Wo kommen wir als Evangelische Kirche am La Plata her?
Referat 084
Lugar/Ort: ------------
Fecha/Datum:1975
Resumen/Skopus: Wo ich dieres Referat gehalten habe, weiß ich nicht mehr. 1975?


Wo kommen wir als Evangelische Kirche am la Plata her?

Es braucht wohl nicht besonders erwähnt zu werden., daß auf diese
Frage in wenigen Minuten eine ausführliche Beantwortung mit der
betreffenden historischen Begründung nicht gegeben werden kann,
zumal manches an Fakten ineinander verschlungen ist.
In meinen Ausführungen kann nur andeutungsweise vom heutigen
Erkenntnis- und Bekenntnis-Bemühen aus im Blick auf die Zukunft
unsere Vergangenheit betrachtet werden. Und dieses Bemühen von
heute ist nun mal geprägt durch eine große Ratlosigkeit im
Zusammenbruch vieler einzelener Glaubens- und Bekenntnisaussagen
und das Suchen nach einer Glaubensgrundlage aus der Heiligen
Schrift, die auch heute und vielleicht morgen noch standhält.
Es bedarf keiner Frage, daß von dieser Plattform aus unsere
Vergangenheit nur kritisch betrachtet werden kann, allerdings
nicht von einer überlegenen hohen Warte aus, sondern von der Warte
eines direkt Beteiligten, der in dieser Kritik bewußt die
Vergangenheit annimmt. Wenn die Evangelischen deutscher Herkunft,
die am 12. Juni 1842 in Buenos Aires beschlossen, einen Pfarrer
und einen Lehrer aus Deutschland kommen zu lassen, gefragt worden
wären, warum sie denn einen Pfarrer haben wollten, hätten sie ganz
bestimmt nicht mit biblischfundierten oder tiefschürfenden frommen
Worten geantwortet, auch nicht mit theologisch exakten Begriffen
oder konfessionell geprägten Aussagen oder mit Jesu
Missionsbefehl.
Sie hätten uns höchst erstaunt angesehen und den Kopf geschüttelt
darüber, daß man solch eine Frage über eine ganz
selbstverständliche Sache stellen könnte.
War es in einer Volkskirche nicht wirklich eine
selbstverständliche Angelegenheit, daß zu einer menschlichen
Gemeinschaft auch der Pfarrer gehörte und als religiöses Zentrum
auch die Kirche mit dem Gottesdienst.
Es besteht kein Zweifel, daß dabei Schule und Lehrer vor Kirche
und Pfarrer rangierte.
Immerhin war dieses noch annehmbarer als die von der Wolga in
Rußland nach Argentinien mitgebrachte Anschauung, daß Pfarrer und
Polizist zusammengehören und aufeinander bezogen sind. -Eine
großartige Auslegung der lutherischen Lehre von den 2 Reichen und
ihren Beziehungen zueinander.-
Auch die weiteren Gemeinden, die später gegründet wurden, sind
wohl unter diesem Aspekt Schule und Kirche, Sprache/Kultur und
Religion zu sehen.
Das ändert sich auch nicht bis zur Gründung der Deutschen
Evangelischen La Plata-Synode im Jahre 1899, zu der sich die
Gemeinden zunächst nur zögernd und mit vielen Vorbehalten
zusammenschlossen. Noch im Jahre 1935 anläßlich einer
Gesamtpfarrkonferenz in Montevideo, die sich Klarheit zu schaffen
suchte über den Weg in die Zukunft mit Luthers Gedanken über eine
Evangelische Kirche Deutscher Nation konnte der damalige Propst
Mareczynski ziemlich bitter fragen:
"Sind wir, Deutsche Evangelische La Plata-Synode, ein Zweckverband
evangelischer Gemeinden oder Kirche?"
Ungeachtet der rein äußerlich erkennbaren Wirklichkeit der
Deutschen Evangelischen La Plata-Synode mit ihren Gemeinden als
ein Interessenverband zur Pflege religiösen Brauchtums und
deutscher Sprache und Kultur, die beide mit dem Namen EVANGELISCH
und DEUTSCH charakterisiert werden können, faßt sie darunter alle
Gruppen lutherischer, unierter und reformierter Prägung zusammen,
die die verschiedensten deutschen Volksgruppem umfaßte und nahm
darin Anteil am Leben und an der Wirklichkeit, gewissermaßen als
Spiegel der Heimatkirche in der Gestalt der Evangelischen Kirche
Altpreußischer Union.
