Der Anteil der Rußlanddeutschen bei der Gemeindebildung am La Plata
Artículo 063
Lugar/Ort:Buch des Kirchl. Außenamt
Fecha/Datum:1968
Resumen/Skopus: Veröffentlichung 1968 im BRÜCKENSCHLAG Band 2 des Kirchl. Außenamtes über Lateinamerika, S. 141-155


Brückenschlag (Berichte)
Band II: Lateinamerika-
Seite 149 bis 155

Der Anteil der Rußlanddeutschen bei der Gemeindebildung am La
Plata

Mit vierrädrigen Ochsenkarren zog die erste Gruppe der
Rußlanddeutschen (Wolgadeutschen) vom Paraná-Flußhafen Diamante
kommend am 28. Januar 1878 in das provisorisch aufgerichtete Lager
an der Ensenada in der Nähe des jetzigen rußlanddeutschen Dorfes
Aldea Protestante in der Provinz Entre Ríos in Argentinien ein.
Hier mußten sie noch wochenlang unter den primitivsten
Verhältnissen warten, bis ihnen durch die Regierung Land zugeteilt
wurde. Ein gewisses Mißtrauen kann man ihnen nicht verübeln. In
Rußland wurden Versprechungen nicht gehalten; auf der Reise fielen
sie manchem Betrügern in die Hände. Auch die Ansiedlung in
Argentinien ging nicht mit rechten Dingen zu. Das eigentliche Ziel
ihrer Reise sollte Rio de Janeiro in Brasilien sein, gelandet aber
sind sie in Buenos Aires. Als dann noch eine Gruppe gewaltsam in
der Provinz Santa Fé angesiedelt werden sollte und an der
überfahrt nach Entre Ríos gehindert wurde, ging diese Gruppe mit
Gewalt vor und kämpfte sich die Überfahrt frei.
Der ersten Einwanderung folgten noch viele, und bis in die Zeit
des ersten Weltkriegs kamen noch einzelne Familien aus Rußland
hier an. Von dem schon genannten evangelischen rußlanddeutschen
Dorf Aldea Protestante aus zogen die Einwanderer in die ganze
Provinz Entre Ríos, so daß im Laufe der Jahrzehnte sechs Gemeinden
(mit acht Pfarrern) entstanden sind: Viale, Crespo, General
Ramírez, Lucas González, San Antonio und die Stammgemeinde General
Alvear.
Diese sechs Gemeinden gehören zur Evangelischen Kirche am La Plata
(vorher: Deutsche Evangelische La Plata Synode).
In der ersten Zeit ihrer Ansiedlung waren die Rußlanddeutschen
kirchlich und gemeindlich auf sich selbst angewiesen. Zuerst
versahen Gemeindeglieder und ehemalige Lehrer provisorisch als
Lektoren den pastoralen Dienst; auch plötzlich auftauchende, sich
als Pastoren ausgebende Reichsdeutsche wurden als solche
anerkannt. Es war immer ein Glück, wenn sie nicht allzu lange
blieben. Glieder der Brüdergemeinschaft riefen zur
Brüderversammlung. Noch heute berichten alte Leute von ihren
Eltern und Großeltern, daß sie bis an ihr Lebensende mit Schrecken
an diese hirtenlose Zeit gedacht haben.
