Einleitung in das Markus-Evangelium
Auslegungen 053
Lugar/Ort:Aldea Protestante
Fecha/Datum:1963
Resumen/Skopus: Predigten während der Wochengottesdienste in Aldea Protestante in den Jahren 1960/62.


Einleitung des Markus-Evangeliums

Markus 1, 1 I

Schon aus dem ersten Vers geht klar der Inhalt des ganzen Buches
hervor, das wir das Markus-Evangelium nennen. Es geht um das
Evangelium, Evangelium heißt und bedeutet: eine frohe Nachricht,
eine frohe Botschaft. Diese frohe Botschaft ist immer verbunden
mit der Mitteilung eines Sieges, der über einen Feind errungen
worden ist.
Dieses Wort hat einmal vom Alten Testament, vom alten Volk Gottes
her seine Bedeutung. In der Prophetie des 2. Jesajabuches nimmt
der Freudenbote eine bedeutsame Stellung ein. Wir lesen dort z.B.:
"Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da
Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da
sagen zu Zion, dein Gott ist König."
Der Friedensbote verkündigt den Sieg Gottes über alle seine
Feinde, Und diese Verkündigung ist das Zeichen dafür, daß das
Friedensreich Gottes auf Erden hereingebrochen ist, mit viel
Wohlstand und Glück und Freude. Wir können vielleicht auch sagen:
das Friedensreich Gottes, das hereinbricht, ist die
Wiederherstellung des paradiesischen Zustandes vom Anfang der
Zeit. Das Evangelium bedeutet dann die freudige Botschaft, daß
dieses Friedensreich Gottes, diese Wiederherstellung des
paradiesischen Zustandes im Hereinbrechen begriffen ist.
Im Wort Evangelium liegt aber noch eine Bedeutung aus dem
hellenistischen Kaiserkult. Dieser hellenistische Kaiserkult hatte
seine Wurzel in der allgemein üblichen altorientalischen
Kaiserverehrung. Nach dieser alten heidnischen Auffassung ist der
Kaiser eine Gottheit in menschlicher Gestalt. Dem Kaiser mußte
göttliche Ehre gegeben werden. Er wurde wie ein Gott angebetet.
Darum wurde die Nachricht von der Geburt eines neuen Kaisers
damals als Evangelium bezeichnet. Auch die Mündigkeitserklärung
und seine Thronbesteigung galten als eine frohe Nachricht, als
eine Freudenbotschaft, als Evangelium. Von einem jeden neuen
Kaiser erhoffte die leidende Menschheit das Glück, den Frieden,
die Rettung vor einem drohenden Untergang. Die seufzende
Menschheit des alten Heidentums erwartete von einem Kaiser das
Heil.
Im Jahre 1898 wurde von einer deutschen Expedition in Priene eine
Inschrift gefunden, die aus dem Jahre 9 vor Christi Geburt stammt.
In dieser Inschrift - einer Tafel aus Stein - wird der Antrag
gestellt, man möge den Anfang eines neuen Jahres auf den 23.
August verlegen, dem Geburtstag des Kaisers Augustus, Dort in der
Inschrift heißt es:
"Wer diesen Geburtstag des Kaisers Augustus als den Anfang des
Lebens und aller Lebenskräfte für sich erkennt, der braucht es
nicht bereuen, geboren zu sein. An diesem Tage wurde der geboren,
den die Vorsehung zum Heil der Menschen mit solchen Gaben erfüllt
hat, daß sie ihn zum Heiland gesandt hat. Allen Streit wird er
beenden und uns in eine herrliche Zukunft führen. In ihm sind die
Hoffnungen der Vorfahren erfüllt. Er hat nicht nur die früheren
Wohltäter der Menschheit übertroffen, sondern es ist auch
unmöglich, daß noch ein Größerer käme. Der Geburtstag des Gottes
Kaiser Augustus hat die an sich knüpfende Freuden-Botschaft -
Evangelium - heraufgeführt,"
So redete man, 9 Jahre bevor Jesus Christus geboren wurde, im
römischen Reich noch vom Kaiser Augustus.
Wenn hier nun in unserem Text des Neuen Testamentes das Wort
"Evangelium" gebraucht wird, dann schwingt beides mit:
Einmal die Vorstellung vom kommenden Friedenreich Gottes mit der
Wiederherstellung des paradiesischen Zustandes und zum andern die
Vorstellung aus dem alten Kaiserkult, die in dem Kaiser den
Heiland erwartete, der der Menschheit Heil und Rettung bringen
würde. Beide Vorstellungen und Deutungen über den Sinn des Wortes
"Evangelium" finden ihre sichtbare Erfüllung in der Gestalt Jesus
Christus. Jesus Christus ist der Friedensbote, mit dessen
Erscheinung das Friedensreich Gottes beginnt und die
Wiederherstellung des Paradieses und Jesus Christus ist der eine
Herrscher, der eine König und Kaiser, der wirklich und wahrhaftig
der Retter und Heiland der ganzen Menschheit ist. In Jesus
Christus sind die Verheißungen des alten Testamentes und die
Wünsche und Sehnsüchte einer leidenden heidnischen Menschheit
erfüllt. Die Kunde von diesem Jesus Christus ist in Wahrheit die
alleinige frohmachende Botschaft, das Evangelium. Diese
frohmachende Nachricht über unser aller Heil ist Gottes
persönliches Werk an uns. Gott selbst ist es, der uns die
frohmachende Botschaft unseres Heiles, unserer Errettung,
zusendet. Dieser Jesus Christus, der uns das Heil erringt und
überbringt, ist der Sohn Gottes. Gott selbst ist es, der uns
leidende Menschen zu seinen fröhlichen Kindern machen will. Das
Heil für uns Menschen liegt beschlossen in der Person Jesus
Christus, der der Sohn Gottes ist. Jesus Christus, der Sohn
Gottes, ist der Inhalt der frohen Botschaft, ist der Inhalt des
Evangeliums. Wir wissen aus der Apostelgeschichte, daß Petrus vor
dem hohen Gericht bekennt:
"Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name unter
dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden,
als allein in dem Namen: Jesus."
Von diesem Jesus Christus handelt also das Evangeliumsbuch, das
wir miteinander lesen wollen, von seinem Kommen, seinem Wirken,
seinem Reden und Handeln, von seinem Leiden und Sterben, von
seinem Auferstehen und seiner Himmelfahrt, und zwar so, daß darin
zum Ausdruck kommt, daß er der Heiland aller Menschen und der Herr
aller Herren ist. Es wird uns gesagt, daß dieses Evangeliumsbuch
nur der Anfang seines Wirkens ist. Dieses Buch will eine
Fortsetzung haben. Es will, daß dieser Jesus Christus auch heute
von uns, von dir und mir, als Heiland erkannt und anerkannt wird.
Was damals vor 2.000 Jahren geschah, ist erst der Anfang. Es will
in deinem und meinem Leben heute eine Fortsetzung haben, allein
aus diesem Grunde ist dieses Evangeliumsbuch geschrieben.

