Das Verständnis des Abendmahls in der reformierten Kirche
Referat 040
Lugar/Ort:Aldea Protestante
Fecha/Datum:1959
Resumen/Skopus:


Das Verständnis des Abendmahls in der reformierten Kirche.

Bei einer Darstellung der reformierten Abendmahlslehre kann die
Anschauung Zwinglis übergangen werden, weil sie heute in der
reformierten Kirche als Lehrtradition keine Rolle mehr spielt.
Nach ihm ist das Abendmahl eine rein subjektive Handlung der
Gläubigen. Sie haben alles, sie haben Christus im Glauben, wenn
sie zum Abendmahl kommen. Indem sie das Sakrament feiern, gedenken
sie des Todes Christi, danken Gott dafür und legen vor der Welt
ein Bekenntnis ihres Glaubens ab (nach Niesel "Evangelium und die
Kirchen").
Calvin hat diese Auffassung, daß das Abendmahl nur eine Handlung
der Menschen sei, abgelehnt. Wenn wir hier sehen, daß die
Abendmalsauffassung Zwinglis selbst in der reformierten Kirche
nicht mehr gilt, so müssen wir uns doch darüber völlig im klaren
sein, daß diese Abendmahlsauffassung von bestimmt 80 % aller
Teilnehmer am Heiligen Abendmahl sowohl in der lutherischen als
auch in der reformierten Kirche vertreten wird.
Wir wollen die Bedeutung des Abendmahls, bei Calvin sehen, der ja
die Grundlage für das reformierte Abendmahlsverständnis gelegt
hat. Als Calvin das Evangelium von Jesus Christus kennenlernte,
war der Abendmahlsstreit bereits im protestantischen Lager in
vollem Gange, und zwar hörte er von der ganzen Problematik durch
Schriften von Martin Luther. Und von daher ist ihm gleich am
Anfang eine Abneigung gegen Zwingli eingepflanzt worden. Das hat
er selbst geschrieben. Lange Zeit hat er aus Opposition die
Schriften Zwinglis überhaupt nicht in die Hand genommen. So hat er
sich in der ersten Zeit sehr an Luther angelehnt, später wurde es
ihm aber doch deutlich, daß er nicht in allen Dingen Luther folgen
könne.
In der Institutio "-14.Kap. 1-4 Von den Sakramenten" sagt Calvin,
"daß ein Sakrament ein äußerliches Kennzeichen (symbolum) ist, mit
dem der Herr unserem Gewissen die Verheißungen seiner
Freundlichkeit gegen uns versiegelt, um die Schwachheit unseres
Glaubens zu stützen," oder "Sakrament heißt ein mit einem äußeren
Zeichen bekräftigtes Zeugnis der göttlichen Gnade gegen uns, bei
dem zugleich auf der anderen Seite eine Beziehung unserer
Frömmigkeit Gott gegenüber stattfindet."
Für Calvin ist das Sakrament ein Handeln Gottes für uns, zugleich
mit der Predigt des Evangeliums, wie er es in den gleichen
Ausführungen zum Ausdruck bringt, Speziell auf das Abendmahl
bezogen heißt das, daß der Vater im Himmel uns als seinen Kindern
im Laufe unseres Lebens die Speise gibt, die wir als Kinder Gottes
in diesem Stande nötig haben. "Zu diesem Zweck hat er daher seinen
Kindern durch die Hand seines eingeborenen Sohnes das zweite
Sakrament gegeben, nämlich das geistliche Mahl, in welchem
Christus bezeugt, daß er das lebendigmachende Brot ist, durch das
unsere Seelen zur wahren seligen Unsterblichkeit gespeist werden."
Er unterscheidet Zeichen und Sache. "Die Zeichen sind Brot und
Wein, sie veranschaulichen uns die unsichtbare Speise, die wir aus
Christi Fleisch und Blut empfangen. Die einige Speise unserer
Seele ist Christus.