Mit dieser Kirche standen von Anfang an die Gemeinden und später
auch die Synode in engster Verbindung.
Diese Heimatkirche, mit allen ihren Problemen und Schwierigkeiten
und Nöten ging unseren Gemeinden und der werdenden Kirche bis
heute in helfender Liebe nach.
Wenn es auch in der ersten Synodalordnung vermieden wird, das
Bekenntnis aufzuführen, es heißt nur:
"Der Verband der La Plata-Synode wird gebildet von den im Gebiet
der La PLata-Staaten bestehenden evangelischen Gemeinden, die der
Preußischen Landeskirche angeschlossen sind,"
so heißt es im Synodalbericht vom Jahre 1920 Seite 32 bereits:
"Die deutschen evangelischen Gemeinden am La Plata sind ein Zweig
des deutschen evangelischen Kirchenwesens, genauer: ein Teil der
Preußischen Landeskirche, gegründet aus den religiös-kirchlichen
Bedürfnissen der evangelischen Auslandsdeutschen, nicht aber ein
Pflanzung von oben oder von außen.
Mit jener organischen Verbindung ist auch die Eigenart der
Gemeinden begründet: Sie erkennen im Evangelium Christi einen
lebensnotwendigen Bestandteil ihres Daseins, und zwar das
Evangelium, aufgefaßt als die reinigende und versöhnungsbringende
Gotteskraft, weniger Wert legend auf die gelehrten dogmatischen
Festsetzungen der einzelenen, sich oftmals schroff gegeneinander
abgrenzende Sonderbekenntnisse, obwohl sie ihre Geistesarbeit und
den in ihr zum Ausdruck kommenden religiösen Trieb der Führer
dieser Bekenntnisse (eines Luther, Kalvin und der anderen
Reformatoren) wohl zu würdigen wissen.
Aus diesem ihrem friedlich-versöhnlichen, von den Sondereigenarten
absehenden, auf das gemeinsame Zentrum des Evangeliums
hinweisenden Charakters ergibt sich ihre Fähigkeit und Aufgabe,
beiden evangelischen Bekenntnisgruppen, lutherischen wie
reformierten, sofern ihnen die FROHE BOTSCHAFT Jesu als Fundament
gilt, dienen zu können. Daher ist ihr Name uniert."
Dieses Wort läßt alles andere vergessen, auch das Wort von Pfarrer
Gebhardt zur Einweihung der Kirche von Rosario 1913:
"..... Nun, liebe Landsleute........, nun durften wir sie heute
weihen, unsere deutsche Kirche, dies schöne Denkmal deutscher
Opferfreudigkeit und deutschen Gemeinsinns....... Es bleibt auf
alle Fälle für uns, daß wir so Kultur treiben, deutsche Kultur in
einer ehemals spanischen Kolonie. Deshalb sage ich:
Wohl dem, der mitgebaut hat. Und jeder unter uns soll sagen:
Ich freue mich, daß ich ein Deutscher bin."-Synodalbericht 1913,
S.5-
Das erste Wort macht deutlich in einer damals sicherlich modernen
Form, die bis heute noch nicht an Modernität verloren hat, daß
wir, wenn vielleicht auch manchmal offiziell verdeckt, die
Verbindung zum Zentrum der Reformation und damit zum Fundament
einer echten christlichen Kirche aufrecht erhalten haben, und zwar
im Evangelium von Jesus Christus, bezeugt, gepredigt, geglaubt und
praktiziert und uns überliefert in der Heiligen Schrift.
Daß wir heute als Evangelische Kirche am La Plata da stehen, wo
wir stehen, haben wir diesem Evangelium von Jesus Christus zu
verdanken.
In der Reformation wurde es klar, daß dieses Evangelium eine
dreifache Erscheinungsform hat.
Ich weiß, daß das, was ich sage, die ganze Sache vereinfacht, aber
dabei vielleicht doch deutlicher wird:
Für Martin Luther bedeutet dieses Evangelium ein Geschenk, eine
Gabe. Ein ganzes Leben reicht nicht aus, diese Herabneigung Gottes
voll und ganz zu verstehen.
Und Luther wird nicht müde, das, was uns da angeboten wird, zu
beschreiben.
