Glaube und Werk bei Jakobus und Paulus.nach Iwand
Exposición 002
Lugar/Ort:Als Soldat in Rußland
Fecha/Datum:1944
Resumen/Skopus: Glaube und Werk bei Jakobus und Paulus nach Iwand, eine theol. Arbeit 1943/44

Glaube und Werk bei Jakobus und Paulus nach Iwand.

Gehen wir, ohne uns um grundlegende Begriffe christlichen Glaubens
klar geworden zu sein, an diese entscheidende Frage nach Glaube
und Werk, dann könnten wir zu leicht zu der Ansicht kommen, daß
bei Jakobus und bei Paulus in dieser Frage eine unüberbrückbare
Kluft besteht. Und wie vergangene Generationen von dieser Frage
erfaßt wurden, so auch die dementsprechende Verkündigung, die
Mitte der Botschaft, die die Kirche von der Kanzel verkündigte und
so verschieden war auch das christliche Leben überhaupt. Führte
nicht Martin Luther gerade durch die ihm geschenkten Erkenntnisse
in dieser entscheidenden Frage in der Reformation die Gesundung
des christlichen Lebens überhaupt ein??
Die Frage nach Glaube und Werk ist die entscheidende Frage unseres
christlichen Glaubens, deshalb versucht jede Generation aufs Neue
sich damit auseinanderzusetzen. Warum sie diese entscheidende
Frage unseres christlichen Glaubens ist, werden wir eingehender
erläutern müssen. Die Frage nach Glaube und Werk ist unlösbar
verbunden mit der Frage nach Gesetz und Evangelium, sie ist, so
kann man durchaus sagen, ein- und dieselbe Frage.
Im Wesen des Gesetzes liegt es, daß von uns etwas verlangt wird,
und zwar verlangt das Gesetz als Antwort das Werk, wie ja auch
Paulus das Wesen des Gesetzes in Galater 3, 12 kennzeichnet:
"Der Mensch, der es tut, wird dadurch leben", ebenso setzt Jakobus
nach Jakobus 1, 25 das Tun auf die Aufforderung des Gesetzes als
selbstverständlich voraus.
Das Werk ist die Bejahung des Menschen auf die Aufforderung des
Gesetzes.
Und wie ist es nun mit dem Evangelium?
Während im Gesetz Gott eine Forderung an uns stellt, die wir zu
erfüllen haben, reicht er uns im Evangelium etwas dar und zwar ist
die Mitte, die Summe dieses Geschenkes, Jesus Christus.
Das Evangelium erwartet von uns nichts anderes als den Glauben,
daß Jesus Christus das eine entscheidende Werk für uns bereits
getan hat. Wir sind in einer gewissen Art in die passive Rolle
gestellt; die aktive Seite, die Seite, die etwas tut, ist Jesus
Christus allein.
Im Gesetz und im Evangelium, also in der ganzen Heiligen Schrift,
geht es um die Gerechtigkeit Gottes. Im Gesetz wird Gottes
Gerechtigkeit klar festgelegt und wird weiter gesagt, daß der
Mensch durch seine Schuld sich außerhalb dieser Gerechtigkeit
Gottes gestellt hat. Und im Evangelium wird uns der Weg
verkündigt, der uns wieder zu dieser Gerechtigkeit Gottes
hinführt. Und dieser Weg ist das Geschenk Gottes, seine große
Barmherzigkeit, sein Sohn Jesus Christus. Johannes 14,6 :
"Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das
Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich."
Das Anliegen der ganzen Heiligen Schrift ist die Gerechtigkeit
Gottes und darin gefaßt auch unsere Gerechtigkeit.
Im Schöpfungsbericht lesen wir 1. Mose 1, 26-27: "Und Gott sprach:
Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da
herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem
Himmel usw. ... Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum
Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und eine
Frau."
Gott, der Herr, hat die Menschen aus der übrigen Kreatur
herausgestellt, hatte sie nicht nur erschaffen, sondern ihnen
seine eigenen Züge gegeben. Vielleicht kann man hier sagen: die
Menschen wurden geschaffen zu Gottes Söhnen, zu Kindern Gottes und
als solche wurde ihnen Anteil am Weltregiment Gottes übertragen.
