Die Barmer Theologische Erklärung 1934-1984
Artículo 110
Lugar/Ort:Revista Parroquial
Fecha/Datum:1984
Resumen/Skopus: Der Artikel wurde veröffentlicht in der Revista Parroquial Nr. 9/ September 1984 - Seite 200-203 (mit spanischem Text der Barm. Theol. Erklärung in den Unterlagen in spanisch) in spanisch)


Rev. Parroquial Nro. 9 September 1984 - Pag. 200-203

Die Barmer Theologische Esklärung 1934 - 1984

Entstehung der Diktatur
Der größte Teil des deutschen Volkes setzte noch einem verlorenen
Krieg in einer Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs und der
Arbeitslosigkeit seine ganze Hoffnung auf Hitler und seine
Nationalsozialistische Arbeiterpartei -NSDAP-, die eine radikale
Wende für Deutschland versprach und war begeistert, als Hitler
1933 auf Grund der Erfolge bei den Wahlen zum Reichskanzler
ernannt wurde und die Regierung übernahm.
Schon in den Jahrzehnten vor diesen Ereignissen waren religiöse
Kräfte am Werk, die eine Erneuerung des deutschen Nationalismus
anstrebten und ihn an die Stelle des christlichen Glaubens
setzten, ihn auch bekämpften. Dieser Nationalismus war verbunden
mit einer Verherrlichung der germanischen Rasse und einem
fanatischen Haß gegen die Juden. In diesen deutsch-religiösen
Strömungen konnte Busso Löwe sagen:
"Unser Glaube ist Gott! Unsere Kirche ist die deutsche Heimat!
Unsere Gemeinde ist das deutsche Volk! Unsere Bibel ist die
deutsche Seele und ihre Werte! Unser Priester ist jeder
rassebewußter deutsche Mensch! Unsere Sakramente sind Arbeit,
Kampf und Liebe! Unser Bekenntnis heißt Blut und Boden, Freiheit
und Ehre! Unser Symbol ist das uralte heidnische Hakenkreuz!
Unsere Zukunft heißt Deutschland."
Es war nur selbstverständlich, daß sich solche Strömungen mit den
politischen Zielen Adolf Hitlers verbanden und den
Nationalsozialismus mit einer religiösen Weihe umgaben. Alfred
Rosenberg schrieb dafür das Buch: "Der Mythos des 20.
Jahrhunderts."
In der Begeisterung, daß durch Adolf Hitler nun alles neu werden
sollte, besonders auf wirtschaftlichem, politischem, nationalem
und religiösem Gebiete, sahen die meisten nicht, daß der
Nationalsozialismus von Anfang an sein Programm mit brutaler
Gewalt durchzusetzen versuchte und alles, was ihm im Wege stand,
niederwälzte. Er strebte die Diktatur an.
Deutsche Christen.
Auch viele Kirchenleitungen der verschiedenen Landeskirchen mit
Pfarrern und Gemeindegliedern waren fest davon überzeugt, daß nun
die Stunde Gottes für das deutsche Volk geschlagen habe, nicht die
Stunde des Gerichts, sondern zum Guten und zum Heil für alle
Menschen dieses Volkes. Sie glaubten, sich der Verantwortung zur
Mitarbeit nicht entziehen zu können und forderten auf, alle Kräfte
für diese Zeitenwende einzusetzen, um dadurch das Reich Gottes in
Form des "Dritten Reiches", herbeigeführt durch Adolf Hitler, auf
Erden zu verwirklichen. Es gab am Anfang innerhalb der
evangelischen Christenheit in Deutschland nur sehr wenige, die
dieser ganzen Entwicklung kritisch gegenüberstanden.
Dazu hatte sich innerhalb der evangelischen Kirchen eine Gruppe
gebildet, die sich "Deutsche Christen" nannten, die eine Synthese
darstellte zwischen christlichem Glauben, der deutschen völkischen
Religion und den politischen und weltanschaulichen Zielen des
Nationalsozialismus. Allerdings war bei dieser Gruppe anfänglich
nur das deutlich, daß sie die nationale Revolution durch Hitler
begeistert bejahte, wie bei den meisten evangelischen Christen.
