DER DIENST DER GEMEINDE
Vortrag 050
Lugar/Ort:Montevideo
Fecha/Datum:1962
Resumen/Skopus: Während der 21. Synodaltagung in Montevideo, im Rahmen einer Vortragsreihe: DAS SALZ DER ERDE 1.Der Dienst der Kirche 2. Der Dienst der Gemeinde: 2-11-1962 3. Der Dienst der Christen.


21. Synode, Montevideo 31.10.-4.11.1962,
DAS SALZ DER ERDE
Der Dienst der Gemeinde -1. Korinther 12, 3b - 13
vorgetragen von Pfarrer K. Schwittay

Die Gemeinde Jesu Christi ist eine Schar von Menschen, die Jesus
Christus zu sich und damit in seine Gemeinde gerufen hat. Der Ruf
in seine Nachfolge ist immer mit dem Rufe in seine Gemeinde
verbunden.
Jesus Christus ist und bleibt der alleinige Herr dieser Gemeinde.
Neben ihm kann und darf es in ihr keine anderen Herren geben, die
meinen, herrschen zu können oder herrschen zu müssen. Nach dem
verlesenen Text gehört es zum entscheidenden Bekenntnis derer, die
zur Gemeinde gehören, daß Jesus Christus allein ihr Herr ist und
bleibt.
Er ist es, der sie ins Leben gerufen hat und sie auch erhält. Der
Gerufene wird immer der Gemeinde nur zugetan; er findet sie immer
schon vor. Er steht also nie allein, sondern immer inmitten von
Gerufenen, selbst da, wo eine sichtbare Gemeinde am Ort noch nicht
vorhanden sein sollte. Es gehört wohl zum Wesen der Gemeinde, daß
sie sich am Ort in einer sichtbaren Gestalt darstellt, doch wissen
wir, daß sie weiter reicht, sodaß wir sogar von der einen Gemeinde
Jesu Christi sprechen können, die die ganze Welt umspannt und zu
der alle Gerufenen gehören. Hier reicht natürlich manches hinein,
was bei der Besprechung über den Dienst der Kirche zu sagen ist.
Ehemals waren Kirche und Gemeinde dasselbe und erst im Laufe der
Jahrhunderte hat sich jeweils verschiedenes mit Kirche und
Gemeinde verbunden. Nach meinem Dafürhalten ist die Gemeinde, wie
sie sich heute überall in der weiten Welt in den verschiedensten
Kirchen und Denominationen an den verschiedenen Orten vorfindet,
die echtere Entsprechung zu dem, was im Neuen Testament unter
Gemeinde Jesu Christi verstanden wurde, als das, was heute unter
Kirche verstanden wird. Die Kirche ist eher als eine Notlösung zu
verstehen, mit der eine gewisse Anzahl von Gemeinden mit
gemeinsamen Fragen, Nöten, Anfechtungen und Problemen fertig zu
werden versucht. Gerade auf der letzten Weltkirchenkonferenz in
New Delhi 1961 meldete sich dieses Verständnis besonders stark zu
Wort und trat damit in den Gegensatz zu den traditionellen
Konfessionalismus, der einer gemeinsamen Gemeindebildung am Ort im
Sinne des Neuen Testamentes hinderlich im Wege zu stehen scheint.
Die Aufnahme der Gerufenen in die Gemeinde, in die Schar derer,
die Jesus von Nazareth als ihren Herrn bekennen, erfolgt durch die
Taufe. Durch die Taufe wird der Gerufene ein Glied am Leibe
Christi. Die Gemeinde wird so als Leib Christi verstanden.
Jesus Christus hat sich mit seiner Gemeinde einen Organismus
geschaffen, der das Werk des Heils, das er erkämpft und erlitten
hat, heute, also den Menschen unserer Zeit, weiterreicht.
In der Gemeinde lernt der Gerufene in der sogenannten christlichen
Unterweisung sein Leben als ein Jünger Jesu, als ein Glied am
Leibe Christi, zu führen. Er hört auf die Stimme seines Herrn in
der Verkündigung des Wortes Gottes und empfängt von ihm Aufträge.