Und als freie Söhne Gottes bestand der freie Umgang mit Gott so
wie mit einem Vater, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht.
Und dann kam die Tat, hervorgerufen durch den Widersacher Gottes,
durch die listige Schlange, die mit einem Male die Lage von Grund
auf änderte. Der Mensch war nicht mehr mit der Kindschaft Gottes
zufrieden. Er wollte nicht mehr ein Bild Gottes sein, sondern
wollte sich selbst an die Stelle Gottes setzen, er wollte selbst
Gott sein.
Da griff Gott ein und es erfolgte die Austreibung des Menschen aus
dem Paradies, die Zerstörung der Gottesebenbildlichkeit. In dem
Fluch, den Gott über die Schlange, als der Urheberin des
Aufstandes gegen Gott, ausspricht, finden wir aber schon die
wunderbare Verheißung, die Tatsache, daß der Zustand, der einst
war, wieder hergestellt werden soll. Es kommt der Zeitpunkt, da
die Urheberin des Aufstandes gegen Gott zermalmt wird und der Weg
zur Gottesebenbildlichkeit wieder frei wird. Johannes sagt in 1.
Johannes 3, 2 : "Wir wissen aber, wenn er erscheinen wird, daß
wir ihm gleich sein werden."
Immer wieder ist es Gott, der sich, trotz des Sündenfalls, der
Auflehnung gegen ihn, sich zum Menschen herniederneigt und sich
seiner annimmt. Davon zeugen schon die ersten Kapitel nach dem
Fall. Und trotz dieses Erbarmens über uns bleibt Gottes
Gerechtigkeit, Gottes Heiligkeit bestehen. Gott richtet
gewissermaßen zwischen sich und dem Menschen eine Mauer auf, eine
Mauer, die uns sagen will: Hier hast du, Menschenkind, nichts zu
suchen! Hier ist mein Machtbereich, hier scheiden wir uns ein für
alle Male.
Diese Mauer zeigt uns Gott im Gesetz. Gott sagt dem Menschen: Ich
bin, der ich bin und der ich sein werde, der ewig Gleichbleibende.
Gott bleibt in seiner Gerechtigkeit fest umrissen und bestehen.
Wenn Gott nun seine Existenz stark umrissen hat, so hat er seinen
Anspruch auf den Menschen doch nicht aufgegeben. Er will, muß und
wird auch bei den Menschen zu seinem Recht kommen. So, wie er in
sich Wahrheit, Gerechtigkeit und Leben ist, so will er auch
außerhalb seiner Selbst, in uns werden. Er zeigt uns in seinem
Gesetz seine eigene Gerechtigkeit und diese seine eigene
Gerechtigkeit fordert von uns, daß wir sein Gesetz erfüllen. Aber
gerade in dieser seiner Forderung wird es deutlich, wie weit wir
von der einstmals besessenen Gottesebenbildlichkeit entfernt sind.
Wir sehen die unüberbrückbare Mauer, die uns von Gott nach unserer
Rebellion trennt. Unser auch noch so krampfhaftes und intensives
Bemühen, das Gesetz zu erfüllen, wird immer scheitern müssen, weil
wir durch den Sündenfall uns selber außerhalb der Gerechtigkeit
Gottes begaben und dadurch die Gottesebenbildlichkeit verloren
haben.
Gottes Gerechtigkeit, die in seinem Gesetz offenbart wird, hält
für alle Zeiten fest, daß wir Rebellen gegen Gott sind.
Wir stehen also vor dem Gesetz als Verurteilte, als Ausgestoßene,
als Todeskandidaten. Und dennoch, Gott hat nicht Freude an dem
Tode des Sünders, sondern er will, daß er sich bekehre und lebe.
Darum sandte er seinen Sohn auf diese Erde. In seiner großen Güte
und Barmherzigkeit hatte er gleichzeitig mit dem Aufstellen seines
Gesetzes schon seinen Heilsplan mit uns bereit.
Römer 8,32
"Welcher seines eigenen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat
ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht
alles schenken?"
