DIE LEHRE VON DER SEELSORGE nach Eduard Thurneysen
Referat 022
Lugar/Ort:Villigst/Westfalen
Fecha/Datum:1953
Resumen/Skopus: Referat über Paragr. 1-4 für die Predigerrüstzeit. Dez. 1953


Referat über Die SEELSORGE nach
Eduard Thurneysen Paragr. 1-4


Ed. Thurneysen gibt ium ersten Abschnitt, der
4 Paragr. umfasst, eine eingehende Begründung
der SEELSORGE im Raume der Kirche. Es kann sich
ja alles Tun in der Gemeinde nur dann als legi-
tim erweisen, wenn es sich dem Evangelium ge-
mäss erweist oder anders ausgedrückt, wenn das
Tun der Gemeinde sich als ein vom Herrn befoh-
lenes Tun erweist. Von daher ist auch mit allem Recht die
theologische Frage der Begründung der
Seelsorge zu stellen. Diese Frage wird zu beant-
worten gesucht im Paragr. 1, der die Überschrift
trägt:
SEELSORGE ALS THEOLOGISCHES UND KIRCHLICHES
PROBLERM.
Der Leitsatz lautet:
"Seelsorge findet sich in der Kirche vor als Aus-
richtung des Wortes Gottes an den EINZELNEN. Sie
ist wie alles rechtmässige Tun in der Kirche be-
gründet in der Lebendigkeit des der Kirche gege-
benen Wortes Gottes, das darnach verlangt, in
menschlicher Gestalt ausgerichtet zu werden."
In der Entfaltung dieses Leitsatzes beginnt der
Verfasser mit der Feststellung, dass die Seelsor-
ge in der Kirche eine feststehende immer geübte
Tätigkeit ist. Bevor Thurneysen nach ihrer Recht-
mässigkeit fragt, zeigt er auf, dass die theolo-
gischen Lehrbücher die Seelsorge als zur Disziplin der PRAKTISCHEN
THEOLOGIE gehörig einordnen. Damit wird gesagt, dass es in der
Seelsorge um Verkündigung, um Predigt im weitesten Sinne geht.
In einem Exkurs wird eine Gesamtschau der theo-
logischen Disziplin gegeben in ihrer Beziehung zum für alle
Theologie verbindlichen Worte
Gottes. Dabei wird herausgestellt, was für die
praktische Theologie bedeutend ist, das Ausrich-
ten in actu der einen Wahrheit in den verschie-
denen Akteb des kirchlichen Tuns. Damit ist dann
gegeben, dass die praktische Theologie, die sich
mit der Predigt im weitesten Sinne beschäftigt,
selber vielgestaltig ist.
Da haben wir die im eigentlichen Sinne. Mit der
beschäftigt sich die HOMILETIK-LEHRE VON DER
PREDIGT. Wo gepredigt wird, da werden auch not-
wendiger Weise die Sakramente verwaltet. Da wird
gesungen und gebetet. Mit diesem b egleitenden
Handeln beschäftigt sich die LITURGIK. Sie um-
fasst die Lehre vom Gottesdienst mit der Lehre
vom rechten Verwalten und Austeilen der Sakra-
mente. Die KATECHESE hat es zu tun mit der zur
Verkündigung hinführenden Vorbereitung der Kinder
und Jugebdlichen im Ubterricht, obwohl man auch
schon sagen muss, dass sich auch in einem solchen Tun Verkündigung
ereignet. Es kann dann ebenfalls
nicht ausbleiben, dass da, wo das Wort Gottes
laut wird, der ganze Mensch von Jesus Christus
in Beschlag genommen und zum Dienst gerufen wird.
So wird innere und äussere Mission und Evangeli-
sation betrieben. Damit beschäftigt sich die
LEHRE VON DER MISSION UND EVANGELISATION im
weitesten Sinne. Zur praktischen Theologie ge-
hört ferner die
LEHRE VON DER FUNKTION DER GEMEINDE,
von ihrem Aufbau und Ausbau (GEMEINDELEBEN) und
endliche die
LEHRE VON DER SEELSORGE.
In aller Vorläufigkeit wird festgestellt, was
unter Seelsorge zu verstehen sei:
EINE SPEZIELLE AUSRICHTUNG DER IN DER GEMEINDE-
PREDIGT SOZUSAGEN GENERELL, d.h. AN ALLE VER-
KÜNDIGTEN BOTSCHAFT AN DEN EINZELNEN.
Die Betonung liegt auf "an den EINZELNEN". Ver-
gessen darf aber nicht, dass
a) die Seelsorge die Predigt und das Sakrament
nicht ersetzen darf, sondern sie nur begleitet.
Sie ist nur Zeichen für das, was die Gemeinde
in Predigt, Taufe und Abendmahl, empfangen hat.
Aber dennoch bleibt es nötig und geboten, Seel-
sorge als Verkündigung in einer privaten Ge-
stalt auszurichten.
Der Lutheraner Wilhelm Löhe hat das Wort
PRIVATSEELSORGE geprägt.
b) Vergessen werden darf nicht, dass die Seel-
sorge nicht nur vom beamteten Prediger zu üben
ist, sondern die GANZE GEMEINDE ist daran be-
teiligt und dazu aufgerufen.
Betont wird dieses in besonderer Weise von
Bucer in seinem 1538 erschienenen Büchlein
VON DER WAHREN SEELSORGE;
Calvin lässt die Hausbesuche der Ältesten zu einer festen
Einrichtung werden.
Mit den bisherigen Ausführungen haben wir nur
klargelegt die Tatsache, dass durch alle Zeiten
hindurch in der Kirche Seelsorge getrieben wur-
de. Damit ist aber noch keineswegs die echte
Begründung der Seelsorge gegeben. Allgemein be-
gegnet man eine gewisse Zurückhaltung, wenn es um die theologische
Begründung der Seelsorge geht,
Für Wilh. Löhe ist die Seelsorge nur ein loses
Anfügen an die Predigt, an die Liturgie und an
die Sakramente.
CHRISTIAN PALMER sagt, dass er durch die Predigt, wenn nicht
unmittelbare, so doch mittelbare
Seelsorge ausübt. Das sogenannte seelsorgerliche
Gespräch beschränkt er auf die grossen Anlässe
der Beichte und der Kasualien. Ähnliches ge-
schieht in der SEELSORGE vin HANS ASMUSSEN, der
Seelsorge berechtigt hält bei den Anlässen der
Taufe, Ehe, Trauerfällen, bei Besuchen von Kranken und Sterbenden.
Hans Asmussen befindet
sich damit im Raum der älteren Tradition der
lutherischen Kirche. August Vilmar, zum Beispiel,
beschr:ankt die Seelsorge auf das Amt des
Pfarrers und der Kirchenältesten und sieht ihr
Anlass in der Pflege der christlichen Zucht in
Familie und Gemeinde.
KLAUS HARMS beschränkt die Anlässe zur Seelssorge