Im Heiligen Abendmahl ist der Gerufene mit seinem Herrn und denen,
die mit ihm gerufen sind, verbunden. Die Verbundenheit mit den
Mitgerufenen zeigt sich besonders im gegenseitigen Dienst der
Hilfe, ganz gleich welcher Art.
Die Gemeinde ist der Ort, da der Gerufene in seinem Christenstande
gestützt und gekräftigt und auch immer wieder erneuert wird. Wenn
also nach einem wichtigen Merkmal einer echten und lebendigen
Gemeinde gefragt wird, dann wird sie gefragt werden müssen, ob sie
diesen Dienst der Stützung und der Kräftighung und der Erneuerung
der Gerufenen, oder anders gesagt, ihrer Gemeindeglieder, voll
sieht und in möglichst bester Weise auch ausführt.
Ohne die dogmatische Frage nach der Kindertaufe zu stellen, müssen
wir doch daran festhalten, daß die rechtens geschehene Kindertaufe
als Aufnahme in die Gemeinde gilt, die in der jeweiligen
Lokalgemeinde sichtbar wird. Das Kind, das getauft wurde, ist ein
Glied der Gemeinde Jesu Christi. Es gehört mit zu der Schar der
von Jesus Christus Gerufenen. Den getauften Kindern ist ja nach
dem Stande ihrer Entwicklung diese Tatsache mit allen Konsequenzen
deutlich zu machen. Nur wo diese Möglichkeit vorhanden ist, da ist
die Kindertaufe am Platze. Es ist die christliche Unterweisung der
Kinder in der Familie, im Kindergottesdienst, in der Vorbereitung
zur Konfirmation eine wichtige Aufgabe der Gemeinde gegenüber
ihren getauften Kindern. Es bleibt auch für unsere Gemeinden schon
eine ernste Frage, wie die Verantwortung für unsere Kinder besser
wahrgenommen werden kann. Taufe und Konfirmation dürfen nicht
leere Formen einer traditionellen Sitte bleiben oder werden. Zu
fragen wäre, ob nicht das, was wir als Einübung des christlichen
Glaubens für unsere Kinder verstehen, in eine bestimmten, noch zu
suchender Form, auch auf Erwachsene auszudehnen ist. Wieviele
Glieder leben inmitten unserer Gemeinden, die garnicht wissen, was
es bedeutet, als ein Christ sein Leben zu führen oder was
Vergebung heißt oder wie gebetet, eine Hausandacht gehalten, die
Kinder unterrichtet werden. Vielleicht könnte dieses geschehen
durch die Einführung brieflicher Kurse. Das Zentrum jeder Gemeinde
Jesu Christi aber ist und bleibt der Gottesdienst mit dem
verkündigten Evangelium, zu dem sich die Glieder der Gemeinde
sammeln. Mit dem verkündigten Evangelium steht eine Gemeinde und
ohne es fällt sie.
Weil der Gottesdienst mit der Verkündigung des Evangeliums und der
Feier des Heiligen Abendmahls in der Mitte des gemeindlichen
Lebens steht, muß jede Gemeinde auf sie ihr Hauptaugenmerk
richten. Abgesehen von wenigen Stadtgemeinden ist bei uns gerade
an diesem Punkte ein großer Notstand. Durch die große Zerstreuung
ist fast als normal anzusehen, daß sich eine Gemeinde einmal im
Monat zum Gottesdienst sammelt, einmal im Monat das Evangelium
hört. Das bei uns in dieser Hinsicht Normale ist für eine Gemeinde
Jesu Christi alles andere als normal. Es ist fast ein Wunder, daß
unsere Gemeinden nicht an Auszehrung zugrunde gegangen sind.
Um dem DIENST IN DER GEMEINDE recht zu versehen, muß alles getan
werden, daß die Glieder jeden Sonntag sich um Gottes Wort sammeln.
Viele Versuche, Lesegottesdienste einzurichten, scheiterten schon,
nur hier und da liest man von ihnen. Ob nicht in einer ganz neuen
Weise unser Blick auf Familienandachten und -gottesdienste gehen
muß, in der die christliche Familie als ein Teil der Gemeinde sich
um das Wort Gottes, das gelesene Wort Gottes, am Sonntag sammelt.