Da der Mensch vor dem Gesetz als ein Verurteilter steht,
verschonte Gott nicht seinen Sohn, um dieser seiner Gerechtigkeit
genüge zu leisten. Die Strafe liegt auf ihm, die Strafe, die wir
erleiden müßten. Wir sollen Frieden haben. Indem nun Gott seinen
eigenen Sohn sandte, der Einzige, der das Gesetz erfüllen und der
Gerechtigkeit Gottes genügen konnte, machte er das Tor zum
Paradies, zu seiner Gerechtigkeit, wieder auf. Wie singen wir in
einem Weihnachtslied?:
";Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis,
der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis."
Gott brachte seine große Liebe und Barmherzigkeit darin zum
Ausdruck, daß er seinen eigenen Sohn Jesus Christus, der nicht in
der Auflehnung gegen Gott stand, sondern in der Gerechtigkeit
Gottes, außerhalb dieser Gerechtigkeit in die
verurteilungswürdige Welt hineinstellte und ihn unseren Weg, den
Weg der Verurteilung gehen ließ. Und Jesus Christus war dem Vater
gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz.
Nun ist der Weg zu Gott, zu seiner Gerechtigkeit wieder frei.
Christus ist für uns eingetreten. Vor der Gerechtigkeit Gottes ist
nicht mehr von uns die Rede, von uns, die wir verurteilt werden
sollten, sondern von Jesus Christus, der die Verurteilung für uns
erlitten hat. Die Menschen, die an dieses Werk des Sohnes Gottes
glauben, sind mit Jesus Christus durch die Pforte des Paradieses
wieder in die Gerechtigkeit Gottes eingegangen, ihre
Gottesebenbildlichkeit ist wieder hergestellt.
Wenn nun von unserer Gerechtigkeit die Rede ist, dann nur
insoweit, wie wir hinter Christus stehen. Dafür, daß wir diese
Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, für uns in Anspruch nehmen, ist
es erforderlich, daß wir an Jesus Christus glauben; daß wir
glauben, daß er den Weg für uns gegangen ist.
Wenn von einer Forderung des Evangeliums die Rede sein kann, dann
ist es nur die des Glaubens. Das Evangelium tritt an uns heran mit
der Aufforderung zum Glauben. Der Glaube ist die Bejahung des
Menschen auf die Botschaft des Evangeliums.
Zu dieser grundlegenden Haltung zum Gesetz und Evangelium können
wir nur kommen, wenn wir vom Evangelium ausgehen. Der Mensch, der
das Gesetz allein für sich als maßgebend ansieht, kennt
selbstverständlich nicht die Freiheit des Evangeliums. Er wird
immer eifriger danach streben, das Gesetz zu erfüllen suchen und
dadurch in immer größere Verstrickungen Gott gegenüber gelangen.
Das Gesetz wird seinen Tod hervorrufen.
Haben wir aber die Freiheit des Evangeliums, dann brauchen wir
nicht mehr vom tötenden Gesetz zu sprechen, dann sind wir in der
Lage, vom Gesetz sogar als vom Zuchtmeister auf Christus zu
bekennen.
Unsere Reformatoren stellten eindeutig fest, daß die Bibel,
Gottes Wort Alten und Neuen Testamentes, Gesetz und Evangelium
zugleich ist. Dabei ist es aber falsch, anzunehmen, daß wir im
Alten Testament ausschließlich das Gesetz und im Neuen Testamt
ausschließlich das Evangelium vor uns haben. So, wie sich das
Gesetz im Alten und Neuen Testament befindet und dort seine
Aufgabe zu erfüllen hat, so ist auch das Evangelium, die frohe
Botschaft von Jesus Christus, im Alten Testament sowohl als auch
im Neuen Testament, die königliche Botschaft Gottes an uns.
Man kann es vielleicht so andeuten:
Wo verkündigt wird, daß der Mensch, um vor Gott bestehen zu
können, um vor Gott gerecht zu sein, Christus nötig hat, da treibt
man das Gesetz und wo Christus verkündigt wird als der
Gegenwärtige, der sich zu uns herniederbeugt und von uns Besitz
ergreift, da ist Evangelium.
Vom Evangelium her ist für den Glaubenden die tödliche Spitze des
Gesetzes genommen.