ebenfalls auf Unterredungen mit solchen, die we-
gen besonderer Vorfälle besonderen Zuspruch
nötug haben und ihn erwarten. Bei diesen Genann-
ten in ihrer Einstellung zur Seelsorge kommt leicht die Frage: Ist
das über die Predigt,
Abendmahl, Beichte und Gebet hinausgehende Werk
Privseelsorge vielleicht kein legitimes Werk und
damit nicht weiter zu vertreten?
Die Zurückhaltung in der Handhabung der Seelsorge
ist allerdings restlos aufgegeben bei den Vertre-
tern des PIETISMUS. Der Pietismus ist ja geradezu
gekennzeichnet durch die Forderung nach Privat-
seelsorge. Selbst bei der Ausrichtung der Bot-
schaft des Evangeliums ging es immer um den
EINZELNEN, während LÖHE und VILMAR den Einzelnen
aufgehoben sah in der Gemeinde. Für den PIETISMUS
steht der einzelne erweckte und bekehrte Christ
im Mittelpunkt, die Gemeinde existiert nur als
Summe dieser erweckten Christen. Thurneysen sieht
den Pietismus bei SPENER uns Francke und auch bei Zinzendorf als
Seelsorgebewegung, als das Stürmische in die Kirche einbrechende
Verlangen
nach Pflege der Einzelseele durch Einzelgespräche
und Einzelanrede, damit bekommt der ganze pfarr-
amtliche eine andere Ausrichtung, die unter
folgenden Stichpunkten zusammengefasst werden kann:
Hausbesuche des Pfarrers,
Besuch des Gemeindegliedes beim Pfarrer,
briefliche Seelsorge -Gerh. Tersteegen-,
mehrheitliches Gespräch in Form der
Privatvers.-Konventikel-,
auch dass die Schrift ausgelegt wird und
dabei geht es doch immer um das Aus-
sprechen der eigenen persönlichen Er-
fahrungen, die der ERFAHRENE UND
BEKEHRTE mit dem Worte gemacht hat.
Es ist eine gewollte und bewusste Pri-
vatisierung der offenen Verkündigung in
der Gemeinde. Es kommt zur Bildung soge-
nannter Kerngemeinden.
Es gibt Geographien der grossen pie-
tistischen Pfarrerseelsorger (ein Mittel
der Seelsorge im Sinne der Einwirkung
des Einzelnen auf den Einzelnen). Oft stand der
Pietismus in Opposition gegenüber der ordentlichen Predigt der
Kirche. Sie genügt
nicht mehr.
Es ist nur zu verständlich, dass LÖHE. VILMAR
und CLAUS HARMS sehr ablehnend dem PIETISMUS als
diese so geartete Seelsorgebewegung gegenüberstanden. Es ging
dabei nicht um eine
Ablehnung der Seelsorge überhaupt, sondern es
ging um die Ablehnung der Verschiebung des Ge-
wichts auf die Aussprache seelischer Zustände, das geistliche
Drängen und der Weg selbstgemachter Heiligkeit. Es ist die Sorge,
dass Wort und Sakrament zurückgedrängt werden.
Die Situation ist nun die, dass durch den Pie-
tismus die Seelsorge in den Vordergrund gerückt
ist. Aber auf Seiten der Kirche bbegegnet ihr eine gewisse
Zurückhaltung, aber dabei einigermassen ratlos, wie man sich
verhalten soll.
So ergibt sich mit aller Dringlichkeit die Frage nach der
Legitimität der Seelsorge. Gibt es also eine legitime Gestalt der
besonderen Seelsorge?
Thurneisen gibt als Bedingung an,
DASS EINE LEGITIME SEELSORGE EINE SEELSORGE SEIN
MUSS< DIE GRUND UND IHR RECHT IM WORTE GOTTES HAT
UND DIE DARUM IM RAUM DER AUF DIESES WORT SICH
GRÜNDENDEN KIRCHE UNABDINGBAR AM PLATZE WÄRE.
Gibt es eine solche Seelsorge und wie sieht ihr
Grund und ihre Gestalt aus?
Das Kriterium für legitime Seelsorge muss gegen-
über der Vergangenheit angesetzt werden. Dieses
Kriterium hat bei der Auseinandersetzung der damaligen Gegner des
Pietismus mit dem Pietismus
keine Rolle gespielt, aber im letzten Grunde meinen sie es auch.
Sie bejahen durchaus die
Seelsorge, aber Seelsorge durchs Wort und seine Verkündigung; sie
bejahen durchaus auch die Ein-
zelseelsorge, aber auch da muss es durch das
Wort geschehen. Meint nun der Pietismus nicht
das Wort? Selbstverständlich, allerdings steht das in der Bibel
geoffenbarte Wort Gottes nicht mehr als das grosse Objektive
gegenüber, vor dem
der Glaubende als sein Hörer zu verharren hat.
Es geht dem Pietismus um die Verwandlung des
Objektiven in die Subjektivität der Frömmigkeit der Menschen, es
geht um die Erlebbarkeit des Wortes Gottes in der Seele des
Einzelnen, es geht
um die Umsetzung und Verwandlung des Wortes in
das Eigentum der nach ihm verlangenden Seele.
Das setzt aber ein Vermögen des Menschen voraus.
Und bei den Anweisungen der pietistischen Seel-
sorge handelt es sich darum, die Fähigkeit dafür auszubilden,
dieses Wort aufzunehmen. Sie will
Menschen heranziehen, die durch solche Anleitung geistsliches
Leben in sich erzeugen können.
So bleibt nicht mehr die Gemeinde und das ihr anvertraute Wort das
Erste und das Letzte, sondern das Interesse richtet sich auf den
durch
das Wort erweckte Einzelne und seine Frömmigkeit.
Verständlich, dass dagegen scharf Front gemacht werden musste.
Allerdings kann damit nicht gesagt werden, dass
damit das Anliegen der Seelsorge erledigt wäre. Denken wir daran,
dass auch die Reformation, der die Objektivität des Wortes alles
bedeutete,
Seelsorge betrieben hat, ja, Reformation kann doch sogar als eine
Seelsorgebewegung angesehen
werden.
Es bleibt dabei:
Seelsorge muss geübt werden, aber Seelsorge, bei
der das Wort Gottes als das grosse Gegenüber zu aller menschlichen
Frömmigkeit die Alleingeltung behält und der Mensch nicht mehr
aufhört, sein Schüler zu sein.
(Meine Anmerkung zum Paragr. 1:
Obwohl ich mit dieser Schlussfolgerung und Begründung durchaus
einverstanden bin, fehlt doch
in dem Paragr. 1 die Beweisführung für diesen
Schlusssatz.)