Besser wäre noch ein Nachbarschaftsgottesdienst. Geeignetes
Material wäre zu suchen und zu beschaffen.
Wenn auch nicht von gleicher Bedeutung wie diese Gottesdienste in
der Familie oder in der Nachbarschaft, müssen die anderen
Möglichkeiten der Verkündiung des Evangeliums mehr ausgenutzt
werden, wie z.B. Verteilung von Leseprediten, christlichen
Zeitschriften und Gemeindeblättern.
Manche Gemeinde in Deutschland hat unseren Gemeinden große Hilfe
geleistet durch die Zusendung von Lesematerial. Manche Gemeinde
dort wartet vielleicht noch darauf, uns diesen Dienst tun zu
können.
Im allgemeinen liegt allerdings bei der Versorgung unserer
Gemeinden mit gedrucktem Hilfsmaterial in der Landessprache ein
tiefer Notstand vor. Man weiß kaum, was man als Hilfe weitergeben
könnte. Das meiste von den verschiedenen Denominationen
herausgegebene Material in der Landessprache entspricht nicht
unseren Erwartungen. Ob da nicht durch uns mehr getan werden
müßte?
Seit einien Monaten bemerke ich in meiner Gemeinde eine Steigerung
des Einflusses des Volksmissionars Werner Heukelbach aus
Deutschland durch seine Radiosendunen über einen uruguayischen
Sender. Am Freitagabend gibt es in meiner Gemeinde nur wenige
Besitzer von Radioapparaten, die dieser Sendung nicht lauschen,
selbst katholische Deutsche gehören zu seinen ständigen Zuhörern.
Obwohl ich dieser Sendung durchaus positiv geenüberstehe, bedauere
ich doch sehr, daß wir als Gemeinden die Möglichkeit noch nicht
ausgenutzt haben, unseren sonntäglichen gottesdienstlichen
Notstand durch das Kommunikationsmittel Radio ein wenig
aufzubessern. Ein regelmäßiger sonntäglicher Gottesdienst durch
Radio wäre unseren zerstreuten Gemeinden und Gemeindegliedern eine
sehr große Hilfe, die auch in dankbarer Weise in Anspruch genommen
werden würde. Falls in Argentinien an diesem Punkte
Schwierigkeiten bestehen sollten, könnte vielleicht Montevideo für
uns alle diesen Dienst tun. Da die von Jesus Christus Gerufenen,
in der Gemeinde zu einer Gemeinschaft zusammengefügt, miteinander
in der Liebe verbunden sind, ist es eine Selbstverständlichkeit,
daß den Armen und Notleidenden mit einer fürsorgenden Hilfe
nachgegangen wird, und die Kranken und Sterbenden, die Einsamen,
Alten und Gebrechlichen getröstet werden. Es fehlt in unseren
Gemeinden der Dienst der ausgebildeten Gemeindekrankenschwester.
Sollte nicht unsere christliche Gemeindeverantwortung als Hilfe
für unsere Kranken zur Gründung eines evangelischen Hospitals, als
Hilfe für unsere Alten zur Gründung eines Altersheimes und als
Hilfe für die Waisenkinder zu einer besseren Unterstützung des
bestehenden Waisenhauses in Baradero führen? Die einmalige
Konfirmationskollekte für Baradero erscheint mir doch als eine zu
dürftige Angelegenheit.
Eine Gemeinde sollte sich auch um ihre Glieder kümmern, die eines
Tages dem normalen Leben entnommen, in einem Lepraheim ihr Dasein
fristen müssen. Es war eine gute Sache, daß die Gemeinde Buenos
Aires durch Schwester Gertrud sich dieser Menschen angenommen hat.
Sie dürfen einfach nicht abgeschrieben und in eine noch größere
Einsamkeit hineingestoßen werden. Wieviel evangelische Leprakranke
mag es in den La Plata-Staaten geben, wenn allein schon in dem
kleinen staatlichen Leprosario bei Paraná 12 evgl. Deutsche bzw.
