GEMEINDEARBEIT in ARGENTINIEN
Vortrag 037
Lugar/Ort:Gelsenkirchen-Rotthausen
Fecha/Datum:1958
Resumen/Skopus: Anläßlich eines Deutschlandurlaubs beim Reformationsfest in der Heimatgemeinde Gelsenkirchen-Rotthausen-30-10-1958


Gemeindearbeit in Argentinien.

Ihr Lieben!
3 1/2 Jahre sind es her, seitdem wir, meine Frau und ich, den Fluß
Paraná, den größten Strom Argentiniens, hinaufgefahren sind dem
Bestimmungsort Aldea Protestante entgegen.
Wir waren voll Fragens darüber, was auf uns wohl am Ziel warten
wird.
Es war nicht leicht, hier in Gelsenkirchen alles einzupacken und
einem für uns noch unbekannten Ziel entgegenzufahren.
Und was wußten wir überhaupt von diesem Land Argentinien? Nicht
mehr als was jeder Durchschnittsbürger über Argentinien weiß, daß
nämlich Buenos Aires die Hauptstadt des Landes ist. Daß allerdings
Buenos Aires zu den größten Hauptstädten der Welt gehört, hatte
ich auch nicht gedacht.
Inmitten eines modernen und unübersehbaren Großstadtbetriebes und
-getriebes, inmitten von Wolkenkratzern war es mir als einem
Gelsenkirchner zu Mute, wie wenn ich früher in Gelsenkirchen auf
einem Dorfe gelebt hätte.
Hier in Buenos hatten wir Zeit und Gelegenheit, zum ersten Male
die so ganz anders geartete lateinamerikanische Welt
kennenzulernen.
Freilich muß ich bekennen, daß diese Welt bis auf den heutigen Tag
noch nicht meine Welt geworden ist.
Für diese Leute, die das nicht können, hat der Argentinier das
Wort GRINGO oder auf deutsch AUSLÄNDER geprägt.
Der Gringo, der über keine oder nur mangelhafte spanische
Sprachkenntnisse verfügt, wird an jedem Post- oder
Fahrkartenschalter tüchtig übers Ohr gehauen. Die Gringos sind für
die kleinen Staatsbeamten die beliebtesten Leute, denn durch sie
bekommen sie in der angegebenen Weise eine Gehaltserhöhung, die
der Staat nicht geben will.
Trotz des modernen Großstadtbetriebes war es nötig, daß meine Frau
in unserem Hotelzimmer zuerst einmal mit Wasser und Schrubber ein
Großreinemachen veranstalten mußte.
An die so fremdartig zubereiteten Speisen muß man sich
schliesslich einmal gewóhnen, aber sich daran gewöhnen, daß die
Serviette des Kellners nicht nur für das Geschirr, sondern auch
für den Schweiß und die Nase des Kellners gedacht sein sollte, das
war unmöglich.
Argentinier sind eben andere Leute als die GRINGOS, sie nehmen
alles nicht so tragisch, ob es eine Revolution ist oder ein
Unglück oder ein Messer zwischen den Rippen oder eine tote Evita
Peron, an der man in 6-er Reihe 4 Tage lang vorbeimarschiert.
Aber auch das konnte mir passieren, daß ich mich in der Stadt
verlaufen hatte. Ich wußte nicht aus noch ein. Mit dem Wörterbuch
in der Hand ging ich zu einem Polizisten und fragte ihn mit Händen
und Füßen nach der Straße, in der unser Hotel war. Er verstand
kein einziges Wort. Dann schaute er mich von oben bis unten an und
sagte in einem einwandfreien Deutsch:
Sprechen sie ruhig deutsch, dann verstehe ich sie besser.
Damals haben uns die 3 Wochen in Buenos Aires bis an die Nase
gereicht und wir waren froh, als wir auf dem Flußdampfer den
Paraná hinauffuhren dem eigentlichen Zielo entgegen.
Heute allerdings kann ich sagen, daß wir inzwischen auch Buenos
Aires von anderen Seiten kennen, schätzen und lieben gelernt
haben.
