Predigtentwurf über Lukas 10, 38-42
Homil. Seminar 012
Lugar/Ort:Wuppertal
Fecha/Datum:1950
Resumen/Skopus: Predigtentwurf für das Homil. Seminar der Theologischen Schule in Wuppertal im Jahre 1950


Predigtentwurf über Lukas 10, 38-42 für das Homiletische Seminar
der Theol. Hochschule in Wuppertal im Jahre 195o.

Lukas 10, 38 - 42
"Es begab sich aber, da sie wandelten, ging er in einen Markt. Da
war ein Weib mit Namen Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus. Und
sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich zu Jesu
Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber machte sich viel zu
schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Heer,
fragst du nicht darnach, daß mich meine Schwester läßt allein
dienen? Sage ihr doch, daß sie es auch angreife! Jesus aber
antwortete und sprach zu ihr: Martha, Martha, du hast viel Sorge
dund Mühe; eins aber ist not. Martha hat das gute Teil erwählt;
das soll nicht von ihr genommen werden."

Liebe Gemeinde!
In unserer Geschichte hat sich unser Herr und Heiland aufgemacht,
um Menschen zu begegnen und ihnen eine wichtige Botschaft zu
überbringen.
Nun ist die große Frage: Werden die Menschen ihn aufnehmen, wenn
er an die Tür des Hauses klopft? Werden wir ihn bei uns aufnehmen?
Er steht vor der Tür des Hauses der Geschwister Maria und Martha.
Und es ist wahrlich erstaunlich, daß die Frage, ob der Herr
aufgenommen werden soll, gar nicht mehr auftaucht. Während wir so
unsicher sind, ist es in dem Hause der Martha eine
Selbstverständlichkeit, den Herrn zu empfangen. Was wäre das für
eine große Sache, wenn der Herr auch bei uns eine geöffnete Tür
finden würde!
Martha hat nun den Herrn in ihr Haus aufgenommen. Ob sie aber
weiß, wer denn der Gast eigentlich ist? Wissen wir noch überhaupt,
wer der ist, nach dessen Namen wir uns nennen? Wir sagen doch von
uns, daß wir Christen sind. Wissen wir aber, wer Christus ist?
In unserem Text finden wir gar nicht den Namen Jesus Christus,
sondern nur "Herr". Heute wird die Bezeichnung HERR für jeden Mann
gebraucht. Aber zur Zeit Jesu wurden in besonderer Weise die
Kaiser und Könige so angeredet. Der HERR war einer, dem alle
Menschen gehorchen mußten. Ferner wurde Gott selbst so angerufen.
Es wird also von Jesus als von solch einem Herrn berichtet.
Martha hat ihr Haus dem geöffnet, dem alle Macht gegeben ist, im
Himmel und auf Erden. Ob aber Martha auch weiß, daß solch ein
mächtiger Herr in ihr Haus getreten ist? Dieser mächtige Herr will
auch bei uns einkehren - welch eine gewaltige Nachricht!
Sicherlich fragen wir jetzt, wie Martha sich dem Herrn gegenüber
verhalten mag, nachdem sie ihn aufgenommen hat? Es wird uns
berichtet, daß sie ihre ganze Kraft einsetzt, um es dem Herrn so
angenehm wie möglich zu machen. Sie fühlt sich als Hausfrau dem
hohen Gast gegenüber verpflichtet, ihre ganze Ehre und Arbeit
einzusetzen, um den Herrn würdig aufzunehmen und zu bewirten. Und
es ist schon so, ein Gast im Hause erfordert viel Mühe und Arbeit.
Wie so ganz anders verhält sich Maria. Die Geschichte sagt uns
nicht viel von ihr.
"Sie setzte sich zu des Herrn Füßen und hörte seiner Rede zu."
Wenn wir auch noch nicht fragen, ob das Tun der Maria richtig war,