Dies Geheimnis der verborgenen Einung Christi mit den Frommen ist
seiner Natur nach unbegreiflich, daher läßt er eine
Veranschaulichung oder ein Bild solchen Geheimnisses in sichtbaren
Zeichen kund werden, die unserem geringen Maß auf das Beste
angepaßt sind, ja, er gibt uns gleichsam Pfänder und Merkzeichen
und macht uns damit zur Gewißheit, wie wenn wir es mit Augen
sähen. Denn es ist ein vertrautes Gleichnis, das auch bis in den
unkundigsten Verstand dringt. Unsre Seelen werden genauso mit
Christus gespeist, wie Brot und Wein das leibliche Leben erhalten.
Dieses alles soll uns die Gewißheit verschaffen, daß der Leib des
Herrn dergestalt einmal für uns geopfert worden ist, daß wir ihn
jetzt als Speise genießen und über solchem Genießen die Wirkkraft
dieses einigen Opfers an uns erfahren. Wir werden mit den
Einsetzungsworten geheißen, den Leib zu "nehmen" und zu "essen",
der einmal zu unserem Heil zum Opfer gebracht worden ist, damit
wir sehen, daß wir dieses Leibes teilhaftig werden, und darüber zu
der festen Gewißheit kommen, daß die Kraft seines lebendmachenden
Todes in uns wirksam sein wird. Allemal, wenn er uns jenes heilige
Blut zu trinken gibt, ist es so, daß er den Bund, den er einmal
mit seinem Blute bekräftigt hat, gewissermaßen erneuert oder
besser, ihn fortführt, soweit es zur Stärkung unseres Glaubens
gereicht."
Die Zeichen veranschaulichen die Wirklichkeit des sich im
Abendmahl gebenden Christus, und zwar in seinem sich für uns
hingebenden Opfertod. Aus diesem Sakrament können wir empfangen
alles, was Christus uns dadurch erworben hat, d.h. auch, wir
wachsen mit Christus zu einem Leibe zusammen, mit dem Christus,
der sich uns gibt. Wenn also Zeichen und Sache unterschieden
werden (es heißt immer: so..., wie...), so betont er doch, daß
dieses Unterscheiden keine Entleerung der Gegenwart Jesu Christi
bedeutet, sondern es soll daran erinnert worden, daß die Sache
nicht an das Zeichen gebunden ist, Die Sache selbst, Jesus
Christus, ist gegenwärtig in einem parallelen geistlichen
Geschehen zum leiblichen Essen und Trinken, und zwar ist hier
eingeschaltet die Kraft des Heiligen Geistes.
"Von den leiblichen Dingen, die uns im Sakrament vorgelegt werden,
werden wir gewissermaßen vermöge eines Entsprechungsverhältnisses
(analogia) zu den geistlichen hinübergeführt. Wenn uns also das
Brot als Merkzeichen des Leibes Christi gereicht wird, so müssen
wir dabei sofort das Gleichnis ins Herz fassen: Wie solch Brot das
Leben unseres Leibes nährte, erhält und bewährt, so ist der Leib
Christi die einige Speise, um unsere Seele zu nähren und lebendig
zu machen."
Nicht in der Bindung an das Zeichen, sondern durch das Walten der
verborgenen Kraft des Heiligen Geistes parallel zum Essen und
Trinken des Brotes und Weines werden unsere Seelen mit dem Fleisch
und Blut Christi nicht anders genährt wie Brot und Wein das
leibliche Leben erhalten. Darum kann Calvin trotz der
Unterscheidung von Zeichen und Sache sagen: Uns wird im Geheimnis
(Sakrament) des Abendmals durch die Merkzeichen Brot und Wein
Christus in Wahrheit dargeboten und damit auch sein Leib und
Blut." und an anderer Stelle: "Die Symbole sind nicht die Sache
selber, aber sie sind die Organe, durch die der Herr wirksam in
uns handelt."
In dieser Hinsicht hat das Abendmahl bei Calvin durchaus den
Charakter eines Gnadenmittels.
Mit der Unterscheidung von Zeichen und Sache und dementsprechend
auch einem leiblichen und geistlichen Essen wird verhindert, daß
die wahre Menschheit Jesu Christi angetastet und in Frage gestellt
wird, "wir sind fest davon überzeugt, daß der Leib Christi nach
der ständigen Art des menschlichen Leibes begrenzt ist und vom
Himmel umschlossen wird, in den er einmal aufgenommen ist, bis er
wiederkommt, um Gericht zu halten; und deshalb halten wir es für
völlig unstatthaft, ihn wieder unter diese vergänglichen Elemente
herabzuziehen, oder sich einzubilden, er sei allenthalben
gegenwärtig."