Während wir uns auf dem Dampfer immer mehr dem Bestimmungshafen
Diamante näherten -24 Stunden dauerte die Fahrt.-, kamen wohl in
uns sehr bange Fragen, wie wird das Ziel, die Endstation sein? Was
wird das für eine Gemeinde sein, die jetzt dort auf mich als ihrem
Pastor wartet? Und ebenso mag es der Gemeinde ergangen sein, die
da im Hafen auf ihren Pastor wartet, von dem sie nicht mehr weiß
als seinen Namen?
3 Jahre war die Pfarrstelle vakant und große Bitterkeit war
bereits in die Herzen vieler eingezogen darüber, daß sich kein
Pfarrer in Deutschland so lange Zeit gemeldet hatte und die
Gemeinde, die nur noch 1x im Vierteljahr oder 1x im halben Jahr
einen Gottesdienst hatte, diese Gemeinde stand vor dem völligen
Zusammenbruch, wie heute wieder viele Gemeinden in Argentinien,
die schon lange Zeit auf einen Pfarrer vergeblich warten
Aber als das Schiff anlegte und die vielen Leute sahen, daß
wirklich der Pastor ausstieg, da kam doch eine große Freude über
diese Menschen.
Kurz nur war die Begrüßung und in einer langen Autokolonne ging es
nach Aldea Protestante. Ein warmer Nieselregen hüllte uns ein.
Ein klein wenig standen mir ja die Haare zu Berge als wir auf der
Asphaltstraße abbogen in einen breiten Feldweg hinein. Die Erde
war durch den Regen aufgeweicht, glitschig und aufgewühlt und
unsere Autos rutschten von der einen Seite auf die andere. Ich
dachte da, unser Letztes Stündchen hätte geschlagen.
Später habe ich gemerkt, daß es nicht so schlimm ist, das gehört
zum täglichen Brot.
Wir sind einmal mit einer ganzen Beerdigungsgesellschaft samt dem
Toten im Schlamm und Dreck steckengeblieben, sodaß Traktoren uns
herausholen und zum Friedhof bringen mußten.
Mit ein wenig Geduld geht in Argentinien alles.
Geduld heißt in der spanischen Sprache PACIENCIA und ist das
Hauptwort der Argentinier. Wer das nicht mehr hat, PACIENCIA, der
ist in Argentinien ein verlorenenr Mann. Ach hätten wir doch in
diesem so hastenden und rennenden Deutschland nur ein klein wenig
von dieser PACIENCIA Argentiniens.
Mit dieser Paciencia Argentiniens kamen wir dann schließlich auch
wohlbehalten in Aldea Protestante an.
Hier lebt in einem geschlossenen Dorf eine evangelische Gemeinde
deutscher Herkunft.
Um diesen Namen ALDEA PROTESTANTE gab es viele Jahrzehnte Streit
mit dem katholischen argentinischen Staat. ALDEA PROTESTANTE heißt
nämlich EVANGELISCHES DORF. Alle Versuche der Regierung, diesen
Namen zu verändern, scheiterte an der Festigkeit der Bewohner. So
gibt dieser Name in allen Schriftstücken, auf allen Postsendungen
und durch den eigenen Poststempel der katholischen argentinischen
Welt Zeugnis davon, da es noch eine Evangelische Kirche gibt, eine
Kirche, die geprägt ist durch die Neuentdeckung der Heiligen
Schrift durch den Reformator Martin Luther.
Das dieses Dorf für die katholische Kirche ein Ärgernis bleibt,
ist nur zu verständlich. 2 1/2 km vor diesem Dorf steht ein großes
Schuld ¡CUIDADO ALDEA PROTESTANTE!, was bedeutet VORSICHT,
PROTESTANTISCHES DORF! Wir fragen uns, warum dieses Schuld
angebracht ist: Ist es nur ein Verkehrsschild oder heißt es, daß
die katholischen Argentinier vor diesem evangelischen Dorf gewarnt
werden und einen weiten Umweg machen sollen?
