Hinduismus und Buddhismus
Studienarbeit 005
Lugar/Ort:Wuppertal
Fecha/Datum:1949
Resumen/Skopus: Referat über das Buch "Die christliche Botschaft in einer nichtchristlichen Welt" von Hendrick Kramer-5. Kapital: Die nichtchristlichen Systeme von Leben und Denken. a) die naturalistischen Religionen, Studienarbeit am 1.8.1949
  1. Hinduismus.
  2. Buddhismus.


Referat über Hinduismus und Buddhismus nach dem Buch von Kramer
"Die christliche Botschaft in einer nichtchristlichen Welt".
-1949-

Hinduismus und Buddhismus.

Von den verschiedenen vorgenommenen Gruppierungen der
Weltreligionen, wie etwa die Aufteilung in Erlösungs- und
kultischen Religionen oder mystische und moralische Religionen und
anderen, hält Kramer die Einteilung in prophetische Offenbarungs-
und naturalistische Religionen als die passendste.
Zu den Offenbarungsreligionen werden gerechnet:
1. Das Christentum,
2. Das Judentum,
3. in gewissem Grade der Islam.
Alle anderen Religionen zählen als naturalistische Religionen.
Aber diese Unterscheidung sagt durchaus nicht, daß es in der
letzten Gruppe keine Offenbarungen gäbe, denn in irgendeiner Form
gründen sie sich alle auf heilige Schriften und Überlieferungen,
die als Offenbarungen angesehen werden können.
Der Unterschied liegt darin, daß in den naturalistischen
Religionen der Begriff der Offenbarung nur ein Hilfsbegriff ist.
Diese Offenbarungen in den naturalistischen Religionen bestehen
aus einigen Höhepunkten religiöser Erfahrung; aber in den 3
Offenbarungs-Religionen steht die Offenbarung ganz und gar in dem
Mittelpunkt. Von dort aus bekommt alles andere seinen Sinn.
Dieser Mittelpunkt ist der persönliche, lebendige Gott, der
schafft, spricht, tröstet, handelt und rettet.
Bevor wir nun zu den naturalistischen Religionen übergehen, wollen
wir sehen, welche Wege es für den Christen gegeben hat, sich mit
diesen Religionen zu befassen.
1. Aus der starren dogmatischen Haltung heraus wurde alles, was
nicht christlich war, verurteilt und verdammt. Man hielt es dabei
auch nicht für nötig, sich überhaupt relativ damit zu
beschäftigen.
2. In der Zeit der Aufklärung wurde die strenge
dogmatische Haltung gelockert und durch eine weitherzige
Großzügigkeit ersetzt. Man schaute voll Bewunderung zu den
fremdartigen Religionssystemen. Aber uns darf in der Betrachtung
der naturalistischen Religionen weder Eng- noch Weitherzigkeit leiten.
Wir sollen weder großmütig noch engherzig, weder tolerant, weder
sympathisch noch schroff diese Dinge betrachten. Wir haben den Auftrag,
diese Religionen im Licht der Offenbarung in Christo zu sehen. Unter
diesem Aspekt haben wir selbst das empirische Christentum zu
betrachten, das nur darin sich von den naturalistischen Religionen
unterscheidet, daß die Praxis dem beständigen und direkten Einfluß
und dem Urteil der Offenbarung in Christo sich befindet.
Die naturalistischen Religionen :
Bei der Betrachtung der Religionen dürfen wir niemals die enge
Verbundenheit zwischen den Religionen und in den Kulturen aus dem
Auge lassen.
Die indische und chinesische Kultur bilden mit der abendländischen
Kultur die 3 großen Schöpfungen des menschlichen Geistes, die alle
im Religiösen liegen. Aber doch ist ein großer Unterschied
zwischen der abendländischen und der asiatischen Kultur
festzustellen. Dieser Unterschied liegt darin, daß die westliche
Kultur mehrmals den entscheidenen Schritt getan hat, grundsätzlich
mit der Autorität der Tradition zu brechen. Dieses finden wir
weder in China noch in Indien. Aber dennoch, oder gerade deshalb
sind diese Kulturen uns an Weite und Reichtum weit überlegen. Wir
haben also die Autorität der Tradition bei der Betrachtung der
naturalistischen Religionen als einen entscheidenden Punkt im Auge
zu behalten.
Wir werden in den weiteren Ausführungen oftmals die
naturalistischen Religionen als primitive Religionen betrachtet
finden.