Deutschstämmige interniert sind?
Nicht unerwähnt bleiben sollte die gemeindliche Verantwortung für
unsere Schüler und Studenten in den Städten, die oft vollständig
allein auf sich gestellt, ihren Weg gehen müssen.
Es ist wohl klar, daß im Hinblick auf die große Verantwortung
einer Gemeinde gegenüber ihren Gliedern in einer ganz anderen
Weise als bisher ein finanzieller Einsatz gefordert wird. Mit
unseren augenblicklichen schwindsüchtigen gemeindlichen
Haushaltsplänen können wir die Verantwortung natürlich nicht so
wahrnehmen, wie sie uns vom Herrn der Kirche aufgegeben ist. Es
kommt alles darauf an, daß die verantwortlichen Männer der
Gemeinden ihre Verantwortung im Sinne ihres Herrn wahrzunehmen
bereit sind, zum Heil und Segen der Gemeinde und ihrer Glieder.
Mit diesen Ausführungen konnte nicht alles aufgeführt werden, was
zum Dienst der Gemeinde für ihre Glieder gehört. Diese
Ausführungen sollen ja nur zum Gesprách anregen in dem noch
manches ergänzt werden müßte.
Wir wissen, daß in der Evgl. Kirche in Deutschland, aber auch in
den verschiedenen anderen Kirchen der Ökumene viele neue Wege
versucht und Experimente im Blick auf die Gemeindearbeit
durchgeführt werden. Vielleicht können sie uns einmal bei der
Gestaltung unserer Arbeit helfen. In unseren Gemeinden aber selbst
zu experimentieren wáre allerdings bei unserer schwachen Kraft
fehl am Platze. Vielmehr müßte aus den vielen konkreten Aufgaben,
die auf uns warten, die kirchliche Arbeit weiter ausgebaut werden
und Bestebendes wäre mit einer neuen Intention zu füllen und zu
ergänzen.
Wir sagten am Anfang, daß der von Jesus Christus Gerufene in seine
Gemeinde gestellt wird, die ihm mit den Gaben dient, die ihr von
ihrem Herrn anvertraut worden sind.
Die Gemeinde schuldet also durchaus wichtige Dienste ihren
Gliedern. Darüber gibt es wohl keine Unklarheit. Aber es kommt die
Frage: Wie kann eine verantwortliche Gemeinde alle diese Dienste
und Aufgaben in guter Weise ausführen? Die Antwort kann nur
lauten: Jeder, aber auch jeder, der von Jesus Christus gerufen
ist, ist nicht nur dazu berufen, sich bedienen zu lassen, sondern
selbst auch zu dienen.
Der Dienst der Gemeinde ist gegenseitiger Dienst der vom Herrn
Gerufenen und nicht ein Dienst einiger weniger Funktionäre. Der
Eine ist auf den Andern angewiesen. Der Eine ist für den Andern
da.
Paulus beschreibt den Korinthern diese Tatsache mit dem Bilde des
Leibes, des Körpers, an dem auch ein Glied auf das andere
angewiesen ist. Der Körper kann nur dann seine Funktion recht
ausüben, wenn alle Glieder des Körpers ihre Aufgabe erfüllen.
Fast in der ganzen Christenheit, nicht nur bei uns in der
Deutschen Evangelischen La Plata-Synode, muß diese Tatsache ganz
neu ins Auge gefaßt, bewußt gemacht und danach gehandelt werden.
Der von Jesus Christus in die Gemeinde Gerufene ist immer ein zum
Dienst in der Gemeinde Gerufener. Die Gemeinde ist eine Schar von
Menschen die zum Dienst berufen sind.
Diese allein mögliche Wirklichkeit der Existenz einer Gemeinde ist
unseren Gemeinden, in denen die Glieder sich auf ein gemütliches
Bedientwerden eingestellt haben, in einer nie zu ermüdenden Weise
immer und immer wieder zuzurufen. Eine andere Existenz aber als
die einer mitarbeitenden Gemeinde ist einfach unmöglich, ohne daß
die Gemeinde aufhört, eine Gemeinde Jesu Christi zu sein.