Bei den Kirchenwahlen am 23. 7. 1933, zu denen Adolf Hitler
persönlich am Vorabend der Wahl eine Propagandarede für diese
deutsch-christliche Gruppe hielt, erreichte diese fast überall
eine überwiegende Mehrheit. Das bedeutete, daß in den Vorständen
der Gemeinden und in den Bezirkssynoden und den Leitungsorganen
der Landeskirchen die Vertreter der "Deutschen Christen" die
bestimmende Macht bildeten. Auf Grund dieser Wahl trat am 29. 9.
1933 die große deutsche Nationalsynode zusammen, auf der der
deutsch-christliche Pfarrer Ludwig Müller, ein Verehrer Adolf
Hitlers, zum Reichsbischof über die gesamte Evangelische Kirche
gewählt wurde. Seine Ziele waren:
1. die evangelischen Landeskirchen aufzulösen zugunsten einer
einzigen deutschen Reichskirche;
2. die gesamte kirchliche Jugend- und Kinderarbeit in die
staatliche Hitlerjugend zu überführen;
3. das in der nationalsozialistischen Bewegung geltende
Führerprinzip in der Kirche zur Geltung zu bringen. Alles, was in
der Kirche zu gelten hat, sollte von oben herab befohlen werden.
Das letzte Wort sollte sogar nicht der Reichsbischof, sondern
Adolf Hitler haben, der noch manchen Äußerungen von
deutsch-christlichen Pfarrern die Stelle Jesu Christi im Leben
eines Christen einzunehmen habe.
4. Judenchristen aus der Kirche auszuschließen;
5. das Amt, das die deutschen evangelischen Gemeinden im Ausland
betreute, bei seiner ganzen Arbeit im deutsch-christlichen Geist
auszurichten;
6. die deutsche evangelische Kirche zu einem willigen Werkzeug
Hitlers zu machen und den christlichen Glauben an die
nationalsozialistische Weltanschauung anzupassen.
Konnte es unter solchen Umständen ausbleiben, daß sich hier und da
im Lande evangelische Christen fragten: Was hat das alles noch mit
unserem Glauben zu tun? Gibt es kein vollmächtiges Wort, das uns
auf Grund der Heiligen Schrift den Willen Jesu Christi in dieser
Situation bezeugt? Dieses Fragen nach der biblischen Wahrheit
wurde noch größer, als am 13. 11. 1933 in Berlin der Gauleiter der
"Deutschen Christen", Dr. R. Krause, das Programm dieser jetzt
bestimmenden Gruppe in der Kirche bekanntgab:
a) Die Vollendung der Reformation durch den Nationalsozialismus,
der als eine neue Offenbarung Gottes in dieser Zeit zu gelten hat.
b) Die Befreiung des christlichen Geistes von allem, was dem
deutschen Geist widerspricht.
c) Die Abschaffung des Alten Testamentes als Glaubensgrundlage.
d) Alles Jüdische des Evangeliums sollte aus den Gottesdiensten
und aus der Kirche verschwinden.
e) Der gekreuzigte Christus sollte nicht mehr als Mittelpunkt von
Predigt und Lehre gelten, sondern Christus, der ein Held ist, der
dem deutschen heldischen Wesen entspricht.
f) Die Gründung einer judenfreien Reichskirche, die Hitler zu
Diensten steht.
In dieser Zelt begannen viele Gottesdienste mit dem Gruß "Heil
Hitler!" Kruzifixe auf den Altären, wurden durch Hitlerbilder
ersetzt. Konfirmandenunterrichte wurden nicht auf Grund des
Katechismus gegeben, sondern an Hand von Schulungsbriefen der
nationalsozialistischen Partei. Anstelle des ganzen Neuen
Testaments wurden Auszüge herausgegeben, die alle Angaben, daß
Jesus Christus ein Jude gewesen ist, wegließen. Liederverse, die
die hebräischen Wörter "Halleluja", "Zion", "Jerusalem",
"Hosianna" und andere enthielten, wurden umgedichtet.