Calvin dagegen kann nicht anders, als seine Aufmerksamkeit darauf
zu lenken, in welch einer Weise der Mensch, der dieses Evangelium
als Geschenk Gottes erhalten hat, seinen Dank zum Ausdruck bringen
kann. Und Zwingli betont:
Das Evangelium ist nicht nur eine Angelegenheit meiner frommen
Seele oder meines frommen Tuns, sondern dieses Evangelium will
auch proklamiert werden in den Dingen dieser Welt, ganz gleich
welcher Art.
Jesus Christus ist nicht nur der Herr seiner Kirche, sondern der
Herr der ganzen Welt."
Meines Erachtens ist dieses Evangelium von Jesus Christus, wie es
uns in der Reformation geschenkt worden ist, ein unaufgebbarer
Bestandteil unseres christlichen Glaubens, ja, sein Zentrum, und
zwar als GABE, AUFGABE und POLITICUM.
Auf dieses Zentrum könnten wir niemals verzichten, wenn wir auch
wissen, daß jede Zeit neu erforschen muß, was das bedeutet. Wir
wissen, daß die 3-fache Akzentuierung des Evangeliums auch in der
Reformationszeit schon zu Spannungen, selbst zu Kirchenspaltungen
geführt haben und gerade von der lutherischen Reformation die
Ansicht vertreten wurde, das eine schließe das andere aus.
Von der Erfahrung aber als eine Kirche der Union in der Heimat und
hier müssen wir sagen, daß diese verschiedene Akzentuierung des
einen Evangeliums nicht nur in einer Kirche möglich ist, sondern
sogar GEBOTEN.
Erst dadurch wird sogar dieses Evangelium in seiner ganzen
Bedeutung deutlich.
Wenn wir auch sagten, daß wir durch unsere Erfahrung
formal-theologischer Art als eine Kirche der Union die
verschiedene Akzentuierung der frohen Botschaft nicht nur für
möglich, sondern sogar für nötig halten, so muß doch zugegeben
werden, daß in unseren Gemeinden weithin die Perversion der
lutherischen Betonung des Evangeliums vorherrschte oder noch
vorhanden ist, daß sie Bedienungsgemeinden sind, die sich selbst
bedienen, was aber auch nicht viel Mühe kosten darf.
Daß das Evangelium eine Aufgabe und ein politicum ist, ist unter
den Tisch gefallen.
Aus dieser ganzen Situation kann einmal gefolgert werden, daß
heute im Zeichen der Ökumene der Zusammenarbeit wir
bekenntnismäßig die besten Voraussetzungen mitbringen, um mit den
Kirchen, die besonders die Aufgabe und das POLÍTICUM betonen und
praktizieren, zusammenzuarbeiten und zusammen die Einheit zu
suchen und zum 2., daß wir diese Ergänzung nötig haben, um die
ganze Wirklichkeit des Evangeliums ausleben zu können.
Und zum 3. werden wir ermutigt, diese Zusammenarbeit auch mit
Kirchen zu wagen, die noch andere Dimensionen im Evangelium
entdeckt haben, die so in der Reformation nicht gesehen wurden,
dazu würde ich auch die römisch-katholische Kirche zählen.
Ich weiß, daß in den letzten Jahren auf ökumenischen, kirchlichen
und theologischen Tagungen internationaler und überkonfessioneller
Art, oft über die deutschen Theologen die Nase gerümpft und die
Achseln geschüttelt wurden, wenn sie sich nicht mit
vordergründigen und biblizistische und frommen Antworten und
Feststellungen zufrieden gaben und alles
theologisch-wissenschaftlich bis ins kleinste durchleuchtet wissen
wollte, trotzdem bin ich der Meinung, daß wir ohne diese
gründliche kritisch-theologisch-wissenschaftliche Arbeit das
Evangelium aktuell einfach nicht bezeugen können. Das bedeutet
nicht, daß alle Pfarrer unserer Kirche Wissenschaftler sein
müssen, sondern daß auch in Zukunft in unserer Kirche und auch in
einer eventuell sich neu bildenden Kirchengemeinschaft theol.
wissenschaftliche Arbeit ermöglicht werden muß, nicht nur in der
Ausbildung zum Pfarrdienst. Und jeder Pfarrer sollte auch in
Zukunft theol.-wissenschaftlich denken und arbeiten können. Wir
sollten dieses Pfund, daß wir als Einwandererkirche von unserer
"deutschen" Mutterkirche übergeben bekommen haben, nicht gering
achten. Das bedeutet allerdings nicht, daß alle Pfarrer den
gleichen Ausbildungsgang aufweisen müssen.