In den vorhergehenden Ausführungen haben wir versucht, vom
Gesamtverständnis der Schrift aus die Frage nach Gesetz und
Evangelium, Glaube und Werk, zu beleuchten. Wir stellten fest,
daß das Werk die Antwort des Menschen auf die Aufforderung des
Gesetzes und der Glaube die Antwort des Menschen auf die
Verheißung ist.
Nun haben wir zu beleuchten, wie im Besonderen Paulus und Jakobus
die Frage nach Glaube und Werk beantworten. Stellen wir die Briefe
des Paulus dem Briefe des Jakobus gegenüber, so können wir
tatsächlich einen ganz beachtlichen Gegensatz feststellen. Wir
wollen eine Gegenüberstellung einmal vornehmen, um zu sehen, wie
stark dieser Widerspruch bei den beiden Männern der Heiligen
Schrift ist.
Das, was Paulus mit ungeheurer Wucht immer wieder betont, finden
wir in Römer 3, 28:
"So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des
Gesetzes Werke, allein durch den Glauben."
Es ist das Wort, das unserem Reformator Luther Hilfe und Wegweiser
für seinen eigenen Weg und auch für den Weg so vieler anderer
Menschen wurde. Es ist das Wort, daß in der Reformation die frohe
Botschaft von Jesus Christus ganz neu auf den Leuchter kam. Dieser
Grundgedanke aus Römer 3, 28 zieht sich im Römerbrief durch seine
ganzen Ausführungen über die Auseinandersetzung in der Bedeutung
der Beschneidung, bei seinen Ausführungen über Israels
Werkgerechtigkeit und über die Glaubensgerechtigkeit. In Römer
9,30 - 10, 11 finden wir ebenfalls diesen Grundgedanken, um den es
Paulus immer geht. Vor Gott gerecht, allein durch den Glauben.
Galater 2, 16 und im 3. Kapitel dieses Briefes spricht Paulus
diese Tatsache ebenfalls aus.
Nehmen wir nun dagegen den Jakobusbrief, erkennen wir als die
große Linie dieses Briefes
Jakobus 2,17:
"Aber auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er tot an ihm
selber."
Der Gegensatz wird besonders stark, wenn wir die Auslegung des
Paulus in Römer 4 und die Auslegung des Jakobus in Jakobus 2 des
alttestamentlichen Schriftwortes gegenüberstellen: 1. Mose 15,6:
"Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit
gerechnet."
Paulus betont hier wiederum ganz bewußt Römer 4,5: "Dem aber, der
nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen
gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit."
Und wie sagt Jakobus 2, 14-16? Der Vers 24 stellt sogar fest: "So
sehet ihr nun, daß der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht
durch den Glauben allein."
Es sieht also tatsächlich so aus, als bestände zwischen Paulus und
Jakobus eine unüberbrückbare Kluft. Auch das wissen wir, bezeugt
durch verschiedene Stellen der Schrift, daß zwischen dem Apostel
Paulus als dem Apostel für die Heiden und den Aposteln zu
Jerusalem oftmals Spannungen bestanden haben. Und zwar ging es
immer um das Werk als Forderung des Gesetzes. Wie wir in
Apostelgeschichte 15 lesen, wurde darüber eine Apostelversammlung
einberufen. In Galater 2, 11-21 berichtet uns Paulus, wie er in
Antiochien scharf gegen Petrus hat Stellung nehmen müssen. Auch
hierbei stand im Mittelpunkt die Frage nach der Erfüllung des
Gesetzes. Und soll nicht sogar die Ermahnung in Jakobus 3, 1-12
in besonderer Weise an den Apostel Paulus gerichtet sein:
"......aber die Zunge kann kein Mensch zähmen, das unruhige Übel,
voll tödlichen Giftes. Durch sie loben wir Gott, den Vater und
durch sie fluchen wir den Menschen, die nach dem Bilde Gottes
gemacht sind. Aus einem Munde Gott loben und fluchen. Es soll
nicht, liebe Brüder, also sein...." Dies war sicherlich gedacht
als Antwort auf das Wort des Paulus in Galater 1, 6-11:
".....aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde
Evangelium predigen anders denn wir euch gepredigt haben, der sei
verflucht. ......"
Jedenfalls sieht es so aus.
Wir haben nun zu untersuchen, ob im Grunde genommen nicht doch
beide, Paulus sowohl als Jakobus, dasselbe wollen und daß
vielleicht nur in der Hitze der Auseinandersetzung die Begriffe
etwas unklar geworden sind.