Paragr. 2

SEELSORGE ALS KIRCHENZUCHT


Leitsatz:
SEELSORGE IST EIN MITTEL, DAS ZUM ZIELE HAT, den
Einzelnen, da ihn ja Gott nicht preisgeben will,
zu Predigt und Sakrament und damit zum Worte
Gottes zu führen, ihn in die Gemeinde einzuglie-
dern und dabei zu erhalten. So verstanden ist sie ein Akt der
HEILIGUNG und der ZUCHT, durch den
die Gemeinde in ihrer sichtbaren Gestalt erbaut und lebendig
erhalten, und der Einzelne vor seiner geistlichen Verwahrlosung
und Verderbnis gerettet und bewahrt wird.
Thurneisen nimmt, um Ziel und Wesen einer in Gottes Wort
begründeten Seelsorge deutlich zu machen, den Begriff der
Seelsorge auf. Er sagt,
dass in besonderer Weise die reformatorischen Väter der
reformierten Kirche, die KIRCHENZUCHT
von der katholischen Kirche übernommen haben,
aber vollständig neu umgestalteten.
Die Kirchenzucht ist das grosse Mittel, durch das
sich die Gemeinde um Wort und Sakrament sammelt, rein und lebendig
erhalten werden soll.Was CALVIN
dazu sagt (Inst.1559, 4. Buch Kap. XIII, I), läuft darauf hinaus,
was wir zunächst als Seel-
sorge verstanden haben: PERSÖNL. EINZELERMAHNUNG.
Diese persönliche Einzelermahnung weiss Calvin aber stark
unterschieden von der Predigt und den Sakramenten. Das Wort Gottes
und seine Austeilung in Predigt und Sakrament ist die Seele der
Kirche, aber sie erfordern mit innerer Notwendig-
keit das Hinzutreten persönlicher Einzelmahnung.
Und hier ist, so merkt der Verfasser an, schon das Anliegen des
Pietismus bereits aufgenommen, aber zugleich das Anliegen Löhes
und Vilmars völlig Rechnung getragen, dass das Wort allein die
Seele der Kirche ist und bleibt.
Bei Calvin tritt ein in sichtbarer Ordnung und
möglichster Reinheit erscheinende Gemeinde zu Tage.
Gottes Gnade bekommt in seiner Gemeinde auch immer sichtbare
Gestalt er fordert dazu auf. Es geht ihm um das Ereigniswerden der
Gnade in der sichtbar auf den Plan tretenden Gemeinde, während
Martin Luther einseitig daran festhält:
Wort und Glaube allein sind das Fundament
der Kirche und ihr einziger Inhalt.
Beispiele dazu:
Luther: Wir Menschen können wohl Bischöfe
weihen und Pfaffen machen, aber
der Heilige Geist allein macht
rechte Prediger. Tut er das nicht,
so ist er verloren.
Calvin könnte das auch sagen, würde aber beifü-
gen: Aber darum sollen wir hingehen und
solche rechten Prediger nun wirklich
werden wollen und andere dazu rufen.
Solche rechten Prediger, die aus dem
Geist geboren sind, sollen sich finden
unter uns. Wir sollen alles dazu tun,
um sie auf den Plan treten zu lassen.
Für Calvin war das Wirken des Geistes, der alles vollbringt und
der durch diesen Geist gewährte
Dienst des Menschen kein Gegensatz. Auf das Wirken Gottes in Wort
und Sakrament folgt die
Antwort der Gemeinde in einem bestimmten Tun.
Ein erstes Zeichen dieses Tuns ist nach Calvin
die Kirchenzucht. Das bedeutet:
Die Kirche wacht darüber, dass die vom Wort und
Sakrament ausgehende Kraft in den Gliedern wirklich wirksam wird.
Sie kann nicht zusehen,
dass Wort und Sakrament da sein sollen, ohne dass das von ihnen
ausgehende Leben sich wirklich su regen beginnt. Sie geht dem
Einzelnen nach und vermahnt ihn.
Im letzten Grunde sagt dann Martin in den Schmal-
kaldischen Artikeln vom Evangelium nichts anderes:
Gott ist reich in seiner Gnade, erstens
durchs mündliche Wort, darin wird gepre-
digt Vergebung der Sünden in alle Welt;
zum andern durch die Taufe, zum dritten durchs
