WER SIND WIR ALS DEUTSCHE EVGL. LA-PLATA-SYNODE?
Teilreferat 030
Lugar/Ort:San Antonio ER
Fecha/Datum:1956
Resumen/Skopus: Teilreferat auf der Entre Ríos-Vertretertagung unter dem Gesamt- Thema "Wir und die kirchliche Umwelt."-19-10-1956


Wer sind wir als Deutsche Evgl. La-Plata-Synode?

Ihr lieben Vertreter aus Entre Ríos!
Es ist einfach eine Tatsache, daß wir als Deutsche Evangelische
La-Plata-Synode hier in Argentinien, besonders aber in Entre Ríos,
nicht allein leben. Wir sind es nicht allein, die Gottesdienste
halten, taufen, das Heilige Abendmahl feiern, trauen und
konfirmieren, die also das tun, was eine christlkiche Kirche tun
muß.
Neben uns existieren noch eine Menge anderer Institutionen, die
immer in irgendeiner Weise mit uns in Berührung kommen, sei es in
brüderlicher Weise, sei es in unguter Weise. Da finden sich neben
uns zum Beispiel die Methodisten, die Baptisten, die Missourier,
die Kongregationalen, die Adventisten, die Zeugen Jehovas und
vielleicht noch andere mehr.
Allein die Tatsache, daß diese Vereinigungen mit dem Anspruch
christliche Kirche zu sein, neben uns bestehen, nötigt uns, einmal
darüber stille zu sein, wer wir den eigentlich sind?
Wir müssen uns eine Antwort auf die Frage geben können, was es
bedeutet, daß wir gerade zur La-Plata-Synode gehören. Erst wenn
wir das geklärt haben, können wir in den späteren Referaten auch
in ein Gespräch über das Verhältnis zu den ganz bestimmten
kirchlichen Nachbarn treten, die uns umgeben.
Wer sind wir?
Bei der Beantwortung dieser Frage haben am Anfang unserer
Ausführungen stolze Überlegungen über unsere langjährige
Geschichte von vornherein beiseite zu stehen. Wir haben zuerst
nach dem Wichtigsten unserer La-Plata-Synode zu fragen, nach der
Glaubensgrundlage.
In der alten Synodalordnung der Gemeinden der La Plata-Synode von
1937 ist die Glaubensgrundlage so zusammengefaßt:
"Der gemeinsame Glaubensgrund der Gemeinden der La-Plata-Synode
ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen
Schrift offenbart und durch die Reformation neu ans Licht gebracht
worden ist."
In den Statuten vom Jahre 1953 wird das noch unterstrichen und so
wird ein Selbstverständnis der Deutschen Evangelischen
La-Plata-Synode gegeben: "Con la
finalidad de ser Iglesia de Jesucristo."
Damit wird klar ausgesprochen, was wir sein wollen:
Kirche Jesu Chrtisti nach der Heiligen Schrift und besonders
geprägt durch die Reformation von Dr. Martin Luther.
Kirche Jesu Christi zu sein, bedeutet aber, wirklich in dieser
Kirche nur nach der Stimme des Herrn Jesus Christus zu handeln und
die Dienste in ihr zu regeln nach der Heiligen Schrift. In ihr
wird das Evangelium verkündigt und werden die Heiligen Sakramente
schriftgemäß verwaltet.
Wer sind wir?
Wir wollen es sein und möchten es immer werden, eine christliche
Kirche.
Wir wollen nicht mehr und nicht weniger als eine christliche
Kirche sein. Was heißt das?
Wir wollen nicht mehr sein als eine christliche Kirche? Leider ist
durch menschliche Schuld auch in der christlichen Kirche im Laufe
der Jahrhunderte die Tatsache geschaffen, daß aus der einen
heiligen christlichen Kirche eine Vielfalt von Kirchen entstanden.
Darauf einzugehen würde zu weit führen.