Bekennende Kirche
Das alles führte dazu, daß überall im deutschen Land, wo Christen
ihren Glauben an Jesus Christus ernst nahmen, sich sammelten und
neu nach der Botschaft der Heiligen Schrift und des Heils suchten.
Zur gleichen Zeit hatte der Berliner Pfarrer Martin Niemöller am
21. 9. 1933 den Pfarrernotbund gegründet, zu dem alle Pfarrer sich
zusammenschlossen, die mit aller Entschiedenheit Jesus Christus
als dem einzigen Zentrum ihres Glaubens bekannten und nichts
anderes als diesen Herrn in ihren Gemeinden zu verkündigen bereit
waren, ohne zu fragen, ob eine solche Haltung Schmach und
Verfolgung bedeutete.
Diese beiden Strömungen von Pfarrern und Gemeindegliedern führten
zur Bildung der sogenannten "Bekennenden Kirche", die bewußt
innerhalb der Deutschen Evangelischen Kirche blieb und sich nicht
von ihr trennte, sondern beanspruchte, die wahre Deutsche
Evangelische Kirche zu sein, aber sie galt für den Staat als
illegal.
Bald wurde die 1. Synode der "Bekennenden Kirche" vorbereitet und
nach Wuppertal-Barmen für die Zeit vom 29. bis zum 31. Mai 1934
einberufen. Sie fand in der reformierten Kirche in Gemarke statt.
Es kamen 139 Abgeordnete aus 18 verschiedenen Landeskirchen
Deutschlands zusammen, darunter 53 Gemeindevertreter. Bei der
Vorbereitung und Durchführung dieser Synode spielten außer Pfarrer
Niemöller der reformierte Theologieprofessor Karl Barth und der
lutherische Pfarrer Hans Asmussen eine bedeutende Rolle. Auf
dieser Synodaltagung wurde in einer Erklärung zur Rechtslage
beschlossen, der Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche
unter dem Reichsbischof Ludwig Müller alle Rechte abzusprechen,
weil sie in ihren Verlautbarungen der deutsch -christlichen
Irrlehre den Eingang in die Kirche förderte, was gegen die
gesetzliche Verfassung der Kirche war. Außerdem hatte sich diese
Kirchenleitung verschiedener Rechtsbrüche gegenüber Gemeinden und
Pfarrern schuldig gemacht und dabei Organe der Geheimen
Staatspolizei und der nationalsozialistischen Partei herangezogen.
Als einzige sich als legitim verstehende Autorität der Deutschen
Evangelischen Kirche verweigerte die Bekenntnis-Synode der
deutsch-christlichen Kirchenleitung jeglichen Gehorsam.
Die Theologische Erklärung
Neben noch weiteren Beschlüssen wurde eine "Theologische
Erklärung" verabschiedet, die den evangelischen Christen in
Deutschland unter der besonderen Situation, in der sie lebten,
einen Maßstab an die Hand geben wollte, wie sie sich gegenüber den
Versuchungen der "Deutschen Christen" und der
nationalsozialistischen Weltanschauung verhalten sollen, ohne
ihren christlichen Glauben zu verlieren. Für unzählbare Christen
war diese "Barmer Theologische Erklärung" die entscheidende Hilfe
in der damaligen turbulenten Zeit.
Obwohl diese Erklärung eine Hilfe in der geistigen und geistlichen
Auseinandersetzung sein wollte, bedeutete sie auch eine
entscheidende Hilfe zum Widerstand, als der Staat mit Gewalt seine
Weltanschauung durchzusetzen suchte und die Christen unter Druck
setzte.
Die Barmer Theologische Erklärung umfaßt 6 Thesen, die jede für
sich aus 3 Abschnitten besteht:
a) Bibeltexte;
b) eine Erklärung, die ausdrückt, was bejahend daraus folgt;
c) eine scharfe Ablehnung und Verwerfung einer aktuellen Irrlehre,
die nicht mit dem Wort Gottes übereinstimmt.