Ich glaube, daß theol.-wissenschaftliches Arbeiten in
Lateinamerika zur Erfassung unserer uns umgebenden Wirklichkeit
und fúr die kommenden geistigen Auseinandersetzungen, vielleicht
in Zusammenarbeit mit der röm.-katholischen Kirche lebensnotwendig
sind, ebenfalls für eine pluralistisch geprägte Kirche der
Zukunft.
Meines Erachtens kommen wir heute mit der bisher geübten
Gemeindefrömmigkeit nicht mehr aus, ebenfalls nützt uns auch
nichts das an verschiedneen Stellen bei uns bewußt geförderte
Aufleben eines "methodischen" Pietismus alter Prägung.
Dieser bringt keine Neubelebung unserer Gemeinden, sondern
Verwirrung und Zerstörung, da er von der Voraussetzung ausgeht,
die Taufe und KonFirmation und das Kirchesein unserer
Evangelischen Kirche am La Plata nicht mehr ernst nimmt.
Meines Erachtens sollte das echte Anliegen unserer pietistischen
Väter aufgenommen und in unsere Umwelt für unsere Zeit umgesetzt
werden.
Am Ende eines solchen Bemühens könnte ein echter gesunder
Pietismus zur Erneuerung unseres gemeindlichen Lebens der
entscheidende Motor sein, was wir nicht erwarten können von dem
hier seit Jahrzehnten erstarrten Pietismus, auch nicht von den
Versuchen, ihn in gleicher Weise nach der Gestalt von vor
Jahrhunderten wieder zu erneuern.
Warum sollte nicht in einer ökumenischen Zusammenarbeit gerade mit
den Kirchen, die pietistisch geprägt sind und auch ihren Weg in
die Zukunft suchen, wie zum Beispiel die Methodistenkirche, der
Versuch der Erneuerung eines Pietismus für heute gemacht werden.
Wenn ich mir die diesjährigen Hefte der katholischen Zeitschrift
ACTUALIDAD PASTORAL ansehe, dann muß ich feststellen, daß die
römisch-katholische Kirche an diesem Punkte uns bereits eine
Nasenlänge, oder auch mehr, voraus ist.
Warum sollten wir nicht auch von einem erneuerten Katholizismus
lernen können?
Solch ein Pietismus würde verhindern, daß im heutigen
theologisch-wissenschaftlichen Ringen um die Wirklichkeit unseres
Glaubens die RATIO vorherrschend sein würde.
Wenn auch vielleicht die rein äußerliche Verbindung zu unserer
deutschen Heimatkirche im Laufe der nächsten Jahre lockerer werden
sollte, eines dürften wir auch in Zukunft nicht preisgeben:
Die Anregungen, die unsere Heimatkirche in ihren Bemühungen, ihre
diakonische, soziale und humanitäre Aufgabe zu erfüllen, zumal ihr
große persönliche und finanzielle Möglichkeiten für Experimente
zur Verfügung stehen, unsere Aufgaben besser zu sehen und
anzupacken.
Es ist wohl nicht zuviel gesagt, daß neben der
römisch-katholischen Kirche keine andere Kirche der Welt uns an
diesem Punkt so inspirieren kann wie die Evangelische Kirche in
Deutschland.
Zum Schluß müssen wir natürlich auf die Erfahrungen zu sprechen
kommen, die ihr gerade als eine Kirche am La Plata in unserer
Vergangenheit gesammelt haben. Das ist nicht leicht, zumal einiges
schon vorher gesagt wurde, und zum anderen, weil diese
Vergangenheit doch noch nicht vergangen ist und darum zum 2.
Referat gehört, daß die Gegenwart behandelt und zum 3. es mit der
Zukunft in ganz besonderer Weise zu tun hat.
Wenn es doch gewagt wird, einzelnes anzuführen, dann kann es nicht
anders sein, als daß Überschneidungen zu erwarten sind.
In den letzten 2 Jahrzehnten hat eine Entwicklung begonnen, die
sehr spät kam, aber nicht zu spät:
Der Ausbruch aus der Isolierung, aus dem Ghetto einer
Einwandererkirche. Das zeigt sich besonders an 2 Punkten:
Die Bereitschaft, uns sprachlich umzustellen und der Kontakt mit
anderen Kirchen hier im La Plata-Raum. Ohne das Heraustreten aus
der Isoliereung, ohne die Erfassung unserer Umwelt, der
kulturellen und sprachlichen Umwelt und der kirchlichen Umwelt,
werden wir unsere Aufgabe als Kirche für die Welt nicht ausführen
können, werden wir auch nicht fähig sein, fruchtbarer Teil einer
neuen Kirchengemeinschaft zu sein.