Was hier ausgesprochen ist, ist in die Theologie eingegangen unter
der Bezeichnung "Extracalvinistikum".
Das geistliche Essen geschieht im Abendmahl dadurch, daß die Seele
des Menschen emporgezogen wird zu Christus, der zur Rechten Gottes
sitzt. Calvin sagt dazu: "Schwer täuschen sich aber diejenigen,
die beim Abendmahl keinerlei Gegenwart des Fleisches Christi
annehmen, wenn sie nicht an das Brot gebunden ist. Denn damit
lassen sie dem verborgenen Wirken des Geistes, das Christus selber
mit uns eint, nicht übrig. Christus scheint diesen Leuten nur dann
gegenwärtig zu sein, wenn er zu uns herniedersteigt. Als ob wir
nun seine Gegenwart nicht gleichermaßen ergriffen, wenn er uns zu
sich emporführt. Die Frage geht also nur um die Art und Weise
(solcher Gegenwart Christi). Unsere Widersacher denken Christus im
Brote räumlich anwesend, wir dagegen meinen, daß es uns nicht
erlaubt ist, ihn aus dem Himmel hervorzuziehen."
In den Sätzen nach dieser Ausführung spüren wir es Calvin an, daß
ihm diese Frage nach dem "Wie?" der Gegenwart in letzten Grunde
zuwider und nur durch den Gegner hervorgerufen worden ist. Er
selbst würde viel lieber das Geheimnis der Gegenwart Jesu Christi
als das Werk des Heiligen Geistes stehen lassen.
Als Folge des Extracalvinistikums und damit auch der
Unterscheidung von Zeichen und Sache wird die manducatio oralis
abgelehnt. "Unsere Gegner erkennen eine solche Teilhabe an
Christus nicht an, wenn sie das Fleisch Christi nicht unter (mit)
dem Brot herunterschlucken."
Ferner wird die manducatio indignorum bzw. impiorum abgelehnt.
"Tatsächlich aber ist doch das Fleisch Christi im Sakrament des
Abendmahls eine nicht weniger geistliche Sache als die ewige
Seligkeit. Daraus ziehen wir die Folgerung, daß alle, die des
Geistes Christi ledig sind, das Fleisch ebenso wenig zu essen
vermögen, wie sie Wein trinken können, der nicht zugleich auch
Geschmack hätte. ...... Ich behaupte wohl, daß die Kraft des
Sakramentes unverkürzt erhalten bleibt, so sehr auch die
Gottlosen, soviel an ihnen ist, bemüht sind, sie zunicht zu
machen. Aber es ist etwas anderes, ob etwas angeboten oder ob es
angenommen wird, Christus reicht diese geistliche Speise allen
dar, allen bietet er diesen geistlichen Trank. Die einen nehmen
sie mit heißem Verlangen in sich auf, die anderen weisen sie
hoffärtig von sich. Speise und Trank verlieren nicht ihre Natur.
Ich behaupte jedoch, daß es nicht ohne das Schmecken des Glaubens
genossen werden kann oder ich bestreite, daß der Mensch aus dem
Sakrament mehr bekommt, als er mit dem Gefäß des Glaubens
aufnimmt. So geschieht dem Sakrament keinerlei Abbruch, nein,
seine Wahrheit und Wirkkraft bleibt unverkürzt, mögen auch die
Gottlosen von dem äußerlichen Teilhaben an ihm leer ausgehen.
Wir wollen mit kurzen Worten zusammenfassen, was die Lehre vom
Abendmahl bei Calvin ausmacht:
1. Das Abendmahl ist mit der Taufe und der Verkündigung ein
Handeln Gottes, Es ist auch bei Calvin ein Gnadenmittel.