Das Anliegen des Paulus werden wir nun einer näheren Betrachtung
unterziehen.
Wie war die Situation, in die hinein Paulus seine Ausführungen
schreibt? Zum größten Teil, fast ausschließlich, bestand die
christliche Gemeinde aus Juden, die an Jesus Christus als an ihren
verheißenen Messias glaubten. Heidenchristen gab es noch nicht,
wohl wurde Petrus schon auf die Bedeutung Christi im Heidentum
Apostelgeschichte 11,1-19 hingewiesen. Er mußte dabei erleben,
daß auch er gerade deswegen angegriffen wurde.
Es war wohl so, daß die judenchristlichen Gemeinden glaubten,
daß der Glaube an Jesus Christus eine ausschließlich jüdische
Angelegenheit sei. Und erst nach und nach haben sie durch die
Wirkungen des Heiligen Geistes erfahren müssen, daß Jesus
Christus der Heiland der ganzen Welt sei. Und so, wie sie zunächst
glaubten, daß Jesus Christus allein für das jüdische Volk
gelitten hat und in den Tod gegangen ist, so hielten sie auch das
Gesetz Mose und achteten darauf, daß jedes Glied der Gemeinde
Christi genau nach dem Gesetz lebte. Selbst Paulus hat sich ja
einem rein jüdischen Gelübde unterzogen oder unterziehen müssen.
-Apostelgeschichte 21, 15-26 - Rein äußerlich war das alles
möglich, solange die Gläubigen aus den Juden kamen. Mit dem
Fortschreiten aber der Missionstätigkeit des Apostels Paulus wurde
eine Auseinandersetzung unvermeidlich.
Die Heiden standen vor der großen Frage, ob sie, bevor sie
Christen werden wollten, noch zum Judentum übertreten müssen.
Paulus selbst aber sah in den judenchristlichen Gemeinden die
große Gefahr, daß das in der Freiheit in Christus begonnene
Leben nur zu oft in eine jüdische Gesetzesreligion zurückfiel. Um
erstens eine Gesundung des christlichen Lebens, oder besser
gesagt, um den rechten Glauben vom jüdischen Beiwerk zu reinigen
und zweitens, um die Heidenmission vor den Gefahren der
judenchristlichen Gemeinden zu bewahren, sah Paulus sich
genötigt, ganz entschieden festzulegen, was christliche Freiheit
und was jüdische Gesetzlichkeit sei. Und damit wächst auch der
Kampf der Kreise, die sich davon getroffen fühlten. Eine ganze
Reihe von Schriftworten finden wir von diesem persönlichen Kampf
gegen Paulus und damit vom Kampf gegen die christliche Freiheit,
die Paulus verkündigte: APOSTELGESCHICHTE 15,1-2; 15,5; 21,20-21;
Galater 1,6-7, Galater 2,4-5.
Paulus, der nie auf persönliche Angriffe etwas gegeben hat, wird
aber von einem unerbittlichen Ernst erfüllt, wenn es um die
Wahrheit und die Freiheit des Evangeliums geht. Und so machte er
sich daran, ein für alle Male die Wahrheit in dieser so
entscheidenden Angelegenheit festzulegen; davon zeugen ganz
besonders der Römer- und der Galaterbrief.
Dem krampfhaften Bemühen, das Gesetz zu erfüllen und dann erst vor
Gott zu treten, stellt Paulus die Tatsache entgegen, daß Jesus
Christus mit seinem für uns geleisteten Werk schon vor Gott
getreten ist und für uns den Freispruch erkauft hat.
Nun heißt es in Römer 4,5:
"Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der
die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur
Gerechtigkeit."
Nicht das Werk als Antwort auf die Forderung des Gesetzes bewirkt
die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, sondern der Glaube an den
einen Erfüller des Gesetzes, an Jesus Christus.
Der Glaube an Jesus Christus allein ist der Schlüssel, der die
Pforte des Paradieses, das Tor zur Gerechtigkeit Gottes für uns
Menschen wieder öffnet. So stellt Paulus als Mittelpunkt jeglichen
christlichen Glaubens die eine mögliche konzentrierte Mitte, Jesus
Christus, wieder auf den Leuchter, nachdem noch nicht zur vollen
Freiheit durchgedrungene Juden neben Christus jüdische
Gesetzlichkeit aufnehmen wollten, bzw. schon aufgerichtet hatten.