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Markus 1, 1 II

Das Evangelium, das wir angefangen haben, gemeinsam zu lesen, ist
die frohe Botschaft von Jesus Christus, der der Sohn Gottes ist.
Wer hat dieses Evangelium geschrieben? Nach allgemeiner
gesamtkirchlicher Auffassung ist dieses Evangelium von einem Manne
mit dem Namen Johannes Markus geschrieben worden, Daher hat dieses
Evangelium den Namen "Markus-Evangelium" erhalten. Besser können
wir allerdings sagen: 'Das Evangelium von Jesus Christus nach
Markus". Die Mutter dieses Johannes Markus hieß Maria und besaß in
Jerusalem ein Haus. In der Apostelgeschichte lesen wir:
"Und Petrus kam vor das Haus Marias, der Mutter des Johannes, der
mit dem Zunamen Markus hieß, da viele beieinander waren und
beteten."
Im Hause dieser Maria, seiner Mutter, versammelte sich also die
erste christliche Gemeinde in Jerusalem. Es besteht die große
Wahrscheinlichkeit, daß der Jüngling, der im Garten Gethsemane bei
der Gefangennahme Jesus nackend floh, dieser Johannes Markus
gewesen war. Aus dem Briefe des Apostels Paulus an die Kolosser
wissen wir, daß dieser Johannes Markus ein Vetter war des
Barnabas, ein Levit, also einer, der im alten Volk Gottes zum
Tempeldienst bestimmt war. In einer alten Schrift des Hippolyt
wird dieser Markus der Stummelfingrige genannt. Es mußte ihm also
mindestens an einem Finger einer Hand ein Glied gefehlt haben. In
einem apokryphen Prolog zu den Evangelien wird erzählt, das
Johannes Markus nach seinem Gläubigwerden sich den Daumen
abgeschnitten habe, damit er nicht mehr zum Tempeldienst in
Jerusalem herangezogen werden konnte, Zum Dienst am Heiligtum
waren nur vollkommen gesunde Männer mit unversehrten Gliedern aus
dem Stamme Levi zugelassen. Er hatte damit zum Ausdruck bringen
wollen, daß er nichts mehr mit dem alten jüdischen Glauben zu tun
habe. Dieser Bericht kann allerdings nur eine bloße Erzählung,
eine Legende sein.
Aus der Apostelgeschichte wissen wir aber, daß Johannes Markus und
Barnabas den Apostel Paulus auf seiner ersten Missionsreise
begleiteten, Wir lesen dort:
"Barnabas und Paulus kehrten wieder von Jerusalem, nachdem sie
übergeben hatten das Opfer und nahmen mit sich Johannes, mit dem
Zunamen Markus."
Allerdings kehrte Johannes Markus aus unbekannten Gründen bald
wieder nach Jerusalem zurück. Paulus war darüber so erbost, daß er
ihn auf seiner zweiten Reise nicht mehr mitnehmen wollte. Darüber
kommt es zu einem Streit und Bruch zwischen Paulus und Barnabas
dem Vetter dieses Johannes Markus. Nach diesem Zerwürfnis ging
Barnabas mit Johannes Markus allein auf eine Missionsreise nach
Zypern, während Paulus mit einem andern, mit Silas, durch Syrien
und Zilizien reiste, später wird Paulus auf dieser Reise auch noch
von Timotheus begleitet. Doch dann ist Paulus in Rom wieder mit
Johannes Markus zusammen gewesen. Es muß also eine Versöhnung
zwischen Paulus und Johannes Markus stattgefunden haben,
Im 2. Timotheusbrief heißt es aus dem Munde des Paulus über diesen
Markus:
"Markus nimm zu dir und bring ihn mit dir; denn er ist mir
nützlich zum Dienst."
Und im Kolosserbrief sagt derselbe Apostel von ihm:
"Es grüßt euch Markus, der Neffe des Barnabas, über welchen ihr
etliche Befehle empfangen habt (so er zu euch kommt, nehmt ihn
auf)!"
Johannes Markus ist während der letzten Gefangenschaft des Paulus
bei ihm in Rom gewesen.
Wichtig ist bei Johannes Markus allerdings noch eine andere Sache.
Im 1. Petrusbrief wird Markus vom Apostel Petrus genannt:
"Mein Sohn."
Das bedeutet, daß Markus durch die Predigt, durch die Verkündigung
des Petrus -nicht des Paulus- zum Glauben an Jesus Christus
gekommen ist. Petrus ist sein geistlicher Vater gewesen, wenn auch
dieser Markus in besonderer Weise in der Gemeinsamkeit des
Dienstes mit Paulus verbunden war.
Nach einer Notiz des ersten Kirchengeschichtsschreibers Eusebius
war Johannes Markus als Bischof, als Leiter der Gemeinde zu
Alexandria in Ägypten in der Zeit von 50 bis zum Jahre 62 tätig.
Danach ist er nach Rom gegangen, Nach einigen Berichten soll er in
Rom, nach anderen in Alexandria, um seines Glaubens willen getötet
worden sein. Einhellig und klar wird aber von allen Zeugnissen der
alten Welt bekannt, daß der Glaube dieses Johannes Markus und auch
seine Predigt gegründet war im Zeugnis und in der Predigt des
Apostels Petrus, Der obengenannte Kirchengeschichtsschreibers
Eusebius teilt uns ein Wort des Presbyters Papias aus dem Jahre
130 über Johannes Markus mit. Dort heißt es:
"Markus, welcher der Dolmetscher des Petrus war, schrieb alles,
dessen er sich erinnerte, genau auf, jedoch nicht der Reihenfolge
nach, und zwar sowohl Worte wie auch die Taten des Herrn. Er hatte
nämlich weder den Herrn gehört, noch war er ihm zu Lebzeiten
nachgefolgt, vielmehr später, wie ich schon sagte, dem Petrus, der
den Bedürfnissen entsprechend seine Lehrvorträge gestaltete, aber
nicht wie einer, der eine Zusammenstellung der Aussprüche des
Herrn darbietet. Um eines trug er besondere Sorge, nichts von dem,
was er gehört hatte, auszulassen oder dabei etwas zu verfälschen."
Wir können vielleicht so sagen: Johannes Markus war kein Jünger
Jesu zu seiner Lebzeit gewesen, obwohl er als ein Einwohner von
Jerusalem von Jesus Christus gehört und sehr wahrscheinlich auch
die Leidensgeschichte miterlebt hatte. Durch die Predigt des
Petrus kommt er zum Glauben und setzt sich für die weitere
Verkündigung des Evangeliums ein. Er kommt mit Paulus in
Berührung. Durch ein Zerwürfnis kommen sie auseinander. Wir wissen
ihn als Leiter der Gemeinde zu Alexandria in Ägypten in den Jahren
50 - 62. Danach geht er nach Rom, kommt mit Petrus und auch mit
Paulus wieder in Verbindung. Dort in Rom kommt ihm die zwingende
Notwendigkeit, das, was er aus dem Munde des Petrus, als einem
Jünger und Augenzeuge, von Jesus Christus gehört hatte,
niederzuschreiben und somit der christlichen Gemeinde ein
authentisches und schriftliches Zeugnis darüber zu geben, was
geschah, als Gott seinen Sohn in der Gestalt dieses Jesus von
Nazareth auf die Erde sandte.
Gott sei gedankt, daß er dieses dem Johannes Markus ans Herz
gelegt hatte.

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Markus 1, 1 III

Johannes Markus, ein Schüler des Petrus und ein Mitarbeiter des
Paulus, hat dieses Evangelium von Jesus Christus in den Jahren 62
- 69 in Rom niedergeschrieben,
Die Apostel, die mit Jesus gewandelt waren, waren alt geworden.
Dazu brachen schwere Verfolgungen über die Christen aus. Es
bestand die Befürchtung, daß die noch lebenden Apostel an erster
Stelle dem Märtyrertod ausgesetzt waren. Und damit, würden die,
die mit Jesus gewandelt waren, nicht mehr sein. Es würden die
Augenzeugen fehlen, die das große Wunder der Liebe Gottes selbst
miterlebt hatten, als Gott seinen Sohn auf diese Erde sandte. Es
würden die Fehlen, die in Vollmacht und mit Autorität das Wort von
Jesus Christus berichteten und verkündigten. Es wurde ein
authentischer Bericht, ein schriftlicher Bericht erwünscht über
das, was dort in Palästina und Jerusalem in den Jahren 0 - 33 sich
ereignet hat. Dieser schriftliche Bericht sollte als Grundlage für
die Verkündigung der kommenden Generationen dienen. Auf ihn
sollten sich die Menschen der kommenden Generationen verlassen
können. So war es denn gekommen, daß zahlreiche Zuhörer des Petrus
in Rom seinen Schüler Markus gebeten hatten, auf Grund der
Predigten und des Taufunterrichtes des Petrus alles in Palästina
um und mit diesem Jesus von Nazareth Geschehene niederzuschreiben
und dieses Niedergeschriebene ihnen zu überlassen als eine
Grundlage für die Verkündigung an alle Menschen in allen Erdteilen
und zu allen Zeiten. Der Kirchengeschichtsschreiber Eusebius weiß
zu berichten, daß Petrus dazu seine Erlaubnis gegeben hat. Markus
hat diesen Wunsch erfüllt, sich niedergesetzt und geschrieben.
Das, was er geschrieben hat, haben wir im Evangelium vor uns.
Er war der Erste, der uns einen Bericht über Jesus Christus
geschrieben hat. Nach ihm sind noch 3 andere Evangelien
entstanden, die wir auch in unserem Neuen Testament haben. Die
Evangelien nach Matthäus, Lukas und Johannes.
Diese 3 und das nach Markus sind als authentische Berichte von der
christlichen Kirche anerkannt worden, während es dazu noch
unzählbare Evangelien gegeben hat, die wegen ihrer allzu breiten
Ausschmückungen und unglaubwürdigen Wundergeschichten nicht als
authentische Quellen für die Verkündigung anerkannt wurden. Von
solchen unglaubwürdigen Evangelien sind heute uns bekannt:
Das Petrus-Evangelium,
das Prot-Evangelium des Jakobus.
die Kindheitserzählungen des Thomas,
das Nazaräer -
das Ebioniten-
das Hebräer- und
das Nikodemus-Evangelium.
Diese apokryphen Evangelien dienen heute zum Teil noch der
katholischen Kirche, um die Kindheit und Jugend Jesu zu erzählen.
Vielleicht ist es interessant, einmal aus den Kindheitserzählungen
des Thomas zu lesen, damit wir sehen, wie recht schon die alte
christliche Kirche getan hat, wenn sie sagte: Diese Geschichten
sind keine authentischen Berichte und gehören nicht zum Neuen
Testament als Wort Gottes:
1. "Ein junger Mann spaltete Holz. Da fiel die Axt hin und
zerspaltete ihm den Fuß. Er verblutete und war nahe am Sterben.
Wie nun Unruhe und Auflauf entstand, da lief der kleine Jesus
dahin und mit Gewalt bahnte er sich den Weg durch die Menge. Er
faßte den getroffenen Fuß des Jünglings an, und sogleich war er
geheilt. Er sprach aber zu dem Jüngling: Steh jetzt auf, hacke
weiter das Holz und denk an mich. Als die Menge sah, was geschehen
war, da huldigte sie dem Knaben und sagte: Ganz gewiß wohnt Gottes
Geist in diesem Jungen."
2. "Als Jesus 6 Jahre alt war, schickte ihn seine Mutter zum
Brunnen, um Wasser zu schöpfen, nachdem sie ihm einen Wasserkrug
gegeben hatte. In der Menge aber stieß er mit jemanden zusammen,
der Wasserkrug ging entzwei. Jesus aber faltete das Gewand, daß er
angelegt hatte auseinander und füllte es mit Wasser und brachte es
seiner Mutter, Als seine Mutter aber das Zeichen sah, das
geschehen war, da küßte sie ihn und sie bewahrte die Geheimnisse,
die sie ihn tun sah."
3. "Ein andermal aber zur Zeit der Aussaat zog der Knabe mit
seinem Vater aufs Feld, weil der Vater Weizen auf ihr Land säen
wollte. Und während der Vater beim Säen war, säte auch der kleine
Jesus, und zwar nur ein einziges Weizenkorn. Als es nun ans Ernten
ging und man den Ertrag zur Scheune brachte, da bekam er 100
Malter = 6oo Tonnen = Weizen von dem einen Korn, und er rief alle
Armen des Dorfes zur Scheune und schenkte ihnen den Weizen und
Josef trug heim, was vom Weizen übrig geblieben war, Jesus aber
war 8 Jahre, als er dieses Zeichen tat."
Bei diesen apokryphen Evangelien ist der fromme Glaube mit seiner
Ausschmückungs-Phantasie ein Stück zu weit gegangen und darum
unglaubwürdig.

