Das 1000-jährige Reich
Conferencia 017
Lugar/Ort:Frauenkreis Buer-Hassel
Fecha/Datum:1952
Resumen/Skopus: Das tausendjährige Reich


Das 1000-jährige Reich.

Besonders in den Zeiten der Bedrängnis und der Trübsal verstummt
unter Christen-Menschen nicht das Reden von dem Friedensreich der
tausend Jahren, in dem Jesus Christus die Herrschaft über das
Reich ausübt in Gemeinsamkeit mit den Gläubigen. Vielen ist dieses
Ausschauen nach der Befreiung und Erlösung aus der notvollen Lage
ein hoffnungsvoller Schimmer für den schweren Weg ein grosser
Trost geworden.
Dadurch, dass die christlichen Kirchen den eschatologischen Fragen
sehr indifferent bzw. ablehnend gegenüberstanden, haben sich viele
Sekten auf diese letzten Dinge geworfen und sie zum Massstab
eines wahren und echten Glaubens gemacht. Unzählbar sind die
Sekten des sogenannten Chilialismus.
Wir dürfen heute nicht von vornherein, selbst wenn die alten
lutherischen und reformierten Bekenntnisschriften es tun, die
Fragen der Echatologie, bzw. besonders des Chilialismus, mit einer
Handbewegung abtun, zumal wir ein Schriftzeugnis darüber haben:
Offenbarung 20, 1 -6 (10). Allerdings muss gleich am Anfang
betont werden, dass dieses Schriftwort in einer einsamen
Einmaligkeit vorhanden ist, mit vielen jedenfalls bis heute
ungelösten Fragen und Problemen. Trotzdem gilt es, dieses
Schriftzeugnis zu beachten und darauf zu hören, ob es uns nicht
doch etwas, wenn auch nicht alles von dem, was viele meinten
daraus zu entnehmen glaubten, zu sagen hat.
Offenbarung 20, 1 - 6 (10):
"Und ich sah einen Engel vom Himmel herabkommen, der hatte den
Schlüssel zum Abgrund und eine grosse Kette in der Hand. Und er
ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und
Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre, und warf ihn in den
Abgrund, schloss zu und drückte ein Siegel oben darauf, damit er
die Völker nicht mehr verführen könnte, bis die tausend Jahre
vollendet sind. Danach muss er für kurze Zeit losgelassen werden.
Und ich sah Throne. Und darauf setzten sich einige, und ihnen
wurde Macht gegeben, zu richten. Und ich sah die Seelen derer, die
um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen
enthauptet worden waren und die das Tier und sein Bild nicht
angebetet hatten und die sein Zeichen nicht an ihre Stirn und auf
ihre Hand gemacht hatten, und diese wurden lebendig und regierten
mit Christus tausend Jahre. Die anderen Toten aber wurden nicht
mehr lebendig, bis die tausend Jahre vollendet sind. Dies ist die
erste Auferstehung. Selig und heilig ist, wer an der ersten
Auferstehung teilhat. Über solche hat der zweite Tod keine Macht,
sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm
die tausend Jahre regieren.(ohne Vers 10)
Während im vorhergehenden Kapitel von Jesus Christus als dem
Sieger die Rede ist, gilt hier unser ganzes Augenmerk dem letzten
noch übrigbleibenden Feind, dem alten Drachen = der Taufel oder
Satan-. Von einem Kampf mit ihm ist nicht die Rede, er wird nicht
von Christus überwunden, sondern von einem Engel gefesselt und in
den Abgrund -abússos- geworfen und dort für 1.000 Jahre verwahrt.
Diese Vorstellung von der Fesselung des Drachen ist aus der
jüdischen Apokalyptik genommen:
Henoch 18 ff. - 21 (Jesaja 24, 22).
Wir finden sie aber auch im Parsismus im Osirismythos (das Motiv
im Judentum ist wohl aus diesem Parsismus genommen), bei den
Mandäern =Josamin - Buch II, 26-,
auch bei den nordischen Göttermythen.
Ihr verwandt ist auch das "Gebet des Manasses" Vers 4:
"Der du das Meer gebunden mit deinem Gebot und hast die Abussos
verschlossen und versiegelt."
In vielen apokalyptischen jüdischen Schriften ist diese
Vorstellung ebenfalls vorhanden.
Mit dieser Vorstellung hat der Seher der Offenbarung diese mit dem
Zwischenreich verknüpft. Die ersten Zeugnisse darüber finden wir
in Henoch 91-94, Apokalipsis des Baruch 30 und andere.
Die Dauer des Zwischenreiches wird verschieden angegeben. Bei
einigen finden wir bereits das 1.000-jährige Zwischenreich. Die
Fesselung geschieht hier nicht als Strafe sondern als Vorbeugung.