Das Zentrum dieser Erklärung sind die beiden ersten Thesen, die
das zum Ausdruck bringen, was als Leitfaden der Reformation von
Anfang an gegolten hat:
1. Allein Christus;
2. Allein die Schrift;
3. Allein die Gnade;
4. Allein der Glaube.
Es wurde in diesen beiden ersten Thesen in einer klaren Weise
bekannt, daß es für uns Christen als Fundament unseres Glaubens
nur den einen Herrn Jesus Christus gibt, dem wir allein im Leben
und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben und dieser
Jesus Christus wird ausschließlich und allein bezeugt durch die
Proklamierung des Evangeliums nach der Heiligen Schrift.
Demgegenüber wird als Irrlehre verworfen, wenn neben Jesus
Christus andere Personen, Ereignisse oder Ideen, wie z. B. die
nationalsozialistische Weltanschauung oder Adolf Hitler, in den
Mittelpunkt gestellt oder sogar als noch wichtiger angesehen
werden. Es geht um ein Entweder - Oder, was ja auch von der
nationalsozialistischen Weltanschauung gefordert wurde.
Durch die 3. These wird bezeugt, daß das Leben der Kirche, und
das, was durch sie getan wird, nicht durch politische Meinungen
oder Weltanschauungen geprägt werden darf, sondern durch das, was
Jesus Christus in seinem Wort ihr anvertraut hat und wodurch er
heute noch gegenwärtig ist, u. z. in seiner Gemeinde. Diese seine
Kirche hat eine eigene Organisationsform, die ihrer Arbeit und
Aufgabe entspricht. Diese Organisationsform so zu verändern, daß
sie der Organisationsform der nationalsozialistischen Partei
entspricht, ist eine Irrlehre, die zu verwerfen ist. Auch ist es
unmöglich, wie die 4. These ausdrückt, daß in der Kirche das
Führerprinzip zu gelten hat, weil Jesus Christus sie als eine
Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern geschaffen hat, wo niemand
über den anderen herrscht und absolute Macht ausübt, sondern wo
einer dem anderen dient, wo Jesus Christus selbst unser aller
Bruder und Diener geworden ist. Aber wenn einer schon in der
Kirche das Sagen hat, dann ist es allein Jesus Christus und kein
Reichsbischof, und erst recht kein politischer Führer außerhalb
der Kirche, selbst wenn er Adolf Hitler heißt.
In der 5. These werden vom Evangelium her die Aufgaben und Grenzen
des Staates und der Kirche aufgezeigt. Dem Staat steht es nach
Gottes Willen zu, in einer noch nicht erlösten Welt, auch unter
Androhung von Strafen, für Ordnung zu sorgen und dafür, daß Recht
und Gerechtigkeit und Friede unter uns Menschen herrschen. Was ihm
verwehrt bleibt, ist, sich an die Stelle Gottes zu setzen und sich
selbst zur Kirche oder zum Religionsersatz zu machen oder sich in
die ureigensten Aufgaben der Kirche einzumischen und sie zur
Handlangerin und Dienerin des Staates zu machen, wie es zuerst die
"Deutschen Christen" und dann später der nationalsozialistische
Staat selbst forderte. Jeder totalitäre Staat, der von seinen
Staatsbürgern und von der Kirche einen totalen Gehorsam fordert,
widerspricht der Anordnung Gottes.
Der Kirche in dieser These wird aufgetragen, den Staat zu
respektieren, wenn er die Aufgaben ausführt, die ihm von Gott
gesetzt worden sind. In der Ausführung dieser Aufgaben schuldet
die Kirche dem Staat vollen Gehorsam und hat dem Staat keine
Vorschriften zu machen. Die Kirche hat kein politisches oder
staatliches Mandat. Staat und Kirche sind, so in einer kritischen
Weise zugeordnet und dabei hat die Kirche dem Staat das Evangelium
zu proklamieren.