Unsere 4 Evangelien sind bei aller Verschiedenheit doch ernste und
nüchterne Darstellungen.
Das Markus-Evangelium ist das älteste Evangelium. Und man kann es
wissenschaftlich nachweisen, daß die Schreiber des Matthäus- und
des Lukas-Evangeliums bereits das Markus-Evangelium schriftlich
gekannt haben müssen.
Lukas z. B, schreibt am Anfang seines Evangeliums: "Nachdem viele
es gewagt haben, von den Geschichten zu berichten, die sich unter
uns Menschen ereignet haben wie es uns die überliefert haben, die
alles von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Wortes
waren, habe ich es auch für Recht angesehen, nachdem ich alles mit
Fleiß erforscht habe, es dir, lieber Teofilus, ordentlich
niederzuschreiben, auf daß du eine Grundlage habest des Glaubens,
in dem du unterrichtet worden bist." Unsere 4 Evangelien sind also
Aufzeichnungen über das, was mit Jesus Christus auf dieser Erde
geschehen ist. Als Grundlage zu diesen Aufzeichnungen haben die
Schreiber die Predigten der Apostel, der Augenzeugen genommen. Was
die Evangelisten dann niedergeschrieben haben, sind keine
Biographien, Lebensbeschreibungen über Jesus von Nazareth, sondern
wiederum Predigten über diesen Jesus Christus auf Grund der
Predigten der Apostel. Die Predigten der Evangelisten in ihren
Evangelien über Jesus Christus haben die alleinige Aufgabe, die
Menschen aller Zeiten, also auch unserer Zeit, zum Glauben an
Jesus Christus als dem Herrn aller Herren und dem Heiland aller
Menschen zu führen.
So sagt Johannes es selbst am Schlusse seines Evangeliums:
"Auch viele anderen Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die
nicht geschrieben sind in diesem Buche. Diese aber sind
geschrieben, daß ihr glaubet, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes,
und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen."
In den vergangenen Jahrzehnten haben evgl. Professoren versucht,
auf Grund der 4 Evangelien und sonstiger Quellen ein
geschichtliches Leben Jesu zu schreiben und genau alles so zu
rekonstruieren, wie es damals gewesen ist. Bei diesem Versuch sind
die Professoren gescheitert, weil sie der falschen Meinung waren,
als ob die Evangelien Biographien von diesem Jesus wären.
Aber die Evangelisten wollen uns keine Lebensbeschreibung Jesu
geben, sondern uns Jesus Christus predigen, verkündigen, damit wir
auch zum Glauben an ihn kommen.
Nicht seine Lebensdaten sind für die Evangelisten und für uns
wichtig -darum gibt es darin auch bei den einzelnen Evangelisten
Verschiedenheiten-, sondern allein das, was Gott durch Jesus
Christus für uns tat. Und darin sind sich die 4 Evangelisten
einig,
Darum wollen wir in der Beschäftigung mit dem Markus-Evangelium
nichts anderes tun als darauf zu hören, was Gott durch Jesus
Christus für uns tat, damit auch wir in unserem Glauben an ihn
immer völliger werden.