so wird es uns doch eigenartig berühren, daß hier im Angesichte
eines solch mächtigen Herrn nichts anderes getan wird als ZUHÖREN,
auf die Botschaft des Herrn zu lauschen.
Stände hier an dieser Stelle des Textes ein Schlußpunkt und wir
würden gefragt werden: Wer von beiden hat richtig gehandelt? so
würden sehr wahrscheinlich zwei verschiedene Antworten gegeben
werden.
Eine Gruppe würde sagen: Hier kann es nur eine Meinung geben,
Martha ist die, die richtig gehandelt hat. Es geht doch auch in
unserem Leben und im Leben der Gemeinde Jesu Christi darum, daß
etwas getan wird. Ja, brauchen wir in der Kirche Jesu Christi
nicht viel mehr Leute, die mithelfen!
Bleibt nicht so manche Arbeit liegen, weil die Hände sich nicht
regen wollen? Unsere Hände sind so müde geworden. Da wäre es
wahrlich schon richtig, Martha sich zum Vorbild zu nehmen.
Die andere Gruppe aber würde sagen: Nein, wir nehmen uns Maria zum
Vorbild. Viele Christen haben doch in der Sehnsucht, sich von den
Mühen und Gefahren des Alltages zurückzuziehen und nur auf das
Wort Gottes zu hören. Und es täte uns Christen ganz bestimmt not,
in der Unruhe des Tages einmal ruhig zu werden und auf das Wort
Gottes zu hören. Manches bei uns, in der Gemeinde und im Volke
würde anders aussehen. Unsere Zeit hat einen großen Mangel an
Menschen der Stille, an Menschen, die die Hände zu ihrem Herrn und
Meister emporstrecken und zu ihm beten.
Wir wären also in einer großen Verlegenheit, die Frage: Wer von
beiden hat richtig gehandelt? zu beantworten. Schließlich würde es
dahinkommen, daß wir wegen der verschiedenen Antworten in Streit
geraten.
Und so ist es auch in unserem Text. Martha ist erbost über das
Handeln der Maria. Sie glaubt, daß sie dem Herrn nur dienen kann,
indem sie für seine leibliche Notdurft, für Essen und Trinken
sorgt. Sie ist von der Richtigkeit ihres Handelns so überzeugt,
daß sie Maria anklagt:
"Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt
allein dienen?"
Ja, sie ist in ihrer Meinung, das Richtige getan zu haben, so
sicher, daß sie sogar den Herrn mitanklagt:
"Herr, fragst du nicht danach?"
Es ist die Gefahr aller Zeiten, daß der Mensch, daß wir meinen,
wir wüßten selbst alles am besten, wir könnten entscheiden, was
gut und was böse ist, wir könnten wissen, was rechte und was
falsche Nachfolge ist.
Es geht dann noch so weit, daß wir Jesus Christus vorschreiben,
was er tun soll. Wir fragen nicht danach, was uns der Herr
befiehlt; wir hören auch nicht mehr auf das, was der Herr uns
sagt, sondern wir befehlen dem Herrn, dieses oder jenes zu tun.
"Sage doch der Maria, daß sie mir mithelfen soll!"
Wir Menschen sind nur zu sehr geneigt, Jesus Christus für uns in
Anspruch zu nehmen. Während einige Verse nach unserem Abschnitt es
heißt:
"Herr, dein Wille geschehe!",
meinen wir, beten zu können:
Herr mein Wille geschehe!.
Jesus Christus soll das tun, was wir gerne erreichen möchten.
Schauen wir doch einmal unsere Gebete daraufhin an. Unsere Gebete
sind zum größten Teil davon erfüllt, daß wir darum bitten, daß
unsere Gesundheit, dieses und jenes, geschenkt werde. Aber selten
hören wir auf das, was uns der Herr zu sagen hat. Dahin kann es
kommen, wenn wir meinen, wir wüßten alles besser als der Herr
Jesus Christus.