2. Es wird unterschieden zwischen Zeichen und Sache.
a) Zeichen ist Brot und Wein.
b) Die Sache selbst ist Jesus Christus, der sich in seinem für uns
hingegebenen Opfertod uns schenkt. Wir empfangen, was Christus uns
durch seinen Opfertod erworben hat, d.h. wir wachsen mit Christus
zu einem Leibe zusammen.
c) Zeichen und Sache sind nicht verbunden, sondern stehen im
Parallelverhältnis wie leibliches und geistliches Essen (so ....
wie...).
d) Die Verknüpfung dieses Parallelverhältnisses geschieht durch
die Kraft des heiligen Geistes.
e) Durch diese Verknüpfung kann gesagt werden: Durch Brot und Wein
wird Christus in Wahrheit uns dargeboten und damit auch sein Leib
und Blut.
3. Hinter der Unterscheidung zwischen Zeichen und Sache steht eine
christologische Entscheidung-Extracalvinistikum-. Die wahre
Menschheit Jesu Christi, der durch die Himmelfahrt zur Rechten
Gottes sitzt, darf nicht angetastet werden.
4, Das geistliche Essen geschieht parallel zum leiblichen Essen,
indem Christus die Seele des Menschen zu sich hinauf in den Himmel
zieht.
5. Aus diesem Parallelverhältnis zwischen Zeichen und Sache folgt
die Ablehnung der manducatio oralis und
6. der manducatio indignorum bzw. impiorum, ohne dabei die
Wirklichkeit der Realpräsenz Christi aufzugeben.
Das Verständnis des Abendmahls bei Calvin ist trotz aller
Verschiedenheiten der Ausführungen in den einzelnen reformierten
Bekenntnisschriften von grundlegender und entscheidender Bedeutung
gewesen.
Im Heidelberger Katechismus finden wir die Ausführungen über das
Abendmahl in den Fragen 75 - 82. Bemerkenswert ist schon, daß die
Lehre vom Abendmahl Aufnahme gefunden hat im 2. Teil "Von des
Menschen Erlösung" und damit bereits als ein Handeln Gottes an uns
bezeichnet wird und von vornherein die Anschauung Zwinglis
abgelehnt wird. Nach Zwingli hätte die Lehre vom Abendmahl im 3.
Teil "Von des Menschen Dankbarkeit" Aufnahme finden müssen. Frage
78 betont, daß aus Brot und Wein nicht der wesentliche Leib und
das wesentliche Blut Christi wird, sondern (Frage 79) daß,
gleichwie Brot und Wein das zeitliche Leben erhalten, also auch
sein gekreuzigter Leib und vergossenes Blut die wahre Speise und
Trank unserer Seelen zum ewigen Leben sind, ja daß vielmehr
Christus uns durch dieses sichtbare Zeichen und Pfand will
versichern, daß wir so wahrhaftig seines wahren Leibes und Blutes
durch Wirkung des Heiligen Geistes teilhaftig werden, als wir
diese heiligen Wahrzeichen mit dem leiblichen Mund zu einem
Gedächtnis empfangen. Als Frucht des Abendmahls(Frage 80) wird uns
bezeugt: Vollkommene Vergebung aller unserer Sünden durch das
einige Opfer Jesu Christi, so er selbst am Kreuz vollbracht hat,
Einverleibung in Christus durch den heiligen Geist, der jetzt mit
seinem wahren Leib im Himmel ist und daselbst angebetet werden
will. Frage 47 und 48 bieten das Extracalvinistikum. Nach der
Frage 65 " Weil denn allein der Glaube uns Christi und aller
seiner Wohltaten teilhaftig macht, woher kommt solcher Glaube?
-Der Heilige Geist wirkt denselben in unseren Herzen durch die
Predigt des heiligen Evangeliums und bestätigt ihn durch den
Gebrauch der heiligen Sakramente," ist das Abendmahl auch
Gnadenmittel, allerdings nicht wirkendes, sondern bestätigendes
Gnadenmittel.
Man muß vielleicht sagen, daß der Heidelberger Katechismus in
seinen Ausführungen über das Abendmahl nicht gerade auf besonderer
theologischer Höhe steht.
Im Genfer Katechismus von l542 werden viel positivere Aussagen
über das Abendmahl gemacht, z.B.
"Nr. 342 Müssen wir nach deiner Meinung wirklich am Leib und Blut
teilhaben?
Das meine ich. Denn unsere ganze Heilsgewißheit beruht darauf, daß
sein Gott dem Vater geleisteter Gehorsam uns zugerechnet wird, als
wäre es unser eigener. Darum müssen wir Christus besitzen. Seine
Wohltaten nämlich sind nicht unser, es sei denn, er gibt sie uns
zuerst."