Auch die Verse 4-6 stammen aus der jüdischen und ausserjüdischen
Apokalyptik. Sie unterscheiden sich aber von ihr durch die
Wortkargheit über das 1.000-jährige Reich, das in der Apokalyptik
in wunderbaren Farben geschildert wird.
Die Gedanken sind nicht weniger widersprechend: die Gläubigen
werden Richter sein, aber die Frage wird nicht beantwortet, wer
gerichtet werden soll, zumal an anderer Stelle bezeugt wird, dass
Gott allein der Richter ist.
Hier wird von einem Gericht gesprochen, ohne dass ein Angeklagter
vorhanden ist. Es scheint so zu sein, dass mit diesen Worten der
Seher einzig alle die, die in der damaligen neronischen
Christenverfolgung Schweres von den staatlichen Gerichten leiden,
trösten will damit, dass sich einmal die Rollen vertauschen
werden.
Es sind Throne zu sehen, darauf setzen sich die Wesen, die als
Richter zu erkennen sind und dann wird gesagt, wer die Richter
sind. Als Vorbild mag Daniel 7, 9-10 dienen. Auch im Parsismus:
Ginaza 94, 17 ff. heisst es: "Eine Wache für die Söhne des Heiles
richtete ich auf am Orte, wo sie Fülle, ohne Mangel erleben
dürfen. Ich stellte ihnen Throne auf und überreichte ihnen
Gewänder."
Als die Richter werden die Märtyrer bezeichnet, also die an der
ersten Auferstehung teilnehmen. Es sind die, denen der Kopf
abgeschlagen wurde. Es besteht kein Grund, anzunehmen, dass hier
von verschiedenen Arten von Märtyrern die Rede ist, die darin
verschiedene Ämter haben, Richter, Priester, Könige. Diese Ämter
sind zusammenzusehen. Es sind dieselben, die auch Christus hat.
Der Seher pflanzt hier eine grosse Hoffnung den Märtyrern der
damaligen Zeit ein.
In Vers 5+6 ist merkwürdigerweise die 1. Auferstehung mit dem 2.
Tode verbunden. Es ist unklar, was damit gesagt werden soll, da
später nicht mehr von einer 2. Auferstehung mit Worten die Rede
ist, nur in 11-15 werden uns die Folgen der auf ewig Verdammten im
letzten Gericht genannt.
Auferstehung zum Leben = 1. Auferstehung. Die Gefahr des 2. Todes,
des verdammenden Urteils gibt es für die auferweckten Märtyrer
nicht mehr. Sie sind für immer dem Bereich des Bösen entrückt.
Es wird hier nur eine Auferstehung zum Leben angenommen, die um
des Glaubens willen Märtyrer geworden sind. Sie werden selig und
heilig genannt, sie fallen nicht der ewigen Verdammnis anheim, dem
2. Tod. Ich móchte
wiederholen, dass die Erwartung des 1.000-jährigen Reiches eine
der Offenbarung eigentümliche Sache ist, höchstens 1. Kor. 15, 33
ff. klingen in diese Richtung: Das 1000-jáhrige Reich
Besonders in den Zeiten der Bedrängnis und der Trübsal verstummen
unter Christen-Menschen nicht solche verwandten Gedanken. Johannes
ist nicht freier Erfinder dieses Reiches, sondern er gestaltet das
bereits bestehende altorientalische Gedankengut selbständig um. Er
lässt das Bestehende als ein Element seiner Verkündigung zur
Wirkung kommen. Aus einer jüdischen apokalyptischen sehr
eigenartigen Messiasgestalt in einem 400-jährigen Reich wird dem
Menschen in der Verfolgung durch ihn verkündigt:
"Es kommt die Gemeinschaft der Märtyrer mit Christus in seinem
Reiche des Friedens und der Ausblick auf die Vollendung des
Heilswerkes auf Erden. Johannes trägt hier ein echtes Moment der
Verkündigung vor und verfällt nicht einem der Neugier zugänglichen
Chiliasmus und proklamiert auch nicht ein Reich von 1.000 Jahren
der vollendeten Glückseligkeit auf Erden. Er ist der Seelsorger
der sich zum Tode rüstenden Christen. Er hat kein Interesse an
Spekulationen, sondern am Trost der Angefochtenen. Es kommt die
Zeit, da hat alle Not ein Ende, so werden wir bei Christus sein.
Um das klarzumachen gebraucht er das Gemeingut der Apokalyptik mit
seinem Chiliasmus.
