein uns bedrohendes endzeitliches Ungewitter, das alles Leben
vernichtet und diese unsere Erde zerstört, steigt es dunkel am
Horizont unserer Gegenwart auf. Wir sind eine Welt am Abgrund, das
ist das Endresultat einer Entwicklung in der
Menschheitsgeschichte, in der wir Menschen unser Leben und die
Geschicke dieser Welt selbst in die Hand genommen haben, ohne nach
Gott, unserem Schöpfer, zu fragen. In einer Welt ohne Gott, die
für Millionen von Menschen zur Hölle wurde und die ihrem
katastrophalen Ende zustrebt, herrschen aber an Stelle Gottes
andere Mächte und Gewalten, wie Nationalismus, Armamentismus,
Militarismus, Kapitalismus, Kolonialismus, Kommunismus und
Sozialimperialismus und andere. Das sind einige der
zerstörerischen Götzen unserer Zeit und diesen verführerischen
Mächten sind wir ausgeliefert. Sie verführen uns, unseren
christlichen Glauben zu verraten und zu verleugnen, uns vom
Fundament unseres christlichen Glaubens wegzubringen, wozu ja auch
der 1. Artikel unseres Apostolischen Glaubensbekenntnisses gehört.
Durch Jesus Christus, unserem Herrn und Heiland, wird uns bezeugt,
daß unser Gott es ist, der uns mit allen anderen Menschen, mit
allen Geschöpfen, einschließlich der Natur, erschaffen hat und
heute noch erhalten will und uns zu diesem Zweck sogar als seine
Mitarbeiter eingesetzt hat. Wir Menschen sind als Menschen uns zur
gegenseitigen Hilfe gegeben und insgesamt dazu gerufen, alles zu
tun, daß diese Erde als Grundlage des Lebens uns erhalten bleibt.
Zu diesen Mächten und Gewalten, die uns von unserem Gott trennen
wollen, gehört auch der Rassismus.
Darunter verstehen wir, daß Menschengruppen gleicher Rasse,
gleicher Hautfarbe, gleicher Kulturkreise oder Geschichte, sich
höher, besser und wertvoller dünken als die anderen
Menschengruppen, die sie umgeben. Sie fühlen sich berechtigt,
diese anderen Gruppen zu verachten, sie zu unterjochen, auf ihre
Kosten zu leben, ihnen die einfachsten menschlichen Rechte
vorzuenthalten, sie als Menschen zweiter Klasse zu behandeln oder
sie sogar auszurotten.
Schon die Eroberung der Welt durch die europäischen weißen
Menschengruppen ist kein Ruhmesblatt der Geschichte. Wir brauchen
nur an die Eroberung Nordamerikas durch die Engländer und an die
Eroberung Südamerikas durch die Spanier und Portugiesen zu denken,
deren Verhalten zu der Urbevölkerung ganz von einem grausamen
Rassismus geprägt war. Noch heute ist es den Übriggebliebenen
eingeborenen Gruppen auf dem amerikanischen Kontinent im Norden
und im Süden anzumerken, was ihnen der Rassismus der Weißen
angetan hat.
Nicht zu vergessen ist, wie das ganze Leben Nordamerikas durch den
Rassenkampf der Weißen gegen die Schwarzen charakterisiert ist.
Nur sehr schwer und unter harten Kämpfen kann der schwarze
Bevölkerungsteil sich des Recht auf ein echtes menschliches Leben
erringen, ein Kampf, der von der Sklavenbefreiung angefangen bis
heute noch nicht zum Ziele gekommen ist. Überhaupt ist das Kapitel
der Übersiedlung der Schwarzen aus Afrika nach Nordamerika, z.T.
auch nach Südamerika, die im Zuge der Eroberung Afrikas durch die
Europäer als Sklaven verkauft wurden, ein trauriges Zeugnis eines
rassistischen Überleqenheitsgefühl der Europäer.
