Briefwechsel mit dem Bundestagspräs. Dr. Gerstenmeier
Carta 027
Lugar/Ort:Deutschland
Fecha/Datum:1955
Resumen/Skopus: Protest gegen Aufstellung von Atomwaffen in der Bundesrepublik 29-1-1955



Kirche! Wozu?

Wenn wir so fragen, "Kirche! Wozu?" dann hat es schon eine gewisse
Berechtigung, denn seit jeher ist die Kirche eine "fragwürdige"
Grösse gewesen, mit der man im allgemeinen nichts Rechtes
anzufangen wusste. Es kommt in der Hauptsache wohl auch daher,
dass das, was Kirche ist, niemals recht eingeordnet werden kann.
Wenn wir hier von der SPD oder CDU oder von der KPD sprechen
würden, dann brauchten wir über das Wesen dieser menschlichen
Gemeinschaft nicht lange zu sprechen, ihre Programme sind gut
ausgearbeitet und jeder weiss, was für Ziele dahinter stehen. Im
Grossen und Ganzen mögen in solchen Parteien auch die Menschen
kommen und gehen, die Ziele und Bestrebungen sind doch in ihren
Grundrissen festgelegt und nicht so sehr von einzelnen Menschen
abhängig. Es wurden zu allen Zeiten Stimmen laut, die auch die
Kirche zu einer Gemeinschaft machen wollten, mit bestimmten
Programmen und Zielen. Leider ist es im Laufe der Geschichte
solchen Bestrebungen oft geglückt, der Kirche von diesen Zielen
her das Gepräge zu geben. Und wir müssen wirklich erkennen, dass
in einer langen Geschichte der Verkettung von Thron und Altar die
Kirche ihr Gepräge bekommen hat und sie zur Verteidigerin des
nationalen Gedankens wurde. Es wurde Christlichkeit mit
Nationalismus in einer unauflöslichen Gemeinschaft gesehen. Ja, es
kamen dann Männer in der Kirche hoch, nicht nur erst die Deutschen
Christen im Nationsozialismus, die die Stärkung des Volkstums als
Punkt 1 des Programmes der Kirche ansahen. Oder denken wir daran,
wie auf Grund der bürgerlichen Struktur, die ja auch die Kirche so
beeinflusste, dass sie zu ihrem Wesen wurde, dann, als durch die
Industrialisierung der neue Stand des Arbeiters entstand, diese
Kirche verständnislos vor diesen neuen Aufgaben stand und einfach
in Bürgerlichkeit weitermachte. und der Arbeiter die Verbindung
zur Kirche verlor. So konnte es dann geschehen. dass die Kirche
als eine Verdummungsanstalt angeshen wurde, die die Arbeiter
dahinbringen sollte, sich willenslos vom Kapitalismus ausbeuten zu
lassen. Es ist schon Schuld der Kirche, wenn Parolen wie RELIGION
IST OPIUM FÜR DAS VOLK und dergleichen mehr, auftauchten.
Hier sind nur die beiden Beispiele der Verknüpfung von Thron und
Altar und dem verständnislosen Zuschauen der Arbeiterfrage
angeführt, dass die Kirche sich niemals von Weltanschauungen,
Programmen und Zielen leiten lassen darf. Und dabei spielt es
wirklich keine Rolle, was für Programme das sind.
Nun kann leicht die Frage kommen, ob es denn überhaupt eine
menschliche Gemeinschaft gibt, die ohne Programme und Prinzipien
auszukommen vermag. Wohin wir schauen, wir könnten eine solche
Gemeinschaft nicht entdecken. Allerdings dürfen wir sagen, dass
die Kirche eine solche prinzipienlose Gemeinschaft sein sollte und
müsste. Ja, warum denn? Während alle Gemeinschaften dieser Erde
durch den Willen der Menschheit sich gebildet haben, steht in der
Kirche eine Gemeinschaft vor uns, die entstanden ist auf Grund des
Willens des HERRN, unseres GOTTES.
In dieser von Gott unter uns Menschen gestifteten Gemeinschaft
gilt EINZIG UND ALLEIN NUR DER HERR JESUS CHRISTUS. Und dieser
Herr hat uns keine Prinzipien an die Hand gegeben, nach denen
alles geschehen soll, auch die Gebote können und dürfen nicht so
verstanden werden, sondern das Handeln in der Kirche liegt allein
in dem ständig gegenwärtigen Handeln des HERRN, dieses HERRN.