Nun ist gerade in den letzten Jahren in der weiten Welt ein großes
Fragen nach der anderen Kirche, nach dem anderen Bruder
entstanden. Man warf sich gegenseitig nicht mehr ewige
Verdammungsurteile an den Kopf, sondern man setzte sich wieder an
einen Tisch und schlug die Bibel gemeinsan auf und forschte darin.
Gerade auch auf der letzten Synodaltagung im Februar 1956 in
Esperanza haben wir als La-Plata-Synode beschlossen, uns mit an
den gemeinsamen Tisch zu setzen. Wir sind dem Weltrat der Kirchen
und der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen am Río de La
Plata beigetreten.
Damit haben wir erklärt, daß wir mit jeder Vereinigung, die sich
als Kirche weiß, die mit uns gemeinsam die Bibel aufzuschlagen
bereit ist, und die Jesus Christus allein als ihren Herrn bekennt,
Verbindung aufnehmen wollen und nicht von vornherein sie mit einer
Handbewegung abtun können.
Allerdings schließt diese große Bereitschaft die Haltung in sich,
daß alle sich "Kirche" -nennenden Gebilde, die diese
Voraussetzungen nicht erfüllen, für ein solches Miteinander nicht
in Betracht kommen können. Ein echtes Miteinander ist nur unter
solchen KIrchen möglich, die Jesus Christus als ihren eigenen und
einzigen Herrn bekennen.
Ein echtes Miteinander wäre es zum Beispiel heute mit den
Adventisten nicht möglich, weil bei ihnen neben der Heiligen
Schrift auch noch das Wort der Frau Ellen White als Gottes
Offenbarung verkündigt wird. Ebenso wäre ein echtes Miteinander
mit der katholischen Kirche unmöglich, da sie sich immer mehr von
der anscheinend gemeinsamen Glaubensgrundlage entfernt und auf dem
Wege von einer christlichen Kirche zu einer Mariakirche ist.
Das heißt nun nicht, daß wir nicht bereit sein sollten, darauf zu
achten, ob nicht vielleicht in solchen falschen Kirchen die
althergebrachten falschen Glaubensgrundlagen bereits tief
erschüttert sind und vielleicht der Weg zu einer Erneuerung
beschritten wird, der ein gemeinsames Miteinander ermöglicht. So
ist zum Beispiel von der Evgl. Kirche in Deutschland in den
letzten Monaten die von der Neuapostolischen Gemeinde vollzogenen
Taufen, die ehedem als Sektentaufe abgelehnt und nicht anerkannt
wurde, nach einem theologischen Lehrgespräch und nach einem
Verlassen, der sektiererischen Haltung als vollgültig anerkannt
worden.
Mit der Aufnahme in den Weltkirchenrat und der Arbeitsgemeinschaft
evangelischer Kirchen am La Plata haben wir den ersten Schritt
getan auf dem Wege, mit den anderen christlichen Kirchen wieder
die EINE heilige allgemeine christliche Kirche zu werden.
Wir wollen also nicht mehr sein als eine christliche Kirche, die
mit den anderen christlichen Kirchen zusammen auf dem Wege zu der
EINEN Kirche ist. Wollten wir mehr sein, würden wir einem
unchristlichen geistlichen Hochmut verfallen sein, wie die
katholische Kirche und vielleicht auch andere, die alle
Zusammenarbeit mit anderen Kirchen ablehnen, weil sie behaupten,
daß nur in ihrer Kirche die eine wahre Kirche sei und außerhalb
dieser ihrer Kirche gäbe es kein Heil. Heute echte christliche
Kirche zu sein, bedeutet aber immer, mit allen anderen Kirchen,
die Jesus Christus allein als ihren Herrn anerkennen und die Bibel
aufschlagen, in guter nachbarlicher Beziehung zu sein. Gott möge
uns vor einem geistlichen Hochmut bewahren, der sich mehr dünkt
als alle anderen und sich als allein seligmachend anpreist.