Es werden weitere starke Aussagen über das Abendmahl als
Gnadenmittel gemacht:
"Nr. 353 Haben wir in dem Abendmahl nur den Hinweis auf die
besprochenen Dinge, oder werden sie uns wirklich geschenkt? Da
Jesus Christus die Wahrheit ist, darf man nicht daran zweifeln,
daß er die im Abendmahl gemachten Verheißungen auch erfüllt und
was er da veranschaulicht auch verwirklicht. So zweifle ich nicht
daran, daß er uns, wie er es verheißt und darstellt, zu Teilhabern
an seinem eigenen Wesen macht und uns so mit sich in einem Leben
vereint."
Weitere Aussagen über das Abendmahl in den weiteren reformierten
Bekenntnisschriften:
"36 Wir bekennen, daß das Heilige Abendmahl uns Zeugnis ist der
Einheit, die wir mit Jesus Christus haben, dermaßen, daß er nicht
bloß einmal gestorben und auferweckt ist für uns, sondern uns auch
wahrhaftig weidet und nährt mit seinem Fleisch und Blut, auf daß
wir eines mit ihm seien und sein Leben uns zuteil werde. Wir
halten wohl dafür, daß dieses geistlich geschieht, nicht um an
Stelle der Wirkung und Wahrheit nur Einbildung oder Gedanken zu
setzen, aber ebenso sehr, daß dieses Geheimnis in seiner Hoheit
über unseres Sinnesmaß und alle Ordnung der Natur hinausgeht.
Kurz, weil es himmlisch ist, kann es nur im Glauben ergriffen
werden.
37 Wir glauben, daß Gott sowohl im Abendmahl wie in der Taufe uns
tatsächlich und wirklich gibt, was er darin abbildet. Und darum
verbinden wir mit dem Zeichen den wahren Besitz und Genuß dessen,
was uns dort angeboten wird. Und somit empfangen wir alle, die zu
Christi heiligen Tisch einen reinen Glauben gleich einem Gefäß
mitbringen, wahrhaftig, was dort die Zeichen bezeugen: Das ist,
daß Jesu Christi Leib und Blut nicht minder der Seele als Speise
und Trank dienen wie Brot und Wein dem Leib."
Confessio Scoticana 1560
"21 .....wir glauben ebenso, daß beim rechten und stiftungsgemäßen
Gebrauch des Abendmahls Christus sich so mit uns verbindet, daß er
die wahre Speise und Nahrung unserer Seele wird. Dabei träumen wir
nicht unbesonnen von einer Verwandlung des natürlichen Brots in
den Leib Christi ......, sondern diese Vereinigung und
Gemeinschaft mit dem Leib Christi, die der rechte Gebrauch uns
gewährt, wirkt in uns der Heilige Geist, der uns mit den Flügeln
des wahren Glaubens über alles Körperliche, Irdische und Sichtbare
erhebt und uns den wahren, einmal für uns gebrochenen Leib Christi
und sein wahrlich für uns vergossenes Blut zum Genießen darreicht,
nämlich den Leib, so wie er jetzt im Himmel für uns vor dem Vater
erscheint. ...... Daher bezeugen wir und glauben, ohne zu
zweifeln, daß die Gläubigen beim rechten Gebrauch des Herrenmahles
so den Leib des Herrn Jesus essen und sein Blut trinken, daß sie
in Christus bleiben und er in ihnen. ......wenn man also uns
verleumdet, wir behaupten und glauben, die Sakramente seien bloß
Zeichen, so schmäht man uns nicht nur, sondern die Wahrheit. Das
aber bekennen wir frei, daß wir einen großen Unterschied machen
zwischen den irdischen Elementen, die zum Sakrament gehören und
der ewigen Substanz Jesu Christi. Denn wir erweisen die Ehre, die
der durch die Zeichen gemeinten Sache gebührt, nicht den Zeichen."