Die Kirche hat also nicht zu handeln nach einzelnen
Programmpunkten, die erstrebt und erreicht werden können, sondern
sie hat zu jeder Zeit und in allen Lagen wieder neu ihren Herrn zu
fragen: Was willst DU, HERR, dass ich tun soll? Also keine
Grundsätze sind für das Handeln der Kirche bestimmend, sondern
allein die Weisung des Herrn der Kirche. Darin sollte sich ja die
rechte christliche Kirche von der katholischen unterscheiden, die
zum grössten Teil von solchen Prinzipien lebt.
So ist also der Satz zu verstehen, dass die Kirche schlecht in
bestimmte Kategorien von Gemeinschaften eingestuft werden kann,
eben deshalb, weil man den Herrn der Kirche nicht einfach nach
Masstäben einordnen kann. Jesus Christus als der souveräne Herr
der Kirche herrscht in völliger Freiheit über sie, sodass sie, die
Kirche, selbst nicht weiss, was sie morgen zu tun hat, sie weiss
nur das Eine, dass sie morgen und auch übermorgen und in alle
Zeiten hinein diesem ihrem Herrn gehorsam zu sein hat. Die Kirche
ist also kein Verein frommer Seelen, die sich selbst genug sind,
sondern sie ist eine Vereinigung, die sich auf einen Wink ihres
Herrn hin in Bewegung setzt.
Nun stehen wir alle nur zu leicht in der Gefahr, dass wir sagen,
ja das ist alles gut und schön, das erkenne ich an, ich warte
jetzt auf das, was der Herr der Kirche dieser Kirche sagt und dass
sie mir dann weitersagt, was ich heute in dieser Situation tun
soll, wir wollen ja treue Schafe unserer Kirche sein. Aber so geht
das allerdings nicht: Wer ist denn Kirche? Von wem erwarten wir
denn in der Kirche ein Wort, einen Befehl, den der Herr uns
mitgeteilt hat? Erwarten wir von den Synoden Gewissheiten, die wir
handgreiflich fassen können, um unser Handeln einzurichten? Warten
wir wieder auf das, was Niemöller sagt oder möchten wir wieder,
wie in der katholischen Kirche, einen Papst haben, der genau
festlegt, was Gottes Willen ist oder nicht?
Es braucht ja auch nicht unbedingt ein Papst zu sein, es kann dies
ja auch schon eine Bischofskonferenz tun.
Auf keinen Fall können wir so denken, dass wir meinen, die anderen
wären die, die das Wort empfangen und wir haben dann nur zu
gehorchen. Nein, so geht das nicht, die Kirche ist die Schar
derer, die in ihrem Verhältnis zu Gott wieder in Ordnung gekommen
sind. Wir selbst sollen und dürfen diese Kirche sein. Wir dürfen
und sollen unseren Herrn fragen: Was sollen wir tun? Andre, die
neben uns in dieser Kirche stehen, können uns raten, können uns
Wege weisen, aber die letzte Verantwortung für den Gehorsam
gegenüber unserem Herrn der Kirche tragen wir ganz persönlich
selbst.
Schon in dem Thema unserer Besprechung KIRCHE! WOZU? liegt
beschlossen, dass die Kirche Jesu Christi nicht fromme Gefühle
hegen und pflegen soll, sondern wo Kirche ist, da gibt es Dienst.
Kirche ist immer in Bewegung, immer im Vollzug des Gehorsams gegen
Gottes Willen. Wenn also die Kirche Jesu Christi wir alle
miteinander sind, dann sollen auch wir in einer ständigen Bewegung
sein.
Wohin soll aber diese Bewegung gehen? Die Bewegung der Kirche
geht nicht, und darf es auch nicht, ins Leere gehen. Sie hat auch
ihre Stellungnahme gegenüber all den vielen scheinchristlichen und
entchristlichten Weltanschauungen nicht als ihre eigentliche
Aufgabe anzusehen, sondern Kirche Jesu Christi, oder besser
gesagt, wir als Christen, sollen ständig auf dem Wege zum
Nächsten, zu dem Bruder an unserer Seite, zu dem, der ein
menschliches Antlitz trägt wie wir, sein.
Dieser Herr der Kirche, Jesus Christus, öffnet uns die Augen für
den armen Lazarus, der vor unserer Türe liegt. Überall da, wo
Menschen in Not sind, hat sich die christliche Kirche in Bewegung
zu setzen zu diesen Menschen hin. Aller Dienst in der Kirche kann
nur diesem armen Lazarus geschehen. Daher war es mehr als nur eine
blosse Geste, dass bei den furchtbaren Unwetterkatastrophen in
Holland die westfälische Kirche als erster diesen Menschen ihre
Hilfe anbot. Die Hilfe, die die Kirche den Menschen, die in Not
geraten sind, anbietet, ist nicht an irgendeine Bedingung oder an
irgendeinen Berufsstand geknüpft. Diese Hilfe erstreckt sich auf
alle Gebiete des menschlichen Lebens.