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Markus 1,1 IV

Johannes Markus hat dieses Evangelium geschrieben, damit auch nach
dem Tode der Apostel, die mit Jesus gewandelt waren, die
christliche Gemeinde ein Zeugnis über diesen Jesus habe, auf daß
sie sich verlassen konnte, das glaubwürdig war. Dieses Zeugnis von
Jesus Christus sollte nicht einfach eine Biographie sein, nicht
eine Aufzählung seiner Lebensdaten. Es wollte dagegen verkündigen,
daß dieser Jesus von Nazareth, der auf dieser Erde lebte, mitten
unter uns, als ein Mensch wie wir, daß dieser Jesus von Nazareth
Gottes Sohn sei, König und Herr der ganzen Welt, der irdischen und
der himmlischen Welt.
Dieses soll uns von Johannes Markus nicht bewiesen werden, sondern
gepredigt und verkündigt auf Grund der Lebensereignisse Jesu. Das
ist auch ein besonderes Kennzeichen dieses Evangeliums nach
Markus, daß Jesus gepredigt wird als König und Herr auf Grund
seiner Lebensereignisse, weniger auf Grund seiner Worte und Reden.
Johannes Markus geht mit den Worten Jesu sehr sparsam um, im
Gegensatz zum Matthäus-Evangelium, in dem wir große Redestücke
haben, wie zum Beispiel die sehr lange Bergpredigt. Es wird uns
also im Evangelium nach Markus Jesus von Nazareth verkündigt als
König und Herr, als Gottes Sohn, besonders auf Grund seiner Taten.
Halten wir uns einmal folgendes vor Augen: Durch die Begegnung mit
Jesus sind die Jünger zum Glauben an diesen gekommen, daß er der
Herr sei, daß er Gottes Sohn sei. Die Jünger hatten dafür keine
Beweise in der Hand, sondern in der Begegnung mit Jesus ist dieser
Glaube als ein Geschenk über sie gekommen. Dann zogen die Jünger,
die Apostel, die das erlebt haben, selbst durch das Land und
verkündigten und predigten von diesem Jesus. Und es geschah, daß
die, die zuhörten, durch ein Wunder selbst zu einer Begegnung mit
Jesus kamen. Dazu gehörte z.B. Johannes Markus, der durch Petrus
Jesus Christus verkündigt bekommen hatte. Er wurde durch diese
Predigt, durch diese Verkündigung ein an Christus gläubiger
Mensch. Darauf setzte er sich hin und predigte und verkündigte
Jesus Christus, indem er das Evangelium niederschrieb. Denken wir
daran, daß er dieses in Rom niederschrieb, in der damaligen
Hauptstadt der Welt, in Rom, der Hauptstadt des großen römischen
Weltreiches. Er schreibt für die Heiden, die noch wenig oder fast
garnichts von dem alten Volk Gottes, vom Volke Israel, wußten,
darum muß er manche Dinge ausführlich beschreiben, was nur den
Juden bekannt war. Und auf manches, was nur für die Juden wichtig
war, konnte er ganz verzichten, es für die Heiden
niederzuschreiben. Er, Johannes Markus, sieht in seinem Evangelium
von Jesus Christus die Heiden vor sich, die zum Glauben kommen
sollen. In ihrer heidnischen Welt mit ihrer heidnischen Religion,
in der ihr Kaiser, ihr Cäsar, als Gott und Herr angebetet und
verherrlicht wird, verkündigt Johannes Markus durch das
Evangelium:
Nur einer ist Herr - Jesus Christus.
Nur ein einziges Mal hat Gott, der Allmächtige, eine sichtbare
Gestalt angenommen: Dort in Palästina in der Gestalt des Jesus von
Nazareth.
Allein der, der die Verhältnisse in Rom damals kennt, weiß auch
die Ungeheuerlichkeit zu verstehen, die in diesem Evangelium
steckt. Es wird damit zu allem heidnischen Kaiserkult ein klares
und entschiedenes Nein gesagt. Wir haben nur einen einzigen Herrn
und König, der über alle und über alles ist: Jesus Christus.
Von daher können wir es verstehen, daß die Christen damals wegen
Landes- und Staatsverrat und Majestätsbeleidigung, ja auch wegen
Gotteslästerung angeklagt wurden, weil sie die Gottheit des
Kaisers und sein Herrsein über alles ablehnten und nicht
anerkannten. Einer nur ist Herr und Gott: Jesus Christus.
Wenn Johannes Markus auch das Evangelium schreibt auf Grund der
Predigten des Apostels Petrus, seines geistlichen Vaters, so
verkündigt er es allerdings nicht in derselben Weise weiter wie
sein geistlicher Vater Petrus, sondern er berichtet und bezeugt
und verkündigt auf Grund dieser Predigten in der Weise, daß er das
von Petrus Gehörte sortiert, ordnet, auswählt und auch beiseite
läßt. Das vom Petrus Gehörte benutzt Johannes Markus so, daß eines
deutlich wird: Jesus von Nazareth ist der Sohn Gottes und darum
Herr aller Herren, und König aller Könige. Alle Ereignisse und
Geschehnisse um Jesus, alle seine Taten, die das sichtbar werden
lassen, die werden von Johannes Markus in besonderer Weise
herausgestellt und verkündigt. Die
anderen Evangelien, so können wir sagen, haben eine andere
Betonung und Heraussstellung.
Matthäus z.B. verkündigt Jesus Christus als den Messias des alten
Volkes Gottes, Lukas als den Heiland, der sich besonders der Armen
annimmt, Johannes verkündigt, daß Gott Mensch geworden ist in der
Gestalt des Jesus von Nazareth. Wir sehen, daß alle Evangelisten
Jesus Christus verkündigen und bezeugen, darin sind sich alle
einig, aber jeder Evangelist tut das in einer anderen Weise, indem
jeweils für sich etwas Besonderes bei diesem Jesus Christus betont
und herausgestellt wird. Das ist ja heute noch bei allen Predigern
und Verkündigern so, daß sie alle Jesus Christus verkündigen, aber
jeder tut es jeweils auf eine andere Art und indem er eine Seite
dieses Geschehens um Jesus Christus besonders betont und
herausstellt.
Die besondere Seite des Johannes Markus ist also:
Jesus von Nazareth, der Mensch, ist Gottes Sohn, ist Herr aller
Herren.
Mit dieser besonderen Betonung verkündigt Johannes Markus in
seinem Evangelium Jesus Christus, und zwar indem er dieses
Evangelium schriftlich der christlichen Gemeinde übergibt.
Und dieses Evangelium wird nun seitdem in der christlichen Kirche
gepredigt und verkündigt bis auf den heutigen Tag. Und dann
geschah das große Wunder und geschieht ebenfalls bis auf den
heutigen Tag, daß dadurch, daß Menschen auf Grund dieser
Niederschrift Jesus Christus verkündigen, andere Menschen zum
Glauben an diesen Jesus Christus kommen.
Jesus Christus selbst, so können wir sagen, handelt in der Predigt
auf Grund des Evangeliums. Er selbst ist es, der auch heute noch
durch die Predigt des Evangeliums an uns Menschen handelt, uns
ruft, uns zu gläubigen Menschen macht. Das ist doch auch das
größte Wunder in unserer heutigen Zeit, daß es durch die bloße
Verkündigung des Evangeliums eine Schar von Millionen von Menschen
auf dieser Erde gibt, die gläubig geworden sind an diesen Jesus
Christus als ihrem Herrn. Ein anderes Gläubigwerden als durch das
Hören des Evangeliums gibt es gar nicht.
Der Apostel Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die
Korinther:
"Die Predigt von Jesus Christus ist in euch möchtig geworden, denn
es gefiel Gott wohl, durch dumme Predigt selig zu machen die, so
daran glauben." Weil heute noch Jesus Christus durch die Predigt
auf Grund des Evangeliums, wie es uns Johannes Markus
niedergeschrieben hat, an uns wirkt, Menschen gläubig und gehorsam
macht, darum erweist sich dieses Evangelium als Gottes heiliges
Wort, darum ist dieses Evangelium Gottes Wort.
Dieses Wunder können wir nicht mit unserem Verstande fassen, nicht
beweisen, sondern nur dankend auch an uns wirken lassen, damit wir
immer gefestigter werden in dem Glauben an Jesus Christus, der als
Gottes Sohn Herr aller Herren ist, auch unser Herr.