Hier in diesem Dorf brauchte ich fast ein Jahr, um meine Gemeinde
ein wenig kennenzulernen und mich mit den so ganz anderen
Umständen vertraut zu machen.
Das Pfarrhaus und der Pfarrgarten sind inzwischen in einem guten
Zustand, sodaß wir mitten in einem fremden Land ein Stück Heimat
aufgebaut haben.
In Aldea Protestante spricht alles die deutsche Sprache. Es gibt
sogar Frauen und Männer, die die spanische Sprache noch gar nicht
verstehen. Das ist um so erstaunlicher als die Vorfahren dieser
Frauen und Männer bereits vor 200 Jahren aus Deutschland
ausgewandert sind, zuerst nach Rußland und dann vor 80 + 45 Jahren
von Rußland nach Argentinien. Wir nennen unsere Gemeindeglieder
einfach die RUßLANDDEUTSCHEN.
So ist ALDEA PROTESTANTE vor 80 Jahren bei der ersten Einwanderung
der Rußlanddeutschen gegründet worden. Sie haben nicht nur ihr
Volkstum bewahrt, sondern vor allem ihren evangelischen Glauben.
Wenn jemand von hier in meine Gemeinde zu Besuch käme, könnte er
mit dem selben Gesangbuch am gleichen Gottesdienst teilnehmen wie
hier in Rotthausen.
Von Aldea Protestante sind dann im Laufe der Jahrzehnte die
Rußlanddeutschen weiter gezogen und haben sich über die ganze
Provinz Entre Ríos verstreut.
Es gibt jetzt fast 60 rußlanddeutsche Siedlungen in unserer
Provinz Entre Ríos. Diese Provinz ist so groß wie die
Bundesrepublik Deutschland.
Ihre Kirche haben diese Rußlanddeutsche aber nicht vergessen,
sondern haben immer wieder versucht, sich zu Gemeinden
zusammenzuschließen. So sind die 60 Siedlungen der Provinz in 6
Pfarrämter eingeteilt. Der Sitz eines dieser 6 Pfarrämter ist eben
in Aldea Protestante.
Es fällt einem Pfarrer, der frisch aus Deutschland kommt, zuerst
nicht leicht, sich mit den ganz anderen Verhältnissen vertraut zu
machen. Unsere evangelischen Gemeinden dort sind in doppelter
Weise Diasporagemeinden; einmal dadurch, daß sie mitten in einer
katholischen Welt, einer katholischen Umgebung, ihr Leben führen
müssen.
Die katholische Kirche ist Staatskirche und nutzt diese ihre
Machtposition gründlichst aus.
Jede Steuer, die ein Evangelischer an den Staat bezahlt,
unterstützt zugleich die katholische Kirche. Die evangelischen
Gemeinden sind vollständig auf sich selbst angewiesen, sie sind
nur geduldet.
Sie haben die gleiche rechtliche Form wie ein Fußballklub oder ein
Sportverein und haben sich darum auch den gleichen
Satzungsbestimmungen wie diese Vereine zu unterwerfen.
Allerdings sind bei uns tätliche Ausschreitungen von Seiten der
katholischen Kirche gegen evangelische Christen oder Gemeinden wie
in dem anderen südamerikanischen Staat Kolumbien nicht
festzustellen.
Aber mit allen Mitteln wird versucht, den Einfluß der
Evangelischen Kirche auf das öffentliche Leben auszuschalten.
Staatspräsident kann nur ein Katholik werden.
Den Evangelischen wird durch eine Lenkung der öffentlichen Kritik
der Zutritt zu hohen staatlichen Ämtern unmöglich gemacht. Der
Prozentsatz der Christen aller evangelischen Denominationen bleibt
unter 5% der Gesamtbevölkerung.
Zum anderen sind unsere Gemeinden dadurch Diasporagemeinden, daß
nicht nur die einzelnen Gemeinden weit auseinander liegen, sondern
selbst die Glieder einer Gemeinde oft 20-30 km voneinander
entfernt wohnen.