Die durch Staatsgesetze uns aufgezwungene Form der Gemeinde als
ein Verein darf unter keinen Umständen zum Maßstab unseres
gemeindlichen Handelns werden.
Wenn wir diesem allen ins Auge sehen, dann kann es uns schon angst
und bange werden, weil dieses bei uns bei dem Zustande unserer
Gemeinden nur durch ein Wunder möglich gemacht werden könnte.
Wir haben aber den festen Glauben daß unser Herr Jesus Christus,
der Herr der Gemeinde, auch heute noch in seiner Gemeinde Wunder
tut. Er kann aus einer genießen- wollenden Gemeinde, in der nur
wenige etwas zu tun bereit sind, eine Gemeinde machen, die
gemeinsam am Werke ist mit ihren Gaben und Fähigkeiten zum
gegenseitigen Nutzen und gegenseitiger Auferbauung. Zu diesem
Wunder, das wir hier erflehen, gehört auch, daß sich die
verschiedenen Gemeinden der verschiedenen Denominationen am Ort
nicht das Leben schwer machen und sich gegenseitig zum Genießen
verführen, sondern gemeinsam den Willen ihres Herrn zu erfüllen
trachten.
Wenn wir offen sind für die Wunder, die unser Herr in der Kraft
des Heiligen Geistes in seiner Gemeinde durch uns tun will, dann
werden aueh wir es erleben, daß christliche Eltern ihre Kinder zu
Jesus führen und die Gemeinde durch Kindergottesdienste und
Sonntagsschulen und katechetische Unterweisung ihnen hilft, damit
junge Menschen bereit und willig sind, sich für den Dienst der
Verkündigung ausbilden zu lassen, daß die Gemeinde eine Form des
Gottesdienstes findet, die auch möglich ist, wenn der
hauptamtliche Verkündiger nicht anwesend sein kann, daß Glieder
willig werden, in der Gemeinde aktiv mitzuarbeiten in der
Gemeindeführung, sich der Armen und Kranken anzunehmen und auch
mit ihrem Gelde ihrem Herrn zu dienen.
Und das wollen wir freudig bekennen, daß hier und da in unseren
Gemeinden auch heute schon etwas von dem Wunder einer
charismatischen Gemeinde aufbricht, wie es sich in der Gemeinde zu
Korinth zeigte und von der der Apostel schreibt: "Es gibt
verschiedene Gnadengaben, aber es ist derselbe Geist; und es gibt
verschiedene Dienste, aber es ist derselbe Herr; es gibt
verschiedene Wirkungen, aber es ist derselbe Gott, der alles in
allen wirkt. Jedem aber ist seine Gabe zum allgemeinen Nutzen
gegeben."
Aber das eigentliche Wunder muß in unseren Gemeinden noch
geschehen. Laßt uns nie müde werden, den Herrn der Gemeinde um
dieses Wunder mitten unter uns zu bitten und laßt uns auch
mithelfen, daß dieses Wunder Wirklichkeit werden kann, u.a.
dadurch, daß wir gerade als die Ersten in unseren Gemeinden diesem
Rufe unseres Herrn zur Arbeit, zum Dienst und zum Opfer Folge
leisten und dadurch die anderen reizen mitzumachen. Wir haben
bisher vom Dienst der Gemeinde gesprochen, der als ein Dienst
füreinander in der Gemeinde, als Dienst zur Auferbauung der
Gemeindeglieder verstanden wurde. Wir haben aber noch garnicht in
den Blick bekommen, daß diese Gemeinde, die durch die
verschiedenen Dienste sich lebendig erbält, auf dieser Erde. in
dieser Welt, nicht Selbstzweck ist, sondern daß diese Gemeinde im
Auftrage ihres Herrn jetzt ihre eigentliche Aufgabe erst zu
erfüllen hat, den Dienst an dieser Welt und für diese Welt. Eine
Gemeinde, die diesen Dienst nicht sieht und zu diesem Dienst nicht
anzutreten bereit ist, ist sinn- und wertlos, selbst wenn in ihrer
Mitte ein scheinbares bewegtes Leben feststellbar sein sollte.