In der letzten These wird gegenüber einem totalitären Staat
erklärt, daß die besondere Aufgabe der Kirche darin besteht, das
Wort Gottes zu verkündigen, die Königsherrschaft Jesu Christi zu
proklamieren und die Sakramente gemäß dem Worte Gottes zu
verwalten. In dieser ihrer Aufgabe darf sie sich von keiner
anderen Instanz oder Macht, auch nicht vom Staat, begrenzen
lassen. Auch einem totalen Staat gegenüber, dem es nicht paßt,
wenn ihm auf Grund des Wortes Gottes sein Versagen und seine
Verbrechen und sein Unrecht und seine Ungerechtigkeit bezeugt
wird, ist die Kirche dieses Wort schuldig und darf sich durch
nichts, auch nicht durch Verfolgung und Tod, von dieser Aufgabe
abhalten lassen. Und vor allen Dingen darf sie nicht anstelle des
Wortes Gottes staatliche Anordnungen, politische Meinungen,
weltanschauliche Ideen oder Aussagen von nationalen Führern
proklamieren.
Mit dieser "Barmer Theologischen Erklärung" kämpfte die illegale
"Bekennende Kirche" innerhalb der Deutschen Evangelischen Kirche
bis zum Ende des 2. Weltkrieges um eine wahre evangelische Kirche,
in der das Evangelium von Jesus Christus lauter und rein
verkündigt und die Sakramente nach der Einsetzung verwaltet
werden.
In der Ausführung dieser Theologischen Erklärung sind viele
evangelische Christen, nicht nur Pastoren, verhaftet worden und in
die Gefängnisse gewandert oder haben in anderer Weise leiden
müssen bis hin zum Tode, immer im Gehorsam gegenüber dem Wort
Gottes: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen."
Ap. 5, 29
Heutige Bedeutung.
Obwohl die Theologische Erklärung in der damaligen Zeit in einer
ganz bestimmten Situation in der Evangelischen Christenheit in
Deutschland entstanden ist, um das Heil in Jesus Christus zu
verkündigen und die Irrlehren der "Deutschen Christen" abzulehnen,
hat sie heute noch nach 50 Jahren ihre Bedeutung nicht verloren.
Fast alle Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland,
die nach dem Kriege neu geordnet wurde, haben sie als bindend
anerkannt, auch heute noch. Ebenfalls zeigen Nachrichten aus der
Weltchristenheit, daß sie eine große Hilfe ist für Christen und
Kirchen, die ähnliche Schwierigkeiten durchstehen müssen. Daneben
sind unabhängig von der Situation einige so klare Aussagen in der
Erklärung über das Evangelium und seine Bedeutung gemacht, daß
keine evangelische Kirche und kein evangelischer Christ sie
verneinen oder ablehnen kann, "ohne Schaden zu nehmen an seiner
Seele".
Bedeutung für die Evangelische Kirche am La Plata.
Wenn wir sagen, daß die "Barmer Theologische Erklärung" aus dem
Jahre 1934 noch nach 50 Jahren nicht nur ein historisches Dokument
ist, sondern auch heute aktuell bleibt, haben wir uns natürlich zu
fragen, in welcher Weise kann sie uns als evangelische Christen
und als Evangelische Kirche am La Plata helfen, unsere Aufgaben zu
sehen, unsere Verantwortung wahrzunehmen und unserem Herrn Jesus
Christus gehorsam zu sein.
Wenn die I. These sagt:
"Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird,
ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und
im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.",
so wird bezeugt, daß das Fundament unseres Glaubens und unserer
Kirche allein das Evangelium von Jesus Christus ist und es uns
nicht zusteht, daneben noch etwas anderes als konstitutiv zu
setzen, wie unsere europäische bzw. deutsche Tradition und Sprache
und Volkstum, aber auch keine Ideologie oder ein caudillo oder ein
Parteiprogramm oder irgendein vergangenes oder zukünftiges
historisches Ereignis oder ein hiesiger Nationalismus.
Die 2. These erinnert uns daran, daß wir nur einen Herrn haben,
der unser Heiland ist und Jesus Christus heißt und dem wir zu
gehorchen haben und dem wir allein unterstellt sind. Es ist nicht
möglich, daß wir sagen, am Sonntag und im Gottesdienst gehöre ich
dem Herrn, aber in der Welt herrschen andere Gewalten, wie im
Beruf oder im Geschäft oder in der Partei oder im Staat, da gilt
das Wort meines Herrn Jesus Christus nicht, da brauche ich mich
nicht von meinem Glauben her leiten zu lassen. Solch eine Meinung
wird als eine falsche Lehre verurteilt und gilt nicht als
christliche Lehre.