Dazu ist zu bedenken, daß mit dieser primitiven Erfassung des
Lebens nicht ein Werturteil gemeint ist, weil
1. die primitiven Kulturen gerade nicht der Anfangsstadium des
Kulturlebens sind, sondern sie haben schon eine verwickelte
Verzweigung erfahren;
2. weil wir bei dem Begriff URZUSTAND vorsichtiger geworden sind,
denn der vorgeschichtliche Mensch ist uns doch nicht so offenbar,
wie wir geglaubt hatten;
3. weil der Entwicklungsgedanke aus philosophischen und
wissenschaftlichen Gründen nicht mehr haltbar ist.
Was im allgemeinen "primitive" Religion genannt wurde, wollen wir
als "Stammes"-Religion bezeichnen.
Den Begriff "primitiv" gebrauchen wir im Sinne einer der großen
Erfassungen des Lebens.
Es gibt 3 Erfassungen des Lebens.
1. Die primitive Erfassung.
2. die rationale Erfassung, die zuerst bei den Griechen durchbrach
und in der westlichen Kultur fortgesetzt und entwickelt wurde und
3. die prophetische Erfassung des biblischen Realismus.
Was heißt nun "primitive" Erfassung des Lebens, die die
verschiedenen Stammesreligionen beherrscht?
Es ist ein Grundzug durch alle primitiven Lebenssysteme zu merken,
der sich darin äußert, daß alle Lebenskreise -die
wirtschaftlichen, sozialen und religiösen- voneinander abhängig
sind. Es fehlt jede bewußte Sondierung und Spezialisierung. Wird
diese Abhängigkeit durch den Einbruch irgendwelcher äußeren
Erscheinungen durchbrochen, bricht alles zusammen. Das ist ja das,
was wir heute in den verschiedenen Ländern durch den Einbruch der
westlichen Kultur feststellen können.
Wir sahen ja vorhin schon die Autorität der Tradition bei den
Religionen. Alle Gebräuche, Mythen und Lebensregeln wollen die
bestehende Ordnung rechtfertigen, die Tradition stärken und die
Autorität erhöhen.
Das Sein wird als ein Ganzes gedacht und in dem Ganzen entspricht
sich alles in einer Harmonie.
Auch das Denken, das wir totalitäres Denken nennen, geht von einer
Ganzheit aus, die Denkart des Zergliederns und Vereinzelns im
modernen Sinne ist ihnen fremd und unbekannt. Der Mensch denkt
nicht zu zergliedern, sondern einzuordnen und Platz und Rang zu
bestimmen, den jedes Ding in der Ganzheit der Dinge hat.
Ein Grundsatz dieser Denkweise ist, daß der Makrokosmos (Welt,
Natur) und der Mikrokosmos (der Mensch) aufeinander bezogene
Einheiten sind, die in lebendiger Beziehung und Verbindung stehen.
Ein anderes Grundgesetz ist die Einteilung der Wirklichkeit nach
dualistischen Gesichtspunkten, wie Mann und Frau, Licht und
Finsternis, kalt und heiß.
Wenn dieser Dualismus auch als ein Gegensatz aufgefaßt wird, so
gibt es doch keine feindlichen und wirklichen entgegengesetzten
Wirklichkeiten. Die angegebenen Gegensätze sind nicht absolut und
unversöhnlich. Sie haben beide ihren bestimmten Platz in der
Harmonie des Ganzen. Daher kommt es, so sagt Kramer, daß alle
Stammeskulturen versuchen, Streitfragen durch Versöhnung aus der
Welt zu schaffen. Diese Neigung entstammt der Neigung zur
Harmonie. Die ausgeprägte Verwirklichung dieser Versöhnung finden
wir bei Konfuzius.
Die theoretischen Folgerungen dieser monistischen Auffassungen
sind bei den im engeren Sinne primitiven noch unentwickelt,
während sie in den Kulturen Indiens und Chinas zu tiefen und
komplizierten Systemen ausgebaut wurden.
Hegels absoluter Idealismus ist die höchste und systematischste
Form der primitiven Erfassung der Totalität in der modernen Zeit.
Wir müssen feststellen, daß die ganze Welt naturalistischer
Religionen, im Sinne dieses Monismus gesehen, nur relativistisch
sein kann. Ein religiöses und ethisches Absolutes, das wirklich
absolut ist, wäre unmöglich.
Ein weiteres Kennzeichen der primitiven monistischen Erfassung des
Lebens:
Kramer sagt: Alles nicht prophetische Denken in der Welt ist
naturalistisch und vitalistisch.