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Markus 1, 2 - 8

Dieses Evangelium von Jesus Christus, das Johannes Markus
geschrieben hat, beginnt mit einer Tatsache, die auch der
Heidenchrist beachten soll, selbst wenn er die ganze Geschichte
des alten Volkes Gottes, des Volkes Israels, nicht kennt. -Wir
erinnern uns daran, daß der Evangelist dieses Evangelium von Jesus
Christus in Rom für Heidenchristen geschrieben hat.-
Diese wichtige Tatsache ist die, daß das Kommen des Sohnes Gottes
einen Anfang, eine Vorgeschichte hat. So ist es wohl auch zu
verstehen, wenn im ersten Vers vom Anfang des Evangeliums die Rede
war. Dieser Anfang des Evangeliums von Jesus Christus hat es auch
mit einem Menschen zu tun, mit einem Menschen, der das Kommen des
Sohnes Gottes vorbereiten soll. Und dieser Anfang, der im alten
Volk Gottes, im Volk Israel, liegt, ist so wichtig, daß auch der
Heidenchrist daran nicht vorübergehen kann, sondern es eingehend
beachten muß.
So kommt es denn, daß wir hier das einzige Mal im ganzen
Evangelium nach Johannes Markus eine Stelle aus dem Alten
Testament angeführt bekommen, im Gegensatz zu Matthäus, der 50 x
das Alte Testament zitiert. Er schreibt ja für Judenchristen.
Diese eine Stelle aus dem Alten Testament lautet:
"Es steht in den Propheten geschrieben:
Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der da bereite deinen
Weg vor dir. Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste:
Bereitet den Weg des Herrn, machet seine Steige richtig,"
Dieses ist eine Zusammenfassung von 3 verschiedenen
alttestamentlichen Worten, und zwar aus Exodus, Jesaja und
Maleachi.
In diesen alttestamentlichen Worten wird verheißen, daß Gott
selbst auf diese Erde kommen wird, um sein Volk aus der
Zerstreuung wieder zu sammeln, aus der Gefangenschaft zu befreien
und einer Zeit der Freude und Herrlichkeit entgegenzuführen.
Vor seinem eigenen persönlichen Kommen aber wird Gott zur
Vorbereitung einen Boten senden. Und nun predigt Johannes Markus
in den folgenden Versen auf Grund dieses alttestamentlichen Textes
darüber, wann diese Verheißung sich zu erfüllen begann und wer
dieser Bote gewesen ist. -Denken wir dabei an das, was wir bereits
schon gehört haben, daß das ganze Evangelium keine Biographie von
Jesus Christus sein will, sondern eine Predigtreihe über Jesus von
Nazareth, der der Sohn Gottes ist.- Diese Predigt des Johannes
Markus über den Boten, den Gott vor seinem eigenen Kommen schickt,
stützt sich auf das, was Petrus als ein Augenzeuge verkündigt
hatte und mit ihm alle anderen Apostel.
Es wird uns also verkündigt, daß die Erfüllung der Verheißung des
Kommens Gottes auf diese Erde damit begonnen hat, dass er den
Boten zur Vorbereitung seines Volkes sandte. Dieser Bote heißt
Johannes. Er bekam den Beinamen "Täufer". Er wird beschrieben als
eine Prophetengestalt in einem Prophetenmantel. Der Ledergürtel
erinnert uns an den Propheten Elia. In frommen Kreisen war man
damals der Ansicht, daß dieser Elia einmal als dieser Bote Gottes
wiederkommen würde. Seine spärliche Nahrung, die mit seinem
Aufenthalt in der Wüste zusammenhängt, erweist ihn als eine
prophetische Gestalt.
In welcher Weise wird er das Kommen Gottes in unsere Welt
vorbereiten?
Indem er das alte Volks Gottes zur Bußtaufe ruft. In den anderen
Evangelien wird uns noch viel mehr von Johannes dem Täufer
berichtet, hier aber liegt die Betonung ganz besonders auf dieses
Eine, das mit Johannes unlösbar verbunden ist: die Bußtaufe.
In dieser Bußtaufe streckt Gott in vorlaufender Weise seine
liebende Hand bereits den Menschen entgegen. Zur Erklärung dieser
Bußtaufe wird uns gesagt, daß die Hauptbedeutung dieser Bußtaufe
in der Vergebung der Schuld liegt. Diese Vergebung der Schuld wird
allerdings noch nicht in der vollen Bedeutung sichtbar, sondern
sie kommt durch diese Bußtaufe nur in Sicht, sie wird noch nicht
geschenkt, sondern nur angekündigt. Die, die sich durch Johannes,
dem Täufer, taufen lassen, geben dadurch kund, daß sie bereit
sind, den zu empfangen, der ihnen in vollkommenster Weise diese
Vergebung schenken wird. Dieser große Unterschied zwischen der
Ankündigung der Vergebung der Schuld und seiner ganzen
Wirklichkeit, die einem Menschen geschenkt wird, kommt auch in den
folgenden Worten unseres Textes zum Ausdruck:
"Ich- Johannes - taufe euch mit Wasser, aber der nach mir kommen
wird, wird euch mit dem Heiligen Geiste taufen."
Vor einigen Jahren wurde in Palästina bei Qumran eine Höhle
entdeckt, in der sich viele alte Schriften aus der Zeit vor
Christus befanden. Es waren zum Teil Schriften des Alten
Testamentes, zum andern Teil bisher noch unbekannte Schriften.
Gelehrte der ganzen Welt bemühten und bemühen sich nun, diese
unbekannten Schriften zu entziffern. Dabei wurde festgestellt, daß
sie Ordensregeln eines alten jüdischen Klosters enthielten, mit
sehr strengen und harten Vorschriften. Diese Höhle zu Qumran
gehörte also zu einem Kloster einer jüdischen Sekte, die vor Jesus
Christus bestand. In dieser Höhle wurde alle alten Schriften, die
bereits durch den Gebrauch abgenutzt waren, aufbewahrt. Es bestand
nämlich eine Vorschrift, daß alle Heiligen Schriften, die man
nicht gebrauchen konnte, nicht vernichtet werden durften, sondern
aufbewahrt werden mußten.
In diesen alten Sektenschriften des Klosters zu Qumran spielt die
Bußtaufe auch eine ungeheure Bedeutung. Und es wird angenommen,
daß Johannes, der Täufer, einige Jahre in diesem oder einem
ähnlichen Kloster gelebt habe. Verschiedene Sitten und Gebräuche
aus dieser Zeit hat Johannes, der Täufer, bis an sein Lebensende
beibehalten.
Das, was Johannes der Täufer, allerdings ganz besonders betont,
daß die Bußtaufe nur ein Hinweis auf die Vergebung der Schuld ist,
die erst in Jesus Christus Wirklichkeit wird, kennen die
Klosterleute der Qumransekte nicht. Johannes zeigt nicht auf sich
und auf seine Taufe, sondern von sich und seiner Taufe weg auf
den, der nach ihm kommt, auf ihn und sein Werk.
"Es kommt einer nach mir, der stärker ist denn ich, dem ich nicht
genugsam bin, daß ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner
Schuhe auflöse."
Johannes will nichts anderes sein als ein Hinweis auf den, der
kommen wird nach ihm.
Wir haben schon gehört am Anfang heute, daß der, der kommen wird,
Gott selbst ist. Und wenn Johannes sagt, daß er nicht würdig ist,
dem, der nach ihm kommen wird, die Riemen an seinen Sandalen zu
lösen, dann kommt damit der ungeheure Abstand zwischen ihm und dem
Kommenden
zum Ausdruck. Es gab in Jerusalem Tempelsklaven, Menschen aus dem
Heidentum, die mußten den Priestern, bevor sie den Tempel zum
Dienst betraten, ihr Schuhwerk, ihre Sandalen ausziehen. Diese
Sklaven wurden wie Dreck behandelt, man fragte sich sogar sehr
ernst, ob sie überhaupt Menschen seien. Der Unterschied zwischen
einem Priester und einem Tempelsklaven war unüberbrückbar.
In der gleichen Weise ist unüberbrückbar der Unterschied zwischen
dem Täufer und dem Kommenden, zwischen dem Johannes, einem
Menschen, und Jesus von Nazareth, dem Sohne Gottes.
So ist Johannes mit seiner Gestalt, seiner Predigt von der
Bußtaufe und der Praxis dazu ein Zeichen dafür, daß die Heilszeit
begonnen hat.
Auch durch die Feststellung in unserem heutigen Text, daß die
Leute zu Johannes eilen und bereit sind, durch die vollzogene
Bußtaufe sich in die wartende Heilsgemeinde einreihen zu lassen,
wird uns bezeugt: Der, der dieses Heil bringt, der diese Heilszeit
heraufführt, ist bereits im Kommen, er steht vor der Tür.
Das, was damals in einer entscheidenden Weise geschah für alle
Menschen, aller Zeiten und aller Völker, geschieht heute immer
wieder im Verhältnis zu einem jeden einzelnen von uns. Der Heiland
aller Menschen, der Herr aller Herren, ist auf dem Wege zu uns.
Wir bekommen sein Kommen zu uns in jedem Gottesdienst verkündigt.
Sind wir bereit, wartende Menschen zu sein, die sich rüsten auf
sein Kommen, die sich freuen darauf, daß er auch in unser Leben
einkehren will? Freuen wir uns auf die Wirklichkeit der Vergebung
unserer Schuld?
"Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast; macht seine
Steige richtig, laßt alles, was er haßt; macht alle Bahnen recht,
die Tal laßt sein erhöhet, macht niedrig, was hoch steht, was
krumm ist, gleich und schlicht."