Heilige Sakrament des Altars, zum vierten
durch die Kraft der Schlüssel und auch
permutuum colloquium et consolationem
fratrum.
Also auch Luther fordert hier das Werk der Seel- sorge.
In Abgrenzung zur katholischen Kirche muss aber
festgehalten werden, dass die Seelsorge keine Selbständigkeit
erhalten darf, sondern verbunden
bleibt mit Wort und Sakrament. Es darf und kann keine Gemeinde
geben, in der das Gespräch von Mann zu Mann wichtiger wäre als
Predigt und Abendmahl. Trotzdem bleibt es dabei, nach Meinung der
Väter, dass seelsorgerliche Kirchenzucht eine Ordnung ist, die die
Kirche in irgendeiner Form ausrichten muss, insofern sie das Wort
ihres Herrn gehört hat. Wo keine Kirchenzucht wäre, wäre gar keine
wirkliche Gemeinde.
Wir denken daran, was schon gesagt worden ist, dass das Wort und
Sakrament Leben schafft und da Gott nicht ein Gott der Unordnung
ist, wird auch das Leben, das er schafft und das in der Gemeinde
Gestalt findet, eine Ordnung geben. Er fordert die Gemeinde auf,
sich diese Ordnung zu geben.
Nun gilt es auch, dass in Gesprächen von Mann zu
Mann danach gefragt wird, wie es mit der Verant-
wortung gegenüber dieser Ordnung, mit dem Leben
aus Gott, bestellt ist, gleichzeitig als Frage,
ob er die lebenspendende Botschaft gehört habe.
Zum Beispiel:
Es wird vom Gemeindeglied gefordert,
dass es durch das Zeichen der Teil-
nahme am Gebet und am Lesen der Schrift
bezeuge, dass er zur Gemeinde des Wor-
tes Gottes gehöre. Er wird nach Gebet
Schriftgebrauch gefragt werden und sich
darüber zu verantworten haben.
In der Gemeinde sind auch solche, die gleichgül-
tig und ablehnend sind, solche, die die Gemeinde zerstören und
Irrlehren anhangen. Diese müssen
ebenfalls un ihrer Seelen Seligkeit willen nach ihrem Tun gefragt
werden, damit sie nicht verlorengehen.Wir haben nun so den Begriff
Seel-
sorge durch den Begriff Kirchenzuch bestimmt und erklärt und damit
eine grössere Weite gegeben.
Jetzt geht es nicht um irgendeine undurchsichtige Seelenpflege, um
einen Eudämonismus; sondern eine Plattform ist uns gegeben, auf
der wir allein nur
stehen können, auf der wir allein nur Seelsorge
üben können, nämlich: die GEMEINDE.
Auf dieser Plattform allein kann es dann auch nur
eine Möglichkeit des Heils geben, nämlich das
Heil, das uns in Jesus Christus in seinem Wort
und Sakrament geschenkt werden will.
Diese Seelsorge setzt die Gliedschaft zur Gemeinde voraus und
bewahrt sie und führt die
Gefallenen wieder zurück. Im Unterschied zum
Katholizismus kann diese Seelsorge geübt werden
von Glied zu Glied in der Gemeinde. Sie ist nicht an den
Amtsträger gebunden.
Mit dieser Bestimmung durch Gemeinde und Heil in
Christus durch Wort und Sakrament ist alles Abgleiten ins Uferloe
verhindert.
Thurneysen deutet auch noch an, dass die Heilige Schrift selbst
eine Fülle von Einzelmahnungen und Einzeltröstungen enthält.
Leider ist dieser Teil meines Erachtens zu kurz gekommen. Aber
TThurneysen bleibt bei Einzelbeispielen nicht stehen, sondern
sagt, dass es zum Wesen des Wortes Gottes in seiner prophetischen
und aposto-
lischen Gestalt gehört, zu einer Anrede an Einzelne kommen zu
lassen, damit ist für ihn be-
gründet, dass Seelsorge im Worte Gottes selbst begründet ist.
Als letztes wird auch gesagt, dass zur Seelsorge der Geist Gottes
gehört, der das Wort Gottes erst lebendig macht, Ziel aber aller
Seelsorge ist:
Menschen für das Reich Christi und
seine Gemeinde auf Erden zu gewinnen.