1. Naturalistisch heißt, daß der Mensch und die Natur wesenseins
sind. Der Mensch ist in seinem ganzen Wesen ein den anderen Teilen
gleichwertiger Teil der Natur.
2. Dieser naturalistische Kern schließt sich zusammen mit dem
Drang der Lebenslust, und damit kommt die Frage nach dem ewigen
Leben.
Dieser VITALISMUS hat 2 wichtige Folgen:
1. Die Religion wird zu einem herrlichen und edlen Suchen nach
ewigem, unvergänglichem Leben. Wir finden das in der höheren
Mystik.
2. Die Sittlichkeit nimmt in diesem Suchen den Charakter eines
gewaltigen Moralismus an.
Oftmals wird der Vitalismus zu einem Deckmantel für den gröbsten
Materialismus und für die Sinnlichkeit.
Das wird immer wieder festgestellt, daß bei diesen vitalistischen
und naturalistischen Voraussetzungen leicht und reichlich Götter
mit persönlichen Zügen auftauchen. Ein persönlicher Gott ist aber
nicht zu finden.
Es gibt Ideen, aber keine bestimmte Wirklichkeit.
Zu 1: Also steht der naturalistische Monismus hinter allen
Religionssystemen, sowohl hinter den roh erscheinenden Formen bei
den primitiven Kulturen, als auch in den hochentwickelten Formen
in Indien und China.
Die Natur und deren Kreislauf sind das dauernde Muster und die
Quelle der Deutung des Lebens und seiner Fragen.
Von daher sehen wir, daß es in diesen Religionen keine absoluten
Kontraste gibt. Alles bewegt sich in einem ewigen Wechsel von Tod
und Leben. Beide sind keine Gegensätze, da alles als eine Einheit
angesehen wird.
Zu 2: Zu dem Relativismus aller Dinge kommt hinzu der
Eudämonismus, der von der vitalistischen Lebensauffassung
abgeleitet wird. Alles ist darauf abgestimmt: Wie komme ich zur
vollen Glückseligkeit meines Lebens.
Dieser Eudämonismus kann führen
a) zu einer Ethik edler Askese und zu einer bewundernswerten
Selbstüberwindung.
b) aber auch zu einer völlig sinnlichen Auffassung des sittlichen
Lebens.
Von dem naturalistischen Monismus her kann man auch die so streng
beachtete Verknüpfung mit der Tradition verstehen, ist doch die
Natur auch ein ewig gleichbleibender Wechsel. Von daher verstehen
wir ebenfalls den korporativen und sozialen Einschlag der
Religionen. Die Gesellschaftsordnung ist eine Verflechtung der
kosmischen Ordnung und darauf bezogen.
DER HINDUISMUS
Eine Definition des Hinduismus zu geben, ist fast unmöglich. In
ihm findet sich alles was irgendwie religiös oder auch göttlich
bezeichnet werden kann. Die uns als schärfste Gegensätze anmutende
Anschauungen finden wir friedlich nebeneinander, Monotheismus
neben Polytheismus, Mystik und Dämonismus und Zauber. Aber doch
kann man sagen, daß 2 Grundauffassungen des religiösen Lebens
allen Richtungen des Hinduismus eigentümlich sind:
1. Die Zugehörigkeit des Hindus zur Kaste und die damit verbundene
Verpflichtung, nach ihrer Regel zu leben.
2. Die Anerkennung der Vedas als der autoritären heiligem
Literatur des Hinduismus. Dabei ist aber zu bemerken, daß die
augenblicklichen Götter mit denen der Veden nichts zu tun haben.
Das, was uns in den Vedas entgegenkommt ist eine lebens- und
weltbejahende Haltung. Und doch geht durch die äußeren Formen
eine total lebens- und weltverneinende Grundauffassung. Dieses
paradoxe Nebeneinander der entgegengesetzten Lehren ist ja gerade
das Kennzeichen der primitiven Auffassung des Lebens, wie wir
schon hörten.
Dieses muß ja so sein, denn das Vorbild der Ganzheit der Natur
enthält ebenfalls alle gegensätzliche Dinge nebeneinander und ist
doch zu einer Harmonie zusammengefaßt. In seiner Großzügigkeit hat
aber dennoch der Hinduismus noch 2 andere Kennzeichen als
Beschränkungen seiner formlosen religiösen Universalität:
1. Die biologische Tatsache, daß man als Hindu geboren ist; und
2. die soziale Tatsache, daß man zu einer Kaste gehört.