Die Situation wurde anders, als rußlanddeutsche Adventisten in der
Hauptgemeinde "General Alvear" Unruhe stifteten und unter den
verantwortlichen Männern immer mehr die Erkenntnis wuchs, daß ohne
eine geordnete Pastorisierung ein echtes Gemeindeleben nicht
möglich sei. Pfarrer aus Buenos Aires und der Gemeinde Esperanza
in Santa Fé halfen aus, bis dann 1896 der Evangelische
Oberkirchenrat in Berlin den ersten Pfarrer nach Aldea Protestante
(General Alvear) sandte, der von hier aus nicht nur seine direkte
Gemeinde, sondern alle Rußlanddeutschen in der ganzen Provinz
Entre Ríos betreute. Die Adventisten (Rußlanddeutsche), die sich
im Raum der Gemeinde General Alvear in Puiggari niederließen,
leben heute noch dort in einer größeren Siedlung, durchaus
fortschrittlich, mit einem modernen Krankenhaus, Volksschule und
Aufbauschulen. Das Krankenhaus wird gewöhnlich auch von den
Gliedern der Evangelischen Gemeinde benutzt. Die strenge und
gesetzliche Zucht des ganzen gemeindlichen und privaten Lebens,
die durchaus etwas Imponierendes hat, läßt allerdings immer mehr
nach. Diese Siedlung der Adventisten bleibt für die Evangelische
Gemeinde eine dauernde Frage an unser Verständnis von Sabbat und
Sonntag und der rechten Zuordnung von Gesetz und Evangelium. Zur
ernsten Gefahr sind die Adventisten später für die evangelischen
Rußlanddeutschen nach der ersten Beunruhigung nicht mehr geworden.
Die Bindung der ersten Gemeinde an die Evangelische Kirche der
Altpreußischen Union führte bei der Gründung der Deutschen
Evangelischen La Plata-Synode im August 1900 dazu, daß sie sich
ebenfalls der neugegründeten Synode anschloß. Diese war ein
legitimer Zweig der Kirche der Altpreußischen Union. Nach dem
Urteil des verstorbenen rußlanddeutschen Pfarrers Jakob Riffel,
war gerade diese Kirche eine Kirche, die der Situation an der
Wolga entsprach und darum den im Lauf der Jahrzehnte gegründeten
Gemeinden in Entre Ríos die entscheidende geistliche Hilfe geben
konnte. In den rußlanddeutschen Gemeinden sind lutherische und
reformierte Glieder vereint beisammen; es stört auch nicht, wenn
in einer Gemeinde sowohl der kleine lutherische als auch der
reformierte Katechismus in Gebrauch sind.
Es wäre der Mühe wert zu erforschen, woher es kam, daß unsere
Rußlanddeutschen bei den weiteren Gemeindegründungen und bei der
Erhaltung dieser Gemeinden in den ersten Jahrzehnten sich so
unnachgiebig zeigten und zum Separatismus neigten. War es die
Tatsache, daß in den Gemeinden an der Wolga Polizei und Kirche,
Polizist und Pfarrer, die ordnungsbildenden Faktoren waren und man
hier von vornherein einer gleichen Stellung der Kirche und des
Pfarrers in der neuen Situation entgegenwirken wollte? War es das
süddeutsche pietistische Erbe, das zum Separatismus neigte? War es
der schwere Lebenskampf, der nur mit großer Mühe und bei einer
gewissen Beweglichkeit dem Boden das tägliche Brot abgewann, so
daß der Blick für das echt Geistliche und für geistige Werte
verlorenging und die Gemeinde der Raum wurde, wo die menschlichen
Wertgefühle in einer unnatürlichen Weise exponiert wurden und es
dauernd zu Auseinandersetzungen mit den Pfarrern und Vorständen
und untereinander um jedes und um nichts kam? War es die Tatsache,
daß bei der Kleinheit der einzelnen Gemeinden und Gemeindegruppen
Familien- und Erbschaftsstreitigkeiten auf Gemeindeebene
ausgetragen wurden? War es nur der schwere Existenzkampf, daß um
jede Beitragserhöhung als Grundlage für geordnete Gemeindefinanzen
gekämpft werden mußte und der Sinn für ein außergemeindliches
Opfer fast vollständig abging? War es der notvolle Zustand, daß es
zu einem geordneten Gemeindeleben oft nicht kommen konnte, weil
vakante oder neu errichtete Gemeinden bzw. Pfarrbezirke für lange
Zeit nicht besetzt wurden, nicht besetzt werden konnten? War es,
wie noch in jüngster Zeit von außenstehender Seite behauptet
wurde, die Schuld der Pfarrer, denen das Verständnis für die
Eigenart und besondere Mentalität der Rußlanddeutschen fehlte?