Wir hören heute so oft die Meinung, die Kirche müsse sich
besonders für den Arbeiter einsetzen und es könnte dann ganz
konkret die Frage der MITBESTIMMUNG genannt werden. Wenn wir auch
wissen, dass die Kirche einst versagt hat, wenn es um den Arbeiter
ging, als Jesus Christus den Auftrag gab, sich der Arbeiter
anzunehmen, so ist das auf keinen Fall eine
Selbstverständlichkeit, dass die Frage des Arbeiters in seiner
Lebensexistenz und Lebensmöglichkeit das Hauptproblem heute noch
ist. Und von daher ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die
Kirche sich unbedingt für das Selbstbestimmungsrecht der Arbeiter
in der Form, wie es gewünscht wird, einsetzen muss. Es kann sein,
dass uns in dieser Hinsicht unser Herr ganz andere Aufträge gibt.
Damit will ich nicht leugnen, dass das durchaus der Fall sein
könnte, aber es braucht das nicht unbedingt sein, dass der
Arbeiter immer der arme Lazarus ist.
Es könnte sein, dass der Herr der Kirche unseren Blick weg vom
Arbeiter, um den sich Gewerkschaften und Parteien intensiv
bekümmern und ihm die Hilfe geben, die er nötig hat, weglenkt zu
einer anderen Berufsgattung, die heute in einer noch grösseren
Bedrängnis steckt als der Arbeiter. Ich denke da besonders an die
vielen Menschen, die als kleine Beamte und Angestellte der Bahn
oder Post oder als Lehrer
vielleicht jahrelang mit der Hälfte dessen auskommen müssen, was
ein Durchschnittsbergmann verdient, und die darum innerlich und
äusserlich verkommen und zum Leben zu wenig und zum Sterben zu
viel haben. Vielleicht ist es das Gebot der Stunde für die Kirche,
sich für diese Menschen einzusetzen.
Ich würde falsch verstanden werden, wenn jemand meinte, ich würde
behaupten, dass der Arbeiter zu viel verdiene und dass es ihm zu
gut gehe, nein, das ist nicht die Frage, sondern es geht darum,
dass wir den armen Lazarus erkennen, den unser Herr uns zeigt. Das
ist auch ein Beispiel dafür, dass die Kirche niemals prinzipiell
handeln darf, als ob immer alle Nöte zu allen Zeiten dieselben
wären.
In einer ähnlichen Weise würde das gelten in einem anderen Fall.
Es könnte sein, dass sich die Kirche heute für einen Menschen
einsetzen, von dem wir ganz genau wissen, dass er als alter
Kämpfer in der Nazizeit vielen Menschen das Leben zur Hölle
gemacht hat, der aber jetzt irgendwo als armer Lazarus an der Tür
sitzt und auf unsere Hilfe angewiesen ist. Jesus Christus sagt
nicht, der arme Lazarus ist nur der,der früher kein alter Kämpfer
gewesen ist. Er sagt auch nicht, der
arme Lazarus, der auf unsere Hilfe angewiesen ist, darf kein
Kommunist sein.
Wenn ich nur kurz verschiedene konkrete Dinge streifte, so sollte
damit nicht gesagt sein, dass Jesus Christus für uns nicht
ungezählte Aufgaben bereit hält, die alle auf Durchführung warten.
Wieviel Not wartet bei den Flüchtlingen aus der Ostzone schon
darauf, dass wir helfend einspringen. Aber es kommt ja jetzt auch
nicht darauf an, die verschiedensten Beispiele zu bringen -das
können wir in der kommenden Aussprache tun-, sondern es kommt
alles darauf an, dass wir als Männer der Kirche bereit sind, da
unserem Herrn gegenüber gehorsam sind, wo er unseren Gehorsam
haben will.
Wir brauchen ja nicht nur an die grösseren Probleme und Nöte
denken, die vielleicht weit von uns entfernt liegen, sondern wir
sehen doch so viele Aufgaben, die uns der Herr hier in Buer-Hassel
vor die Füsse gelegt hat. Am nächsten und übernächsten Sonntag
werden wieder über 100 Kinder unserer Gemeinde : Herr, sende mich,
ich bin bereit.

Vortrag, gehalten von P. K. Schwittay in der
Bergarbeitergemeinde in Gelsenkirchen-Buer-Hassel im Männerkreis
im Jahre 1953.