An diesem Punkte gilt es, nicht nur die Öffnung zur Umwelt zur
Kenntnis zu nehmen, sondern bewußt voranzutreiben.
Allerdings ist zu diesme Punkte ein 2-faches noch zu sagen:
1. In den ersten Jahrzehnten war diese unsere Isolierung ein
unseren evangelischen Glauben in einer kulturell, sprachlich und
religiös vollkommen anderen Welt, die dazu vom Katholizismus
geprägt war, nicht nur ein zu veruteilender Faktor.
2. darf meines Erachtens für die Zukunft auch nicht übersehen
werden, die schmerzliche Erfahrung eines übersteigerten
Nationalismus.
Die Gleichsetzung von Volkstum und Glauben, selbst in unserer
eigenen Kirche sollten uns warnen, uns nun als Kirche hier einem
argent., uruguayischen oder paraguayischen oder auch
lateinamerikanischen Nationalismus zu verschreiben.
Eine nüchterne Haltung jedem Nationalismus gegenüber scheint mir
angebracht zu sein, zumal eine allgemeine Entmytholigisierung des
hier ebenfalls religiös gefärbten mit allen Emotionen geladenen
Nationalismus not täte.
Die schon erwähnten in den letzten Jahrzehnten begonnenen
ökumenischen Kontakte und die Zusammenarbeit auf einzelnen
Gebieten erfordern, daß sie bewußt auch von unten verstanden und
gefördert werden, zum anderen erfordern sie, daß sie weiter
ausgebaut werden und zu einer größeren Kircheneinheit führen.
Diese Begegnung mit anderen Kirchen könnte und sollte dazu führen,
daß unsere Gemeinden, die bis heute noch größtenteils
Bdienungsgemeinden sind, aus ihrer Selbstgenügsamkeit herauskommen
und ihre Verantwortung innerhalb der Christenheit wahrnehmen. Man
ist immer wieder erstaunt, in welcher Weise hier in Argentinien
interdenominationelle Konferenzen und Tagungen und
Arbeitsgemeinschaften stattfinden, von denen wir und sie von
unserer Existenz keine Kenntnis nehmen.
Oft werden in den Resolutionen solcher Arbeitsgemeinschaften zum
Ausdruck gebracht, daß sie den Protestantismus hier vertreten und
wenn man näher hinschaut, wird der Welt, wird uns als Stimme des
Protestantismus eine Meinung vorgestellt, die Glaubenssondergut
einer kleinen Gruppe vielleicht von einigen hundert Gliedern ist.
Sollten wir im Zuge unseres Ausbruchs aus unserem Ghetto nicht
alles tun, um im hiesigen Protestantismus präsent zu sein, durch
aktive Mitarbeiot.
Was spielte es doch für eine wichtige Rolle, wenn jeder Pfarrer
unserer Kirche an irgendeiner Arbeitsgemeinschaft im
Protestantismus am La Plata aktiv mitarbeiten würde oder fähige
Gemeindevertreter.
Sollte unsere ganze Gemeindearbeit nicht radikal von einer
Bedienungsgemeinde auf eine Dienstgemeinschaft umgestellt werden?
Jedes Gemeindeglied sollte willig und fähig gemacht werden,
inmitten seiner täglichen Welt, bewußt seines Glaubens zu leben,
diesen seinen Glauben durch Wort und Tat, mehr noch durch die Tat,
zu leben.
Bei der Struktur unserer Gemeinden läßt es sich vielleicht nicht
anders machen, als daß man mit einer kleinen Gruppe innerhalb der
Gemeinde beginnt, die nicht unbedingt der Vorstand sein muß.
Wie wir aus der Misere herauskommen, daß unser Bemühen um das
Wecken der Opferfreudigkeit unserer Gemeindeglieder durch uns
Pfarrer immer in den Verdacht kommt, in eigener Sache, nämlich des
eigenen Pfarrgehaltes, zu sprechen, weiß ich wirklich nicht.
Ist es wirklich zu viel, daß von dem, was der Christ um seines
Glaubens willen zu geben bereit ist, der größte Teil dem Pfarrer
zugute kommt?