Ich habe zum Beispiel Gemeindeglieder, die 30 km mit dem
Pferdewagen zurücklegen müssen, um am Gottesdienst teilzunehmen.
Dieser Diasporacharakter auch meiner Gemeinde zeigt sich darin,
daß die 2 weitesten Filialgemeinden 130 km vom Pfarrsitz entfernt
liegen, also so weit wie Gelsenkirchen von Bonn.
Diese Entfernung ist noch gar nichts gegenüber dem
Südreisepredigtamt unserer Evangelischen La Plata- Synode. Der
Pfarrer hat dort die evangelischen Gemeinden und Einzelfamilien
mit Gottes Wort zu versorgen in einem Gebiet, daß so weit ist wie
von hier bis Moskau. Einmal im Jahr kommt er nur durch alle
Gemeinden.
Da habe ich es in meiner Gemeinde mit 7 Nebengemeinden noch viel
besser. Ich kann in jedem Monat in jeder der 8 Gemeinden einen
Gottesdienst halten. Außer den beiden so weit entferntliegenden
Filialgemeinden liegen die anderen 5 im Umkreis von 40 km. Die
Größe der einzelnen Filialgemeinden schwankt von 1o Familien bis
50 und bis zu 100 Familien in der Hauptgemeinde Aldea Protestante.
Da die Regierung die Einfuhr von Autos sehr drosselt, so kommt zum
Beispiel auf die Einfuhr eines Volkswagens von DM 5.000,- ein Zoll
von DM 22.000,-., was den Besitz eines Autos fast unmöglich macht.
So sind dann zum größten Teil die Gemeinden selbst verpflichtet,
zu allen Gottesdiensten und Amtshandlungen mich mit dem Auto
abzuholen und zurückzubringen.
Es gibt noch einige Gemeindeglieder, die ein Auto aus alter Zeit
besitzen. Wenn wir hier in Deutschland sehen würden, mit welchen
Autos ich durch das Land gefahren werde, dann würde man die Hände
über den Kopf zusammenschlagen und meinen, da hätte sich
tatsächlich ein Auto aus einem Automuseum selbständig gemacht.
Das neueste Modell ist ist ein Mercedes aus dem Jahre 1936 und das
älteste ist ein Ford aus dem Jahre 1924. Aber diese Autos tun
ihren Dienst immer noch, wir sind nicht verwöhnt.
In unseren Gemeinden ist das Zentrum aller gemeindlichen Arbeit
fast ausschließlich der Gottesdienst und die Amtshandlungen.
Aber wir würden staunen, wenn wir sehen würden, wie unsere
Gemeindeglieder mit diesem Gottesdienst zusammenhängen. Im
Durchschnitt besuchen 70-90 % unserer konfirmierten
Gemeindeglieder jedesmal den Gottesdienst. Wie schon angedeutet,
scheuen sie sich nicht, stundenlang in der Hitze mit dem
Pferdewagen zum Gottesdienst zu fahren oder auch zu reiten.
Im vergangenen mJahre haben von insgesamt 800
abendmahlsberechtigten Gemeindegliedern der Gesamtgemeinde 870
Gemeimndeglieder am Abendmahl teilgenommen.
Ich sprach von 800 konfirmierten Gemeindegliedern, das sind rund
200 Familien. Diese 200 Familien müssen soviele Kirchenbeiträge
bezahlen, daß neben dem Pfarrgehalt auch noch alle anderen
Ausgaben des Pfarramts gedeckt werden.
Jedes Jahr einmal kommt die Gemeinde zusammen und legt selbst die
Höhe des Kirchenbeitrages fest. Das geht selbstverständlich nicht
nur immer friedlich zu, zumal unsere Leute gerne handeln, aber
schließlich siegt doch die Einsicht, daß das, was ausgegeben
werden muß, auch einzunehmen ist. Von keinerlei Seite erhalten
unsere Gemeinden einen finaanziellen Zuschuß.
Für den Unterhalt der Kirchen in den einzelnen Gemeinden muß die
jeweilige Filialgemeinde selbst sorgen.