Nun sind wir aber gespannt, was der Herr selbst sagen wird.
Eigentlich würden wir jetzt erwarten, daß Jesus Christus Martha
einmal eine tüchtige Strafpredigt hält, daß er ihr an den 10
Fingern vorrechnet, was sie alles falsch gemacht hat. Vielleicht
erwarten wir es so, weil wir das selbst gerne tun, wenn uns jemand
Unrecht getan hat.
Aber Jesus hält keine Strafpredigt. Er nimmt sie bei der Hand und
sagt ihr:
"Martha, Martha, du sorgst dich um viele Dinge."
Welch eine Hoffnung ist das auch für uns, daß wir wissen dürfen:
Der Herr kennt unseren Ungehorsam, unseren Fehltritt und trotzdem
läßt er uns nicht allein. Er beugt sich zu uns hernieder und
möchte uns aus vollem Herzen helfen. Er reicht uns seine Hand und
ermuntert uns, aufzustehen. Er kann uns helfen, denn er weiß, was
unsere Mot wendet.
"Eins aber ist not,"
sagt unser Text.
Jetzt kommt für Martha und für uns alles darauf an, daß wir das
EINE, das not tut, auch erkennen. Und dazu nimmt uns der Herr mit
Martha an die Hand und führt uns zur Maria. Dabei gilt es, nicht
mehr die Hand des Herrn loszulassen, nicht mehr nach rückwärts zu
schauen und sich auf eigene Fähigkeiten verlassen. Gehen wir doch
mit dem Herrn zur Maria.
Und Jesus Christus sagt von der Maria:
"Sie hat das gute Teil erwählt."
Am Anfang stellten wir fest, daß von der Maria kaum die Rede war.
Es wurde nur gesagt, daß sie zu den Füßen des Herrn saß und seiner
Rede lauschte. Jesus sagt nun von dieser Maria, daß sie das gute
Teil erwählt hat? Was ist das Teil, das Maria erwählt hat?
Es ist die Botschaft Jesu Christi. Es ist das, was Jesus Christus
uns verkündigen will, daß Gott uns nämlich gut ist.
Es ist der Martha genauso ergangen, wie wenn uns jemand einen
Brief geschrieben hat. Wir nehmen an, daß das ein unwichtiger
Brief ist und öffnen ihn nicht, sondern werfen ihn ins Feuer. Und
nun erfahren wir nach einiger Zeit, daß in dem Brief die
Aufforderung gestanden hat, 1000,-- DM bei der Bank abzuholen.
Jesus zeigt, daß Maria diesen Brief mit der freudigen Nachricht
geöffnet hat und reich geworden ist. Sie hat auf die Rede des
Herrn gehört und ist reich geworden. Auch wir können froh werden,
wenn wir es der Maria nachtun würden.
Jetzt nimmt Jesus Christus Martha und führt sie zu der glücklichen
Maria und sagt:
So reich wollte ich dich auch beschenken, aber du hast gar nicht
auf meine Botschaft gehört, du hast meinen Geldbrief gar nicht
lesen wollen. Du hast mich wohl in dein Haus aufgeneommen, aber du
hast nicht geglaubt, daß ich dir etwas Großes und Herrliches
mitgebracht habe.
Aber es ist wieder die große Güte unseres Herrn und Meisters, daß
er zur Martha nicht sagt:
Martha, jetzt hast du die gute Gelegenheit nun verpaßt, der Brief
ist verbrannt. Nein, er sagt ihr:
"Eins ist not."
Der Brief ist noch in meiner Hand, komm mit mir in die Stille. Du
darfst noch meine Botschaft hören, du darfst noch reich werden.
Haben wir es recht gehört? Der Herr wartet auch noch auf uns. Er
hat auch noch für uns den wichtigen Brief. Wollen wir nicht auch
mit ihm in die Stille gehen und einmal lesen, was für eine
Nachricht uns der Herr zugesandt hat? Wollen wir nicht hören, was
uns der Herr in seinem Worte schenken will? Er will uns zu reichen
und fröhlichen Menschen machen.

Amen

Karl Schwittay