Confessio Belgica 1561
"35 Wir glauben und bekennen, daß unser Heiland Jesus Christus das
Sakrament des Heiligen Abendmahls angeordnet und eingesetzt hat,
um damit eben die zu nähren und zu erhalten, die bereits
wiedergeboren und in seine Hausgenossenschaft eingeleibt sind, in
die Gemeinde nämlich. Wer nun wiedergeboren ist, der hat ein
zwiefaches Leben in sich....... Doch zur Erhaltung des geistlichen
himmlischen Lebens, daß die Gläubigen schon haben, hat Gott ihnen
dies lebendigmachende Brot gesandt, das vom Himmel herabgestiegen
ist, nämlich Jesus Christus, der gegessen, das ist angewandt und
empfangen im Geist durch den Glauben, das geistliche Leben der
Gläubigen nährt und erhält. ....... Was wir essen, das ist der
eigentliche natürliche Leib Christi, und was wir trinken, das ist
sein eigenes Blut. Doch die Art der Nießung ist so, daß sie nicht
mit dem leiblichen Mund geschieht, sondern im Geist durch den
Glauben, so sitzt Christus zur Rechten seines Vaters im Himmel und
teilt sich uns nichts desto weniger durch den Glauben mit. Diese
Mahlgemeinschaft ist ein geistlicher Tisch, wo Christus uns sich
selber mitteilt samt allen seinen Gütern. ..... Weiter: Wenn auch
die Sakramente verbunden sind mit den darin bezeichneten
Gegenstand, so doch beides nicht von jedermann empfangen. Der
Gottlose empfängt ja das Sakrament ihm selber zur Verdammnis; des
Sakraments Wahrheit empfängt er nicht. .....
Confessio Helvetica posterior 1516
"19 Übrigens ist die Hauptsache, die in allen Sakramenten von Gott
dargereicht und von allen Frommen aller Zeiten erwartet wird
(andere bezeichnen es als Stoff und Substanz der Sakramente)
Christus als der Heiland, jenes einzige Opfer, jenes Lamm Gottes,
das von Anfang der Welt geschlachtet ist, jener Felsen, von dem
alle unsere Vorfahren getrunken haben, durch den alle Erwählten
beschnitten sind, durch den sie von allen ihren Sünden rein
gewaschen werden und mit dem Leib und Blut Christi zum ewigen
Leben genährt werden. ... Die Zeichen nehmen die Namen der
bezeichneten Sachen an ohne daß sie in die bezeichneten Sachen
verwandelt würden, aber in die Sakramente ist die Sache auch weder
eingeschlossen noch an sie gebunden."
In dieser Bekenntnisschrift finden wir eine breitere Ausführung
der Abendmahlslehre, die in besonderer Weise Calvins Gedanken
wiedergibt. "Die Gegenwart Christi im Abendmahl. Wir verbinden
also den Leib des Herrn und sein Blut nicht so sehr mit Brot und
Wein, daß wir behaupten würden, das Brot sei der Leib Christi
-außer im sakramentalen Sinn- oder: unter dem Brot sei der Leib
Christi körperlich verborgen, so daß er auch unter der Gestalt des
Brotes anzubeten sei; oder: wer immer das Zeichen empfange,
empfange auch zugleich die Sache selbst. Der Leib Christi ist im
Himmel zur Rechten des Vaters. Emporzuheben sind deshalb die
Herzen und nicht am Brote kleben zu lassen und der Herr ist nicht
im Brote anzubeten. Und doch ist der Herr seiner das Abendmahl
feiernde Gemeinde nicht fern."
Nach der Durchsicht der verschiedenen reformierten Bekenntnisse
muß gesagt werden, daß im letzten Grunde zu dem, was Calvin gesagt
hat, nichts Neues hinzugekommen ist. Hier und da sind
Vereinfachungen oder auch Verbreiterungen vorgenommen worden.
Jetzt wäre zu fragen, in wie weit die Abendmahlslehre der
reformierten Kirche bzw. Calvins auf dem Boden der damaligen
Schrifterkenntnis und der altkirchlichen Überlieferung stehen
geblieben bzw. abgewichen ist und wie sie im Verhältnis zum
lutherischen Abendmahlsverständnis
zu verstehen ist.