Daß diese Kirchen mit unseren Kirchen hier in Deutschland nicht
verglichen werden können, was Größe, Exaktheit der Ausführung und
Schönheit anbelangt, ist klar. Jeder Stein und jeder Nagel muß
dort vom einzelnen Gemeindeglied bezahlt werden.
Was für eine Kirche würde wohl in Deutschland gebaut werden, wenn
15 Familien diese Kirche finanzieren müßten.
Es kann wohl passieren, dass man manchmal als Pfarrer auf diese
schönen Kirchen in Deutschland neidisch wird, aber ich meine,
unsere kleinen Bethäuser oder Kapellen mitten in einer fast
unbewohnten Landschaft und mitten in einer katholischen Umgebung
sind in ihrer Schlichtheit und manchmal sogar in ihrer primitiven
Art echte Zeichen einer lebendigen Gemeinde. Sie sind das wahre
Spiegelbild der Gemeinde, die dahinter steht, was man von den
Kirchen hier in Deutschland kaum sagen kann.
Die große Diasporalage der Gemeinde bringt es mit sich, daß der
kirchliche Unterricht nicht in der hier üblichen Weise
durchgeführt werden kann.
Jeweils 1x in 2 Jahren werden in jeder filialgemeinde die Kinder,
die konfirmiert werden wollen, zu einer Konfirmandenfreizeit von
2-3 Wochen auf einem Bauwernhofe zusammengerufen.
Während dieser Zeit bekommen die Kinder von mir einen ganztägigen
Unterricht. Daneben wachsen dann selbstverständlich Pfarrer und
Kinder zu einer echten christlichen Lebensgemeinschaft zusammen.
Daß es dabei fröhlich zugeht, ist wohl klar. Die Abende gehören
ausschließlich dem geselligen und fröhlichen Beisammensein.
Zwischendurch wird der Ernst des Unterrichts unterbrochen dadurch,
daß wir für einige Stunden an den Ufern des Riesenstromes Paraná
auf Krokodilsjagd gehen. Bis in unsere Umgebung kommen diese
Reptilien, die der mehrere tausend km lange Fluß aus den Urwäldern
Brasiliens mit sich führt.
Allerdings muß hier gesagt werden, daß an solch einer
Konfirmandenfreizeit nur die Kinder teilnehmen können, die vor der
Freizeit vor der ganzen Filialgemeinde zeigen, daß sie alle 5
Hauptstücke des Luth. Katechismus mit Erklärung und 8 bestimmten
Kirchenliedern mit allen Versen und 25 Bibelsprüchen auswendig
gelernt haben.
Für dieses Lernen sind allein die Eltern verantwortlich. Die
Kinder, die nicht gelernt haben, müssen warten bis zur nächsten
Konfirmandenfreizeit in 2 Jahren. Das kommt aber kaum vor. Die
Eltern haben selbst großes Interesse, daß ihre Kinder gründlich in
Gottes Wort unterrichtet werden. Solch eine Konfirmandenfreiziet
schließt ab mit der Konfirmation.
In der Hauptgemeinde Aldea Protestante haben wir einen Chor von 35
- 40 jungen Männern und Frauen. In der Filialgemeinde Camarero
ebenfalls einen solch großen, der von einer einfachen Frau aus der
Gemeinde geleitet wird.
Aber sonst konzentriert sich das ganze gemeindliche Leben
ausschliesslich um den Gottesdienst. Zu Frauenvereinen,
Männerdiensten, Jugendarbeiten bleibt bei den vielen Gemeinden und
bei den weiten Entfernungen keine Zeit.
Ob das Fehlen solcher Gemeindegruppen überhaupt bei uns ein Mangel
ist? Ich glaube es kaum.
Jedenfalls ist im Gottesdienst alles vertreten, junge Männer und
Mädchen, Frauen und Männer, jung und alt. Daß unsere Kirche eine
Kirche nur der alten Frauen ist, kann man nicht sagen.