Paragr. 3


DIE SEELE DES MENSCHEN ALS
GEGENSTAND DER SEELSORGE

Leitsatz dazu lautet:

SEELSORGE IST SORGE UM DIE SEELE
DES MENSCHEN. DIE MENSCHLICHE SEE-
LE ABER< UM DIE ES IN DER SEELSORGE
GEHT IST NICHT NUR DAS SELISCHE
AM MENSCHEN, SONDERN SEELE IST
NACH DER HEILIGEN SCHRIFT ZU VER-
STEHEN ALS DIE PERSONALE GANZHEIT
DES MENSCHEN NACH LEIB< SEELE UND
GEIST UNTER DEM ANSPRUCH GOTTES.
DIE ERKENNTNIS VON DER EXISTENZ DES
MENSCHEN VOR GOTT HAT IHRE BEGRÜNDUNG
IN DER MENSCHWERDUNG JESU CHRISTI.
NACH IHR BESTIMMT SICH SICH DIE AUF-
GABE DER SEELSORGE ALS HEILIGUNG DES
GANZEN MENSCHEN FÜR GOTT.
Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man sich
zuerst klar werden muss, was es um die Seele ist, für die gesorgt
werden will. Als theologische Frage steht von vornherein fest,
dass die Antwort nur allein aus der biblischen Anthropologie ge-
nommen werden kann. Entscheidend für unsere Be-
trachtung ist 1.Mose 2, 7
"Und Gott der Herr machte den Menschen
aus einem Erdenkloss und er blies ihm
ein den lebendigen Odem in seine Nase
und also ward der Mensch eine lebendige
Seele."
Von daher folgert der Verfasser, dass
1. der Mensch aus Leib und Seele besteht, die wohl unterschieden.
aber
nicht getrennt werden können, sondern eine Einheit, eine
Ganzheit
bleiben.
Dieser Mensch in seiner Einheit von Leib und Seele wird
als
LEBENDIGE SEELE bezeichnet. Diese Einheit von Leib und
Seele
schafft der RUACH, der Geust Gottes.
2. Der Mensch lebt sein Leben als ein von Gott GELIEHENES Leben =
Gott blies sein Lebensodem, damit wird die Geschöpflichkeit
des
Menschen zum Ausdruck gebracht, sowohl der Leib als auch die
Seele
fallen darunter, sie ist keine Emanation Gottes. (Warum in
einem
Exkurs unbedingt die Unsterblichkeit der Seele festgehalten
werden
muss, bleibt mir unverständlich, auch nicht genügend
untermauert.
3. Der Mensch steht nicht allein. Er ist eine Kreatur neben
anderen
Kreaturen. Was ihn unterscheidet, ist in 1. Mose 1, 26-27 zum
Ausdruck gebracht = EBENBILD GOTTES.
Der Mensch erhält als Bild seines Schöpfers, der ICH BIN
heisst,
auch die Prägung des Personhaften, der Mensch ist auch ein
ICH,
allerdings ein von verliehenes ICH. Dadurch wird das möglich,
was
er mit der Erschaffung des Menschen im Auge hatte, dass Gott
dem
Menschen entgegentritt: ICH UND DU. In diesem ICH UND DU liegt
es,
dass Gott, dass Gott deb Menschen anredet und der Mensch Gott
antworten kann. Die Stelle, an der der Mensch durch den Anruf
Gottes getroffen wird, ist seine Seele als das Personhafte des
Menschen.
Thurneysen fragt, ob in Anlehnung an 1 nicht besser von einer
Drei-
teilung des Menschen geredet werden müsste.
a) Leib b) Seele = der Kratürliche Ort des Menschen, an dem das
Ansprechen und das verantwortliche Werden des Menschen sich
ereignet;
c) Geist = PNEUMA = Benennung für den Anruf Gottes und das darin
gründende
verantwortliche Stehen des Menschen vor Gott. Die Heilige Schrift
ist in
der Schau nicht einheitlich.
Jedenfalls ist das das Besondere in der biblische Anthropologie,
dass sie
die Zweiteiligkeit des Menschen zwar aufnimmt (damit in
Übereinstimmung
mit der biblischen und der prophet. Anthropologie), aber dabei
nicht
stehen bleibt, sondern fragt,
OB DER MENSCH IN UND MIT SEINER INNEREN UND ÄUSSEREN NATUR, IN UND
MIT
ALS LEIBSEIN UND SEELSEIN UNTER GOTTES ANSPRUCH LEBT ODER NICHT.
Lebt er darunter, so ist er zum geistl. (pneumatischen) Menschen
geworden,
andernfalls ist er der leibliche Mensch, der seine Bestimmung
nicht erfüllt. Er bekommt sein Gegenüber nicht zu Gesicht. (Die
natürliche Anthropologie unterscheidet dann nur zwischen
göttlichem Bereich und dem dämonischen
Bereich, weiter kann sie nicht gehen. Aber für die theologische
Anthro-
pologie sind das nicht die letzten Werte. Die natürliche
Anthropologie
ist ein Verstehen aus sich selbst heraus.)
Es wird dringlichst gewarnt, eine Synthese zwischen natürlicher
und geistlicher Erkenntnis
zu schaffen, in der das strenge Gegenüber von
Gott und Mensch aufhört (MYSTIK), niemals darf
die Gottebenbildlichkeit in diesem Sinne aufgelöst werden. Es
bleibt dabei, dort der
Schöpfer und hier das Geschöpf.Allerdings eine Synthese zwischwn
Gott und Mensch ist vorhanden als Gottes eigene Tat, die
menschliche Natur be-
kommt einen göttlichen Anstrich.
DIE MENSCHWERDUNG DES SOHNES GOTTES.
Aber mir bleibt doch die Grenze zwischen zwischen
Schöpfer und Geschöpf bewahrt. In Jesus Christus
bleibt Gott Gott und Mensch Mensc h.
Jesus Christus ist darum das erste und das letzte
Wort aller wirklichen menschlichen Erkenntnis.