Wir müssen sehen, daß Luther und Calvin sich einig sind in der
Ablehnung des Abendmahles als eine Opferhandlung und in der
Ablehnung der Verwandlung der Elemente in Fleisch und Blut Christi
(Tranzsubstantiationslehre), wie in der katholischen Kirche
gelehrt wurde. Eine magisch-zauberhafte Verwandlungslehre kann
nicht aus der Heiligen Schrift begründet werden, sondern hat ihre
Wurzeln im Heidentum. Beide waren sich einig ebenfalls in der
Ablehnung des Abendmahlsverständnisses bei Zwingli als eines
ausschließlich von Gläubigen veranstalteten Gedächtnismahles.
Beide sind sich ebenfalls einig darin, daß das Abendmahl als ein
Handeln Gottes an uns, als ein Gnadenmittel zu verstehen ist, in
dem der sich für uns im Opfertod hingegebene Jesus Christus sich
uns schenkt und uns damit das gibt, was er mit diesem Opfertod für
uns erworben hat, Vergebung der Sünden. In dieser Weise müssen wir
von einer Realpräsenz Jesuchristi im Abendmahl sprechen, wobei von
Anfang an schon eine leichte Differenz darin bestand, daß Luther
eine Betonung auf Leib und Blut legte, Calvin aber auf die Person.
Allerdings kamen die ersten Spannungen dadurch, daß Martin Luther
in seinem immer heftiger werdenden Kampf gegen Zwingli seine
anfängliche Reserve gegenüber dem "Wie" der Realpräsenz aufgab und
positive Aussagen darüber machte. Wir wissen und kennen all die
vielen Streitigkeiten und Spannungen, die mit der Bezeichnung "in,
mit und unter" entstanden sind, nicht nur zwischen reformiert und
lutherisch, sondern selbst innerhalb der lutherischen Kirche.
Diese Aussage und der damit verbundenen theologischen Begründung
über die Realpräsenz hat den Widerspruch Calvins herausgefordert.
Er sah in dieser Aussage einen Rückfall in die Nähe der
Transsubstantiationslehre der katholischen Kirche, den er nicht
mit vollziehen konnte. Und es ist durchaus zu fragen, ob Calvin
nicht zu recht hier ein Halt gerufen hat, Viele Jahrzehnte in der
lutherischen Kirche waren nötig, um die Konsubstantiationslehre
Luthers gegen die magische Transubstantiationslehre der
katholischen Kirche abzugrenzen und es hat dazu vieler heute nicht
mehr nachvollziehbarer theologischer Kunststückchen bedurft. Und
es stimmt nachdenklich, daß es heute noch lutherische Theologen
gibt, die dieses Nahebeieinanderstehen der lutherischen und
katholischen Lehre nicht nur sehen, sondern bejahen und
bekräftigen. Der in der Kirche immer ungute Versuch der
Beschreibung und Erklärung eines Wunders, der bei Luther in der
Beschreibung des "Wie" der Realpräsenz leider unternommen wurde,
führte bei Calvin ebenfalls zu einer Erklärung dieses Wunders, wie
wir sie nun in seiner Abendmahlslehre vor uns haben, in seiner
Trennung von Zeichen und Sache, und damit die Unterscheidung von
leiblichem und geistlichem Essen und des Verhältnisses der beiden
zueinander, in der Ablehnung der manducatio oralis und der
manducatio indignorum. Das Verhältnis der lutherischen zur
reformierten Kirche und umgekehrt war und ist zum Teil bis heute
geprägt durch die Ablehnung der gegenseitigen
Abendmahlsauffassung, bis hin zum Damnamus, bis hin zu der
Beurteilung: Ihr habt Christi Geist nicht!
Die Gegenüberstellung der Ubiquitätslehre der lutherischen Kirche
zum Extracalvinistikum zeigt nun klar und deutlich, daß die
Verschiedenheit der beiden Abendmahlsauffassungen geprägt ist
durch die jeweils verschiedene Christologie Luthers und Calvins.
Es würde im Rahmen dieses Referates und in der Kürze der Zeit
unmöglich sein, diesen Hintergrund im einzelnen aufzuhellen, aber
das Folgende soll doch angedeutet werden.
Calvin, der in besonderer Weise das "UN-" des Chalcedonense 451
betont, daß Jesus Christus in 2 Naturen unvermischt und
unverbunden ist, sieht in der Abendmahlslehre Luthers, in der
Konsubstantiations-, in der Ubiquitäts-lehre, in der manducatio
oralis, in der manducatio impiorum, in der comunicatio naturarum,
im genus majestaticum dieses Anliegen von Chalcedon bedroht. Er
sieht Luther mit seiner Christologie und Abendmahlslehre in der
Nähe der durch Chalcedon verworfenen monophysitischen Haeresie des
Eutyches der alexandrinischen Schule.