Paulus ging es immer um die eine wichtige Tatsache, um die
Verkündigung des Herrn und Heilandes Jesus Christus. "Darum halten
wir dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke,
allein durch den Glauben."
Und wie steht es mit der Botschaft des Jakobus?
Wie wir schon erwähnten, steht als die Mitte des Briefes das Wort
Jakobus 2, 17.
Vergleichen wir nun einmal dieses Anliegen des Jakobus mit dem,
was der Apostel Paulus als die Freiheit christlichen Glaubens
herausstellte, dann sieht es natürlich aus, als wenn der größte
Widerspruch zwischen Paulus und Jakobus bestände. Dieser
Widerspruch wird noch größer, wenn wir Jakobus 2, 24 lesen.
Verhält sich dieses Wort zu dem Wort des Paulus im Römerbrief 3,28
nicht wie Feuer und Wasser, die in sich immer die größte
Feindschaft trägt?
Wir versuchen nun wieder, genauso wie bei Paulus, die Situation zu
verstehen, in der Jakobus diese Worte schickt. Nachdem Paulus den
Kampf gegen die jüdische Gesetzlichkeit aufgenommen hatte und in
bestimmter Form die Freiheit christlichen Glaubens darstellte,
mußte es viele gegeben haben, die den Apostel mißverstanden. -2.
Petrus 3, 15-16- Paulus, der den Blick fortlenkte von unserem Tun
zur Erlangung der Gerechtigkeit, hin auf das Werk des Sohnes
Gottes, wird so verstanden, als wäre christlicher Glaube, den er
verkündigte, etwas das ins Metaphysische hineinragt und nicht auch
das irdische Leben, den ganzen Menschen unter seinen Einfluß
stellen will. Und wir können uns vorstellen, daß diese Haltung
einen gefährlichen Einfluß auf das christliche Leben genommen
hat. Das muß auch so gewesen sein, da Jakobus auf diese
schädigenden Einflüsse, die durch die Haltung hervorgerufen wurde,
einging. Er geht auf das ein, was nottut: in 1,27 die Waisen und
Witwen in ihrer Trübsal besuchen, in 2,1-16 die Regelung des
Verhältnisses zum Armen, zum Geringen, in 4,1-3 Friedfertigkeit
gegenüber dem Nächsten, in 4,11 das Afterreden dem Nächsten
gegenüber. Es geht dem Jakobus in seinem Brief um das Verhältnis
des Christen zum Nächsten. Man könnte den Grundton des
Jakobusbriefes auch so angeben:
DER CHRIST UND DER BRUDER.
Es geht dem Jakobus nicht darum, in der christlichen Gemeinde
wieder die jüdische Gesetzlichkeit aufzurichten, indem er das Werk
als Antwort auf das Gesetz fordert, sondern:
1. Er wendet sich gegen die, die Paulus, wie schon angedeutet,
falsch verstehen, gegen den metaphysischen Paulus, der gar nicht
existiert.
2. Es geht ihm um die äußere Haltung des an Christus gläubigen
Menschen.
3.Bei dieser äußeren Haltung geht es ihm besonders um die Haltung
des Christen zum Nächsten, zum Bruder.
Wenn Jakobus nun das Werk in den Mittelpunkt stellt, dann ist
unter Werk nicht zu verstehen die Antwort des Menschen auf die
Aufforderung des Gesetzes. Das wäre ja ein Rückfall in die
jüdische Gesetzlichkeit. Jakobus versteht unter Werk die
äußerlich sichtbare Seite des Glaubens. Schlatter sagt zu dem
Gebrauch des Wörtleins "mónon" in 2,24, daß Jakobus dieses
Wörtlein gebraucht habe, weil er sich einen vom Handeln isolierten
Glauben nicht vorzustellen vermochte. Der Mensch, der von der
Barmherzigkeit Christi erfaßt wurde, kann gar nichts anderes, er
wird auch an seinem Nächsten Barmherzigkeit üben. Der Mensch, der
durch Christus seine ursprüngliche Freiheit zurückerhielt, wird
auch seinem Nächsten die Freiheit schenken. Tut er das nicht, dann
wird er nicht verdammt, weil er diese Werke nicht nachzuweisen
vermag, sondern weil sein Glaube nicht echt ist, der diese Liebe
zum Nächsten nicht hervorbringt. Aber auch die Liebe zum Nächsten
ist nicht unser Werk, sondern allein das Werk Christi. Die Liebe
zum Nächsten wird erst durch die Annahme als christliche Liebe
durch unseren Herrn und Heiland zu dieser Liebe.