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Markus 1. 9 - 11

Am Anfang des Evangeliums steht die Gestalt des Täufers Johannes.
Der Anfang der Heilszeit, in der Gott in einer wunderbaren Weise
an uns Menschen handelt, ist unlösbar mit diesem Johannes
verbunden.
Aber ein Anfang weist immer darauf hin, daß das Eigentliche kommt;
hier können wir sagen, daß "der" Eigentliche noch kommt. Und hier
wird uns gesagt, wer dieser "Eigentliche" ist, der Gott ist und
uns das Heil bringen wird. Wie heißt dieser, dem Johannes, der
Täufer, nicht würdig ist, die Sandalen zu lösen und auszuziehen?
Es ist der Mensch aus der Stadt Nazareth. In diesem Menschen Jesus
von Nazareth, sieht Johannes Gott selbst, der aus dem Himmel
herabgekommen ist, um uns aus unserer verzweifelten Lage zu
befreien.
Und das Merkwürdige geschieht, daß dieser Jesus von Nazareth zu
Johannes kommt. Und was geschiet dort bei der Begegnung Jesu mit
Johannes?
Jesus erkennt Johannes in seiner Bedeutung als der Anfang des
Heilshandelns Gottes an uns Menschen an. Er bestätigt diesen
Johannes in seiner Bedeutung als Anfang, als sein Vorläufer, als
sein Bote.
Wodurch erkennt er ihn an und bestätigt ihn? Indem er sich ihm
unterstellt, indem er zu seinem Auftrag ein volles Ja sagt. Jesus
von Nazareth läßt sich im Flusse Jordan von Johannes taufen.
Denken wir an das, was wir in letzten Wochengottesdienst sagten,
daß seine Vorbereitung des Kommens Gottes auf diese Erde in der
Bußtaufe bestand, die er verkündigte und im Jordan auch ausführte.
In dieser Bußtaufe wurde das Heil bereits sichtbar, aber noch
nicht Wirklichkeit. Die, die sich taufen ließen, bekundeten
dadurch: Ja, wir warten auf das ganze vollkommene Heil, das bald
in Wirklichkeit den Menschen zuteil wird. Indem Jesus sich durch
die Bußtaufe in die Schar der auf das Heil schauenden Menschen
hineinbegibt, bestätigt er Johannes, den Täufer, in seinem
Auftrag: Wegweiser auf das bald hereinbrechende Heil zu sein.
Allerdings ist dann mit der Bestätigung durch Jesus Christus auch
sein Auftrag erfüllt, denn der, der Johannes in seinem Auftrag
bestätigt, ist der, der das vollkommene Heil in eigener Person
heraufführen wird.
Indem Jesus sich taufen läßt, stellt er sich in die Reihe der auf
das Heil wartenden Menschen. Aber sein Warten ist kein passives,
sondern ein aktives Warten, weil er persönlich sich jetzt auf den
Weg macht, um dieses Heil für uns Menschen zu erringen.
Mit der Taufe durch Johannes beginnt Jesus seinen Weg zur
Erringung des Heiles für uns.
Die Gestalt des Täufers wird von nun an immer blasser, bis sie
ganz in den Hintergrund rückt und die Gestalt des Jesus von
Nazareth wird immer leuchtender, bis sie in der ganzen
Herrlichkeit offenbar werden wird. Wenn wir bei der Betrachtung
des Evangeliums nach Markus bis hierher ein wenig aufgepaßt haben
und ein wenig sonst in der Bibel Bescheid wissen, dann muß uns
etwas aufgefallen, sein, nämlich dieses:
Johannes Markus, der Evangeliumsschreiber, hält es hier in seinem
Evangelium nicht für unbedingt notwendig, den Heidenchristen von
der Geburt Jesu zu verkündigen. Alle die vielen
Weihnachtsgeschichten, die wir besonders im Lukas-Evangelium
finden und die im Mittelpunkt unseres Weihnachtsfestes stehen und
die wir alle doch so gerne haben, erwähnt Markus mit keinem
einzigen Worte. Kein Rancho zu Bethlehem, kein Lobpreis der Maria,
keine Hirten auf dem Felde, keine Weisen aus dem Morgenlande. Wir
könnten uns wohl fragen, warum der Evangelist es nicht für
unbedingt notwendig und wichtig hält, diese Geburt in seinem
Evangelium zu verkündigen, aber wir könnten nur eine spekulative
Antwort geben, die doch keinen Wert hätte. Jedenfalls aber wollen
wir es beachten, daß Johannes Markus Jesus verkündigen kann ohne
mit einem Worte die wunderbare Geburt Jesu zu erwähnen. Denken wir
daran, was wir schon sagten, daß nämlich der Evangelist sich in
seinem Evangelium zum Ziel gesetzt hat, zu verkündigen daß der
Mensch Jesus von Nazareth der Herr und König Himmels und der
Erden, also Gottes Sohn, ist, Lukas weiß das auch und verkündigt
es. Aber ihm liegt es dazu ganz besonders daran, zu bezeugen, wie
dieses Wunder geschah, daß ein Mensch, daß dieser Mensch Jesus von
Nazereth Gottes Sohn wurde, Johannes Markus zeigt es uns auch,
aber in einer anderen Weise, und zwar auf Grund der Taufe Jesu,
die wir heute gehört haben:
"Und alsbald, da Jesus aus dem Wasser stieg, sah er, daß sich der
Himmel auftat und der Geist
gleichwie eine Taube herabkam."
Hier rühren wir bereits an das Geheimnis des dreieinigen Gottes:
Gott - Vater-, Sohn und Heiliger Geist. Diese innige Gemeinschaft
zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist kommt in der bildlichen
Darstellung zum Ausdruckt daß der Heilige Geist sich wie eine
Taube auf Jesus von Nazereth setzt und mit ihm sich verbindet und
daß gleichzeitig der Vater im Himmel von ihm auch bezeugt: "Ja.
wahrlich, dieser Mensch Jesus von Nazereth ist mein eigener Sohn."
Wir finden sogar die ganz persönliche Anrede:
"Du bist mein lieber Sohn."
Im Unterschied also zu Lukas, der bereits bei der Geburt Jesu
bezeugt, dieser Jesus ist Herr und König, ist Gottes Sohn, läßt
Johannes Markus die ganzen Geburtsgeschichten aus und verkündigt
dasselbe bei der Taufe Jesu durch Johannes:
Der Mensch Jesus von Nazereth ist Gottes Sohn.
Mit dieser Predigt kann nun der Täufer Johannes zurücktreten,
seine Aufgabe ist erfüllt. Es ist der gekommen, von dem er gesagt
hatte:
"Es kommt einer nach mir, der ist stärker denn ich, dem ich nicht
genugsam bin, daß ich mich vor ihm bücke."
Nun, da der Herr da ist, kann der Knecht, der sein Kommen
vorbereitet hat, ganz in den Hintergrund treten, Die Bahn wird
freigegeben für den Jesus, der der Sohn Gottes ist und der sich
jetzt auf den Weg macht und sich jetzt ans Werk begibt, um das,
was der Täufer nur angekündigt hat, zu erringen und uns zu
schenken:
Das Heil der Menschen, unser Heil,
die Vergebung unserer Schuld.

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Markus 1, 12 - 13

Sicherlich ist uns allen bereits die Versuchungsgeschichte Jesu
bekannt. Matthäus und Lukas verkündigen sie uns in einer
ausführlichen Weise, besonders auch, wie es Jesus gelingt, den
Teufel zu besiegen. Ich erinnere daran, was der Teufel von Jesus
verlangt:
Er soll aus Steinen Brot machen.
Er soll sich vom Dache des Tempels herunterfallen lassen.
Er soll ihn, den Teufel, als den Herrn der ganzen Welt erkennen
und ihn anbeten und sein Stellvertreter werden.
Jesus aber bezeugt ihm, wer in Wahrheit der eigentliche Herr ist,
Himmels und der Erden, und jagt ihn dann fort. Hier in unserem
Evangelium werden uns keine Einzelheiten der Versuchungsgeschichte
berichtet. Was Matthäus und Lukas uns in 11 bzw. 13 Versen
verkündigen, das macht Johannes Markus mit 2 Versen ab. Aber er
versteht es trotzdem, auch in diesen kurzen 2 Versen das
Entscheidende zu sagen.
Im letzten Wochengottesdienst haben wir von der Taufe Jesu durch
den Täufer Johannes gehört. Darin kommt zum Ausdruck: Dieser
Mensch Jesus von Nazereth ist Gottes Sohn. Der Vater im Himmel
bekundet es durch sein Wort und der Heilige Geist hält mit Jesus
innige Gemeinschaft. In der Versuchungsgeschichte nun wird er dem
Widersacher, dem Gegenspieler Gottes, dem Teufel, oder auch Satan
genannt, gegenüber gestellt.
Nach alter Auffassung war der Herrschaftsbereich des Teufels in
der Wüste, inmitten der wilden Tiere, die seine Diener waren. Wir
wissen z.B. aus den Zeremonien des alten Volkes Gottes beim großen
Versöhnungsfest, daß der Hohepriester auf einen dazu bestimmten
Ziegenbock die ganze Schuld des Volkes vom vergangenen Jahre
symbolisch legte und dann diesen Ziegenbock in die Wüste zum
Asasel jagte, zum Teufel schickte. Von daher stammt wohl die oft
falsch angewandte und flucherisch gebrauchte Redensart: Ich jage
dich zum Teufel.
Die Wüste mit ihren wilden Tieren war also der Herrschaftsbereich
des Versuchers und Widersachers Gottes.
Nirgendwo anders als in der Wüste kann es eine bessere erste
Begegnung zwischen Jesus und dem Widersacher Gottes geben; Jesus
ist ja zu uns auf diese Erde gekommen, um die Werke dieses
Widersachers zu zerschlagen. So ist sicherlich auch das Wirken des
Täufers Johannes in der Wüste als ein Einbruch in den
Wirkungsbereich des Teufels zu verstehen. Zu dieser Begegnung Jesu
mit dem Teufel kommt es durch das Drängen des Heiligen Geistes.
Der Heilige Geist gibt den Befehl Gottes, des Vaters und
Schöpfers, an seinen Sohn Jesus Christus weiter. Hier in der
Wüste, im Herrschaftsbereich des Teufels, steht Jesus von Nazareth
40 Tage und 40 Nächte dem Teufel gegenüber und ist seinen
Versuchungen ausgesetzt, Was ist unter Versuchungen zu verstehen?
Es ist das Bestreben des Widersachers Gottes, einen Keil zu
treiben zwischen dem Sohn Gottes und seinem Vater im Himmel, damit
er es ablehne, dem Befehle seines Vaters zu gehorchen. Der Teufel
will den Sohn Gottes dahin bringen, daß er es ablehne, den
befohlenen Kampf gegen ihn anzufangen. Ja, die Versuchung besteht
darin, den Sohn Gottes ganz auf seine Seite zu ziehen.
Es findet hier aber nicht nur eine Begegnung statt zwischen Jesus
von Nazareth, der der Sohn Gottes ist, und dem Widersacher Gottes,
dem Teufel, sondern es stehen sich auch die Handlanger des
Teufels, hier die wilden Tiere, und die dienstbaren Geister des
Gottes-Reiches, die Engel, gegenüber.
Heute würden wir so von den wilden Tieren als Handlanger des
Teufels nicht mehr sprechen, aber damals war es so eine fromme
Meinung.- Wichtig ist jedenfalls, das können und müssen wir auch
heute noch sagen, daß in der Versuchungsgeschichte sich nicht nur
der Sohn Gottes und der Teufel gegenüberstehen, sondern die beiden
Machtbereiche, mit allem was dazu gehört.
Allerdings müssen wir von vornherein ganz fest und klar und
deutlich sagen, daß die Macht des Teufels nur eine lächerliche
ist, die er sich anmaßt. aber in Wirklichkeit gar nicht hat. Durch
seine lügnerische Haltung tut er so, als ob... Es gibt nur eine
einzige Herrschaft, die ist Gottes, in der Jesus Christus allein
König und Herr ist.
Weil dieses Johannes Markus glaubt und weiß, darum ist es für ihn
vollständig unwichtig und unnötig, ausführlich darzustellen, wie
die Versuchungen sind. Ja, für ihn ist es vollständig
nebensächlich, das Ergebnis der Versuche des Teufels, einen Keil
zu treiben zwischen dem Sohn und dem Vater, überhaupt mitzuteilen.
Kann das Ergebnis überhaupt zweifelhaft sein? so fragt der
Evangelist uns alle. Muß man sich bei der Beantwortung dieser
Frage noch überhaupt aufhalten ?! Für ihn, dem Evangelisten, ist
alles so klar, daß er das Ergebnis uns gar nicht mitteilt.
Was muß das für eine frohe Gewißheit sein, die so klar und so
sicher und so deutlich ist, daß sie uns selbst die Beantwortung
der Frage nach dem Ausgang der Versuchung Jesu durch den Teufel
überläßt.
Wenn wir als Jünger Jesu in unserem Kampfe gegen den Bösen doch
auch etwas von dieser freudigen Gewißheit dieses Johannes Markus
darüber hätten, wie dieser Kampf enden wird, weil Jesus bei uns
ist, dann würde in Wahrheit mancher Kampf allein dadurch
siegreicher beendet werden.