4. ES KANN VON EINEM EINSWERDEN GOTTES MIT DEM
MENSCHEN IN JESUS CHRISTUS NICHT GEREDET WER-
den, OHNE AUF DIE LETZTE BESTIMMUNG DES
MENSCHEN ZU STOSSEN:
G N A D E.

Gnade heisst: Nochmaliges und endgültiges Anru-
fen des Menschen von Gott. Er steht jetzt aber vor Gott als ein
Sünder, der die Vergebung empfängt. (Zwischen uns und Gott steht
nicht nur der Akt der Schöpfung. sondern das dunkle Rätsel unserer
Sünde mit der Zerstörung der Verbundenheit mit Gott,)
Über der Sinnlosigkeit seines Lebens geht wieder
neu die Treue Gottes auf, obwohl wir gesündigt haben. In der
Vergebung der Sünden durch das Gnadenwort Gottes lebt der Mensch
wieder als der nach Leib und Seele von Gott Aufgerufene sein
Leben und erfüllt damit seine Bestimmung.
Das bedeutet, dass unsere Erkenntnis vom Menschen
Gnadenerkenntnis ist. Was wir über den Menschen wissen, das wissen
wir durch Jesus Christus, in welchem Gottes Gnadenwort an uns
ausgeht. Er,
Jesus Christus, ist ja das wahre Ebenbild Gottes.
Von daher ist biblische Anthropologie immer christliche
Anthropologie.

ZUSAMMENFASSUNG

In einer Zusammenfassung sagt Thurneysen, dass
der Mensch zu betrachten ist als ein Geschöpf
Gottes, als sein Ebenbild. Durch das Wort der Gnade in Jesus
Christus. Dieser Mensch ist der Gegenstand der Seelsorge, darum
ist die Kenntnis
von diesem Menschen der Ausgangspunkt einer
rechten Lehre von der Seelsorge. Dieser Mensch in seiner Grösse
und seiner Tiefe muss den Seelsorger beschäftigen, wenn er ihm
helfen will.
Rechte Rechte Erkenntnis aber verschafft allein
die Heilige Schrift. In seiner Verlorenheit, aber auch in seinem
Angenommensein durch Jesus Christus wird der Mensch sichtbar. Die
Verkün-
digung des Wortes ist darum das A und das O aller echten
Seelsorge. Der Mensch ist geschaffen als
Person, darum ergeht diese Verkündigung auch von Person zu Person,
sie hat die Gestalt des Gesprä-
ches. Der Inhalt des Wortes ist Vergebung durch
Jesus Christus. Diese Vergebung muss in der Seelsorge ausgerichtet
werden. Sie gilt dem gan-
zen Menschen in seiner Einheit von Leib und Seele. Die Zurücknahme
des Menschen aus dem Bereich des Todes in den Bereich der Gnade
bezeichnen wir als HEILIGUNG, d.h. der Mensch wird in der
Vergebung der Sünde von Gott beschlagnahmt. Er empfängt ein neues
Leben. In diesem neuen Leben hört er GOTTES Wort als
GEBOT, das ihn zum Gehorsam aufruft.


Paragr. 4

DER KAMPF UM DAS VERSTÄNDNIS DES
MENSCHEN IN DER SEELSORGE.

Leitsatz:

Die der Heiligen Schrift entnommene Erkennt-
nis von der Existenz des Menschen vor Gott
ist umstritten. Es stehen ihr andersartige
Auffassungen vom Menschen gegenüber. Lehre
und Praxis der Seelsorge werden aber eine
grundlegend andere Gestalt annehmen, je
nach dem Menschenverständnis, das vorausge-
setzt wird. Am Verständnis des Menschen
fällt die Entscheidung "ber das Wesen der
Seelsorge.

