Der Mensch - ein Geschöpf Gottes
Exposición, 081
Lugar/Ort:Altenberger Dom/Deutschl.
Fecha/Datum:1973
Resumen/Skopus: Gehalten anläßlich einer Auslandspfarrerkonferenz in Mülheim, bei einer Besuchsfahrt zum Altenberger Dom-1973


Der Mensch - ein Geschöpf Gottes (1973)

In der Weltöffentlichkeit wird uns in mannigfacher Weise vor Augen
gestellt, daß in Süd- und Südwestafrika 18 Millionen schwarze und
farbige Menschen der fundamentalsten Menschenrechte systematisch
beraubt werden. Diese Beraubung soll als ständige staatliche
Ordnung zementiert werden.
Es ist bekannt, daß in Lateinamerika die so sehnlichst erwartete
Beendigung der Epoche des Kolonialismus sich nicht verwirklichen
kann, sondern in einen Neokolonialismus übergeht. Ganze Völker
werden in ihm durch Nordamerika und Europa um die Früchte ihrer
Arbeit und um den Ertrag ihrer Bodenschätze gebracht und
niedergehalten bis hin zu militärischen Interventionen und anderen
Gewaltanwendungen. Nordamerikanische Kapitalgesellschaften haben
im vergangenen Jahr in der Provinz Entre Rios in Argentinien die
Produktion unserer Hühnerzüchter zum Erliegen gebracht.
Es ist uns deutlich, daß in der gesamten westlichen Welt das
menschliche Leben durch wirtschaftliche und finanzielle Zwänge
nicht zur Entfaltung kommen kann; in der östlichen kommunistischen
Welt wird diese Entfaltung durch eine inhumane Ideologie unmöglich
gemacht.
Es ist weiterhin unüberhörbar, daß 2/3 der gesamten Bevölkerung
der Welt nach dem täglichen Brot schreit und es nicht erhält.
Darf diese so geschilderte Situation uns gerade als Christen und
als Kirchen zur Ruhe kommen lassen?
Manchmal erscheint uns die Aufgabe, an der Überwindung der Nöte
mitzuarbeiten, zu unangenehm oder zu gefährlich, aber können wir
uns ihr dadurch entziehen, daß wir sagen: Wir haben es nur mit der
Seele des Menschen zu tun, oder uns geht es nur um die
Verkündigung des Evangeliums?
Gilt die oft unter Christen geäußerte Meinung, daß nur Jesus,
persönlich und allein, am Ende der Tage, alle diese Probleme lösen
kann und wird? Oder ist nicht jeder von uns verpflichtet, an der
Überwindung der Mißstände und der Verletzung der menschlichen
Würde in Jesu Namen mitzuarbeiten, selbst wenn dies über uns
besondere Nöte und Schwierigkeiten bringen sollte? Wir rühren
dabei an, was mit Befreiung,
Antirassismus,
Sozialisierung,
Humanisierung,
Strukturenveränderung und Entwicklung
gemeint ist.
Niemals dürfen wir vergessen, daß da, wo die Würde des Menschen
verletzt, auch die unseres Gottes mit Füßen getreten wird, denn
"Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er
ihn."
Wieviele Menschen, Herr, schreien in ihren Nöten zu Dir und bitten
um Hilfe? Wieviele Menschen, Herr, schreien nicht mehr um Hilfe,
weil sie schon so lange geschrien haben und keine Hilfe erfuhren
und von Dir nichts mehr erwarten?
Wir erkennen, daß nicht Du die Menschen enttäuscht hast, sondern
wir, die wir uns nach Deinem Namen nennen und Deine Mitarbeiter
auf Erden sein sollen. Wir als Christen und als Kirchen haben
versagt und eine Menschheit in Not alleingelassen.
Vergib uns unsere Schuld.
Laß uns niemals vergessen, daß es bei der Erfüllung dieser Aufgabe
auch immer um unser Heil und um unsere Seligkeit geht.
Amen.

Karl Schwittay

Gehalten anläßlich einer Auslandspfarrerkonferenz in Mülheim an
der Ruhr bei einer Besuchsfahrt zum Altenberger Dom im Jahre 1973.