Aber auch dieser Zug steht nicht allein. Es gibt eine höhere
Mystik, die auch zum Gegenstand göttlicher Verehrung gemacht wird.
Alles Göttliche gehört auch in den Bereich des Welt- und
Naturprozesses. Weil die Götter ihren Platz in diesem Naturprozeß
haben, sind sie nicht von Menschen verschieden. Sie sind auch
sterblich, haben nur gewisse bessere Möglichkeiten nach dem Tode.
Sie, die Vorstellungen von Gott oder Ideen von Gott, sind im
letzten Grunde Hilfskonstruktionen der Menschen, um sie in ihrem
Streben nach Heilsnotwendigkeit im Sinne des Eudämonismus als
Hilfe zu gebrauchen. Gott existiert im Hinduismus ja sozusagen nur
in der Vorstellung. Er ist von vornherein als solcher
gekennzeichnet.
Ein wesentlicher Teil in dem Hindu-Catursarga, das ein knapper
Ausdruck der Anschauung von Leben und Welt im Hinduismus
ausdrückt, nimmt das Makaha ein, das Streben nach Selbsterlösung
aus dem vergänglichen Sein.
Von diesem Makaha her wird der Hinduismus auch als Heils- und
Erlösungsreligion aufgefaßt.
Hier in diesem Streben nach der Selbsterlösung kommt am
deutlichsten zu Tage, wie die ganze Religion anthropozentrisch
ausgerichtet ist.
In der Mystik, im Augenblick der höchsten Ekstase, findet der
Mensch nicht eigentlich Gott, sondern die Wirklichkeit des
Geheimnisses seines eigenen Wesens. In Fortführung seines
naturalistischen Monismus kann der Hinduismus Gott oder das
Göttliche nicht als wirklich existierendes Ding ansehen. Das, was
in ihm schließlich existiert, ist das menschliche Bewußtsein. Also
ist der Hinduismus nicht theozentrisch, sondern anthropozentrisch.
Es gibt, so sagt Kramer, nur eine theozentrische Auffassung vom
Sein. Diese ist die prophetische Religion des biblischen
Realismus. Nicht die Natur mit ihrer Umschließung aller auch der
gegensätzlichsten Dinge ist die Ursache aller Dinge, sondern die
Hand Gottes. Von der anthropozentrischen Auffassung des Seins her
muß die Ethik im Prinzip eudämonistisch sein, denn diese Ethik
verkörpert nie den Ausdruck einer gottgewollten neuen
Lebensordnung, sondern ist für die Menschen nur das Mittel, um die
Selbsterlösung zu erlangen, das Glück und das Heil.
Neben diesem Hinduismus und seinen reichen mystischen Formen,
müssen wir uns noch ein wenig mit der BHAKTI-Religion in Indien
befassen, die in China und Japan ihre Parallele hat. Wir müssen
sie einmal ins Auge fassen, weil eine verblüffende Ähnlichkeit mit
dem Christentum besteht. Die Heilsmystik dieser Religion sammelt
sich ebenfalls wie bei uns um die Begriffe GLAUBE, HEILAND und
MITTLER.
Diese Religion lebt im Kampf gegen den Monismus des Hinduismus. In
ihrer Mitte steht der Glaube an den persönlichen lebendigen Gott
Ishvara, der eine Wirklichkeit ist und nicht eine Dichtung. Die
Botschaft von der GNADE ist in ihr bekannt.
Es gibt rührende Erfahrungen von Sünde und Gnade. Es kommen
Berührungen und Erweckungen vor. Es soll sogar in den
Bekehrungsgeschichten und in anderen Dingen große Ähnlichkeit zum
Pietismus bestehen.
Der Vertreter dieser Religion, Ramanuja, bricht mit den
Hindu-Ideen von Gott, der Seele und der Welt. Die Welt ist
wirklich. Der ewige, persönliche Gott Ishvara ist der einzige Gott
und Heiland und nicht nur eine Gottvorstellung. In den Schriften
sind die Verbindungen mit dem Christentum in der Auffassung der
Sünde, in dem Verlangen nach Gnade, in dem lebendigen Gefühl von
Vertrauen und Glauben an den Gott, in der Erfahrung einer
göttlichen Auswahl an Gott, verblüffend groß.
Und doch, es steht hinter allem nicht der Gott, der spricht und
handelt, der als der Heiland eine neue Weltordnung heraufführt,
sondern wir finden, wie alles von der Frage nach dem eigenen Heil,
nach der eigenen Seligkeit bestimmt ist.