PIETISMUS
Der Pietismus will dieses keinesfalls ent-
schieden ALLEIN AUS GBADEB durchstreichen,
aber er vollzieht dennoch eine Verschiebung
des Gewichts vom Tun Gottes in Christus weg
auf den Menschen hin an dem sich dieses Tun
ereignet. Das Interesse an der HEILIGUNG
wird riesengross. Es gilt nicht mehr die
Heiligung als eine gewisse Unterstreichung
der RECHTFERTIGUNG, sondern jetzt heisst es
Rechtfertigung und Heiligung. Dabei kommt es
zu einer Verschiebung von Gott weg auf den
Menschen.
Beispiel: ZINZENDORF: DAS TAT ICH FÜR DICH,
WAS TUST DU FÜR MICH?
Und gerade die Seelsorge wird im Pietismus
der Ort, wo die Verschiebung deutlich zum
Ausdruck kommt. Seelsorge wird selbständig,
selbst löst sie sich zwar nicht von Predigt
und Sakrament, aber sie tritt doch ihr mit
stärkstem Eigengewicht zur Seite.
Das Schwergewicht zur menschlichen Seite hin
hat schwerwiegende Folgen. Redet man von der
Heiligung, dann redet man vom Kampf zwischen
der Macht der Vergebung und der Macht der
Sünde. Legt man dabei das Gewicht auf den
Menschen, dann hat man Christus ausgeschal-
tet. obwohl man ihn dabei nennen kann.
Dann hat man Christus und sein Werk identi-
fiziert mit dem eigenen Tun, Die Vergebung
ist nur noch ein offenes Tor, durch das man
schreitet, um auf dem Wege der Heiligung zu
einer immer grösser werdenden Entsündigung
zu kommen. Der Seelsorger hat dabei die Auf-
gabe, als Leiter und Führer diesen Prozess
der fortschreitenden Entsündigung bei den
ihm Anvertrauten in Gang zu bringen und zu
überwachen. Für die Reformatorem hörte der
Sünder auch durch die Vergebung nicht auf,
SÜnder zu srin. Heiligung bedeutet, jeden
Tag in der Vergebung wissen um mein Sünder-
sein: Simul justus, simul peccator. dieses
schliesst nicht aus den Kampf den Kampf
gegen die Sünde, er ist sogar gefordert,
erist aber nicht ein Zweites, dass der Ver-
gebung erst folgt und sie ergänzt. Dieser
Kampf ist die Form, in welche die Vergebung
sich kleidet. Durch das immer neue Ergrei-
fen der Vergebung flieht und hasst man die
Sünde. So erlangt man gewiss auch immer
wieder den Sieg über konkreten Sünden, aber
solcher SIEG ist dann nicht eib Zeichen mei-
ner eigenen fortschreitenden Entsündigung,
sondern Zeichen der in Christus Jesus ge-
schenkten Vergebung aller Sünden.
Von daher ist auch die Ablehnung der pie-
tistischen Seelsorge durch Löhe und Vilmar
zu verstehen. An Hand von 2 seelsorgerlichen
Briefen von G. Tersteegen und Wilhelm Löhe wird
der gewaltige Unterschied aufgezeigt.
Bei Tersteegen: Der Begriff der Seele ist nicht
aus der Schrift genommen, innerliche Vorgänge
werden beschrieben, kein Hinweis auf die Heilige
Schrift, kein Wort von dem Sieg, den Jesus Christus über die Welt
errungen hat.
Im letzten Grunde bleibt der Mensch allein gelas-
sen mit sich selbst und seinem seelischem Er-
leben.
Bei Löhe: Tröstung durch Erinnerung.
Du bist ein Glied der Gemeinde Jesu
Christi.
Keine Hinweise auf die eigene seeli-
sche Kraft. Verweist darauf, dass den
Kampf Jesus Christus allein entschei-
den kann. Es geht auch um die Ganz-
heit des Menschen nach Leib und Seele.
Nahe Verbindung von Pietismus und Katholizismus:
Nach katholischer Gnadenlehre ist in jedem Men-
schen noch ein guter Kern. Daran kann die Gnade
Gottes anknüpfen. Die Leitung zwischen Gott
und Mensch ist durch den Fall wohl zerknickt,
aber nicht durchgerissen. Der Sitz des Guten, an
das Gptt anknüpfen kann, ist eben die Seele oder
der Geist. Aufgabe der Seelsorge ist nun, die
in der Seele schlummernden Kräfte aufzuwecken. Sie hat das
seelische Vermögen zu aktivieren,
damit sich der Mensch der Gnade Gottes entgegen-
strecke.
Belege: Die Exerzizien des Ignatius von Loyola.
Wir brauchen demgegenüber nur anzudeuten die
totale Verderbtheit des ganzen Menschen aus Leib und Seele, wie
sie gesehen wurde von den Reformatoren M. Luther und Johannes
Calvin.


Moderne Seelenpflege und Seelenleitung.