So, wie Jakobus das Verhältnis zum Bruder in das Licht des
Glaubens rückt, so ist es bei Paulus das Verhältnis zu Gott. Aber
bei den beiden, Paulus und Jakobus, ist kein Gegeneinander zu
sehen, sondern ein Ineinander. Erst beides, Christus im Verhältnis
des Menschen zu Gott und Christus im Verhältnis des Christen zum
Nächsten als die einzige Mitte, machen den wahren Glauben aus.
Wir sehen, daß beides sich in geradezu wunderbarer Art und Weise
ergänzen. Und wir können auch feststellen, daß in dem Anliegen
des Jakobus die Gerechtigkeit aus Glauben als selbstverständlich
vorausgesetzt wird.
Und Paulus sieht es als selbstverständlich an, daß der
Gerechtigkeit durch den Glauben die Liebe zum Nächsten folgen
wird. Davon zeugen seine sämtlichen Briefe. Besonders können wir
diese Tatsache in dem Briefe des Paulus an Philemon erkennen.
Dieser Brief ist, vielleicht kann hier dieser Ausdruck gebraucht
werden, die praktische Seite des Paulus, wie Jakobus sie aufzeigt:
Der Christ und der Bruder.
Paulus tritt mit seiner ganzen Person für den fortgelaufenen
Sklaven ein: Philemon 17 y 18:
"So du nun mich hältst für deinen Bruder, so wollest du ihn als
mich selbst annehmen. So er dir aber etwas Schaden getan hat oder
schuldig ist, das rechne mir zu. Ich, Paulus, habe es geschrieben
mit meiner Hand, ich will's bezahlen."
Bedarf es noch dieses Beweises, daß kein Gegensatz besteht
zwischen Paulus und Jakobus?
In der Auseinandersetzung zwischen Paulus und Jakobus, die mit
größter Heftigkeit geführt und durch manche Mißverständnisse
getrübt wurde, ist doch das göttliche Wort, die frohe Botschaft
von Jesus Christus deutlich zu erkennen. In Jesus Christus mündet
der Weg des Paulus und der Weg des Jakobus. Ja, es ist derselbe
Weg, wenn es auch manchmal nicht so aussieht. Am Schluß der
Ausführungen soll ein Wort aus dem Aufsatz "Glaubensgerechtigkeit
nach Luthers Lehre" von H. J. Iwand stehen, das noch gewisse Fragen
aufwirft:
"Sind die guten Werke nicht das Echtsheitszeichen des Glaubens?"
Liegt nicht vielleicht doch ein gewisses Recht in der von Luther
so bekämpften These, daß die Liebe und die Werke der Liebe zum
Glauben hinzukommen müssen, damit der Glaube den Menschen vor Gott
angenehm macht? Also Rechtfertigung gewiß aus dem Glauben, aber
nicht aus dem Glauben allein? Müssen wir das nicht einmal als
Frage von der anderen Seite hören? Denn die katholische Kirche
hält ja bis heute daran fest, daß nur der Glaube den Menschen
gerecht macht, der durch die Liebe wirksam ist, der sich also in
Werken der Liebe als echt und lebendig erweist. Würde damit nicht
ganz von selbst der rechte Sinn des Gesetzes und der guten Werke
gegeben sein, ohne daß wir befürchten müßten, wieder in den
falschen Verdienstgedanken zu geraten. Denn auch die guten Werke,
die wir im Glauben tun, sind ja Gabe und Gnade von Gott.

Theologische Arbeit, erarbeitet von Karl Schwittay, in der Zeit
von 1943/44 als Soldat
in Rußland.