Es dreht sich hier, wie auch beim Hinduismus, alles um den
Menschen, der zum Glück kommen will. Das Heilsverlangen, sagt
Kramer, ist der ausschließliche Schöpfer aller religiösen
Erfahrung und religiösen Denkens. Alle sittliche Bemühungen und
religiöse Erfahrungen sind ausschließlich individualistisch. Eine
Selbstverständlichkeit ist von da aus die große Bedeutung des
Eudämonismus.
Um die großen Ähnlichkeiten genauer aufzuzeichnen und dabei doch
ihre grundsätzliche Verschiedenheit festzustellen, bedürfte es
eines eingehenden Studiums gerade dieser Religion.

Der BUDDHISMUS
Der Buddhismus ist das verwickelste System der Selbsterlösung.
Seine Voraussetzungen sind dieselben wie die des Hinduismus. Aber
trotz dieser gleichen Voraussetzung lehnt der Buddhismus den
Hinduismus ab und verdammt ihn. Warum? Der Grund ist bezeichnend.
Der Buddhismus lehnte die eine der beiden Grundlagen, die der
sozialen Tatsache ab. Worin liegt die besondere Akzentuierung des
Buddhismus? Man kann wohl sagen, daß die Erlösung, die hier
verkündigt wird, darin besteht, daß das Ich, die Seele, gar nicht
existiert. Der höchste Augenblick der Erlösung ist dann gekommen,
wenn ich erkenne, daß ich gar nicht bin. Dieser Zustand der
Seligkeit wird von Mönchen und Nonnen mit großer Begeisterung
verherrlicht und besungen.
Ursprünglich war der Buddhismus ausschließlich eine
Mönchsreligion, weil der Erlösungsweg so schwierig und mühevoll
war, daß er den ganzen Menschen erforderte. Um aber diesen wenigen
Menschen die Möglichkeit zu geben, diesen steilen Weg zu gehen,
benötigte man Laien und so kam der Buddhismus mit der Welt in
Berührung.
Auch hier im Buddhismus ist es so, daß die anthropologische Natur
deutlich heraustritt. Es kommt trotz der vielen Worte über das
göttliche Sein im letzten Grunde nur darauf an, daß der Mensch zu
seiner Erlösung kommt. Ebenso wird der vitalistische Zug aus dem
Hinduismus, der sich im Lebensdurst äußert, deutlich.
Es gibt verschiedene Schulen des Buddhismus, eine besondere
Stellung nimmt der MAHAYANA-Buddhismus
dabei ein.
Diese große buddhistische Missionsreligion hat ihren Charakter von
2 Tatsachen her:
1. Die mönchische Heilslehre wird ein verwickeltes System von
verschiedenen Laienheilslehren. Der Weg steht jedermann offen.
Das Ziel hierbei ist nicht nur das normale Eingehen in das NICHTS,
sondern alles wird getan, um selbst ein Bodhisattwa, ein Heiland
und Erlöser für die irrende Menschheit zu werden.
2. In diesem System wird der naturalistische Monismus und die
totale Erfassung des Seins wieder aufgenommen. Auf dem Wege
philosophischer Denkarbeit entsteht dabei der Satz:
"Von keinem Ding oder keiner Idee kann man ihr Sein oder ihr
Nichtsein aussagen, nicht einmal von Buddha oder dem
Erlösungsweg."
Oder ein anderer Satz, aus dem naturalistischen Monismus
abgeleitet, lautet:
"Alles (das Ich, die Welt, der Heilsweg, Buddha) ist leer und
illusorisch."
Dieser Satz ist gewissermaßen das Glaubensbekenntnis dieses
Systems.
In anderen Systemen stehen die heiligen Zahlen des primitiven
Ordnungssystems im Mittelpunkt. So wird die dualistische Ordnung
nach ihrer männlichen und weiblichen Hälfte umfaßt. Von der
geschlechtlichen Zweiheit und dem Drang nach Einheit sind die
Heilswege ausgebaute Systeme erotischer und orgiastischer Magie
eingefügt.
Kramer sagt am Schluß der Ausführungen zum Buddhismus:
"Hinter dem Vorhang erhabener Philosophien und mystischer und
ethischer Heilswege oder im Gewand phantastischer Gewebe von Magie
und Okkultismus bleibt der Mensch das Maß aller Dinge. Der
Buddhismus begann als ein heroischer, strenger Moralismus, nur
beherrscht von dem Erlösungsdurst und gleichzeitig geht alle
Metaphysik. Als er aber dem Zauber des unüberwundenen Naturalismus
lauschte, wurde er in der anthropozentrischen Orientierung seiner
Heilslehre der folgerichtigste skrupelloseste Vertreter dieses
Monismus, eine riesige Mischreligion.