Das Miteinader mit den anderen Kirchen bedeutet aber nicht, daß
wir ohne weiteres das aufzugeben bereit wären, was uns zu einer
evangelischen reformatorischen Kirche macht. Wir als eine
evangelische Kirche der Reformation meinen, daß das, was Martin
Luther und Johannes Calvin uns in ihrer reformatorischen
Erkenntnis und Auslegung der Heiliogen Schrift als so wichtig
mitgeteilt haben, wirklich so wert ist, daß wir es bis zum Letzten
festhalten. Das schließt aber auf keinen Fall aus, daß wir uns mit
den anderen gemeinsam um die Bibel setzen und ganz neu prüfen, ob
es wirklich heute auch noch so wichtig ist, was Martin Luther uns
geschenkt hat und ob die Heilige Schrift wirklich auch heute noch
hinter Martin Luther steht.
Noch allerdings sind wir der Meinung, dass wir im Gespräch mit den
Kirchen, die nicht von der Reformation herkommen, verpflichtet
sind, am Erbe der Reformation festzuhalten, da wir noch nicht
eines besseren belehrt und überzeugt worden sind.
Es ist dann wohl eine selbstverständliche Sache, daß wir dann mit
den Kirchen der Reformation nicht nur an einen Tisch zu setzen
bereit sind, sondern daß wir in einer ganz besonderen Weise mit
ihnen verbunden sind. So ist es klar, daß wir zum Beispiel an der
evgl.-lutherischen Fakultät und der evgl. Fakultät in Buenos Aires
besonders gern und freudig mitarbeiten. Wir haben also bei der
Beurteilung der verschiedenen Institutionen um uns her zu
unterscheiden,
a) ob sie Jesus Christus als den alleinigen Herrn der Kirche
ansieht und die Heilige Schrift als alleinige Grundlage des
Glaubens,
b) ob sie dazu wie wir direkt von der Reformation herkommt,
c) ob sie neben Christus noch allerlei andere Herren in ihrer
Mitte duldet und andere Stimmen und Bücher außer der Heiligen
Schrift zu Worte kommen lassen.
Es wurde gesagt, daß wir nicht mehr sein wollten als eine
christliche Kirche und uns darum mit den anderen christlichen
Kirchen gemeinsam auf dem Weg zu der einen christlichen Kirche
sind. Es gilt nun auch das andere zu erklären:
Wir wollen nicht weniger sein als eine christliche Kirche. Das
heißt, daß in unserer La-Plata_Synode Jesus Christus das Haupt
sein will und durch sein Wort zu uns reden möchte und auch redet.
Zur Folge hat dieses, daß wir, die Glieder der La-Plata-Synode, es
immer wissen müssen, daß wir uns in ihr in der Kirche Jesu CHristi
befinden und nicht in irgendeinem Verein, in dem wir machen
können, was wir wollen. Wir sind durch Jesus Christus an diese
unsere Kirche, an diese unsere La-Plata-Synode gewiesen und
gebunden. Es bedeutet durchaus Untreue gegenüber unserem Herrn
Jesus Christus, der uns als der Heiland und der Herr der
La-Plata-Synode begegnet ist, wenn wir dieser unserer Kirche,
unserer La-Plata-Synode untreu werden und zu anderen durchaus
christlichen Kirchen überlaufen. Wir sind darum ganz in derselben
Weise aufgefordert, nicht die Glieder einer anderen christlichen
Kirche zum Übertritt zu uns zu bewegen. Wir verführen dann auch
diese Glieder zum Ungehorsam gegenüber dem Herrn Jesus Christus,
der der Herr der anderen Kirche ist. Niemals sollten wir uns das
Gesetz unseres Handelns von den vielleicht unbrüderlich handelnden
Nachbarkirchen bestimmen lassen. Der Herr allein bleibt Richter
zwischen ihnen und uns.