Eine Gemeinde, die das Wort. das über unserer Synodaltagung steht,
nicht zu lehren und nicht auszuführen bereit ist, lebt an ihrer
eigentlichen Aufgabe vorbei, und ist zu nichts nütze.
"Ihr seid das Salz der Erde;
ihr seid das Licht der Welt."
Bei allen Diensten der Gemeinde füreinander geht es also immer
darum, daß sie willig und fähig werde, dieses Salz der Erde,
dieses Licht der Welt zu sein. Macht die Gemeinde stark, macht die
Gemeinde stark zum Angriff auf die Welt, so heißt es in einem
Buch. Wir sind den Menschen dieser Welt, also der
lateinamerikanischen Welt, das Evangelium von Jesus Christus in
Wort und Tat schuldig. - Es ist wohl im Sinne der Dreiteilung
unseres Themas der Synodaltagung. daß wir gerade diese Aufgabe
näher ins Auge fassen bei der Besprechung des Dienstes der Kirche
und des einzelnen Christen, wenn auch die tragende Mitte dieses
Auftrags wiederum die Ortsgemeinde sein wird und sein muß.
Zum Schluß möchte ich an eine Aufgabe erinnern, die eigentlich
noch zum gegenseitigen Dienst füreinander in der Gemeinde gehört,
aber doch auch schon zum Dienst für die Welt zuzurechnen ist.
Auf uns als Gemeinden deutscher Herkunft liegt eine große
Verpflichtung gegenüher den Menshen deutscher oder
deutschstämmiger Herkunft, die abseits der Gemeinde ihr Leben
fristen. In den Großstädten, besonders aber im Raum Buenos Aires
liegt in dieser Hinsicht eine unübersehbare große Aufgabe. Seit
Jahrzehnten schon ziehen große Scharen unserer Gemeindeglieder aus
dem Landesinnern in die Landeshauptstadt und finden in den meisten
Fällen keinen Anschluß dort an unsere Gemeinde, obwohl sie zum
Teil treu zu einer Gemeinde im Innern des Landes gehört hatten.
Sie werden einfach in den Sog der Abwechslung und Zerstreuung und
Entsittlichung der Großstadt hineingezogen. Nach 10-12 Jahren sind
sie völlig einem christlichen Leben zu Hause und dem gemeindlichen
Leben entfremdet, sie und ihre dort in Buenos Aires gegründeten
Familien.
Dazu kommen die Neueinwanderer, einmal mehr und das andere Mal
weniger, die einfach von der Großstadt verschluckt werden. In den
vergangenen Jahren sind zum Beispiel aus unserer Gemeinde "General
Alvear, E.R." ungefähr 70 konfirmierte Gemeindeglieder, besonders
jüngere, nach Groß-Buenos Aires gezogen. Von diesen fanden nur 6
den Weg zu unserer Gemeinde, 20 zur kongregationalen oder
Missourier-Gemeinde und die übrigen bleiben jeglichem
gemeindlichen Leben fern. Aus manchen Gesprächen kann man
erfahren, wie ungeheuer groß die Zahl der Menschen ist, die aus
dem Landesinnern in den letzten Jahrzehnten nach Buenos Aires
zogen und jetzt ohne irgendeine Verbindung zu einer christlichen
Gemeinde leben.
Hier wäre es eine gebotene Pflicht gegenüber diesen unseren
Gemeindegliedern, bzw. ehemaligen Gliedern, durch eine enge
Zusammenarbeit der Gemeinden im Innern mit der Gemeinde Buenos
Aires das Nachgehen dieser in den Sog der Großstadt geratenen
Menschen zu ermöglichen und zur Gemeinde zurückzubringen.
Abschließend müssen wir sagen, daß nur eine Gemeinde, die in sich
stark gegründet und fest mit ibrem Herrn verbunden ist und auf
seine Stimme hört, das sein kann, was sie im Sinne ihres Herrn
sein soll:
"Ihr seid das Salz der Erde;
ihr seid das Licht der Welt."