Luther wiederum sieht in seiner Christologie das "UN-" von
Chalcedon, das betont, daß Jesus Christus in 2 Naturen ungeteilt
und ungesondert ist, und er fürchtet, daß die Abendmahlslehre
Calvins, in der Trennung von Zeichen und Sache, vom leiblichen und
geistlichen Essen, im Extracalvinistikum und der dadurch
besonderen Form der Realpräsenz dieses Anliegen von Chalcedon
bedroht und sieht Calvin mit seiner Christologie und
Abendmahlslehre in der Nähe der durch Chalcedon 451 verworfenen
nestorianischen Haeresie der antiochenischen Theologie. Wenn wir
es so sehen, dann müssen wir feststellen, daß beide
Abendmahlslehren in ihren positiven Aussagen über die Realpräsenz
Jesu Christi und der damit verbundenen Folgerungen sich gerade
noch im Rahmen des Chalcedonense halten. Jede extreme
Weiterverfolgung dieser beiden Anschauungen fällt wirklich unter
den Bannstrahl des Chalcedonense, wie manche bereits geschehene
extreme Weiterung sowohl auf lutherischer als auch auf
reformierter Seite zeigen kann.
Da beide Lehren sich gerade noch im Rahmen des Chalcedonense
halten, hätte eigentlich keine der anderen Ketzerei vorwerfen
dürfen, wie etwa, daß die Lutheraner im Abendmahl ein fleischernes
kapernautisches Essen veranstalten oder daß die Reformierten keine
wahre Realpräsenz kennen, sondern nur eine geheuchelte.
Beide Anschauungen wären in einer Kirche nebeneinander möglich
gewesen und hätten sich gerade mit ihrer besonderen
christologischen Eigenart in der Abendmahlsauffassung gegenseitig
vor einem Abgleiten in die jeweilig auf sie lauernde Häresie
zurückrufen sollen.
Eine neue gemeinsame Abendmahlsbesinnung dürfte nicht mehr von der
alten Problematik der Reformation ausgehen, sondern von der neuen
exegetischen Erforschung der biblischen Texte und im neuen
gemeinsamen Hören auf das kerygmatische Zeugnis der Heiligen
Schrift. Dabei werden sich manche Gegenzätzlichkeiten von selbst
auflösen und manches bereits in den beiden Lehren Erkannte wird in
ein neues Licht gerückt werden können.

Karl Schwittay,

Benutzte oder eingesehene Literatur:
Heidelberger Katechismus;
Calvin "Institutio";
Walter Kreck "Die reformierte Abendmahlslehre angesichts der
heutigen exegetischen Situation";
Wilhelm Niesel "Calvins Lehre vom Abendmahl";
Bizer/Kreck "Die Abendmahlslehre in den reformatorischen
Bekenntnisschriften";
Beckmann "Persönliche Nachschriften über dogmatische Vorlesungen";
Ernst Bizer "Lutherische Abendmahlslehre";
Wilhelm Niesel "Das Evangelium und die Kirchen"; Luthardt
"Kompendium der Dogmatik";
Wilhelm Andersen "Möglichkeiten und Grenzen einer
Abendmahlsgemeinschaft heute";
Karl Barth "Die christliche Lehre nach dem Heidelberger
Katechismus"; Asmussen "Kirche Augsburgischer Konfession";
Friedrich Delekat "Theologie und Kirchenpolitik" (Eine
Auseinandersetzung über Abendmahl und Abendmahlsgemeinschaft in
der Evgl. Kirche in Deutschland");
Edmund Schlink "Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften";
Friedrich Brunstäd "Theologie der lutherischen
Bekenntnisschriften";
Paul Althaus "Die christliche Wahrheit-Dogmatik";
"Die Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche"; Paul Jakobs
"Reformierte Bekenntnisschriften und Kirchenordnungen".
Karl Schwittay
Vortrag gehalten vor der Gesamtpfarrkonferenz im Jahre 1959