Jedenfalls führten diese angeschnittenen Probleme schon im Anfang
zu einer sich immer weiter ausbreitenden Zersplitterung, die erst
im letzten Jahrzehnt zum Stillstand gekommen ist. Jetzt sind
unsere Gemeinden festgegründet auf dem Wege zueinander und
miteinander, gemeinsame Aufgaben werden gesehen und angepackt, und
vor allen Dingen wird der gemeinsame Weg mit den anderen
Gemeinden, gleich welcher Herkunft, in unserer Evangelischen
Kirche am La Plata bejaht. Man öffnet sich für die
gesamtkirchlichen Aufgaben und die einer bodenständigen Kirche.
Allerdings bleibt es eine Tatsache, daß fast an jedem größeren Ort
- aber auch kleine Ortschaften und Siedlungen sind nicht
ausgenommen - neben der größeren Evangelischen Gemeinde eine
kleinere Kongregational- oder Missourigemeinde oder sogar beide
bestehen, die Zeugnis ablegen von vergangenen Unzuträglichkeiten,
Familienstreitigkeiten, menschlichem Versagen, Schielen nach dem
niedrigeren Gemeindebeitrag usw.
Von General Ramírez aus wird eine größere Gruppe verstreuter
rußlanddeutscher Baptisten gemeindlich betreut.
Charakteristisch für einige Gemeinden in Entre Ríos ist, daß sich
innerhalb der Gemeinden noch von Rußland her die
Brüdergemeinschaft erhalten hat und, außer zu einigen
Brüderstunden, einmal im Jahr zu einer großen Brüderkonferenz
jeweils an einem anderen Ort für einige Tage zusammenkommt und
viele mit ihnen sympathisierende evangelische Christen anzieht. Ob
diese Brüdergemeinschaft aber mit ihren veralteten Prinzipien und
Formen noch eine Zukunft hat? Von der Jugend wird sie allgemein
abgelehnt.
Fast genau zur Zeit der Ansiedlung in Entre Ríos bevölkerten
Wolgadeutsche auch das Gebiet um Coronel Suarez im Süden der
Provinz Buenos Aires. Die Gemeinde Coronel Suarez ist heute ein
sehr starker und aktiver Teil der vor einiger Zeit gegründeten
Pfarrgemeinde Bahía Blanca.
Im Jahr 1930 siedelten sich sehr viele Nachfahren von
Rußlanddeutschen aus Brasilien bei Paysandú in Uruguay an. Das
führte 1957 zur Gründung einer eigenen Pfarrgemeinde.
In Misiones sind in den Gemeinden Leandro N. Alem, 25 de Mayo und
Montecarlo große Gruppen von Bessarabien- und Wolyniendeutschen,
die zum Teil aus Brasilien herüberkamen, die Vertreter des
Rußlanddeutschtums.
In Paraguay gibt es eine von Rußlanddeutschen gegründete
Mennonitenkolonie.
Seit einiger Zeit ist unter der rußlanddeutschen Bevölkerung ein
großer Zug in die Städte, besonders in die Hauptstadt Buenos
Aires, festzustellen. Diese Entwicklung ist heute als normal zu
bezeichnen, wenn man an die immer kleiner werdenden Ländereien
denkt, die als Erbschaft für die vielen Nachkommen übrigbleiben
und die nicht einmal das tägliche Brot hergeben, geschweige einen
höheren Lebensstandard ermöglichen.
Im allgemeinen sind die jungen Rußlanddeutschen in Buenos Aires
sehr fleißig und sparsam und lernbegierig und bringen es zu einem
gewissen Wohlstand und da, wo sie arbeiten, zu einer gehobenen
Vertrauensstellung. Weil aber die ersten Jahre vollständig mit
Arbeit angefüllt - manchmal am Tag zwei verschiedene
Arbeitsschichten - und dazu die Arbeiten am eigenen Haus zu
erledigen sind, bleibt für gemeindliches Leben und kirchliche
Aufgaben kaum Zeit übrig. Ganze Familien schon sind in einer
solchen Aufbauzeit dem kirchlichen Leben entfremdet worden.