Es wäre noch vieles zu dieser einen Gemeinde zu sagen, allerdings
ist das andere auch wichtig zu wissen, daß unsere Gemeinde mit
noch 24 weiteren Hauptgemeinden in Argentinien, Paraguay und
Uruguay, die alle deutscher Herkunft sind, die Deutsche
Evangelische La Plata Synode bilden, die mit der Evangelischen
Kirche in Deutschland durch einen Vetrag verbunden ist.
Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich verpflichtet,
diese Synode auf dem Wege zu einer selbständigen Kirche zu helfen
und zu unterstützen.
Unsere große Not ist eben die, daß sich nur wenige Pfarrer in
Deutschland für den Dienst in Südamerika zur Verfügung stellen. In
unserer Synode fehlen im Augenblick 10 Pfarrer, die Gemeinden dort
müssen monatelang, manchmal jahrelang, ohne Gottesdienst, ohne
kirchliche Beerdigung und den anderen notwendigen Diensten eines
Pfarrers auskommen.
Vielleicht ist es nicht unwesentlich, in dieser Stunde darauf
hinzuweisen, daß die Kirche der Union in Wuppertal-Barmen im
vergangenen Jahre ein Seminar zur Ausbildung von Pfarrern für
Südamerika eröffnet hat, in dem junge Männer speziell für den
Pfarrdienst in Südamerika ausgebildet werden.
Die Verhältnisse in Brasilien sind an diesem Punkte noch
schwieriger, es fehlen dort fast 50 Pfarrer.
Gerade die Evangelische Kirche in Deutschland als der Kirche der
Reformation kommt eine ungeheure Verantwortung zu.
Die Evgl. Gemeinden deutscher Herkunft in Südamerika, die
augenblicklich froh sind, wenn sie ihren Dienst an Menschen
deutscher Herkunft und deutscher Abstammung notdürftig versehen
können, damit sie nicht dem Nihilismus oder dem Katholizismus
verfallen, diese Evgl. Gemeinden müßten sogar so gestärkt und
gefestigt werden, daß sie sich nicht nur gegenüber dem
Katholizismus behaupten, sondern zum Angriff übergehen kann.
Denn auch Lateinamerika hat die Reformation, hat die Verkündigung
des einen Evangeliums inmitten eines magisch-okkultem
Katholizismus, der sich nur durch äußere Formen vom Heidentum
unterscheidet, bitter bitter nötig. Unsere evangelischen Gemeinden
dort haben soviel mit sich selbst zu tun als Diasporagemeinde. daß
sie diese Aufgabe fast gar nicht mehr sehen. MIr scheint es so,
als ob die evangelsiche Christenheit in Deutschland die
Verantwortung für Lateinamerika auch nicht sieht, wie man es
eigentlich erwarten könnte.
Unsere evangelischen Gemeinden in Lateinamerika, die zum Teil
hilflos dastehen, fragen die Gemeinden der Reformation in
Deutschland:
Wißt ihr etwas von unserer Existenz, von unserer Not und auch von
unserer Freude und tragt ihr unseren Dienst auf betendem Herzen?
Sie fragen weiter:
Tut ihr in Deutschland wirklich alles, um uns Pfarrer zu schicken,
damit wir nicht geistlich verhungern brauchen"
Und sie fragen auch:
Tut ihr alles für uns, was ihr tun könntet, um uns auszurüsten für
den Kampf gegen den Katholizismus, der uns zu erwürgen droht?
Und ebenfalls fragen die Leitungen der verschiedenen evangelischen
Kirchen:
Wollt ihr uns mithelfen, daß wir uns nicht nur im Kampf gegen den
Katholizismus behaupten, sondern sogar zum Angriff übergehen
können: Lateinamerika für das Evangelium! ?
Wie wird die Antwort der evangelischen Christen in Deutschland
lauten? Die Antwort steht in eurer Hand!

Karl Schwittay

Vortrag gehalten anläßlich eines Deutschlandurlaubs beim
Reformationsfest in Gelsenkirchen-Rotthausen am 31-10-1958.