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Markus 1, 14 - 15

Den Inhalt des Evangeliums, das Johannes Markus schrieb, können
wir mit 2 Worten angeben: Jesus Christus. Diese eine Gestalt,
diese eine Person, ist der Mittelpunkt der Predigten des
Evangeliums. Am Anfang wird uns allerdings von einer anderen
Gestalt berichtet: der Täufer Johannes. Mit ihm beginnt
gewissermaßen das Evangelium. Er ist der Vorläufer, der Bote
dieses Jesus Christus. Wie lesen wir?
"Eine Stimme eines Predigers in der Wüste, bereitet den Weg des
Herrn."
Johannes, der Täufer, hat einmal selbst bekannt:
"Er, Jesus Christus, muß zunehmen;
ich aber muß abnehmen."
Er ist der ausgestreckte Finger, der auf Jesus Christus hinweist,
nicht mehr und nicht weniger.
Er selbst will allerdings auch nicht mehr sein. Mit dem Kommen des
Herrn kann er zurücktreten. So sehen wir in unserem heutigen Text,
wie der Evangelist uns verkündigt, daß nach der Gefangennahme des
Täufers sofort Jesus Christus erscheint. Jetzt ist die Zeit des
Gottes Sohnes gekommen, der sich in der Wüste auch gegenüber dem
Teufel, dem Widersacher Gottes als Gottes Sohn erwiesen hat.
"Nachdem Johannes überantwortet war, kam Jesus." Johannes geht,
Jesus kommt.
Während Johannes seine Wirksamkeit in der Wüste hat, wirkt Jesus
Christus in Galiläa: "Er kommt nach Galiläa." Nach dem
Evangelisten Matthäus hat sich damit eine alte Weissagung erfüllt.
Obwohl Galiläa bei den gesetzesfrommen Juden keinen besonders
guten Ruf hat, bekommt es jetzt durch das Wirken Jesu eine
wichtige Bedeutung, Immer und immerwieder werden wir in allen
Evangelien lesen:
"Und er kam nach Galiläa", oder
"Und er zog durch Galiläa"
In Galiläa liegen Kapernaum, der See Genezareth, Kanaan, und auch
Nain, alles Orte, die uns in den Evangelien oft begegnen, Nicht
Jerusalem mit dem heiligen Tempel, seiner alten Kultur und
Tradition, mit der Leitung des alten Volkes Gottes, den
Hohenpriestern und Schriftgelehrten, mit den Tempeldienern, wurde
von Gott als Wirkungskreis seines Sohnes bestimmt, sondern
Galiläa. Von diesem Galiläa sagt der Fromme Rabbi Johanan ben
Zakkai:
"Galiläa, Galiläa, du hassest das Gesetz, deshalb wird dein Ende
das der Räuber sein."
Dort in diesem Gebiet, in jedem Dorf und Flecken und Haus,
verkündigt Jesus Christus das Evangelium, die frohe Botschaft vom
Reiche Gottes.
"Nachdem aber Johannes überantwortet war, kam Jesus nach Galiläa
und predigte das Evangelium vom Reich Gottes."
Gleich hier am Anfang werden uns die genauen Orte nicht angegeben,
das kommt später bei den Einzelgeschichten, Unsere heutigen 2
Verse sind gewissermaßen die Überschrift über die folgenden
Abschnitte.
Jesus predigt in Galiläa, Er predigt vom Reiche Gottes, Wir
erhalten auch eine Antwort auf unsere Frage, was das denn
bedeutet, wenn er "vom Reiche Gottes" predigt:
1. die Zeit ist erfüllt;
2. das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen;
3. tut Buße, kehret um von eurem bösen Wege.
Damit ist also die Predigt Jesu vom Reiche Gottes charakterisiert.
Was heißt nun 1. die Zeit ist erfüllt?
Die Zeit ist gekommen, daß Gott die Tür zum Himmel selbst wieder
aufschließt. Gottes Zorn hat ein Ende, seine ganze große Liebe zu
uns Menschen wird sichtbar. Mit dem Beginn der Tätigkeit Jesu ist
diese Zeit hereingebrochen.
2. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, heißt nun nichts
anderes als: Mit diesem Jesus von Nazareth kommt Gott selbst zu
den Menschen. Die Herrschaft Gottes ist mit dem Sohne Gottes
mitten unter uns. Wenn wir vorhin sagten, Gott schließt die Türe
zum Himmel wieder auf, so heißt dieses noch mehr, Es heißt: Der
Himmel, der Herrschaftsbereich Gottes, kommt mit dem Sohne Gottes
mitten unter uns Menschen. Damit wird ein Zustand wieder
hergestellt, wie er im Paradiese bestanden hat. Denken wir daran,
wie uns da verkündigt wurde, daß Gott selbst im Paradiese weilte,
dort den Menschen begegnete und mit ihnen sprach. Durch die Schuld
des Menschen wird dieser Mensch aus dem Paradiese vertrieben. Das
Leben auf dieser Erde nun und das Miteinander von Mensch zu Mensch
wird zu einer Qual. Der Mensch lebt in einer ständigen Angst vor
den Tieren, vor sich selbst, vor den anderen Menschen und vor
Gott. Unser Leben wird zur Hölle. Aber mit dem Kommen Jesu
Christi, dem Sohne Gottes, muß diese Hölle, die wir uns selbst
verschuldet haben, wieder weichen und Gottes Liebe bringt wieder
das Paradies, den Himmel auf Erden, "Die Zeit ist erfüllet und das
Reich Gottes ist nahe herbei gekommen."
Das ist die Botschaft Jesu Christi, die er den Menschen, zuerst
besonders in Galiläa, verkündigt. Das ist die große
Freudenbotschaft, die er uns allen predigt.
Also der, der den Himmel auf Erden bringt, ist gleichzeitig der,
der diese Tatsache als frohe Botschaft, als Evangelium uns
Menschen zuruft.
Und wenn Jesus Christus nun weiter die Menschen auffordert:
3. "Tut Buße!"
dann ist doch das eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wenn
Gottes Zorn ein Ende hat, wenn Gott sich selbst auf den Weg macht,
um uns die Tür zum Himmel zu öffnen, um mit sich selbst den Himmel
auf Erden zu bringen und damit seine unbeschreibbare große Liebe
zu uns zum Ausdruck bringt, dann ist es eigentlich eine
Selbstverständlichkeit, daß wir endlich unseren Widerstand gegen
Gott aufgeben, daß wir endlich nicht mehr von Gott weglaufen,
sondern uns umdrehen, um die ersten Schritte zu ihm hin zu machen.
Das ist die Bedeutung des Wortes "Tut Buße!": Von unserem eigenen
bösen Wege lassen und das tun, was Gott uns zu tun befiehlt, um
den Weg Gottes zu gehen, zu ihm zurück.
Und wenn Jesus Christus weiter sagt:
"Und glaubet an das Evangelium!"
dann sagt er damit nicht etwas anderes als bisher, sondern
dasselbe, nur mit anderen Worten.
An das Evangelium glauben, faßt dieses alles zusammen: Gottes
Liebe zu uns, die seinen Sohn zu uns schickt, die den Himmel auf
Erden bringt und unser Dankeschönsagen dafür, indem wir von
unserem bisherigen bösen Weg lassen und nach dem Willen Gottes
leben, uns ganz in seine Hand, in seine Gewalt begeben. Johannes
Markus hat in diesem Evangelium in allen Predigten von Jesus
Christus über sein Tun und sein Reden eben dieses herausgestellt:
"Die Zeit ist erfüllet und das Reich Gottes ist nahe herbei
gekommen. Tut Buße und glaubet an das Evangelium."