Sie findet sich ausserhalb der Kirche vor, greift aber tief in die
Kirche ein. Normalerweise ist der Mensch von heute durchaus damit
vertraut und erwartet von dem Seelsorger, dass er in dieser Weise
helfen möge.
Der Mensch sieht sich seit einigen Jahrzehnten
durch die völlige Strukturwandlung des Abend-
landes in einer gewissen Verwahrlosung vor. Er
ist mit Dingen, die bis an die Seele hineinragen, nicht fertig.
Könnte die Kirche nicht helfen?
Zum grössten Teil nicht, weil ja die seelische Verwahrlosung mit
darin bestand, die Bindung an die Kirche zu lösen.
Schwere seelische, neurotische Störungen sind
bis auf den heutigen Tag die Folgen.
Es sind Psychologen wie Jung und vor ihm schon
Sigmund Freud, die das feststelltyen. Aber wäh-
rend diese Psychologen von Neurosen sprechen, sprechen die beiden
Blumhardts, die doch auch
den seelisch zerbrochenen. kranken Menschen ihrer
Zeit sahen, von
UNVERGEBENER SCHULD.
Ausserhalb der Kirche setzte, nach dem die Welle der
Materialistischen und naturalistischen Welt-
anschauumng abzuflauen begann, eine sehr intensi-
ve Beschäftigung mit den Problemen des seelischen
Lebens. Wir nennen nur die Bestrebungen der
Psychologie,
Psychiatrie.
Psychotherapie.
(Ich verweise auf Theol. Existenz Nr. 25,
Thurneysen "sEELSORGE UND pSYCHOTHERAPIE".)
Daneben gibt es ja zahlreiche Führer, Denker,
Pfleger und Helfer, die sich den Menschen als
Helfer der Seelen anbieten:
JOHANNES MÜLLER und RUDOLF STEINER.
Hier liegt von vornherein die Verschiedenheit zur biblischen
Seelsorge in der Vertretung einer
eigenen Anthropologie. Irgendein Funke, eine
religiöse Anlage, ein göttliches Licht wohnt im
Menschen und wartet darauf, zur Entfaltung gelangen zu können.
Seelsorge unter dieser Vor-
aussetzung heisst die Bemühung um die Entfachung
und Erweckung des eigenen Selbst, das im eigent-
lichen Sinne als göttlich verstanden wird.
Es gibt keine Verbindung zur biblisch-theolo-
gischen Seelsorge.
Der, der heute zu uns kommt, kommt in den meisten Fällen zu uns,
um sich die Seele als das gött-
liche Teil erwecken zu lassen, um eine Hilfe auf moralischem,
mystischem oder intellektuellem Wege zu erlangen. Er will ein
bisschen Seelenpflege,
aber nicht Vergebung seiner Schuld. Bald schon
wird das Gespräch seine Grenze erlangen und wir
werden ihn ausschliesslich und allein auf die
Heilige Schrift verweisen und das Gebet.(Kommt
es nicht dazu, bleiben wir in den ersehnten Bahnen als der unser
Gesprächspartner wünscht,
dann sind wir unserer Aufgabe untreu geworden.)

Natürliche Theologie.
Wir wissen ja, welche verheerenden Folgen der
Einbruch der natürlichen Theologie im Neupro-
testantismus gehabt hat. In der natürlichen
Theologie geht es darum. dass die Gottes Er-
kenntnis aus 2 Quellen geschöpft wird, aus der
Offenbarung und der Vernunft, aus der Heiligen
Schrift und aus dem im Menschen fliessenden Quelle eigenen
Denkens, Erfahrens und Erlebens.
Dieser 2. Quelle im Menschen wird eine gewisse
göttliche Natur beigelegt. Diese Anthropologie
hat selbst auch eine entsprechende Seelsorge im
Gefolge: Eine vom vom Wort abgewendete, nicht an die die Schrift
gebundene, wesentlich mystische oder moralische SEELENLEITUNG
(keine Seelsorge).
Wie solche Seelenleitung aussieht, kann man aus
dem Werk von Daniel Benoît "...........Spirituelle et
Protestantisme"
ersehen.
Gegen die natürliche Theologie hätte sich eigentlich die Kirche zu
Wehr setzen müssen.
Einige haben es auch getan:
Wilhelm Löhe
Claus Harms
Blumhardt, der Ältere und der Jüngere
Bezzel
Kohlbrügge
P.Geyser.
Allerdings hat weithin in Seelsorge der Geist der
Neuzeit gesiegt.
FR. SCHLEIERMACHER ist dafür das beste Zeichen oder ALBR. Ritschl.
Es fehlt in ihren Schulen nicht die Seelsorge,
aber sie kommt nicht von Schrift und Katechismus
her. sondern vor dem vorausgesetzten frommen Be-
wusstsein, ihr Ziel ist auch nicht mehr die Ver-
gebung der Sünden allein.
Die Seelsorge wird zur Lebenskunde, zur Weckung einer innerlich
gerichteten persönlichen Frömmig-
keit und zur Apologetik. Ist es da nicht nur zu gut zu verstehen,
dass da wo innerliche Menschen nur durch Vergebung der Schuld
geholfen werden kann, wird sich abwenden zu den Leuten, die das,
was in dieser Zeit die Pfarrer anwenden, viel besser von nicht
Christlichen angewnadt wird.
Statt des Pfarrers sucht man den Psychologen und
den Psychiater auf.
Wir aber wollen erneut anfangen mit der Tatsache,
dass der Seelsorger das Wort ausrichte, die den
Menschen von der Taufe her sieht, d.h. mit dem
Katechismus:
"MIT LEIB UND SEELE BEIDES IM LEBEN UND IM
STERBEN NICHT SEIN, SONERN SEINES GETREUEN
HEILANDES JESU CHRISTI EIGEN SEI."
Das zu verkündigen und zwar dem Einzelnen und ihm
konkret in sein Leben hinein und dies von der
Predigt der Gemeinde her, das ist die Aufgabe
evangelischer Seelsorge.


Gehalten auf der Prediger-Rüstzeit in
Villigst/Westfalen im Dezember 1953

Karl Schwittay