Wir sind als La-Plata-Synode christliche Kirche, in der Jesus
Christus das Haupt ist. Er erwartet von uns als eine
selbstverständliche Sache Treue im Kleinen und Treue im Großen.
Die Untreue zum Herrn der Kirche, in dem man zur anderen Kirche
überläuft, damit zu entschuldigen, daß man sagt:
Wir haben schließlich doch alle denselben Gott!
ist eine sehr böse Entschuldigung.
Dahinter steckt meistens weiter nichts als Geiz, Unbußfertigkeit,
Eigensucht und Rechthaberei. Alles Tun und alles Lassen in unserer
Kirche, unsere Treue und unsere Untreue, haben wir vor dem Herrn
dieser unserer La-Plata-Synode, Jesus Christus, zu verantworten
und werden einmal dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
Unsre Evgl. La-Plata Synode ist eine christliche Kirche, nicht
mehr und nicht weniger, in der Jesus Christus der Herr ist.
Wir haben nun versucht, von unserer Glaubensgrundlage aus eine
Antwort zu geben auf die Frage, wer wir sind. Allein,
ausschließlich und allein eine Antwort von dieser
Glaubensgrundlage aus können wir in allen Stürmen und Anfechtungen
standhalten. Wenn wir damit das Wichtigste gesagt haben, so ist
zum Schluß das rein Menschliche nicht zu vergessen, wenn es auch
nicht die Bedeutung haben darf, wie das zuerst Gesagte.
Auf die Frage, wer wir sind? möchte ich darum auf diese rein
mesnchliche Sicht durch ein besonderes Ereignis hinweisen.
Vor 60 Jahren, im April 1896, sandte die Evgl. Kirche in
Deutschland den ersten ständigen Pfarrer nach Entre Ríos, nach
Aldea Proetstante, als Mittelpunkt der Gemeinde General Alvear,
von der aus dann ja später fast alle anderen Pfarrgemeinden in
Entre Ríos entstanden sind. Diese Entsendung eines Pfarrers macht
deutlich, daß wir als evangelische Christen deutscher Abstammung
doch auch rein äußerlich mit der Kirche, zu der unsere Vorfahren
in Deutschland gehört haben, verbunden sind. Unsere Evgl. La
Plata-Synode hat durch alle Jahre hindurch immer wieder zum
Ausdruck gebracht, daß wir ein Teil unserer deutschen Heimatkirche
sind. Auch durch den Vertrag, den wir auf der letzten
Synodaltagung mit der Evgl. Kirche in Deutschland geschlossen
haben, kommt zum Ausdruck, wie eng wir mit der alten Heimatkirche
auch rein äußerlich verbunden sind und verbunden bleiben wollen.
Wir sollten diese enge Verbindung mit unserer Mutterkirche nie
vergessen und nie preisgeben, sondern weiterhin pflegen.
Evangelische Pfarrer aus Deutschland haben unsere Vorfahren nach
Rußland begleitet, sind mit uns nach Argentinien gegangen. Die
Evangelische Kirche in Deutschland hat uns in mannigfacher Weise
geholfen, daß wir als Evgl. Kirche hier am Río de la Plata unserem
Herrn treu bleiben können. Da sollte es ein Akt der Höflichkeit
und Dankbarkeit sein, daß wir unserer Heimatkirche in Deutschland
auch treu bleiben, indem wir unserer La-Plata-Synode treu bleiben.
Wer sind wir als Deutsche Evangelische La-Plata-Synode?
Eine christliche Kirche, nicht mehr und nicht weniger, geprägt
durch die Reformation von Dr. Martin Luther, die verbunden bleiben
möchte mit der Kirche unserer Väter in Deutschland.

Karl Schwittay

Teilreferat, gehalten auf der ER-Vertretertagung unter dem
Gesamtthema "Wir und die christliche Umwelt", in San Antonio ER am
19-10-1956.