Die 3. These warnt uns davor, daß wir uns in unserem christlichen
Glauben und als eine christliche Kirche bevormunden lassen oder
sogar einen Dienst übernehmen für irgendeine Weltanschauung oder
eine politische Meinung oder ein Wirtschaftsprogramm oder
bestehende moralische Gesetze. Sie hat die Freiheit des
Evangeliums zu proklamieren und kann kein anderes Ziel kennen als
die Aufrichtung des Reiches Gottes mitten in dieser Welt, u.z.
einzig in dem Sinne, wie es Jesus Christus gewollt hat.
In der Kirche, in der verschiedene Dienste ausgerichtet werden,
und die sich als eine Kirche von Brüdern und Schwestern versteht,
ist es nach der 4. These nicht möglich, daß eine Diktatur-Ordnung
praktiziert wird, in der einer oder eine Gruppe befiehlt und alle
anderen haben zu gehorchen, zumal wenn es dabei noch darum geht,
daß notwendige Aufgaben unterdrückt werden. In der Kirche ist es
nicht möglich, daß die Kirchenleitung Gemeinden unter Druck setzt
oder die Gemeinden die Kirchenleitung. Es kann auch nicht sein,
daß der Pastor zum Tyrann des Gemeindevorstandes wird, aber ebenso
ist es nicht möglich, daß der Gemeindevorstand gegenüber Pfarrer
und Gemeinde seine Meinung diktatorisch durchsetzt. Niemals
sollten wir vergessen, daß wir eine Kirche von Brüdern und
Schwestern sind, die beauftragt wurden von ihrem Herrn, ihre
Aufträge auszuführen in seinem Sinn.
Das Verhältnis von Kirche und Staat wird in der 5. These
behandelt. Von dieser These kommt die Frage, ob der argentinischen
Staat in den letzten Jahren seinen von Gott erhaltenen Auftrag
ernstgenommen hat, für Frieden und Recht und soziale Gerechtigkeit
einzutreten, als er in einer solch grausamen Weise gegen jegliches
Recht und gegen jegliche menschliche Würde handelte, einen Krieg
begann und einen großen Teil der Bevölkerung in schwerste Nöte
stürzte? Gilt das nicht in einer abgewandelten Form auch von den
andern beiden Ländern, in denen unsere Kirche arbeitet?
Weiter ist zu fragen, ob wir als Christen und als eine
evangelische Kirche unsere Verantwortung gegenüber unserem Staat
wahrgenommen haben, in dem wir ihm die 10 Gebote Gottes und seine
ihm von Gott erhaltenen Aufträge bezeugten und es offen kundtaten,
wenn diese Gebote mit Füßen getreten wurden, ohne zu fragen welche
Folgen das für uns hätte haben können? Sind wir unserem Staat,
vielleicht aus Angst, nicht dieses Wort schuldig geblieben und
haben uns dadurch vor Gott und Menschen schuldig gemacht?
Zum Schluß in der 6. These wird ganz klar zum Ausdruck gebracht,
daß der Kirche zurecht nur eines zur Verfügung steht, ihre Aufgabe
auszuführen. Sie hat keine Waffen. Sie hat keine politischen
Parteien hinter sich. Sie kann sich keiner Intrigen bedienen. Sie
kann keine Revolution anzetteln, auch keinen blutigen Aufstand
schüren. Sie kann nur eines tun, das Wort Gottes als Evangelium
von Jesus Christus in Wort und Tat proklamieren, damit das Reich
Gottes auf Erden verwirklicht wird und muß bereit sein, um dieser
Aufgaben willen auch Verfolgungen auf sich zu nehmen.
"... für welches ich leide bis zu den Banden wie ein Übeltäter;
aber Gottes Wort ist nicht gebunden.", schreibt der Apostel Paulus
in 2. Timotheus 2, 9.

Karl Schwittay

Der Artikel wurde veröffeentlicht in der Revista Parroquial Nr. 9
Sept. 1984, Seite 200-2203, auch ein spanischer Text befindet
sich bei den Unterlagen.