NOCH SIND WIR NICHT AM ENDE.
Wir wollen uns noch einer Richtung zuwenden, die in Indien durch
die BHAKTI-Religion vertreten wird.
Es ist die sogenannte "Reines-Land-Schule", die ihre größte Blüte
aber nicht in China, sondern in Japan gefunden hat.
Sie hat genauso wie die Bhakti-Religion in Indien, die gleiche
psychologische und theologische Ähnlichkeit mit dem christlichen
Pietismus in seinen verschiedenen Formen und mit der
Reformationstheologie.
Auch hier soll nicht gelehrt werden die Selbsterlösung, sondern
die Erlösung durch einen Heiland. Nach der Lehre Buddhas waren
beide Wege möglich, aber Honan Shonin, ein religiöser Pfadfinder,
erkannte, daß der Weg sittlicher und geistiger Leistung, der Pfad
der Heiligkeit zu hoch und zu schwer für die Massen ist. Sein
Evangelium war nun: Der Weg zur Erlösung geschieht durch den
Glauben und die Anrufung Buddhas. Buddha öffnete in seinem großen
Erbarmen für jeden den Weg. Buddha selbst hat nach unendlich
langer Übung des Heiligkeitsweges und durch Leiden für die sündige
Menschheit das "reine Land der Seligkeit" für die, die an ihn
glauben, geschaffen.
Ein Gelübde dieses Amida Buddha, der der Heiland ist, lautet:
"Ich will nicht in den Zustand vollkommener Erleuchtung eintreten,
wenn, während ich die Buddhaschaft erreiche, irgendein lebendes
Wesen in den 10 Welten, das in meinem Paradies wiedergeboren zu
werden wünscht, meinen Namen 10 x anruft und auf meine Gelübde
vertraut, nicht in diesem Paradies wiedergeboren wird."
Nach dieser Lehre kann jeder gerettet werden, der aus aufrichtigem
Herzen glaubt. Durch die ganze Religion zieht sich wirklich ein
Zug großer Freude. Durch dieses Erlösungs-Evangelium kam es zu
großen Erweckungsbewegungen.
Nach diesem Honan Shonin kam sein Schüler SHINRAN und gab dem
Evangelium seines Meister eine puritanische Wendung.
Er verkündigte eine tatsächlich monotheistische Religion der
Erlösung mit einem strengen ethischen Grundzug. Auch er stand auf
dem Gelübde des Buddhas. Er betont den Grundsatz des Glaubens
allein, unter Ausschluß der guten Werke. Er verwirft die Askese,
den heiligen Dienst und alle Arten volkstümlicher religiöser
Gebräuche. Er verurteilt die Magie. Seine Ethik steht im Licht
eines Lebens der Dankbarkeit für Amida Buddhas Erbarmen.
Es besteht also eine große Nähe zum Christentum.
Ist diese Religion ein Abklatsch des Christentums, wie behauptet
wird? Nein, auch hier könnten wir bei eingehendem Studium
feststellen, daß dieser Glaube mit dem Glauben der Heiligen
Schrift nichts zu tun hat.
Bei Honan ist, wie in der indischen Bhakti-Religion der Mensch und
seine Errettung im Mittelpunkt. Der Glaube ist ein Mittel, welches
das Heil wirkt, nicht das Organ, durch welches der Mensch
wahrnimmt, daß Gott in Christo die rechte Beziehung zwischen sich
und dem Menschen wieder hergestellt hat.
Amida Buddhas Bedeutung besteht darin, daß durch ihn der Mensch
sein Heilsbedürfnis befriedigt. Gott ist nicht der Schöpfer,
sondern Gott ist nur der barmherzige Heiland, der zur Hilfe für
den Menschen in seiner Hilfslosigkeit existiert.
Ein entscheidender Unterschied liegt darin, daß im Christentum
Gottes Heilstat in der Menschwerdung Jesu Christi eine wirkliche
geschichtliche Tatsache ist, weil der Schöpfergott und seine
Schöpfung objektive Wirklichkeiten sind. Aber Amida Buddha und
sein Gelübde gehören in das Reich der Mythologie.

Karl Schwittay