Wir würden uns schuldig machen, wenn wir in diesem Zusammenhang
nicht den wahnsinnigen Rassismus in Deutschland und in ganz Europa
erwähnen würden, der unter Hitler in einem Übermut und Haß
ohnegleichen an die geplante Ausrottung der jüdischen Bevölkerung
Europas heranging. Diesem antisemitischen Rassismus fielen
Millionen von Juden zum Opfer, nachdem ihnen das Leben zur Hölle
gemacht wurde. Es müßte einmal der geschichtlichen Frage
nachgegangen werden, ob an diesem Antisemitismus nicht die
christlichen Kirchen durch ihr Verhalten dem Judentum gegenüber im
Laufe der Geschichte und wie sie das Verhalten des Christen zum
Juden erklärte, auch eine große Schuld hat.
Leider stehen wir heute noch in Südafrika mitten in einem brutalen
Rassismus, in dem unter dem Namen "Apartheid" eine weiße
Minderheit die große schwarze Mehrheit unterdrückt und ausbeutet,
sie ihrer einfachsten Rechte beraubt, sie als minderwertig
behandelt wird und damit den Boden für eine kommende blutige
Auseinandersetzung vorbereitet, die dann wieder unsagbares Leid
über beide Gruppen bringen wird.
Die christlichen Kirchen sind in Afrika zu einem klaren Zeugnis
aufgerufen, daß der Rassismus gegen die Würde des Menschen und
damit gegen die Schöpfungsordnung Gottes verstößt. Hier in
Südafrika wird nämlich der Versuch unternommen, die Unterdrückung
der Schwarzen als Wille Gottes hinzustellen. Selbstverständlich
hat ein solch klares Zeugnis der christlichen Kirchen gegen solch
einen gottlosen Rassismus zur Folge, daß staatliche Mächte
versuchen, ihr ihre Handlungsfreiheit zu beschränken.
Es ist kein Geheimnis mehr, daß die augenblicklichen weltweiten
Schwierigkeiten zwischen dem Westen und dem Osten überflügelt
werden von den Spannungen zwischen dem reichen Norden und dem
armen Süden, da die Reichen immer reicher und die Armen immer
ärmer werden. Diese Nord-Süd-Spannungen sind im letzten Grunde der
Ausdruck eines krassen egoistischen Rassismus, da sich die weißen
Menschen des Nordens höher und besser und intelligenter dünken als
die Farbigen des Südens und darum meinen, höhere Lebensansprüche
stellen zu können, und zwar auf Kosten der Armen der Bevölkerung
des Südens. Dieser Nord-Süd-Rassenkonflikt steuert auch bereits
einer harten Auseinandersetzung entgegen, deren Ergebnis in
Verbindung mit den anderen Mächten und Gewalten wir noch nicht
voraussehen können.
Mit diesen Ausführungen haben wir noch lange nicht alle aktuellen
Konflikte, die im Rassismus ihren Ursprung haben, gestreift. Aber
es soll genügen, um aufzuzeigen, daß dieser Rassismus nur da und
dann aufkommen kann, wenn Gott, der Schöpfer, nicht ernstgenommen
wird, der jedem Menschen seine Identität, seine Gestalt, sein
Denken, seine Hautfarbe und alles, was zum Menschsein gehört,
gegeben hat, damit alle zusammen sich gegenseitig helfen, jeder in
seiner und auf seine Art.
Wer einen anderen Menschen aus einem fanatischen Rassismus heraus
verachtet, unterdrückt und ausbeutet und ihn nicht als Menschen
akzeptiert und ihn als solchen leben läßt, verachtet seinen
Schöpfer und verleugnet seinen christlichen Glauben.
Es ist schon eine gute Sache, daß z.B. die "Vereinten Nationen" in
allen ihren Organisationen immer wieder schärfstens gegen jede
Rassendiskriminierung Stellung nimmt und manchmal auch konkret
eingreift. Obwohl das Wissen zunimmt, daß nur im Aufgeben des
Rassismus und in der Respektierung der verschiedenen Volksgruppen
und Rassen die ganze Menschheit eine Zukunft hat, sind die
Ergebnisse aller Bemühungen nicht sehr ermutigend.
Als selbstverständlich allerdings muß angesehen werden, daß die
christlichen Kirchen und in ihrer Stellvertretung die
verschiedenen Organisationen des Ökumenischen Rates der Kirchen
gegen jeden zerstörerischen Rassismus Stellung nehmen und da, wo
die Diskriminierung grausame Formen annimmt, durch Hilfsprogramme
eingreift.