Müßte nicht aus diesem Grunde, um der Aufgabe der Gemeinde willen,
der Dienst der Verkündigung und der Gemeindeführung, ganz neu
durchdacht werden, vielleicht mit dem Ziel, daß beides nicht mehr
zusammenfällt oder daß so, wie jetzt in Deutschland bei der
Ausbildung zum pfarramtlichen Dienst, eine Zweitausbildung
vorgesehen wird. die den pfarramtlichen Dienst part-time versehen
läßt, und der Stand der Pfarrer durch seinen Zweitberuf finanziell
unabhängig auf eigenen Füßen, die Opferfreudigkeit der
Gemeindekönnte auf andere Aufgaben gelenkt werden und die
Gemeindeglieder müßten ganz anders aktivb sich einsetzen und der
pfarramtliche Dienst brauchte nicht Rücksicht nehmen darauf, daß
die Gemeinde geschont werden muß, damit wenigstens die Gemeinde
zusammenbleibt, um das Pfarrgehalt aufzubringen.
Zur Gestaltung eines dynamischen kirchlichen Lebens gehört
jedenfalls die sachgemäße Lösung dieses Problems.
Vielleicht könnten uns die Kirchen bei der Lösung dieses Problems,
das uns von der Entstehung unserer Kirche an schon begleitet, uns
helfen, die bereits Erfahrungen in einer anderen Gestaltung des
pfarramtlichen Dienstes gesammelt haben.
Überhaupt sollten wir für unseren eigenen Weg die Erfahrungen der
anderen Kirchen, einschließlich der röm.-katholischen Kirche,
auswerten und auch mit denen, die den gemeinsamen Weg auf eine
Einheit zu, ablehnen oder resereviert gegenüber stehen, ein
gutnachbarliches Verhältnis anstreben.
Für problematisch und nicht anstrebbar halte ich die Bemühungen
jeglicher Art, unter der Bezeichnung MISSION oder EVANGELISATION,
eine Abwerbung -Proselitismus-, einschließlich der röm.-kath.
Kirche, vielleicht noch mit dem Zweck der Erhaltung der eigenen
Gemeinde zu versuchen.
In einer Partnerschaft von Kirche zu Kirche sollten wir dagegen
versuchen, uns gegenseitig zu helfen an den Punkten, da wir
jeweils schwach sind. Ein kirchlicher Partikularismus sollte unter
keinen Umständen bei uns seinen Platz finden.
Ohne Frage bedeutet das Ernstnehmen unserer reformatorischen
Vergangenheit mit dem Verständnis des Evangeliums als GESCHENK,
AUFGABE und POLITICUM, daß wir uns als Kirche, die sich aus ihrer
Isolierung gelöst hat und sich für ihre Umwelt öffnet, Aufgaben
anpackt, um ihren Mitmenschen zu helfen, unabhängig von der
Notwendigkeit, daß jeder Christ seine soziale und politische und
humanitäre Verantwortung wahrnehmen soll. Allerdings sollten wir
unsere Möglichkeiten nicht zu hoch einschätzen und meinen, wir als
Evangelische Kirche am La Plata könnten durch unseren Einsatz
diese Welt verändern, weder durch die Mitarbeit an einer
Revolution der Gewalt, noch durch eine Revolution der Liebe.
Wir sollten bescheiden bleiben in dem Wissen um die Armseligkeit
unserer fähigkeiten und Möglichkeiten. Wieviel % machen wir im
Rahmen der argentinischen Bevölkerung zum Beispiel aus? Wieviel %
machen wir Christen aus, die solch ein Engagement überhaupt für
nötig halten?
Allerdings sollten wir doch Zeichen des Wissens um unsere
Verantwortung für unsere Umwelt aufrichten, möglichst mit anderen
gleichgesinnten Kirchen, vielleicht auch mit der röm.-katholischen
Kirche, die meines Erachtens in Zukunft die größte Last für das
Wohl des Menschen hier zu tragen hat und auch zu tragen bereit
ist. Für uns sollte an einigen wenigen Stellen, Solidarität mit
den Menschen unserer Umwelt, ihren Nöten und Sorgen und Problemen
zum Ausdruck kommen. Das kann einmal durch ein öffentliches Wort,
das andere Mal durch eine konkrete finanzielle Hilfe, ein 3. Mal
durch die Beteiligung an einem sozialen Werk geschehen. Wir
sollten unsere Begrenzung sehen, aber dabei unserer Verantwortung
nicht aus dem Wege gehen.

Karl Schwittay

Wo ich dieses Referat gehalten habe, weiß ich nicht mehr, es liegt
auch in spanischer Sprache vor.