Vielleicht kommt noch dazu, daß die Teilnahme am gemeindlichen
Leben in der Heimatgemeinde eine selbstverständliche Pflicht und
Sitte war, unterstützt durch die Autorität des Vaters. Bei Wegfall
dieser Autorität in der "Fremde" verschwindet die Gemeinde aus dem
Blickfeld, auch und nicht zuletzt wegen der weiten Entfernungen.
Gelingt es aber, diese junge Menschen gleich am Anfang in die
Gemeinde zu bekommen, so gehören sie bald zu den treuesten
Gliedern. Vergessen dürfen wir allerdings nicht, daß sie es wegen
ihrer starken Familientradition nicht immer leicht haben, sich zu
assimilieren, auch nicht in evangelischen Großstadtgemeinden mit
ihren besonderen Prägungen. So kann es durchaus geschehen, daß
eine Familie aus Entre Ríos in Buenos Aires nicht den Kontakt zu
einer unserer Gemeinden findet, sondern zu einer anderen
Denomination. Die Folge ist fast immer, daß alle nachfolgenden
Glieder aus dem Familienverband, die über die bereits eingesessene
Familie in die Großstadt geschleust werden, die Verbindung zu
dieser gleichen Denomination aufnehmen. Das Einleben in eine
evangelische Stadtgemeinde in Buenos Aires war anfänglich für
unsere jungen Rußlanddeutschen nicht leicht, da ihnen oft nicht
das nötige Verständnis entgegengebracht wurde, vielmehr sogar eine
gewisse Verachtung. Welch einen Umwandlungsprozeß hat ein junger
Mensch vom kargen Kamp zur Weltstadt mit ihren Anfechtungen
durchzumachen!
Da, wo sich gleiche Volks- und Familiengruppen in der Gemeinde
wiederfinden, wo sie als gleichberechtigt und gleichgeachtet
anerkannt werden und wo ihnen von Anfang an nachgegangen werden
kann, bilden sie eine treue Gruppe in einer evangelischen
Gemeinde, unter Umständen auch die tragende. Und je mehr sie
bildungsmäßig frei und beweglich werden, um so mehr sind sie in
der Lage, Leitungsaufgaben zu übernehmen. In Buenos Aires ist die
Pfarrgemeinde Villa Ballester und Quilmes mit seinen zwei
Pfarrbezirken bereits stark durch Rußlanddeutsche geprägt.
Es kommt auf eine gute Zusammenarbeit der Großstadtgemeinden von
Buenos Aires mit den Gemeinden im Landesinnern an, damit bei einer
weiteren Abwanderung der Landbevölkerung die Rußlanddeutschen von
Anfang an den Kontakt mit den evangelischen Gemeinden in
Groß-Buenos Aires finden. In den letzten Jahren ist von ihnen
schon sehr viel getan worden, aber es reicht wohl noch nicht aus.
Der Zug zur Stadt, zur Großstadt und zur Hauptstadt wird unter den
Rußlanddeutschen wohl nicht mehr aufhören, sondern sich sogar
verstärken, zumal auch auf dem Kamp gewaltige Veränderungen zu
erwarten sind. Darum ist in unseren rußlanddeutschen Gemeinden im
Landesinnern die Arbeit nicht mehr auf die Erhaltung des
Bestehenden und erst recht nicht auf die Konservierung des
Veralteten auszurichten, sondern auf die bereits begonnene und auf
uns zukommende Zukunft. Es sollte auch bei ihren Gliedern möglich
werden, unter völlig neuen Lebensbedingungen und -verhältnissen
mit anderen Bindungen ein neues Leben zu beginnen und zu meistern
und dabei doch bewußt als Christ in einer solchen neuen Umgebung
zu stehen. Die Gemeinden im Landesinnern sollten mithelfen, diese
Voraussetzungen zu schaffen.

Pastor Karl Schwittay,
Aldea Protestante, Argentinien