In jeder Stellungnahme gegen jegliche Form des Rassismus
verteidigt die Christenheit den 1. Artikel des christlichen
Glaubens. Und vergessen dürfen wir auch nicht, daß schon der
Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater (3,28) schreibt:
"Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch
Freier, denn ihr seid allzumal einer
in Christus."
Damit setzte er schon damals, als in den kleinen gerade
gegründeten Gemeinden bereits ein gewisser Rassismus mit der
Verachtung bestimmter Volksgruppen sich bemerkbar machte,
Richtsteine, die auch noch heute für uns gelten.
Jeder Einsatz eines Christen, einer christlichen Gemeinde und
Kirche oder einer ökumenischen Organisation für die Respektierung
und Akzeptierung einer anderen uns noch so fremden Volksgruppe und
gegen jeden Rassismus ist ein Zeugnis für unseren christlichen
Glauben und ein Bekenntnis dafür, daß wir alle, die wir ein
menschliches Angesicht tragen, unseres Gottes geliebte Geschöpfe
sind. Unsere Aufgabe ist es, daß wir uns gegenseitig helfen mit
unseren Fähigkeiten und Gaben, damit wir dieses uns von Gott
gegebene menschliche Leben auch voll ausleben.
Wenn wir nun ganz konkret gefragt würden, ob es denn bei uns am La
Plata überhaupt einen Rassismus gibt, würden die meisten von uns
antworten: nein. Bei uns sind vor dem Gesetz alle gleich. Keiner
wird in der Form seines Lebens behindert, Jeder hat die gleichen
Möglichkeiten schulmäßig voranzukommen, Und manchmal sieht es so
aus und die Gesetze zeigen es an, als ob in unserer Umwelt kein
Raum für einen Rassismus sei, wie in anderen Gegenden.
Aber schauen wir in die Wirklichkeit unseres grauen Alltags: Was
las ich im "Clarin"? Wegen der an Synagogen und jüdischen Schulen
begangenen Attentate hat der argentinische Innenminister alle
Synagogen und die betreffenden Schulen unter polizeilichen Schutz
gestellt. Sind das nicht Zeichen eines bestehenden Rassismus in
der Form des Antisemitismus? Sind nicht viele unserer
Gemeindeglieder auch für einen gewissen Antisemitismus anfällig?
Sollte nicht vermieden werden, Ausdrücke zu gebrauchen wie "diese
Schwarzen!" oder "diese Juden!" oder "diese Türken!" oder "diese
Paraguayer!", die im letzten Grunde eine Verachtung gegenüber
diesen anderen zum Ausdruck bringen?
Ein schwelender Rassismus ist in unseren Ländern besonders
vorhanden in Verhältnis zu den verschiedenen Stämmen der
einheimischen Urbevölkerung, der "aborígenes". Was ist ihnen nicht
alles in einer langen Geschichte von weißen Menschen schon angetan
worden und bis heute sind sie an den Rand der südamerikanischen
Geschichte gedrückt. Grausames Unrecht wird ihnen aufs Neue jetzt
am Amazonas zugefügt. Für unsere Kirche ist es ein Lichtblick und
ein Zeichen dafür, daß wir den Ruf Jesu gehört haben, unsere
Verantwortung für "die Kleinsten unserer Brüder" wahrzunehmen, als
wir auf der Synodaltagung 1980 in Asunción, Paraguay beschlossen,
offiziell bei der Arbeit der JUM -Junta Unida de Misiones- mit den
TOBAS im Chaco mitzumachen, trotz einigen Widerstandes.
Wir wollen zusammenfassen, in dem wir an das am Anfang Gesagte
anknüpfen. Wir leben in einer Welt, in der der Mensch ohne Bindung
an Gott, seinem Schöpfer, die Geschicke dieser Welt selbst in die
Hand genommen und damit in die Hände gottwidriger Mächte und
Gewalten gegeben hat, die uns einer Katastrophe zutreiben lassen.
Zu diesen Mächten und Gewalten gehört auch der Rassismus in seinen
verschiedensten Ausprägungen. Da wir als Christen gerufen sind,
unserem christlichen Glauben treu zu bleiben, sind wir auch
gerufen, als Christen, als christliche Gemeinden und als Kirche,
im Glauben jeglichem Rassismus zu widerstehen.