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Markus 1, 16 - 20

Im letzten Wochengottesdienst haben wir durch den Evangelisten
Johannes Markus die Botschaft Jesu gehört, die er durch sein Reden
und auch durch sein Wirken den Menschen der damaligen Zeit
verkündigte.
Heute nun predigt uns der Evangelist vom ersten und größten Wunder
des Herrn.
Er geht am galiläischen Meer entlang. Genauer heißt dieses Meer:
See Genezareth. Aber wir haben es schon gehört, wie wichtig es dem
Evangelisten ist, daß Jesus in Galiläa wirkte, darum auch die
Betonung des Sees Genezareth als eines galiläischen Meeres. Jesus
geht am Westufer des galiläischen Meeres entlang. Dort sieht er
zwei junge Männer bei der Arbeit. Sie sind Fischer und werfen ihre
Netze ins Meer, um Fische zu fangen. Mitten in ihrer Arbeit
spricht Jesus sie an:
"Auf, folget mir!"
Wir wissen auch, wie diese beiden jungen Männer heißen: Simon
Petrus und Andreas.
Sie sind Brüder.
Die Evangelisten Lukas und auch Johannes berichten die erste
Begegnung mit den Brüdern Simon Petrus und Andreas viel
ausführlicher, ja zum Teil sogar unter ganz anderen Verhältnissen
als Johannes Markus.
Wir merken es diesem Bericht hier an, daß der Evangelist den
Jünger Simon Petrus in einer gewissen Vorrangstellung sieht, indem
er ihn an die erste Stelle setzt. Das kommt wohl daher, daß
damals, als Johannes Markus dieses Evangelium schrieb, Simon
Petrus bereits eine Vorrangstellung unter den Jüngern einnahm.
Petrus nimmt in der Tat zwischen seinen Jüngern eine
Vorrangstellung ein. Dieses hat allerdings mit der Begründung des
Papsttums durch die katholische Kirche nichts zu tun. Zum andern
ist es verständlich, daß bei der Aufzählung der Jünger der
Evangelist Johannes Markus den Apostel Simon Petrus an die erste
Stelle setzt, ist er doch durch Simon Petrus zum Glauben gekommen
und hat dann später die ganze Geschichte von Jesus Christus durch
sein Zeugnis erfahren. Der Evangelist Joh. Markus ist ein Schüler
des Simon Petrus, dem er auch in dieser rein menschlichen Weise
seine Hochachtung zum Ausdruck bringt.
Was geschieht bei den beiden jungen Männern auf die Aufforderung
Jesu hin:
"Auf, folget mir nach!"?
Es geschieht dieses:
"Alsobald verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach."
Dasselbe wird uns berichtet von den 2 anderen jungen Männern:
Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und seinem Bruder Johannes.
Sie saßen in einem Schiff und flickten mit ihrem Vater und den
Knechten ihre Netze. Jesus ruft auch sie. Und ebenfalls hier wird
uns berichtet:
"Und sie folgten ihm nach."
Wenn wir uns das, was dort geschah, recht überlegen, dann können
wir vor Verwunderung nur mit dem Kopf schütteln. Da kommt doch
wahrhaftig irgendwoher ein wildfremder Mensch und sieht 2 X zwei
junge Männer bei der Arbeit. Er ruft sie und fordert sie auf, ihm
nachzufolgen. Und sie gehorchen, sie lassen alles stehen und
liegen und folgen diesem wildfremden Mann nach.
Muß man sich da über den Unverstand der jungen Leute nicht direkt
an den Kopf fassen. Was sie tun ist doch eigentlich sträflicher
Leichtsinn. Man läuft doch nicht so einfach mir-nichts, dir-nichts
einem wildfremden Manne nach. Läuft man dadurch nicht vielleicht
direkt in das Verderben hinein? Diesen Eindruck muß jeder haben,
der in einer unbefangenen Weise diesen Bericht liest. Ja, es hat
sogar den Anschein, als ob der Evangelist bewußt durch diesen
kurzen und knappen Bericht den Lesern diesen Eindruck vermitteln
will: Was hier geschieht, geht gegen jede menschliche Vernunft und
Einsicht. Welcher junge Mann würde einem wildfremden Menschen ohne
weiteres nachfolgen?
Aber wenn wir so diese unmögliche Situation betrachten, werden
unsere Blicke unwillkürlich auf das Eigentliche, auf das
Entscheidende gelenkt. Dieser wildfremde Mann zeigt sich gerade
darin als einer, der göttliche Vollmacht hat, als Sohn Gottes, daß
das Unmögliche möglich gemacht wird, daß junge Menschen gegen alle
Vernunft alles stehen und liegen lassen und ihm nachfolgen. Wir
haben am Anfang heute nicht von ungefähr davon gesprochen, daß
dieser Bericht des Evangelisten eine Predigt über das erste und
vielleicht größte Wunder ist, das Jesus tut. Soll das kein Wunder
sein, daß junge Menschen auf seinen Ruf hin alles stehen und
liegen lassen und ihm nachfolgen; eine gesicherte Existenz und
Zukunft aufgeben und mit Jesus gehen, bei dem man wirklich nicht
weiß, was morgen sein wird. Und wenn wir uns, die wir mit Ernst
Christen sein wollen, fragen, wie ist es denn gekommen, daß uns
ein Wort der Predigt packte, sodaß wir eher keine Ruhe hatten als
bis wir diesem Worte nachgaben? Wie ist es denn gekommen, daß es
eine Not in der christlichen Gemeinde gab und es keine Ruhe uns
ließ bis wir unsere Geldtasche öffneten -ja, weiter öffneten, als
uns sogar im letzten Grunde lieb war? Wie ist es denn gekommen,
daß wir bewußte und gehorsame Christen sind und sein wollen?
Geschah dieses alles bei uns nicht auch gegen unsere eigene
Vernunft -und sogar gegen unseren eigenen Willen, einfach
deswegen, weil vor uns Jesus Christus stand und er uns befahl und
er in uns dann selbst durch ein Wunder den Gehorsam schaffte?
Einen Menschen dahin-zu-bringen, daß er ein Jünger Jesu ist, daß
er mit vollem Ernst ein Christ ist, daß er dem Worte Jesu Christi
gehorcht, dazu ist wahrlich nicht weniger als ein Wunder durch
Jesus Christus selbst notwendig, Dieses Wunder muß größer sein als
bei der Heilung eines Kranken. Einen anderen Weg zur Nachfolge,
zum Gläubigsein als durch ein Wunder gibt es nicht. Aber wenn wir
bedenken daß Jesus Christus uns, dich und mich, auf seine Seite
gezogen hat, dann können wir auch noch für alle anderen Menschen
Hoffnung haben, die heute noch von ihm nichts wissen wollen, die
heute noch ihm nicht gehorsam sein wollen, die heute noch für
Jesus Christus nichts tun und nichts opfern wollen.
Anknüpfend an ihren alten Beruf als Fischer macht Jesus diese
jungen Männer zu Menschen-fischern. Im letzten Grunde heißt das
nichts anderes als dieses, daß sie das, was sie gerade durch Jesus
erlebt haben, in seinem Auftrage und in seinem Namen an anderen
Menschen tun dürfen.
Jesus Christus will durch seine Jünger Menschen in seine
Nachfolge, in seinen Dienst, zum Gehorsam gegen sein Wort rufen.
Mit den heutigen Versen schließt gewissermaßen die Einleitung des
Evangeliums. In dieser Einleitung ging es um den Vorläufer Jesu
Christi, um den Täufer Johannes, dann um Jesus Christus selbst,
seine Bestätigung in der Taufe, sein Offensein zu seinem Vater,
das Verbundensein ist mit einem gänzlichen Verschlossensein
gegenüber dem Widersacher Gottes, dem Teufel, verknüpft. Wir
hörten in kurzen Worten die Botschaft, die Jesus Christus predigt
und als Schluß heute von seinen Beauftragten, seinen Jüngern. Nun
ist der Weg frei, um Jesus auf seinem Zug, auf seinem Marsch zu
begleiten und zu achten auf sein genaues Tun und Handeln, aber
auch Reden.

Pfarrer Karl Schwittay

Gepredigt in Wochengottesdiensten in Aldea Protestante in den
Jahren 1960/62.