Karl Hartenstein sagt, dass von Anfang an um die rechte Auslegung
gerungen worden ist, aber noch hat keiner das Geheimnis, das darum
liegt, gelöst. Es bleibt nur die Hoffnung, dass sich das Geheimnis
des Jüngsten Tages selbst kundtut.Er unterscheidet folgende
Deutung der Väter:
1. Als Trost für die in der Verfolgung stehende Gemeinde. Was
meines Erachtens auch wirklich der eigentliche ursprüngliche Sinn
gewesen ist.
2. In der Reformationszeit, im Kampf gegen Papsttum und gegen die
Türken, Tier und Antichrist.
3. Die Schwärmer und Täufer der Reformation versuchten das
erhoffte goldenen Zeitalter mit Feuer und Schwert zu erkämpfen,
daraufhin also das Verwerfen des Chiliasmus in den
Bekenntnisschriften der Reformation.
4. Pietismus. Von der Schöpfung her = Wiederherstellung des
Paradieses.
Von dem Geheimnis Israels her = Israel an der Spitze wird der
Missionar der Völker werden.
Von der Reichsbotschaft Jesu Christi her = Aufrichtung seines in
der Botschaft verkündigten Reiches.
Karl Hartenstein kann allen diesen Auslegungen nicht folgen. Nach
seiner Meinung soll das Geheimnis stehenbleiben.
Jesus selbst hat uns kein Wort über das 1.000-jährige Reich
hinterlassen, kein Wort von einem doppelten Reich, zuerst hier auf
Erden und dann in der Ewigkeit. Auch die Aussagen der
alttestamentlichen Propheten in ihrem Zeugnischarakter können
nicht eingehen in den Gedanken des 1.ooo-jährigen Reiches als
einem Zwischenreich. Es führt keine Linie zur Offenbarung 29. Auch
die Wiederherstellung der Schöpfung steht nicht in Verbindung mit
dem 1.000-jährigen Reich, sondern ist aufgenommen im Zeugnis vom
neuen Himmel und der neuen Erde.
Die Botschaft vom 1.000-jährigen Reich könnte darin ihre Bedeutung
haben:
a) So notvoll die geheimnisvollen Verdoppelungen sind (doppeltes
Reich, doppelte Auferstehung, doppeltes Gericht und wie leider
auch manche Christen annehmen: doppelte Wiederkunft), so
unterstreichen sie auf jeden Fall die Realität der Aussagen gerade
durch die Verdoppelung: Reich, Auferstehung, Gericht, Wiederkunft
sind Realitäten.
b) Das Wort vom 1.ooo-jährigen Reich bezeugt, dass das Reich
Gottes nicht irgendein Reich jenseits der Welt- und
Menschheitsgeschichte ist, sondern diese Welt und diese Menschen
hier, die aufgenommen werden in die Ewigkeit.
Für die Bibel treten Zeit und Ewigkeit nicht auseinander, sondern
gehören im Heilsplan Gottes zusammen.
c) Bei der Zusammenschau des 1.000-jährigen Reiches mit dem
nochmaligen Wüten des Satans wird uns das Gesetz der
Barmherzigkeit deutlich, mit der Gott mit der Welt und um die Welt
bis zum Letzten ringt. Er wirbt am Anfang und am Ende um den
Menschen, aber auch diese Liebestat am Ende im 1.000-jährigen
Reich wird durch den Satan zunichte gemacht. Auch dieses Reich als
Liebestat Gottes ist umsonst gewesen, die Hölle bricht los. Aber
doch wird ein furchtbares Gericht den Satan verschlingen, den Gott
endlich und endgültig aus seinem Heilsplan ausstösst.
Hier ist von meiner Seite aus als Letztes zu fragen: Wäre es nicht
gerade auch an dieser Stelle gut, einer Entmythologisierung im
Sinne Bultmanns zu folgen?
Hier sollen unaussprechbare Dinge gesagt werden. Sie wurden in
einer Sprache gesagt, die damals die apokalyptische war. Die
Sprache hat sich gewandelt, d.h. wir können die apokalyptische
Sprache, die ja nicht spezifisch-christlich oder biblisch ist,
nicht mehr sprechen. Der Sinn dieser Predigt in der Offenbarung
war einfach, eine angefochtene, dem Tode entgegengehende Gemeinde,
zu trösten:
Es kommt eine Erlösung aus dieser Not, nicht nur für den
Einzelnen, sondern auch in der Geschichte, u.z. durch Jesus
Christus als dem Herrn und als die Mitte der Geschichte, In seiner
Hand ist der Durcheinanderbringer, ganz gleich in welcher
mythischen Gestalt. Mit ihm, Jesus Christus, vereinigt werden sein
gerade die, die um ihres Herrn willen leiden mussten, sie werden
der ewigen Verdammnis entgehen.

Skizze eines Vortrages im Jahre 1952, gehalten im Frauenkreis der
Gemeinde Gelsenkirchen-Buer-Hassel, von Karl Schwittay.